Internationale Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft Adyar seit 1980
Gedankenfreiheit ist die Grundlage für die Arbeit der Theosophischen Gesellschaft. Für Suchende, die das Mysterium des Lebens verstehen möchten, bietet die Gesellschaft eine Fülle an Literatur; darin werden aber niemandem Glaubensbekenntnisse oder Gedankensysteme aufgedrängt. Die Gesellschaft steht durchaus zu ihrem Leitsatz „Keine Religion ist höher als die Wahrheit", um zu betonen, was ein wichtiger offizieller Beschluß der Theosophischen Gesellschaft aussagt: „Es gibt keine Lehre und keine Meinung, von wem auch immer sie gelehrt oder behauptet werden, die in irgendeiner Weise für ein Mitglied bindend sein könnte; jedes Mitglied ist frei in seiner Entscheidung, etwas anzunehmen oder abzulehnen."
Es ist möglich, daß der weitreichende Einfluß, den die Gesellschaft auf die Gemüter von Männern, Frauen und sogar Kindern in aller Welt mit deren verschiedensten kulturellen, religiösen und intellektuellen Hintergründen ausüben konnte, in nicht geringem Maße auf der Tatsache beruht, daß jeder das Gefühl haben konnte, in einer Atmosphäre der Freiheit innerhalb der Theosophischen Gesellschaft zu arbeiten, zu suchen und zu leben.
Mißverstandene Freiheit, die zu egoistischem Handeln verleitet, in grober Nichtachtung, welchen Einfluß die eigene Lebensweise auf andere ausübt, ist zersetzend sowohl für den Einzelmenschen als auch für die Gesellschaft. Recht verstandene Freiheit ist ein Kompaß, der zur Wahrheit leitet, sie ergänzt den Menschen durch die Vermittlung einer sicheren Ausrichtung. Die Wahrheit führt alle ihre Verehrer in eine subtile Gleichartigkeit. Die Verbundenheit in der Vereinigung, die alle diejenigen zusammenführt, die die reine Luft der Freiheit atmen, wenn sie den Pfad zur Wahrheit erklimmen, ist und sollte immer die befestigende Kraft der Theosophischen Gesellschaft sein. Freiheit auf dem Pfad, der zur Wahrheit führt, ist mit Brüderlichkeit verbunden; beide sind Prinzipien, die in der Wirkungsweise der Theosophischen Gesellschaft aufrechterhalten werden müssen. Brüderlichkeit und Freiheit sind wie zwei Säulen, die wesentlich für die Stütze und Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Gefüge der Gesellschaft sind. Die eine ohne die andere würde das Gebäude zum Einsturz bringen.
Religion zerfällt ohne Brüderlichkeit
Die religiöse und soziale Geschichtsschreibung bietet wiederholt Beweise für die Unausgeglichenheit, die immer entsteht, wenn eine Trennung zwischen menschlichen Beziehungen einerseits und menschlichem Streben nach höheren Dimensionen der Wahrnehmung andererseits verursacht wird, das heißt zwischen der Brüderlichkeit im Zusammenleben und dem Wunsch nach Verwirklichung der Wahrheit. Die Abwertung der religiösen Lehren entstand gewöhnlich, weil der Pfad zur Wahrheit (oder zu Gott) durch Glaubensanschauungen blockiert wurde, anstatt durch die Kraft der Freiheit von Hindernissen befreit zu werden; ein weiterer Grund besteht darin, daß Gott als der Vater betont wurde und die Bruderschaft der Menschen unbeachtet blieb. Die schrecklichen Grausamkeiten, die in aller Welt im Namen der Religion verübt wurden — Verfolgungen, Inquisitionen, Kreuzzüge, körperliche Züchtigungen, Verachtung der Frauen, Behandlung der Ausgestoßenen etc. — würden unmöglich gewesen sein, wenn Brüderlichkeit und verständnisvolles Handeln als untrennbar vom Begreifen Gottes oder der Wahrheit erkannt worden wären. Bis zum heutigen Tag gibt es noch immer die unheilvolle Meinung, daß das Göttliche erkannt werden könne ohne Liebe zum Nächsten und zu anderen Lebensformen. Die herkömmliche Religion wurde daher oft mit übler Handlungsweise verbunden; sie wurde zum Instrument für die Absonderung der Menschen und verursacht nie endende Konflikte und Leiden.
Soziale Ideologie ohne Religion entartet
Ein entsprechend unfruchtbares Gegenstück hierzu liegt in der Einseitigkeit der Ideologien, die sich ausschließlich damit befassen, die Solidarität des Menschen durchzusetzen, aber jede göttliche Quelle als Nährboden der hohen Werte, die das menschliche Herz ganz natürlich verehrt, verneinen. Materialistische Systeme, wie z. B. der Kommunismus, haben zumindest theoretisch eine menschliche Gesellschaft erstrebt, worin jeder arbeiten und alle alles teilen sollen als Brüder. Seither ist genügend Zeit vergangen, um darzulegen, daß die Verpflichtung, aus dem rein materialistischen Standpunkt eine gerechte menschliche Gesellschaft hervorzubringen, eine grobe, wenn nicht noch gröbere Gewaltanwendung an Körper und Geist des Menschen verursachte als die religiösen Ideologien. Die Würde des menschlichen Bewußtseins wurde erbarmungslos mißhandelt von denen, die behaupten, für weltweite Kameradschaft zu arbeiten. Das Beste im Menschen, die Kraft seines Bewußtseins, in der Tiefe zu erfahren, was geistig und edel ist, wurde systematisch unterdrückt. Bloße soziologisch-wirtschaftliche Reformen und Modelle können offensichtlich keinen Rahmen bieten für das Hineinwachsen des Menschen in die Fülle seines eigenen Formats als eine moralische, intellektuelle und spirituelle Ganzheit.
Brüderlichkeit, Wahrheit und Freiheit
Allein die Wertschätzung des ganzen Menschen kann einen neuen Weg in eine Zukunft öffnen, die in ihrem Gefolge nicht die Art der grausigen Irrtümer bringt, die ein Schandfleck der Vergangenheit waren. Ein umfassender Ausblick auf die Taten des Menschen und auf seine Geschichte zeigt uns die Gültigkeit der grundlegenden Prinzipien und Verhaltensweisen, die in der Theosophischen Gesellschaft hochgehalten werden. Brüderlichkeit in den Beziehungen, Hingabe an die Wahrheit — und nichts Geringeres als die Wahrheit — und die Freiheit, für sich selbst die Wahrheit herauszufinden, diese drei sind grundlegend zum Wachsen.
Jedes der drei Wörter — Brüderlichkeit, Wahrheit, Freiheit — enthält eine Fülle an Bedeutungen. Die selbstverständlichen Folgerungen daraus müssen beharrlich erforscht werden. Nicht eines ohne die anderen genügt, um die Arbeit der Theosophischen Gesellschaft kraftvoll zu stärken. Brüderlichkeit als alleiniger Begriff kann in schwächliche Sentimentalität ausarten. Freiheit, die nicht durch die Schranken der Brüderlichkeit gemäßigt wird, wurzelt in Eigensucht und bereitet den Boden für Konflikte. Wahrheit wird nicht durch bloßen Glauben gewonnen, sondern durch die Genauigkeit einer freien Forschung und der Strenge eines nicht abgesonderten Lebens.
Die Zukunft der Theosophischen Gesellschaft wird gesichert sein, wenn in ihr ein solcher Geist herrscht, daß er die Prinzipien der Bruderschaft und der Freiheit zusammenfügt und aus dem ernsthaften Umgang mit der Wahrheit Würde verkörpert.
Der geistige Gewinn eines Menschen hängt von seiner inneren Verfassung und seinen Gedanken ab. Er geht von seinem Herzen aus und nicht von äußeren Handlungen. Ramakrishna
In dieser Zeit intensiver Denktätigkeit, die man als ein Zeitalter von wachsendem Materialismus und abnehmender Spiritualität bezeichnet hat, gibt es zum Glück in allen Lebensbereichen einige nachdenkliche Menschen, denen bewußt wird, daß diese überwältigende Denktätigkeit die Ursache endloser Probleme ist, an denen die ganze Welt leidet. Sie erkennen, daß etwas grundlegend Falsches an einer Denkart ist, die zu gewaltigen Erfolgen auf der materiellen Ebene führt und gleichzeitig zu einem entsprechend ernsthaften Rückgang an Werten und einer Abnahme moralischen Verantwortungssinnes. Dieses Thema sollte von allen Menschen, die sich darum sorgen, eingehend untersucht werden, denn die möglichen Folgen dieser Lage müssen tief in uns bewußt werden, wenn eine vollständige Umwandlung stattfinden soll.
Die uralte Weisheit der Stimme der Stille lehrt uns : „Lerne vor allem, Kopfgelehrsamkeit und Seelenweisheit, die ,Lehre des Auges' und die ,Lehre des Herzens' zu unterscheiden ... Das Dharma des ,Auges` ist die Verkörperung des Äußeren und des Nichtseienden. Das Dharma des ,Herzens` ist die Verkörperung von Bodhi (wahrer, göttlicher Weisheit), dem Beständigen und Immerwährenden." Diese Gedanken finden einen Widerhall im Buch eines modernen Wissenschaftlers: Die Musik des Verstandes. Der Autor, Darryl Reanney, bemerkt zutreffend, daß die Soziologie unserer Zeit der deduktiven Beweisführung einen fast göttlichen Status einräumt und daß der grundlegende Fehler alles modernen Wissens in dessen Abhängigkeit von der Logik besteht. Er bezieht sich auf die ,dunkle Seite` der wissenschaftlichen Kultur : „In ihrer unbarmherzigen Jagd nach Objektivität wandte sie sich an den Verstand und nicht an das Herz; indem sie der Logik den obersten Platz einräumte, verwies sie das Gefühl in die Kategorie einer Ablenkung vom Wesentlichen. So entstand diese unnatür-liche ,Spaltung` in der westlichen Psyche, die die grundlegende Ursache unserer Pathologie gewesen ist."
Der gegenwärtige pathologische Zustand der Menschheit weist viele Symptome auf : die fieberhafte Jagd nach Profit, Vergnügen und Macht; das herzlose Gemetzel und die Grausamkeit der Kriege und zivilen Konflikte; das Trauma von Millionen Kindern, die ausgebeutet und vernachlässigt werden; das stumme Elend noch zahlreicherer Millionen Tiere und viele andere Erscheinungen. Aber am schlimmsten ist der Glaube, daß, um das Wissen auszudehnen und einem Teil der menschlichen Bevölkerung mehr Komfort zu beschaffen, jedes Mittel gerechtfertigt ist — ob dieses richtig oder falsch ist, steht nicht zur Diskussion. Mit anderen Worten: das erschrekkendste Symptom unserer Zeit ist die gänzlich fehlende Berücksichtigung der Güte.
Es ist in gewissen Kreisen Mode geworden, von einem neuen Zeitalter zu sprechen. Dieses Gerede scheint eher aus einem Wunsch zu entstehen, der beängstigenden und mißlichen gegenwärtigen Lage zu entfliehen, als aus der Erkenntnis, daß ein vom Herzen getrennter Verstand ein verstümmeltes und verstümmelndes Werkzeug ist. Um das Heil oder ein neues Zeitalter herbeizuführen, ist es nötig zu entdecken, was jeden Versuch sabotiert, die menschliche Gesellschaft zu verbessern und eine bessere Weltordnung einzuführen. Es muß auf geistigem Gebiet Pioniere geben, die — wie Sherlock Holmes — mit ihrer scharfen und objektiven Beobachtungsgabe die Hinweise aufspüren, welche in die richtige Richtung führen, und die schließlich den Schuldigen fangen, der ständig die Entstehung einer neuen Ära und einer neuen Zivilisation untergräbt. Der Schuldige ist die Klugheit des herzlosen Verstandes; es wird kein neues Zeitalter geben, bis Güte die intellektuelle Geschicklichkeit entthront.
Das Neue kann nur im Bereich des Bewußtseins entstehen und wird nicht einfach durch eine Verkettung von Himmelskörpern zustande kommen. Einige gescheite Leute stellen eine Zukunft in Aussicht, in welcher die von ihnen erzeugten Roboter unsere eigenen Gehirne überflüssig machen werden und die ursprünglichen Naturprodukte dank genetisch manipulierter Geschöpfe (werden es Ungeheuer sein?) überholt sein werden. Bis jetzt hat aber die Technologie die Welt nicht vor Schrecken und Elend gerettet, und es besteht aller Grund anzunehmen, daß die Bedingungen sich nur verschlimmern werden, wenn die Narziß-ähnliche Faszination der Menschheit mit den eigenen mentalen Leistungen weiter andauert.
In seinen Autobiographischen Notizen schrieb Einstein: „Dort draußen lag diese riesige Welt, die unabhängig von uns Menschen existiert und vor uns wie ein großes, ewiges Rätsel steht, das unserem Forschen und Denken wenigstens teilweise zugänglich ist. Die Betrachtung dieser Welt winkte wie eine Befreiung, und ich bemerkte bald, daß mancher, den ich zu schätzen und zu bewundern gelernt hatte, innere Freiheit und Sicherheit in einer hingebungsvollen Beschäftigung mit dieser Welt fand !" Vor jedem Menschen steht das Universum wie vor Einstein in all seiner Herrlichkeit. Es zeigt uns die unergründlichen Geheimnisse von Bereichen innerhalb anderer Bereiche, Bedeutungen innerhalb von Bedeutungen, und bietet all jenen Befreiung, die ernsthaft über das Rätsel nachdenken, und die mit Herz und Verstand seine sich ewig wandelnden Aspekte und seine endlosen Verflechtungen betrachten. Im erwähnten Buch erklärt der Autor äußerst zutreffend: „Das Universum wird am besten verstanden, wenn man es nicht als eine Maschine oder einen Prozeß ansieht, sondern als ein Kunstwerk in Entwicklung."
Die Schönheit eines Liedes, einer Skulptur, eines Sonnenuntergangs kann nicht durch Denken eingefangen werden. Man kann Analysen vornehmen, Vergleiche ziehen und wissenschaftliche Tatsachen erklären. Aber unter dem Hammer der Beweisführung und dem Dreschflegel des Denkens wird der Sinn für Schönheit und Bedeutung zerschmettert und geht verloren. Das Universum umgibt uns in der Tat wie ein Rätsel. Aber das Rätsel kann nicht durch logische Denkkraft und den Vorgang der Beweisführung gelöst werden. Das Rätsel des Universums ist ein Koan, eine Herausforderung, die trockene mentale Reaktion und Antwort zugunsten dessen aufzugeben, was Krishnamurti ,den Verstand im Herzen' nannte. Er sagte: „Beim Untersuchen und Nachforschen ... braucht man jene Eigenschaft eines Verstandes im Herzen, eines Verstandes, der nicht romantisch, idealistisch und phantasiereich ist, sondern mit Tatsachen eng verbunden und gleichzeitig durch Liebe gemildert ist." Das wird, wie er sagt, zu einem Sinn für das führen, was heilig ist.
Die Theosophie enthüllt ein riesiges Panorama der Entwicklung. Durch Äonen hindurch, wie man uns sagt, blüht das Bewußtsein auf, um schließlich einen Zustand vollkommener Harmonie (sat), höchster Weisheit (chit) und göttlicher Ekstase (ananda) zu erreichen. Wenn man überhaupt von Bestandteilen sprechen kann, sind diese — sat, chit und ananda — die Bestandteile des Absoluten, des EINEN hinter der Zweiheit. Dieses Kunstwerk in Entwicklung ist erstaunlich, weil das Material Bewußtsein ist, der Beobachter Bewußtsein ist und das, was erkannt wird — die uneingeschränkte Kraft und grenzenlose Erfindungsgabe des Meisterkünstlers — ebenfalls Bewußtsein ist. Man erwacht nicht zu seiner Schönheit, indem man nur die Gedanken anderer anzapft und deren Worte in Büchern liest, obgleich das dazu beitragen könnte, innere Energien zu beleben und den Verstand von engen Gleisen zu befreien, vorausgesetzt, man sieht die Worte als das, was sie sind — nur Symbole. Schließlich ist es allein das Buch des Lebens, das den menschlichen Verstand lehrt, die Tiefgründigkeit der Existenz zu erforschen und zu entdekken, wenn der Verstand des Lernenden beginnt, im Herzen und vom Herzen aus zu funktionieren. Wie HPB klar darlegte: „Das Buch der Natur genügt an sich schon demjenigen, der weiß, wie man es zu lesen hat. Bücher können uns nur helfen, zu einer Theorie zu gelangen, und mit diesem Zweck sollte man Bücher auf Grund der Verständnisfähigkeit des Lesers auswählen. Das große Geheimnis liegt darin, zu wissen, wie man richtig unterscheiden soll, und wer dieses Geheimnis kennt, kann selbst aus dem unbedeutendsten Buch etwas lernen. Um richtiges Verstehen der Natur des Menschen und seiner Kräfte zu erreichen, würden wir ... eigentlich irgendwelches großes wissenschaftliches, philosophisches, historisches, romantisches oder poetisches Werk empfehlen; aber damit man die Wahrheit erkennt, genügt Lesen nicht; dazu braucht es tiefes Studium und intuitive Kontemplation."
Was ist das Herz? Natürlich nicht das physische Organ. In Sanskrit bedeutet das Wort hrid — oder Herz — den Kern, die Essenz, den teuersten, geheimsten Teil von etwas. In der gleichen ,hochgebildeten` Sprache bezieht sich manas oder das Denkprinzip nicht auf das Denk- und Beweisführungsprinzip allein, sondern ebenfalls auf Verstehen durch das Herz. Laut der Yogatexte kann nur die Verschmelzung von Herz und Verstand zu klarer Wahrnehmung führen, indem sie die Täuschung der Ichheit vertreibt. Die Upanishaden teilen manas nicht ein in Intellekt und Gefühl, Beweisführung und Fühlen, denn diese sind gar nicht getrennt. Sie sprechen nur vom Zustand des Verstandes — ob dieser rein oder unrein ist. „Das Selbst mit seinem Sitz im Herzen", das Dr. Besant sowie Ramana Maharshi erwähnten, bezieht sich auf die tiefste Ebene des Seins, wo es keine Trennung zwischen Herz und Verstand gibt. Einfache Sätze, die uns geläufig sind, weisen auf diese Vereinigung von Herz und Verstand hin. Es heißt von Maria, der Mutter Jesu, daß sie gewisse Worte ,in ihrem Herzen bewegte'. Wir kennen auch solche Ausdrücke wie ,das Herz hat seine eigenen Gründe` und ,das Verstehen im Herzen'.
Der niedere Verstand tut beides : er denkt und er wünscht. Das Denken sagt ,Ich möchte eine gewisse Sache bekommen', und der Wunsch folgt dem Gedanken. Oder der Wunsch entzündet das Denken, so daß dieses das, was unvernünftig ist, vernunftmäßig erklärt. Wünschen und Denken sind eng miteinander verwoben, wie Kette und Schuß. Das, was das Gewebe des Verstandes unrein macht, ist das egoistische Element, die Täsuchung der Getrenntheit, die einen Schatten wirft, der das Licht des Bewußtseins verdunkelt.
Auch im reinen Verstand kann es eine Verschmelzung von logi- schem Denken und Fühlen, von Gedanken und Wünschen geben. Der Wunsch zu dienen oder Weisheit zu finden, kann rein oder unrein sein; es hängt davon ab, ob Eigennutz im Motiv vorhanden ist. Jemand fragte einmal Ramana Maharshi: „Wie kann ich anderen helfen?" Er stellte eine Gegenfrage: „Wer sind die anderen?" Der unreine Verstand, der das ganze Universum als ein Flickwerk von ,anderen` sieht, kann niemandem helfen. Wie T. Subba Row riet: „Nur wenn Selbstleugnung und Selbstvergessen vorhanden sind, ist der Verstand hilfreich, der Wunsch edel, und beide zusammen führen das Gute herbei."
Es gibt überall Leid, nicht nur in dem physischen, geoffenbarten Bereich, sondern auch in dem verborgenen psychologischen Bereich. Innere Kämpfe, Enttäuschungen, die Unfähigkeit, in tiefer Ruhe zu verharren — das alles ist auch Leid. In der Leuchte Asiens wird ein Mensch in Fesseln wie an die Felge eines Rades gebunden dargestellt; wenn sich das Rad dreht, erhebt er sich und fällt dann wieder hinunter; er ist in einem Leben ein Prinz, im anderen ein Bettler. Aber selbst im Laufe einer einzigen Inkarnation dreht sich der, welcher an das Rad gebunden ist: aufwärts in Hoffnung, abwärts in Enttäuschung, er schwebt in Ehrgeiz und wird von Angst niedergedrückt. Das Streben nach Weisheit und nach Befreiung sowie der Wunsch, zum Wohle der Menschheit zu arbeiten — diese können zur unaufhörlichen Bewegung des Rades gehören, wenn man sich selbst hervorhebt : ,Ich möchte von Nutzen sein`, ,Ich leiste gute Arbeit' — das sind Redensarten des unreinen Verstandes. Annie Besant erwähnt in ihrer Einführung zur Lehre des Herzens, daß das gereinigte Herz und nicht der gefüllte Kopf zur Erleuchtung führt.
Der Verstand (im herkömmlichen Sinne) erkennt die Dinge nur durch das Begreifen ihrer Formen. Er bildet die Form innerlich nach, indem er jedes Ding von den anderen durch genaue Bestimmung solcher Eigenschaften wie Farbe oder Größe unterscheidet. Den Bildern wird Dauerhaftigkeit verliehen, wenn ihnen Namen zugefügt werden. Auf diese Art ist der ,niedrigere Verstand zusammengesetzt. Seine Sammlung von Bildern, Wünschen und Eindrücken ist das, war wir das ,Selbst` nennen. Aber das Selbst, das seinen Sitz im Herzen hat, ist jene tiefe Bewußtseinsebene, auf der vollkommene Einheit und Harmonie der Elemente herrschen. Es ist ein Zustand von Wissen — Fühlen ohne Motivation durch das Selbst. In ,The Ending of Time' (Enden der Zeit) deutet Krishnamurti an, daß ein solch ichloser Zustand sich mit dem universalen Bewußtsein vereinigen und deshalb alles verstehen kann. Er weiß, was Liebe ist.
Sir Galahad, der reine Ritter der Artus-Legende, der das ehr-furchtgebietende Privileg genoß, den Gral zu betrachten, sagt in den Worten Tennysons :
,Meine Kraft ist wie die Kraft von zehn,
weil mein Herz rein ist.'
Die Theosophie als eine Lehre, die vom Verstand begriffen wird, kann weder die Welt noch jene verwandeln, die theosophische Literatur lesen. Streitgespräche über Lehren, z. B. die Bestandteile der menschlichen Konstitution betreffend, führen bloß zu Zeitverlust. Es ist unwichtig, welcher Name gebracht wird, um das Bewußtsein in irgendeinem besonderen Zustand zu bezeichnen. In der Natur gibt es keine starren Trennungen. Professor Eric Laithwaite schreibt : „Eine Regel, die ich als Ingenieur unanfechtbar gefunden habe, lautet wie folgt: Wenn man die Eigenschaften der Materie einerseits und des Universums als Ganzes andererseits studiert, gibt es nie etwas ,Schwarzes` oder ‚Weißes'. Es gibt nur diverse Schattierungen von Grau, wie z. B. keine klare Trennungslinie zwischen Festem und Flüssigem, zwischen Flüssigkeit und Gas. Es gibt ebenfalls keine klare Trennungslinie zwischen Pflanzen und Tieren." Der Wunsch verschmilzt mit dem Gedanken, das Gefühl mit dem Intellekt, und es ist ebenso schwierig, eine Trennungslinie zwischen den beiden zu ziehen, wie zu sagen, wo im Regenbogen das Violett endet und das Indigo beginnt.
Die Theosophie wird nicht dazu beitragen, die Welt zu verbessern, wenn wir Streitpunkte auf verbaler Ebene lösen. Wesentlich ist, daß wir uns der Motivation durch das Selbst bewußt werden, welches unsere Tätigkeiten lenkt. Das ,Ich` ist die Ursache aller Trennung. Deshalb müssen wir unsere Energie einsetzen, um zu entdecken, wie das ,Ich` es fertig bringt, sich auf jeder Ebene hervorzuheben. Wie Zu Füßen des Meisters lehrt: „Wenn eine Arbeit getan werden soll, möchte der physische Körper ausruhen, möchte ausgehen, essen oder trinken; und der Mensch, der noch nicht ,weiß`, sagt sich: ,Ich möchte dies tun, und ich muß es tun.' Aber der Wissende sagt: ,Dies Wünschende ist nicht ich, und daher muß es eine Weile warten.'
Oft, wenn sich die Gelegenheit bietet, jemandem zu helfen, fühlt der Körper: ,Wieviel Mühe wird es für mich sein; laß irgend jemand anderen dies tun' ..." (S. 13/14). Ähnlich wird der Astralkörper durch selbstische Impulse bewegt, wie auch der Mentalkörper. Durch unermüdliche Wachsamkeit muß die Unreinheit des Selbstes ausgelöscht werden. Nur der ichlose Verstand kann die Einheit erkennen und entsprechend leben.
In der Maitrayani Upanischad heißt es in einem eindrucksvollen Passus : „Wenn die fünf Werkzeuge des Wissens zusammen mit dem Verstand stillstehen und wenn sich der Intellekt nicht bewegt — wird dies als der höchste Zustand bezeichnet." Es wird darauf hingewiesen, daß der Mensch sich bindet, weil er glaubt: ich bin es, dies ist mein usw. Durch Begierde, Zweifel, Glauben oder Unglauben, Scham oder Angst getrieben, wird er dann labil, psychisch verkrüppelt und dem Leid unterworfen. Wenn andererseits der Verstand ruhig und bewegunglos ist, wenn er nicht versucht, zu erreichen und zu erhalten, wenn er einfach beobachtet, um zu lernen, dann wird er empfindsam.Diese Sensitivität ist Ichlosigkeit; das bedeutet: in Einheit leben. Es heißt im Koran, alle Geschöpfe ergötzen sich an der Einheit der Existenz, die Gott genannt wird. „Nicht nur der Mensch, sondern alle Stufen des Seins — der Stein und das Mineral, die Pflanze und das Tier haben die Sprache Gottes erlernt und verstehen sie, und sie loben Ihn ihrer Natur entsprechend". Eine andere Textstelle lautet : „Die sieben Himmel und die Erde und alles, was darin ist, loben Ihn, und es gibt kein Ding, das sein Lob nicht singt." Weil sie — im Gegensatz zum Menschen — keinen getrennten Verstand haben, singen die Vögel und die Pflanzen, die Fische und die Tiere im Freudenchor mit. Sie kämpfen nicht und streben nicht danach, etwas für sich zu erreichen.
Man kann nicht nach der Einheit streben. Jede Anstrengung, um sie zu erreichen, ist fruchtlos. Alles, was nötig ist, ist das Bewußtsein ohne irgendwelche inneren Trennungen funktionieren zu lassen. Das Selbst ist eins, und wir müssen erkennen, daß wir selbst jenes ungespaltene Selbst sind. Nur dann ist es möglich, in Einheit mit allen Dingen zu leben. Was in uns ist, wird nach außen reflektiert. Wenn es Triebe und Widersprüche in uns gibt, bewegen sich Herz und Verstand in verschiedenen Richtungen. Dann schaffen wir ununterbrochen Konflikte, wir zerstören alles — so wie es jetzt in der ganzen Welt geschieht.
Die Entdeckung des Selbst, das im Herzen begründet ist — was jenem Zustand entspricht, in welchem Verstand, Herz und Sinne verschmelzen und als eine Einheit handeln — das ist Liebe. Jenes mißbrauchte Wort wird normalerweise im Zusammenhang mit trennenden Reaktionen gebracht: Eifersucht, Sorge und Anhaften vermischen sich mit Liebe. Die wahre Bedeutung von Liebe wird durch Buddha in folgenden Worten erklärt: „Die Liebe befreit, aber Gedanken der Liebe binden." Die Theosophie des Verstandes und des Herzens ist Liebe in Aktion. Sie bedeutet, mit einem ruhigen Gefühl der Einheit zu handeln. Sie bringt uns und unserer Umgebung Frieden; sie wird dazu beitragen, daß wir die Morgendämmerung einer neuen Zivilisation erleben. Laßt uns nicht die fruchtlose Theosophie des Verstandes lernen und uns damit brüsten, unseren Kopf mit den Gedanken anderer vollgestopft zu haben. Laßt uns auch nicht selbstgefällig werden durch gefühlsbetonte Theosophie, die eine solche des Herzens sein soll, doch tatsächlich eine Form von Scheinheiligkeit ist. Lernen wir die lebendige Weisheit, welche Theosophie ist in der tiefen Harmonie von Verstand und Herz, und sprechen wir mit der Stimme des wahren Selbstes, dem kein ,anderes` bekannt ist.
In einer ernsthaften Krise, wenn z. B. jemand seinen Mann, seine Frau oder all sein Besitztum verloren hat, wird man sich fragen: „Was soll der nächste Schritt sein?" In jeder Krisensituation ist diese Frage wichtig und bedeutsam, andernfalls führen wir unser normales Leben weiter entsprechend Verhaltensmustern, an die wir uns gewöhnt haben.
Was ist eine Krise ? Eine Krise ist ein Problem, für das wir keine gewohnheitsmäßigen Lösungen haben. Es gibt sehr viele Krisensituationen im Leben, und wenn wir vor ihnen stehen, dann erscheinen in unserem Denken Lösungen, die unserem eigenen Denkhintergrund entsprechen. Wenn wir aber vor einem völlig neuartigen Problem stehen, helfen uns all unsere bisherigen Erfahrungen nur wenig. Tatsächlich mögen sich Lösungen, die sich aus der Erfahrung ergeben, sogar als schädlich erweisen. Jeder Fortschritt hängt davon ab, daß man richtig und entsprechend auf Anforderungen oder Herausforderungen reagiert. Wenn unsere Antwort auf Herausforderungen richtig ist, dann werden wir Kraft und Stärke in uns entwickeln. Wenn diese Herausforderung auf der physischen Ebene besteht, dann wird die Kraft, die wir entwickeln, sich auch auf der physischen Ebene manifestieren. Durch dieses System von Herausforderung und Antwort auf die Herausforderung hat die Evolution aller lebendigen Dinge wie Pflanzen, Bäume, Menschen stattgefunden. Es gibt auch eine Herausforderung des Klimas und der Umwelt. In der Wüste müssen Pflanzen und Tiere die ihr entsprechenden Eigenschaften hervorbringen, um zu überleben. Z. B. hat das Kamel die Eigenschaft entwickelt, in dem trockenen Klima Wasser aufzuspeichern, in gleicher Weise geschieht dies auch beim Kaktus. So werden also physische Eigenschaften entwickelt, indem Herausforderungen entgegengetreten wird, andernfalls wird der Organismus vergehen. Wenn ein Hirsch nicht erkennt, daß ein Tiger sich auf seiner Fährte befindet, wird es das Ende des Hirsches sein, er muß den Tiger wittern und richtig danach handeln. Es ist also wichtig, nicht nur die Natur der Herausforderung zu erkennen, sondern zunächst überhaupt zu bemerken, daß man herausgefordert wird.
So wie sich m physischen Organismen Eigenschaften als Antworten auf Heraus-forderungen der Umwelt entwickeln, wie z. B. beim Leoparden große Schnelligkeit, beim Elefanten ein starker Körper, beim Affen die Beweglichkeit, ist auch unser Denkvermögen als Ergebnis von Herausforderungen entstanden. Die Entwicklung des menschlichen Verstandes hat es möglich gemacht, viele Arten von Gefahr zu beseitigen, aber unser Denken fährt trotzdem weiterhin fort, sich einzubilden, daß die Gefahren und Herausforderungen, denen wir jetzt gegenüberstehen, die gleichen sind, die wir in der Vergangenheit hatten. Dies trifft jedoch nicht zu. Wissenschaftler, die sich mit der Evolution beschäftigen, sagen, daß die Dinosaurier, die ja eine gewaltige Größe erreichten, den Kampf ums Leben verloren. Sie entwickelten ihren gewaltigen Körper, um bestimmten Problemen entgegentreten zu können, blieben aber auf dieser Stufe stehen und nahmen nicht wahr, daß andere Dinge auch wichtig waren. So konnten kleinere Säugetiere das Gefecht des evolutionären Wettlaufs gewinnen.
Schauen wir uns jetzt den Menschen an, so sehen wir auch hier Anzeichen von derselben Unfähigkeit wie bei den Dinosauriern. Heutzutage haben die Menschen fast alle Gefahren durch andere Geschöpfe beseitigt. Gelegentlich gibt es Probleme mit Erdbeben oder Flutwellen, aber sie sind unbedeutend gegenüber den wirklichen Problemen, die von ihnen selbst geschaffen wurden. Dazu zählen Probleme durch Üb er-organisation, durch Verstädterung und Verschmutzung der Umwelt. Im gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Mensch selbst sein größter Feind. Er ist die einzige Kreatur auf der Erde, die bewußt und vorbedacht die eigene Art vernichtet. Für sie kann buchstäblich alles zu einem Problem werden: Einsamkeit sowohl als auch die Gesellschaft. Ein Reicher kann sich durch seine Geldprobleme krank machen. Er fragt sich, wie soll das Geld investiert oder wie kann maximaler Profit aus ihm herausgeholt werden? Fieberhafte Arbeit wird in diese Fragen gesteckt, führt zu hohem Blutdruck und schließlich zu einem Herzinfarkt. Konkurrenz mit anderen Menschen wird geschaffen, und man versucht, sie zu übervorteilen. Überfluß an Geld verursacht für eine große Anzahl Menschen Streß und Furcht. Aber auch Armut ist ein Problem, und zwar ein entwürdigendes, von dem die meisten von uns wohl gar keine Vorstellung haben.
In beiden Fällen gibt es nicht nur ein physisches, materielles Problem, sondern ebenso ein psychisches. In Armut wachsen Vorurteile und Haß, entstehen Bitterkeit und Feindseligkeit, in einer Überflußgesellschaft gibt es außerordentliche Gleichgültigkeit. Viele Dinge werden verschwendet und vernichtet, ohne an diejenigen zu denken, die sich in Not befinden. Im alten Griechenland wurde über König Midas gesprochen, bei dem sich alles, was er berührte, in Gold verwandelte. Er war ein typischer Vertreter der Menschheit, denn er hatte sich eine Gabe erbeten, ohne zu wissen, was mit ihr zusammenhing und was sie wirklich bedeutete. Schließlich konnte er nicht einmal mehr etwas essen oder trinken, weil sich vorher alles in Gold verwandelt hatte.
In gewisser Weise sind wir mit König Midas zu vergleichen, denn alles, was wir in Angriff nehmen, verwandelt sich bei uns in ein Problem: in ein religiöses, politisches, wirtschaftliches oder gesellschaftliches. Von Zeit zu Zeit werden dann Lösungen angeboten. Anfangs war jede Religion eine tiefgehende Lösung für die Probleme. Schließlich wurde aber jede religiöse, politische, ökonomische oder gesellschaftliche Revolution selbst zu einer tyrannischen Form des Problems. Marx sagte, daß der Staat dahinschwinden würde, wenn der Kommunismus eingerichtet wäre, er ist jedoch zu einer gewaltigen, unterdrückenden Maschinerie geworden, die sich in alle Richtungen ausbreitet, wie z. B. in Afghanistan. Was Marx ursprünglich unter Revolution verstand, verwandelte sich in eine neue Art der Diktatur und Unterdrückung.
Wir stehen jetzt vor einer wirklichen Krisensituation, die aber vielleicht schon so lange gedauert hat, daß wir sie gar nicht mehr als eine Krise wahrnehmen. Historiker sagen, daß es der Anfang des Zerfalls einer Zivilisation ist, wenn sie die Krisensituation nicht mehr erkennt und nicht mehr auf Herausforderungen antworten kann. Alle alten Lösungsmöglichkeiten funktionieren heutzutage nicht mehr, weil die Menschheit sich selbst bestimmte gewohnheitsmäßige Methoden geschaffen hat, Probleme anzugehen. So wird z. B. durch eine dieser Methoden alles zerstört, was von unserem Gesichtspunkt aus als unbequem erscheint. Auf diese Weise hat ein Volk ein anderes Volk vernichtet. Heutzutage aber zerstört sich ein Volk dabei selbst und auch die lebenserhaltende Umwelt. Menschen können auch ihre genetischen Erbanlagen zerstören. Dies ist ein Beispiel dafür, daß die gewohnten Lösungen überholt sind, bzw. nicht mehr funktionieren.
Das, was wir heute sehen, ist kein Problem mehr, sondern eine sehr kritische Situation. Trotzdem hat sich unsere Denkweise noch nicht verändert. Wir leben immer noch mit der Methode der Vergeltung, von der es vielerlei Formen gibt. Wenn wir von einem Menschen geschlagen werden, schlagen wir zurück, wenn eine Nation aufrüstet, rüstet auch die andere Nation auf. Jeder ruht behäbig in dieser Art, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Vielleicht haben einige von Ihnen den Film über Gandhi gesehen, in welchem er einen sehr schönen Satz ausspricht. Er sagte: „Auge um Auge wird die ganze Welt blind machen!" Davon sprachen auch Jesus und Buddha. Buddha sagte, daß man Feuer nicht mit Feuer löschen, Haß nicht durch Haß löschen kann, sondern daß völlig andere Lösungen gefunden werden müssen. Die Nachfolger Buddhas oder Christi glaubten jedoch nicht daran. Jeder bevorzugte die Wege, an die er gewöhnt war, und gerade deshalb wurde jetzt eine so außerordentliche Krisensituation erreicht. Die Zeit ist gekommen, in der unser Denkvermögen sich umstellen muß, weil die Menschheit bisher nur Antworten auf solche Herausforderungen gefunden hat, die heute nicht mehr bestehen.
In den alten Schulen wurde gesagt, wenn wir nicht richtig sehen können, können wir auch nicht richtig handeln. Dazu gibt es die bekannten Analogien, daß eine glänzende Muschel für Silber oder ein Strick für eine Schlange gehalten wurde. Unter Umständen kam es dadurch bei dem vermeintlichen Silber zu Kampf oder sogar Tötung unter den Menschen und bei der vermuteten Schlange zu Furcht oder Aggression. Wahrscheinlich sind unsere Lösungen für Probleme keine echten Lösungen mehr, weil wir die Welt nicht so sehen, wie wir sie eigentlich sehen sollten. All unsere Handlungsweisen werden dadurch wiederum zu Problemen. Außerdem müssen wir uns klar darüber sein, daß sich alles bisher Gesagte nur auf die physische Ebene bezieht.
Eines der größten Worte in der theosophischen Literatur ist dies: „Der Verstand ist der große Schlächter des Wirklichen" (Stimme der Stille). Unser Denkvermögen hat die seltsame Angewohnheit, das, was wir als existierend in uns wahrnehmen, für die absolute Wahrheit zu halten. In jedem Menschen ist eine bestimmte Kombination von Vorstellungsbildern vorhanden, und jeder Mensch denkt, daß dieser seltsame Cocktail im Kopf die Wirklichkeit darstellt. So leiden wir unter einer falschen Wirklichkeit, denn Realität ist etwas sehr Relatives. Trotz dieser offensichtlichen Tatsache können wir uns nicht von unseren Realitätsvorstellungen befreien. Wir alle haben sicher die Erfahrung gemacht, daß das, was zu einer bestimmten Zeit als sehr wirklich erscheint, diese Wirklichkeit im Laufe der Zeit verliert. Wenn wir in einen Menschen verliebt sind, sind die Wunder der anderen Person zu jener Zeit etwas sehr Reales, aber später, wenn wir anfangen, miteinander zu streiten und die Liebe nicht mehr so ganz frisch ist, erscheinen diese Wunder des anderen nicht mehr so real. Hat dieses Wunder des anderen nun wirklich existiert oder nicht? War es eine Illusion oder ist es etwas, was außerhalb von uns besteht?
Wenn wir gelegentlich das Gefühl des Glücks haben, später aber ein dauerhaftes Glück finden, wird uns dieses gelegentliche Glück als unwirklich, das dauerhafte aber als Realität erscheinen, denn das, was dem Wandel der Zeit unterworfen ist, ist verhältnismäßig unwirklich im Vergleich zu dem, was vom Wandel der Zeit unberührt bleibt. Die Traumerfahrung ist unreal im Vergleich zu einer Erfahrung im Wachzustand, weil der Traum schnell zu Ende geht, während die Erfahrung des Wachzustandes verhältnismäßig lange anhält. Wäre jedoch das Verhältnis umgekehrt im Hinblick auf die Länge der Zeit, würden wir die Traumerfahrung als wirklich ansehen und nicht die des Wachseins. So hat offensichtlich unser Zeitsinn etwas zu tun mit der Frage nach der Wirklichkeit einer Erfahrung. Wir können alle fühlen, daß das, was in der Zeit steht und mit der Zeit vergeht, nicht so wirklich ist wie das, was unberührt von ihr bleibt.
Wie kommen wir nun eigentlich zu den Bildern und Vorstellungen in unserem Denkvermögen? Sie sind jene Erfahrungen der Umwelt, die uns durch unsere Sinne vermittelt werden. Wie Sie alle wissen, haben unsere Sinnesorgane nur einen geringen Bereich der Aufnahmefähigkeit, deshalb ist das, was wir durch unsere Sinne von der Welt vermitteln, zu vergleichen mit dem, was wir durch ein Schlüsselloch sehen würden. Außerdem entspricht vermutlich unsere Wahrnehmung durch unsere Sinne nicht dem, was ein Mensch wirklich weiß, weil ein Prozeß der Auswahl in den verschiedenen Stadien der Vermittlung stattfindet. Die Wissenschaftler sagen, daß die Retina, die Netzhaut, nur bestimmte Dinge von denen, die wir sehen, auswählt, und wenn die elektrischen Impulse das Gehirn erreichen, wählt dieses wiederum bestimm- te Formen aus. Bis jetzt weiß noch niemand, wie aus den elektrischen Impulsen die Vorstellungsbilder in unserem Bewußtsein entstehen. Da sich hier aber bereits vorhandene Vorstellungsbilder befinden, färben diese auch jene neuen Sinneseindrücke. Niemand von uns kann deshalb dasselbe Ding genauso wie ein anderer sehen. Mit „Sehen" meine ich jetzt Wahrnehmen im weiteren Sinn durch die Ohren, durch die Augen usw., denn unsere Sinne sind unterschiedlich in ihren Eigenschaften. Eine Person, deren Ohren sehr feine Klangunterschiede wahrnehmen können, hört mehr in der Musik als jemand, dessen Ohren weniger fein und wahrnehmungsfähig sind. Deshalb gleicht das Musikerlebnis eines Menschen nie dem eines anderen. Und so ist es mit allem, was wir in der Welt wahrnehmen. Die vorgegebenen Vorstellungsbilder in unserem Denkvermögen formen das, was wir in der Welt wahrnehmen. Ein ängstlicher Mensch wird die Welt gefärbt durch die eigene Angst erleben und meinen, daß überall Gefahren lauern. Er fürchtet z.B., man spiele ihm einen Trick oder er würde übervorteilt oder er malt sich aus, was alles während eines Fluges geschehen könnte. Das Denkvermögen ist „der Schlächter des Wirklichen" für eine ganze Anzahl von Gründen.
Wir sagten bereits, daß Wirklichkeit etwas Relatives und unser Sinn für die Wirklichkeit wandelbar sei. Es gibt jedoch eine Wirklichkeit, die durch nichts verändert werden kann, weder durch Zeit, noch durch Raum, noch durch irgend etwas anderes, und das ist die Wahrheit. Wir bilden uns ein, daß die kleinen ärmlichen Gedanken in unserem Gehirn die Wahrheit seien oder auch nur ein Teil von ihr. Deshalb möchten wir mehr und mehr in unser Gehirn hineinstopfen, um so der Wahrheit näherzukommen. Wir fühlen uns von demjenigen angezogen, der Bände voller Informationen zusammenschreibt, z. B. über das neue Zeitalter, über Hierarchien u. ä. All dies packen wir in unseren Kopf und sagen dann: „Auf Seite soundso steht es ja geschrieben." Wir vermuten in den Informationen die Wahrheit, weil wir sie gleichsetzen mit dem, was sich in unserem Gehirn befindet.
Wahrheit ist aber eine ganz andere Art der Wirklichkeit und zwar so, als wache man aus einem Traum auf. Das Wort „Buddha" bedeutet „erleuchtet" und gleichzeitig „erwacht". Unser Bewußtsein kann zu einer neuen Art des Verstehens, zu einem neuen Sinn von der Bedeutung und dem Zweck des Lebens erwachen. Einer der großen Meister der Wahrheit und der Weisheit sagte, daß in jeder individuellen Existenz eine latente Bedeutung und ein verborgener Sinn läge, die allen Phänomenen des Universums zugrunde liegen, jedoch von uns nicht erkannt werden. Das Leben scheint uns im allgemeinen ziemlich chaotisch zu sein. In bestimmten Personen mögen wir Bedeutungsvolles erblicken, im Kind, im Ehemann oder dem Bruder, aber das gleiche befindet sich in allem, was überhaupt existiert, nicht nur in menschlichen Wesen, sondern im Gras, in den Bäumen, den Tieren, kurzum in allem. Der englische Dichter Blade sprach davon, die ganze Welt in einem Sandkorn wahrzunehmen und die Ewigkeit in einer Stunde. Zu gewissen Zeiten hat er das wahrscheinlich tatsächlich so empfunden. Wenn wir ein Musikstück hören, hören wir die Klänge in zeitlicher Abfolge, aber es gibt Komponisten und Musiker, die das ganze Musikstück in einem wahrnehmen. Es gibt auch Menschen, die das Ganze der Existenz in einem anderen Licht als wir wahrnehmen.
In den letzten Jahren wurde viel Forschung mit Menschen betrieben, die die Todeserfahrung durchgemacht hatten. Als sie in bewußtes Leben zurückkamen, berichteten die meisten von ihnen, daß sie nun das Leben in einem völlig neuen Licht sähen. Es mag jenseits der physischen Lebensgrenze ein gewaltiges Geheimnis um das Ganze des Lebens geben. Einstein sprach von diesem Geheimnis. Er sagte, daß unser Verstand mit allen Informationen, die wir in uns aufnehmen können, stets nur einen winzig kleinen Teil des Universums in sich trüge. Er bezeichnete die Erfahrung, daß es dieses gewaltige, grenzenlose Geheimnis gäbe, als den religiösen Sinn.
Ich möchte noch einmal wiederholen, daß Größe und Ausdehnung sich hier nicht auf den physikalischen Bereich beziehen, sondern auf eine ganz andere Art Dimension, auf einen anderen Sinn, eine andere Bedeutungsebene, auf eine neue Wahrnehmung der Schönheit und der Beziehungen. Und dies ganze Mysterium liegt offen vor uns. Wir wollen aber fortfahren, nochmals zu glauben, daß die Vorstellungsbilder, die wir in uns tragen, das Ganze der Wahrheit wären und daß wir aus dieser großen Sicherheit heraus handeln. Tatsächlich halten wir einen sehr sicher auftretenden Menschen auch für klug. Aber diese Art der Sicherheit kann eine Form von Dummheit sein. Daher ist es viel weiser, die Begrenzungen unseres eigenen Denkvermögens, unserer Wahrnehmungskraft und unseres Verständnisses zu erkennen. Wenn wir uns unserer Begrenzungen bewußt werden, dann erst öffnen wir den Weg zur Transzendenz, meinte der Philosoph Jaspers. Dies ist die wirkliche Essenz des Yoga. Wenn unser Verstand erkennt, daß er gar nicht fähig ist, das Ganze zu sehen, wird er nicht ständig in der Bemühung fortfahren, nach diesem unerreichbaren Ziel zu trachten.
Dann erkennt unser Denkvermögen, daß es bestimmte Dinge gibt, die wir eben nicht wahrnehmen können. Kann unser Denken z. B. Schönheit wahrnehmen? Vielleicht sollte ich nicht von Denken sprechen, sondern eher sagen: „Kann der Gedanke Schönheit erfassen?"
In dem Augenblick, in dem wir sagen: „Dies ist schön", erleben wir keine Schönheit. Echte Erfahrung kann nur entstehen, wenn die Gedanken stillstehen, aber für gewöhnlich ist unser Denkvermögen völlig aus unserer Kontrolle geraten. Es ist ständig aktiv, auch dann, wenn es dies nicht sein sollte. Deshalb kann ein höheres Bewußtsein im Menschen nicht wirken und keine Wahrnehmung von einer höheren Ebene aus stattfinden. Wenn wir auf einer bestimmten Bewußtseins-ebene aktiv sind, wissen wir, daß eine andere Ebene ruhiggestellt ist. So kann z. B. beim Fußballspielen unser Intellekt nicht sehr wirksam sein, denn wenn unser physischer Körper alle Energie aufbraucht, bleibt keine für den Intellekt übrig. Wenn wir also unser Denkvermögen in bestmöglicher Weise nutzen möchten, sollte unser physischer Körper sich in Ruhe befinden. Analog hierzu läßt sich unser Denkvermögen nicht gewaltsam stillegen, denn das wäre nur eine andere Art „Bewegung" innerhalb desselben Bereiches, sondern unser Denkvermögen muß wahrnehmen, daß es der „Schlächter des Wirklichen" ist.
Wenn unser Sinn für Wirklichkeit sich wandelt, wandeln sich auch unsere Vorstellungen. Sehen wir dies eine Leben als sehr wirklich und real an, wird alles, was wir in diesem Leben ergreifen und besitzen können, zu ungeheurem Wert und zu großer Bedeutung für uns. Wenn wir aber anfangen, unsere eigene Wirklichkeit anzuzweifeln und erkennen, daß das ganze Leben ein außerordentliches Mysterium ist, für welches wir uns öffnen müssen, wenn wir uns ernsthaft bemühen, die latente Bedeutung aller Dinge zu erfassen und nicht durch unser Denken verstehen wollen, was es eigentlich sei, sondern wenn wir beobachten, nachdenken, meditieren, wenn wir alles mit einer gewissen Zurückhaltung und mit Zuneigung auffassen, dann wird vielleicht in uns eine andere Art Wahrnehmung entstehen. Dann werden wir beginnen, die Harmonien, die das ganze Weltall durchströmen, zu hören, und dann erst können wir selber auch harmonischer wirken. Es ist diese neue Wahrnehmungskraft und diese neue Art, in der Welt zu wirken, die die Menschheit als nächsten Schritt erlangen muß.