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"Es ist stets ein Kampf gewesen, die Wahrheit zu finden, denn die Autori­tät eines anderen oder das Aufdrängen von seiten eines anderen oder die Verführung durch einen anderen hat mich nicht zufriedengestellt. Ich wollte sie für mich selbst entdecken, und so mußte ich natürlich lei­den, um sie herauszufinden." Jiddu Krishnamurti







An einem Spätnachmittag im Sommer 1909 gingen die Theosophen Charles Leadbeater, Ernest Wood und van Manen vom Gelände der Theosophischen Gesellschaft in Adyar hinunter zum Strand. Dort begegneten sie zwei am Wasser spielende unterernährte indische Kinder – Krishnamurti und seinen Bruder Nityananda. Leadbeater war von der äußerst ungewöhnlichen Strahlkraft der Aura der beiden Kinder beeindruckt. Sie enthielten keinerlei Spuren von Selbstsucht.

Die führenden Theosophen der damaligen Zeit besaßen durch mystische Schau, und okkulte Erlebnisse, den Hinweis, dass sie einem Kind begegnen werden, welches, in seinem späteren Leben vom Weltlehrer durchstrahlt würde. Annie Besant sprach 1927 davon dass sie diesen Hinweis 1909 vom Weltlehrer selbst, erhielt.

Krishnamurti hatte bereits als Kind von seinen spirituellen Begegnungen mit den verschiedenen Göttern Indiens berichtet. In vielen seiner Briefe an Annie Besant berichtete Krishnamurti auch von seinen Begegnungen mit den Mahatmas und dem Weltlehrer, sowie von seiner ersten Einweihung 1910. Die große Fülle solcher Berichte bestätigten Annie Besant zusätzlich, das vorhergesagte Kind gefunden zu haben. Am 11.01.1911 wurde durch George Arundale der „Orden der aufgehenden Sonne“ gegründet, der wenige Monate später von Annie Besant verbessert und in „Orden des Sternes im Osten“ ( auch Sternorden oder Sternbund bezeichnet) umbenannt wurde. Sie bat Krishnamurti die Leitung dieser Organisation zu übernehmen.

Der Sternorden wuchs zu einem weltweiten. mitgliederstarken Bund heran. Annie Besant sagte die Herabkunft des Weltlehrers, den sie sehr oft mit Christus verglich, für das Jahr 1927 voraus. Genau in diesem Jahr trat Krishnamurti mit seiner neuen „Lehre“ hervor, die besagt, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg gehen sollte, und sich nicht auf Autoritäten verlassen darf. Diese Haltung ist eine ganz und gar theosophische, trotzdem wurde sie gerade von den Theosophen nicht verstanden. Und es gab theosophische „Autoritäten“, die solche Lehre nicht wirklich mochten. Annie Besant und Charles Leadbeater hingegen blieben bis zu ihrem Tod Krishnamurti treu verbunden, auch als er 1929 den Sternorden auflöste.

Durch sein konsequentes Wirken hat Krishnamurti die Mitglieder des Sternordens und die theosophische Weltbewegung vor einer folgenschweren Fehlentwicklung bewahrt, und er hat Annie Besant damit einen der größten Freundschaftsdienste geleistet, den ein spiritueller Mensch einem anderen zu geben vermag.                                                                                                                                                   (R.M.S)




Im Folgenden findest Du auf dieser Seite:


  • 1. Dokument: Selbstdarstellung des Ordens des Sterns im Osten (1913)
  • 2. Krishnamurtis Rede 1929 in Ommen zur Auflösung des Sternordens
  • 3. War Krishnamurti ein Theosoph?    von Dr.P.Krishna
  • 4. Fragenbeantwortungen von Krishnamurti
  • 5. Gedichte von Krishnamurti





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Dokument:



Hingebung                                    Standhalten                                 Sanftmut

I. Wir wollen helfen, dass in naher Zeit ein grosser Geisteslehrer wirksam in der Welt auftreten kann. Dazu wollen wir so leben, dass wir seiner würdig werden und dass wir ihn anerkennen, wenn er kommt.

2..Wir wollen uns bestreben, stets an ihn zu denken, und in seinem Sinne wollen wir nach unsern besten Kräften alle unsere Aufgaben und Tagespflichten zu erfüllen suchen.

3. Wir wollen trachten, soweit unsere anderen Pflichten es gestatten, täglich einen Teil unserer Zeit auf eine Arbeit zu verwenden, die mithelfen kann, sein Kommen anzubahnen.

4. Wir wollen als vornehmlichste Charakter-Eigenschaften in unserem täglichen Leben zu betätigen suchen: H i n g e b u n g  an alles Göttliche, St a n d h a l ­t e n  in dem, was wahr und recht, was gut und schön ist, S a n f t m u t  gegen alle Wesen, insbesondere gegen Widersacher.

5. Wir wollen jeden Tag mit einer kurzen Sammlung anfangen und enden, indem wir um seine Hülfe bitten für das, was wir tun um seinetwillen und in seinem Sinne.

6,. Wir wollen uns bemühen, stets nach Kräften mitzuarbeiten mit Denen, deren spirituelle Überlegenheit wir fühlen. Wir betrachten es als unsere be­sondere Pflicht, Erhabenheit anzuerkennen und in Ehrfurcht ihr zu dienen, wo auch immer sie sich zeigen mag.

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Der Sinn des Ordens ist, dass seine Mitglieder dazu beitragen wollen, in der äußeren Welt die öffentliche Aufmerksamkeit hinzulenken auf das notwendige Kommen eines      g r o s s e n   W e l t l e h r e r s, der spirituell die Entwickelung des Geisteslebens fördern wird. Dazu soll der Orden die Stimmung des Erwartens und Verehrens vorbereiten. In der Welt des Geistes aber wollen die Mitglieder. dieses Ordens diesen zu einem Werkzeuge ausbilden, das dem spirituellen Lehrer stets zu Diensten steht.

Als einst der  h ö c h s t e   L e h r e r  auftrat und das Christentum begründete, fand er den Sinn der Menschheit fast unvorbereitet für sein Kommen ; nur die Weisen achteten auf das Erscheinen seines „Sterns im Osten". Es erhob sich ein so starker Widerstand und nur so Wenige anerkannten ihn, dass dieser Lehrer damals nur für einen kurzen Zeitraum von drei Jahren dieser Welt den Segen seines Erdenlebens angedeihen ließ. Wenn aber dieser unser Orden wächst und sich über alle Länder ausdehnt, wenn es ihm gelingt, die Menschenherzen für das Kommen eines  g r o s s e n   W e l t -       L e h r e r s  vorzubereiten, so dass sie ihn williger empfangen, dann wird dieser Meister der göttlichen Liebe eine weniger kurze Zeit jetzt unter uns verweilen können; und sein Wirken wird dann örtlich weniger beschränkt sein, als es damals war. Wenigstens einige der Pfeile, die sonst gegen ihn gerichtet werden würden, mögen unsere dienstbereite Brust jetzt treffen; einiges von diesem Wiederstande mag sich gegen uns erschöpfen, - die wir gern ihm dienen.

Der Orden hat keine Satzungen, und keine Geldbeiträge sind zu seiner Mitgliedschaft erforderlich. Jeder, der seine Übereinstimmung mit den sechs obigen Grundsätzen erklärt, erhält auf seinen Antrag beim Vertreter des Ordens ein Mitglied-Schein. Das Abzeichen des Ordens ist ein silberner fünfstrahliger Stern, der vom Vertreter bezogen werden kann. Den Stern zu tragen, kann die Ausbreitung des Ordens fördern.               Protektor: Frau ANNIE BESANT, Präsident der Theosophischen Gesellschaft.
Oberhaupt: J. KRISHNAMURTI (Alkyone).
Privat-Sekretär : G. S. ARUNDALE, Mag., Art, Leg. Bacc.
General-Sekretär: Prof. E. A. WODEHOUSE, Benares City.
Vertreter für Deutschland: Dr. HUEBBE-SCHLEIDEN, Göttingen

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Krisnamurti in Ommen 1929




Ommen-Camp, am 3. August 1929, Krishnamurtis öf­fentliche Erklärung                        zur Auflösung des Sternordens








Wir werden heute Morgen die Auflösung des »Sternenordens« bespre­chen.

Viele Leute werden sich darüber freuen, andere hingegen traurig sein. Es handelt sich weder um eine Frage der Freude noch um eine der Trauer. Die Auflösung muß sein, was ich Ihnen erklären möchte.

Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Teufel und seinem Freund, die die Straße entlanggin­gen, als sich der Mann vor ihnen bückte, etwas vom Boden aufhob, es betrachtete und in seine Tasche steckte. Der Freund meinte zum Teufel: »Was hat der Mann aufgehoben?« »Er hob ein Stück Wahrheit auf«, erwiderte dieser. »Das ist dann ein sehr schlechtes Geschäft für dich«, be­merkte der Freund. »Oh nein, keineswegs«, entgegnete der Teufel, »ich werde es ihn organisie­ren lassen. «

Meiner Ansicht nach ist die Wahrheit ein pfadloses Land, die Sie auf keinem Weg erreichen kön­nen, weder über eine Religion noch über eine Sekte. Das ist meine Meinung, die ich absolut und bedingungslos vertrete. Die Wahrheit, die keine Grenzen und Bedingungen kennt und zu der kein Weg führt, läßt sich nicht organisieren. Es sollte auch keine Organisation gebildet werden, um die Menschen auf einem bestimmten Weg zu leiten oder zu zwingen. Wenn Sie das erst ein­mal verstanden haben, werden Sie erkennen, wie unmöglich es ist, Glauben zu organisieren. Bei dem Glauben handelt es sich um eine rein individuelle Angelegenheit, die Sie weder organi­sieren können noch dürfen. Andernfalls erstarrt der Glaube und stirbt ab. Er wird zu einem Be­kenntnis, einer Sekte, einer Religion, die man anderen Menschen aufzwingt. Und gerade das wird überall auf der Welt versucht. Die Wahrheit wird eingeengt und dient den Schwachen und vorübergehend Unzufriedenen als Spielzeug. Die Wahrheit läßt sich nicht herabziehen, im Ge­genteil, jeder einzelne muß sich derAnstrengung unterziehen, sich zu ihr emporzuringen. Man kann den Berggipfel nicht ins Tal tragen. Um den Berggipfel zu erreichen, müssen Sie das Tal durchwandern, steile Abhänge erklimmen und die gefährlichen Abgründe nicht fürchten. Sie müssen der Wahrheit entgegenklettern, sie kann nicht für Sie »heruntertransformiert« oder or­ganisiert werden. Interesse an Vorstellungen wird hauptsächlich von Organisationen genährt, aber Organisationen wecken nur von außen kommendes Interesse. Interesse, das nicht aus Liebe zur Wahrheit um ihrer selbst willen geboren wurde, sondern einer Organisation ent­sprang, besitzt keinen Wert. Die Organisation wird zum Gerüst, dem sich ihre Mitglieder ange­nehm einfügen können. Sie streben nicht länger nach der Wahrheit oder dem Berggipfel, sondern gestalten für sich selbst eine angenehme Nische, in die sie sich hineinlegen oder von der Or­ganisation hineinlegen lassen und annehmen, daß die Organisation sie auf diese Weise zur Wahrheit führen wird ... Ich behaupte, keine Organisation vermag den Menschen zur Spiritua­lität zu führen.

Eine zu solchem Zweck gegründete Organisation wird zur Krücke, Schwäche und Fessel und muß das Individuum zum Krüppel machen, es am Wachstum und der Entfaltung seiner Einma­ligkeit hindern, die eben darin liegt, daß es die absolute unbedingte Wahrheit für sich selbst ent­deckt. Das ist ein weiterer Grund für meine Entscheidung, als zufälliges Oberhaupt des Or­dens, diesen aufzulösen. Niemand hat mich zu diesem Beschluß überredet.

Das ist keine großartige Tat. Ich wünsche keine Anhänger und meine es wirklich so. Sobald Sie jemandem nachfolgen, hören Sie auf der Wahrheit zu folgen. Ich kümmere mich nicht darum. ob Sie mir zuhören oder nicht. Ich will eine bestimmte Arbeit in dieser Welt erfüllen und tue es mit unbeirrbarer Konzentration. Ich habe nur ein Ziel vor Augen, den Menschen zu befreien. Ich möchte ihn aus allen Käfigen und von allen Ängsten befreien und nicht Religionen oder neue Sekten gründen, neue Theorien aufstellen und neue Philosophien einführen. Sie werden mich natürlich fragen, warum ich die ganze Welt bereise und immerzu rede. Ich werde Ihnen den Grund nennen. Ich reise nicht, um Anhänger zu gewinnen oder weil ich eine besondere Gruppe von besonderen Jüngern wünsche. (Wie gerne sich doch die Menschen voneinander unterscheiden möchten, wie lächerlich, töricht und nichtssagend diese Unterscheidung auch sein mag! Ich möchte derartige Dummheiten nicht unterstützen.) Ich habe keine Junger, keine Apostel, weder auf Erden noch im Reich des Geistes.

... Wenn nur fünf Leute zuhören werden, leben werden, die ihrAntlitz der Ewigkeit zuwenden. wird es genügen. Was nützen mir Tausende, die nicht verstehen, die völlig in Vorurteilen gefan­gen sind, die das Neue nicht wollen, sondern dieses lieber in eine Form übertragen, die sich ih­rem eigenen sterilen, stagnierenden Ich anpaßt? Bitte mißverstehen Sie es nicht, wenn ich so energisch spreche, es liegt nicht am Mangel von Mitgefühl. Wenn Sie einen Chirurgen zum Zwecke einer Operation aufsuchen, kann man da nicht von Freundlichkeit sprechen, wenn er operiert, obgleich es Schmerzen verursacht? Ebenso verhält es sich, wenn ich klar und offen rede. Es bedeutet nicht Mangel an wahrer Zuneigung, im Gegenteil.

... Seit achtzehn Jahren haben Sie sich auf dieses Ereignis innerlich vorbereitet, auf das Kom­men des Weltlehrers. Seit achtzehn Jahren haben Sie organisiert, nach jemandem Ausschau ge­halten, der Ihrem Herzen und Ihrem Geist neue Freude schenken soll, der Ihr ganzes Leben transformieren, Ihnen ein neues Verständnis geben würde. Sie haben nach einem Menschen Ausschau gehalten, der Sie auf eine höhere Lebensebene erheben, Ihnen neuen Mut schenken. Sie befreien würde. Und nun schauen Sie, was geschieht! Denken Sie nach, ergründen und ent­decken Sie, in welcher Weise Sie dieser Glaube verändert hat. Ich meine damit nicht jede ober­flächliche Geschichte, daß Sie ein Abzeichen tragen, was trivial und töricht ist. Hat dieses Glaube alles Unwesentliche in ihrem Leben weggeschwemmt? Nur so können Sie urteilen: In­wieweit sind Sie freier, größer, für jede Gesellschaft gefährlicher geworden, die auf Falschen: und Unwesentlichem basiert? In welcher Weise haben sich die Mitglieder des »Sternenordens, dahingehend verändert?

... Sie alle sind in bezug auf Ihr geistiges Leben, Ihr Glück und Ihre Erleuchtung von anderer: abhängig. Und obwohl Sie sich seit achtzehn Jahren auf mich vorbereiten und ich Ihnen er­kläre, daß alle diese Dinge unwichtig sind und Sie sie beiseite schieben und in Ihr eigenes Innere: blicken müssen, um Erleuchtung, Herrlichkeit, Reinigung und Unbestechlichkeit des Selbst zu finden, so ist nicht einer von Ihnen dazu gewillt. Es mag einige geben, aber nur sehr, sehr we­nige.

Wozu also eine Organisation?

... Im letzten Jahr sprach ich von meiner Kompromißlosigkeit. Damals hörten mir nur sehr we­nige zu. In diesem Jahr habe ich es eindeutig dargelegt. Ich weiß nicht, wieviele Tausende auf der ganzen Welt, Mitglieder des Ordens, sich seit achtzehn Jahren auf mich vorbereitet haben. Und dennoch sind sie jetzt nicht gewillt, bedingungslos und vollständig dein zuzuhören, was ich sage.

Warum also eine Organisation?

 Sie werden erkennen, wie töricht die ganze Struktur ist, die Sie aufgebaut haben, indem Sie nach von außen kommender Hilfe suchen, von anderen abhängig sind, was Ihr Wohlstand, Ihr Glück und Ihre Stärke anbelangt. Diese Dinge können Sie nur in sich selbst finden.

Wozu also eine Organisation?

Sie sind daran gewöhnt, daß man Ihnen sagt, wie weit Sie sich entwickelt, welchen geistigen Sta­tus Sie erlangt haben. Wie kindisch! Wer außer Ihnen selbst kann sagen, ob Sie unbestechlich sind? Sie meinen es nicht ernst mit diesen Dingen.

Wozu also eine Organisation?

Doch diejenigen, die wirklich verstehen wollen, die nach dem Ewigen suchen, das keinen An­fang und kein Ende kennt, werden mit größerer Stärke gemeinsam gehen und eine Gefahr für alles Unwesentliche, Unrealistische und Schattenhafte bedeuten. Sie werden sich zusam­menschließen, zur Flamme werden, denn sie verstehen. Einen solchen Körper müssen wir er­schaffen, das ist mein Ziel. Wirkliches Verstehen wird zu wahrer Freundschaft führen. Auf­grund einer solchen echten Freundschaft, die Sie nicht zu kennen scheinen, wird jeder zusam­menarbeiten wollen. Und das nicht aufgrund von Autorität oder um des Seelenheils willen oder als Aufopferung für eine Sache, sondern weil Sie wirklich verstehen und daher im Ewigen leben können. Das ist eine größere Sache als alle Vergnügungen und alle Opfer.

Das sind also einige der Gründe, warum ich nach zweijähriger gründlicher Überlegung die­sen Entschluß gefaßt habe. Er ist keinem momentanen Impuls entsprungen. Niemand hat mich dazu überredet. Ich lasse mich in solchen Dingen nicht überreden. Zwei Jahre lang habe ich darüber nachgedacht, langsam, sorgfältig und geduldig.                   Jetzt habe ich mich dazu entschlossen, den Orden aufzulösen, da ich zufällig sein Oberhaupt bin. Sie können andere Orden gründen und jemanden anderen erwarten. Darum kümmere ich mich nicht, auch nicht um die Schaf­fung neuer Käfige oder neuer Dekorationen für diese Käfige. Meine einzige Sorge gilt der abso­luten, bedingungslosen Befreiung des Menschen.


                                    















DR. P. KRISHNA
 




War Krishnamurti ein Theosoph?                       
   
 

'

Die Antwort auf diese Frage wird davon abhängen, wen wir für einen wahren Theosophen halten. Eine oberflächliche Definition würde ein pünktlich zahlendes Mitglied der Theosophischen Gesell­schaft sein. Wenn wir mit dieser bürokratischen Auslegung nicht zufrieden sind, müssen wir tiefer eindringen in die Frage „Wer ist ein wahrer Theosoph?" Muß ein Theosoph gläubig anerkennen, was frühere Führer oder Gründer der TG gesagt haben? Oder ist Theo­sophie ein Suchen nach Wahrheit, ein Eindringen in tiefere und ganz­heitliche Wahrnehmung der Wirklichkeit? Das Motto der TG sagt: „Es gibt keine Religion höher als die Wahrheit." Wie kann aber Theosophie zu einer Art von Glauben eingeschränkt werden?

Wir müssen etwas glauben, wenn wir nicht wissen, ob es wahr ist. Wir glauben aber nicht an die Wände unseres Zimmers, denn wir sehen, daß sie vorhanden sind. Aber Gott haben wir nicht gese­hen, so glauben einige unter uns an die Existenz Gottes, andere nicht. Für denjenigen, der auf der Suche nach Wahrheit ist, sind Glaubensformen wie Theorien über das Unbekannte. Ob Zustim­mung oder Ablehnung hat für denjenigen sehr geringen Wert, der die Wahrheit sucht. In der Tatsache, daß jemand die Wahrheit sucht, ist schon enthalten, daß sie unbekannt ist. Ein aufrichtiger religiöser Geist postuliert Gott, Wahrheit und Wirklichkeit als das Unbekann­te und fragt, um es zu entdecken.

Auf einer Umschlagseite des „Theosophist" heißt es:

Die TG wurde von Studierenden gebildet, die irgendeiner oder keiner Religion in der Welt angehören und die vereint sind durch die Anerken­nung der Ziele der TG, durch ihren Wunsch, religiöse Feindschaft zu beseitigen und Menschen guten Willens zusammenzuführen, was auch immer ihre religiösen Meinungen sein mögen, sowie durch ihren Drang, religiöse Wahrheiten zu studieren und die Ergebnisse ihrer Studien mit anderen zu teilen.

Ich würde es vorziehen, von Fragestellern zu sprechen anstatt von Studierenden und von erforschen statt studieren; aber wenn jemand tief studiert, sind beide Bedeutungen dasselbe.

Weiter wird gesagt:

Die Theosophie ist die Umfassung von Wahrheiten, die die Grundlage aller Religionen bilden und von denen keine als ausschließlicher Besitz beansprucht werden kann.

Aus diesen Aussagen geht klar hervor, daß Theosophie wesentlich die Erforschung der Wahrheit ist, die jenseits aller Religionen liegt. Sie tritt in Erscheinung, wenn ein Bewußtsein unmittelbar erkennt, „was ist". Für einen wahren Theosophen ist es deshalb unumgäng­lich, alle Elemente der Entstellung aus seinem Bewußtsein auszu­schalten. Dies erfordert die Beseitigung aller Illusionen, und dazu gehört auch die Befreiung vom Ich.

Eine Begleiterscheinung dieser Forderung sind die universale Bru­derschaft und die Achtung von allem Leben, die ein weiteres erklär­tes Ziel der TG sind. Das Enden des Ichs ist das Beenden aller Teilung, und wenn es keine Teilung mehr gibt, verlieren Bruderschaft und die Einheit allen Lebens als Ideale ihre Bedeutung, denn sie werden dann als Tatsachen verstanden. Ideale sind nur in der Vorstellung vorhanden, die das Denken erzeugt, solange es nicht in unmittelba­rem Kontakt mit der Tatsache steht. So müssen wir uns fragen, ob Teilung eine Tatsache und die Bruderschaft der Menschheit ein ein­gebildetes Ideal ist, das es zu erstreben gilt, oder ob Bruderschaft Tatsache ist und Teilung Illusion? Bei einem aufrichtigen Theoso­phen liegt hier das Ende aller Teilung, denn Bruderschaft kann man nicht in einem tieferen Sinn ausüben, ohne die Einheit allen Lebens als Tatsache zu verstehen.

Wenn es dieses ist, was einen wahren Theosophen ausmacht, kön­nen wir uns der Frage zuwenden, ob Krishnamurti ein Theosoph war. Unter allen Menschen, die in diesem Jahrhundert mit der TG verbunden waren, gehörte Krishnamurti nicht zu denen, die die Wahrheit jenseits aller Religionen mit Leidenschaft und einseitig aus­gerichteter Ergebung suchten, um die Wahrheit für sich selbst zu entdecken. Tatsächlich erkannte er, daß es nur einen religiösen Ver­stand (mind) gibt, der nicht in einen buddhistischen Verstand, einen christlichen, einen hinduistischen oder einen islamischen geteilt wer­den kann. Er ist ein Verstand ohne Etikettierung. Umgekehrt könnte man sagen, daß der wahre buddhistische Verstand, der wahre christ­liche, der wahre hinduistische und der wahre islamische Verstand alle ein und dasselbe sind. Sie scheinen nur unterschiedlich zu sein für den, der noch keinen echten religiösen Verstand entwickelt hat, der gleichzeitig ein wahrer theosophischer Verstand ist. Kurz gesagt, es geht nicht darum, was wir denken oder glauben oder studieren, sondern wie unser Bewußtsein tatsächlich beschaffen ist. Krishna­murti machte uns deutlich, daß das Bewußtsein uns nicht allein durch Studium und Wissen, sondern durch Beobachtung, Erforschung und das völlige Erlöschen von Illusionen verändert; und er verbrachte sein ganzes Leben damit zu versuchen, dieses Verständnis mit allen Menschen zu teilen, die dafür bereit sind.

Krishnamurti erkannte, daß der andere Mensch du selbst bist, — nicht dein Bruder, sondern du selbst. Mit dieser Feststellung machte er die universale Bruderschaft zum unumstößlichen Gesetz, denn jenseits davon kann es keine Bruderschaft geben. Durch die Einheit allen Lebens endete für ihn jegliche Teilung. Er verweigerte jegliche Zugehörigkeit zu einer Nation, irgendeiner Religion oder irgendei­ner Organisation, einschließlich seiner eigenen Gründungen. Inner­lich blieb er vollständig allein und deshalb mit allem Leben verbun­den. Er widmete sein ganzes Leben der Erforschung des menschli­chen Bewußtseins und dessen Verständnis für die wahren Beziehun­gen zu allen Dingen, Gedanken, Menschen und der Natur. Er war für die Rolle eines Weltlehrers ausersehen und erfüllte sie trotz aller Hürden und Ungewißheiten auf dem Weg. Er erkannte für sich selbst, was wahre Intelligenz ist und machte große Anstrengungen, sie in allen Menschen auf der Welt zu erwecken.

Deshalb war Krishnamurti im tiefsten Sinn ein wahrer Theosoph, obgleich er aus gewisser Hinsicht die TG zu einer Zeit in seinem Leben verlassen mußte. Es gibt eine Parabel, die ich irgendwo gelesen habe, die diesen Punkt anschaulich illustriert. Ich erzähle sie Ihnen nachfolgend zu Ihrer eigenen Erwägung.

Jesus war noch niemals bei einem Fußballspiel anwesend gewesen, so nahm ihn ein Freund dahin mit, um eines anzusehen. Es war ein Spiel zwischen Katholiken und Protestanten. Die Katholiken erziel­ten das erste Tor, und Jesus freute sich sehr darüber. Dann gewannen die Protestanten ein Tor, und Jesus freute sich gleichfalls sehr dar­über. Ein Teilnehmer, der hinter ihm saß, bemerkte das, war verwirrt und fragte Jesus, welche Partei er unterstütze? Jesus antwortete, daß er keine unterstütze, sondern sich nur über das Spiel als solches freue. „Oh — ein Atheist!", folgerte der Mann! — Lassen Sie uns nicht denselben Fehler begehen.











Frage: In der allgemeinen Vorstellung von einem Weltlehrer spielt der Begriff des Mitgefühls die Hauptrolle. Einige Leute vertreten die Ansicht, daß es Ihrer Lehre daran mangelt. Könn­ten Sie Ihre Auffassung von Mitgefühl umreißen?

Ein Chirurg, der die Krankheit erkennt, die einen Menschen auffrißt, sagt: »Um ihn zu heilen, muß ich operieren. « Ein anderer, weniger erfahrenerArzt füttert ihn und lullt ihn in den Schlaf. Welchen würden Sie als mitfühlender bezeichnen? Sie wollen Trost, Trost der aus dem Zerfall geboren wurde und den Sie für Mitgefühl halten, für Zuneigung und wahre Liebe. Den Schat­ten dieses Trostes würden Sie erhalten, aber wenn ich Ihnen diesen gäbe, dann wäre das nicht die Welt eines wahren Lehrers.

-THE STAR BULLETIN, SEPTEMBER/OKTOBER, 1928




Frage: Sind Sie der wiedergekommene Christus?

Mein Freund, was glauben Sie, wer ich bin? Wenn ich sage, ich bin der Christus, werden Sie eine andere Autorität schaffen. Wenn ich sage, ich bin es nicht, werden Sie ebenfalls eine andere Autorität schaffen. Glauben Sie, die Wahrheit habe irgend etwas mit dem, was Sie glauben, daß ich bin, zu tun? Sie kümmern sich nicht urn die Wahrheit, sondern um das Gefäß, daß die Wahr­heit enthält. Sie wollen nicht das Wasser trinken, sondern herausfinden, wer das Gefäß formte, das das Wasser enthält. Mein Freund, wenn ich Ihnen sage, ich bin und ein anderer sagt, ich bin nicht der Christus, wer werden Sie sein? Legen Sie den Aufkleber beiseite, denn er ist wertlos. Trinken Sie das Wasser, falls das Wasser sauber ist.

-LET UNDERSTANDING BE THE LAW, 1928




Frage: Wenn uns die Leute fragen, aus welchem Grunde wir glauben, daß Du, Krishnaji, der Weltlehrer bist, welche Antwort sollen wir geben?

Ich weiß, der Fragesteller meint es ernst, aber seine Ernsthaftigkeit ist irreführend. Wenn Sie bloß die Worte, die Sie von mir gehört haben, wiederholen, werden sie für keinen irgendeinen Wert besitzen. Woher wissen Sie, daß ich der Weltlehrer bin? Einige von Ihnen kennen weder Krishnamurti noch den Weltlehrer. Es ist amüsant und doch in gewissem Sinne tragisch, daß sie Worten eine derartige Bedeutung beimessen. ich habe immer und immer wieder betont, daß es keine Rolle spielt, aus welcher Quelle Sie das Wasser schöpfen, solange es rein ist und solange das Wasser den Durst der Menschen löscht. Sie beschäftigen sich mit der Konstruktion des Brunnens, nicht aber mit dem Wasser.

- OMMEN, HOLLAND, 1928





Frage:  Haben Sie eine Lehre für die Massen und eine andere für Ihre auserwählten Jünger?

Ich habe keine auserwählten Jünger. Wer sind die Massen? Sie selbst. Die Unterscheidung zwi­schen den Massen und den Auserwählten, der äußeren und der inneren Welt, existiert in Ihrem Geist. In Ihrem Geist richten Sie die Wahrheit zugrunde. Oh, mein Freund! Wenn Sie das Leben lieben, werden Sie alle Dinge in diese Liebe einschließen, vorübergehende und ewige. Sie Wün­schen eine besondere Lehre für die wenigen Auserwählten „ denn in ihrem Herzen herrschten Tren­nung und Absonderung, und Sie wollen das reine Wasser des Lebens begrenzen und für sich selbst behalten. Können Sie die Sonne fragen, ob Sie für die Massen oder die wenigen Auser­wählten scheint? Können Sie den Regen fragen, ob er für die Ebenen oder die Gebirge sein soll? Wenn Sie nicht verstehen, dann begrenzen Sie diese Lehren, so wie es immer gewesen ist, auf die wenigen, und auf diese Weise reiten Sie die Wahrheit ab und verraten sie. Da Begrenzung in ihrem Herzen wohnt, teilen Sie das Wasser des Lebens, das für Könige sind Bettler gleicher­maßen bestimmt ist. Ob es einer goldenen Quelle entspringt oder aus einem Fluß strömt, das Wasser bleibt dasselbe und löscht den Durst aller; ohne Trennung in Farben, Kasten, Glauben und die besonders Auserwählten. Seit so vielen Jahren, so vielen Jahrhunderten, so vielen Äo­nen ist die Wahrheit eingeengt und unterdrückt worden; deshalb wollen Sie es wieder tun, und Sie haben es schon getan, indem Sie die Frage stellten: »Ist die Wahrheit für die Massen oder die wenigen Auserwählten?« Sie sagen, die Massen verstehen nicht; sie können sie nicht erfassen; nur wenige vermögen emporzuklettern. Glauben Sie nicht, ich besitze ebenso viel Mitgefühl und Liebe wie jeder von ihnen? Aber weil ich alle Ihre Stufen durchschritten habe, sage ich: »Nehmt jene Stufen nicht, vermeidet sie, schiebt sie beiseite und sammelt Eure Kraft als Men­schen, die emporsteigen.«

-LET UNDERSTANDING BE THE LAW, 1928

















 Zweifel ist eine kostbare Salbe;
Obgleich sie brennt,
wird sie wundersam heilen.

Ich sage dir, lade den Zweifel ein,
In der Fülle deines Verlangens.
Rufe zum Zweifel,
In Zeiten, da dein Ehrgeiz
Andere in Gedanken überschreitet.
Erwecke Zweifel,
Wenn dein Herz in tiefer Liebe jauchzt.

Ich sage dir,
Zweifel bringt ewige Liebe hervor;
Zweifel reinigt den Geist von Korruption.
Die Stärke deiner Tage
Soll sich auf Verständnis gründen.

Um der Fülle deines Herzens willen
Und für den Flug deines Geistes,
Lasse Zweifel deine Verwirrung fortreißen.

Wie der frische Wind aus den Bergen,
Der die Schatten im Tal erweckt,
Lasse den Zweifel zumTanze rufen,
Die dahinsiechende Liebe
eines zufriedenen Geistes.

Lasse den Zweifel dein Herz nicht
dunkel beschleichen.

Ich sage dir,
Zweifel ist eine kostbare Salbe;
Obgleich sie brennt,
wird sie wundersam heilen.

-THE SONG OF LIFE, 1931














Mein Bruder starb;

Wir glichen zwei Sternen

am nackten Himmel.

Er war wie ich,

Sonnengebrannt,

In einem Land, wo es sanfte Brisen gibt,

Wiegende Palmen

Und kühle Flüsse;

In einem Land zahlloser Schatten,

Bunter Papageien und schwatzender Vögel;

Wo grüne Baumwipfel

Im strahlenden Sonnenlicht tanzen

Und es goldene Sandwüsten

und blaugrüne Meere gibt.

Wo die Welt im gleißenden Sonnenlicht lebt

Und die Erde ausgetrocknet ist,

in mattem Braun

Wo die grün glitzernden Reisfelder

Üppig im schlammigen Wasser stehen

Und glänzende braune nackte Körper

Sich frei im blendenden Licht bewegen:

Das Land

Der Mutter, die ihr Kind am Wegrand stillt

Des inbrünstigen Liebhabers,

Der bunte Blumen darbringt;

Des Heiligtums amWege;

Absoluter Stille;

Unendlichen Friedens.

Er starb;

Ich weinte in Verlassenheit.

Wohin ich mich auch wandte,

stets hörte ich seine Stimme

Und sein glückliches Lachen.

Ich suchte nach seinem Antlitz

In jedem, der vorüberging

Und fragte jeden,

ob er meinem Bruder begegnet war;

Doch niemand vermochte mich zu trösten

Ich verrichtete meine Andacht,

Ich betete

Aber die Götter schwiegen.

Ich konnte nicht mehr weinen;


Ich konnte nicht mehr träumen.

In allem suchte ich ihn,

In jeder Sphäre.

Ich vernahm das Flüstern vieler Bäume,

Die mich zu seinem Wohnsitz riefen.

Und dann,

In meiner Suche,

Erblickte ich Dich,

Oh Herr meines Herzens;

In Dir allein

sah ich das Antlitz meines Bruders.

In Dir allein,

Oh mein ewiger Geliebter,

Erkenne ich die Gesichter

Der Lebenden und der Toten.


THE SONG OF LIVE, 1931
 
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