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Theosophie contra Rassismus , Vortrag vom 04.09.2007

Auszug aus  "Die Leuchte Asiens" von Edwin Arnold



 Wissenschaftliche Beiträge bedeutender Theosophen der Gegenwart

DIE MENSCHHEITSENTWICKLUNG IN DEN LEHREN DER THEOSOPHIE                          von Robert Ellwood und John Algeo

ZUR SPRACHE DER THEOSOPHIE: MISSVERSTÄNDNIS UND MISSBRAUCH                   von Hank Troemel



  Dokumente und Materialien

DIE GRÜNDUNG DER „EKLEKTISCHEN THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT"                 von Norbert Lauppert

DER BRIEF DES MAHACHOAN

HELENA BLAVATSKY CONTRA RASSISMUS /                                                            AUSZÜGE AUS "DER SCHLÜSSEL ZUR THEOSOPHIE"





________________________________________________________________________












           Vortrag vom 04. September 2007, Hamburg , Hermann-Behn-weg,

                          gehalten von R.M.S. (Robert Michael Schulz)






Die Musik, die wir gleich hören werden, ist die traditionelle Musik der Ureinwohner Australiens. Es gibt einen besonderen Grund dafür, weshalb ich mit dieser Musik den heutigen Abend einleiten will. Ihr werdet am Ende des Vortrags den Grund dafür erfahren.

Mitglied der TG: "Ich mag diese Musik sehr!"



( hier eine ähnliche Musik bei Youtube :

          Aboriginal Didgeridoo        )






Die Thematik des heutigen Abends ist eine besonders schwierige. Schwierig nicht nur wegen der Komplexität des Inhalts, den zu besprechen ich mir vorgenommen habe, schwierig nicht nur wegen des politisch brisanten, emotionsgeladenen Aspekts und den scharfen Angriffen die von politisch links stehenden Autoren gegen die Theosophische Bewegung  durchgeführt werden – sondern schwierig vor allem, weil die Theosophischen Gesellschaften in Deutschland es seit mindestens über einem Jahrzehnt versäumt haben, den Angriffen durch wirksame Richtigstellung über die Sichtweise und Haltung der Theosophischen Gesellschaft in der Frage der so genannten „ Rassen“ der Menschheit zu antworten. Es gibt inzwischen eine große Anzahl ernst zu nehmender Veröffentlichungen (vor allem im Internet) die dem Ruf der Theosophischen Gesellschaft schweren Schaden zufügen. Ich bin gebeten worden kurz über folgende wichtige Veröffentlichung zu informieren.( Einen Ausdruck dieser Publikation habe ich mitgebracht, den ihr euch dann nach Vortragsende ansehen könnt.)

 

 „ Brennpunkt Esoterik – Okkultismus, Satanismus, Rechtsextremismus“  - unter diesem Titel hat die Behörde für Inneres der Stadt Hamburg – Arbeitsgruppe Scientologie eine 190 Seiten umfassende Abhandlung über ihre Sichtweise der Esoterik zum Besten gegeben – zum „erzieherischen Jugendschutz“, wie es im Vorwort heißt. Einer der Autoren befand es offenbar für angebracht, den Teil 3 der Abhandlung (Überschrift: Rechtsradikalismus in der Esoterik) mit einem Kapitel „Theosophie“ zu beginnen, dem jede TheosophIn anmerkt, dass sein Autor über Dinge schreibt mit denen er sich nun wirklich nicht ausreichend beschäftigt hat, weshalb er in einem Nebel von Vorurteilen stecken bleibt, über den er gerne aufklären möchte, ohne sich selbst über das Wesen der Theosophie aufgeklärt zu haben. Auch unsere Leihbücherei und damit ganz direkt unsere Gruppe erwähnt er, allerdings ohne sie der Theosophischen Gesellschaft Adyar zuordnen zu können. Nicht einmal diese Differenzierungen zwischen den verschiedenen theosophischen Gesellschaften nimmt er vor. Er kolportiert m.E. eben jene Vorwürfe linksradikaler bzw. radikal-aufklärerischer Kritiker denen jede Form von Spiritualität ein Dorn im Auge ist. 

 

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Die verleumderischen Vorwürfe besonders linker Kreise lauten auf einen Nenner gebracht: Die Theosophie sei rechtsextrem, sie sei rassistisch, sie wäre angeblich rassistischer Vorläufer völkischer Esoteriker in Deutschland und Österreich des ersten Drittels des 20 Jahrhunderts , welche wiederum dem Nationalsozialismus die rassistischen Ideen geliefert haben sollen. Wie man erkennen kann, haben die Vorwürfe viel mit Geschichte und wenig mit Gegenwart zu tun. Wir können nun den Beitrag zu der amtlichen Publikation „Brennpunkt Esoterik“ als Triumph der jahrelangen Verleumdungen und der Hetze gegen die „Theosophie“ und auch gegen die „Anthroposophie“ verstehen, dürfen aber nicht unsere eigene Verantwortung am Zustandekommen solcher Statements übersehen.

Wir haben auf diese krassen Vorwürfe meiner Erkenntnis nach nicht reagiert, sie nicht widerlegt, haben die Theosophie nicht verteidigt, haben der Öffentlichkeit nicht ausreichend vermittelt, was Theosophie wirklich ist. Wir dürfen daher von den ehrlichen Kritikern der Theosophischen Bewegung – über die unehrlichen lohnt es nicht zu reden – auch keine Kritiken erwarten, die unserer Bewegung gerecht werden. Von einem Kritiker zu verlangen, er solle sich doch erstmal viele Jahre mit dem Durchdenken der Geheimlehre beschäftigen und sie erst dann beurteilen, wäre reichlich viel verlangt. 

 
Ich möchte hier noch einmal  unterstreichen, dass ernsthafte und sachliche Kritik, so scharf sie auch immer formuliert sein mag, den wirklichen TheosopInnen wie z.B. Annie Besant immer willkommen war und oft sogar von Ihnen eingefordert wurde. Sachliche Kritiker wurden und werden von TheosophInnen nie als Gegner betrachtet, sondern als Gesprächspartner, die uns zum kritischen Nachdenken über uns selbst, über unsere Theosophische Gesellschaft usw. anregen. Kritiker sind erfreulicher Weise immer unbequem und gerade deshalb von uns als Dialogpartner erwünscht. Mein heutiger Vortrag soll einen wesentlichen, theosophischen Beitrag zur Diskussion liefern, soll andere Theosophen ermutigen, ebenfalls in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen, um nachzuweisen:

Wir Theosophen sind keine Rassisten und keine Rechtsextremisten! 
Wir vertreten keine rassistischen oder rechtsextremen Lehren! Theosophie und Rassismus und jede Art von Extremismus schließen einander aus.



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Wie kam es zu der bisher versäumten wirkungsvollen Stellungnahme der TheosophInnen? Die Theosophischen Gesellschaften in Deutschland sind kleine Vereine mit jeweils nur wenigen Mitgliedern, die sich in der Regel weder für  ideologisch motivierte Angriffe gegen unsere theos. Bewegung interessieren, noch die Neigung verspüren, sich mit ungerechten Vorwürfen auseinanderzusetzen.

Außerdem pflegen TheosophInnen seit der Gründung unserer Gesellschaft immer wieder die spirituellen Disziplinen „Ahimsa“ und „Satyagraha“.  „Ahimsa“ heißt so viel wie „Nicht-Verteidigung“ – Verteidige immer nur andere, aber nie dich selbst! So könnte man den spirituellen Grundsatz beschreiben, nachdem TheosophInnen auch im Angesicht schwerwiegendster Anschuldigungen leben wollen, und bereit sind, für dieses Ideal Schmerz und Leid in Kauf zu nehmen. Sie verlassen sich dabei auf jene andere spirituelle Disziplin „Satyagraha“ – das heißt soviel wie „die Kraft der Wahrheit“ bzw. „die Wahrheit wird sich am Ende durchsetzen!“ Diese Ideale sind sehr edle. Und wenn es eine Chance gäbe, auf diesem Wege der Öffentlichkeit zur Erkenntnis zu verhelfen, was Theosophie wirklich ist und was sie nicht ist, so hätte ich diesen Weg auch eingeschlagen. Doch in unserem extrem materialistischen Zeitalter, dem Wahrheitsliebe, die Liebe zum Guten und Edlen abhanden gekommen zu sein scheinen, befürchte ich, dass sich die Wahrheit erst so spät durchsetzen würde, dass die Theosophische Bewegung dann nur noch in Abhandlungen über die Geschichte der Esoterik eine Rolle spielte. Die echte theosophische Bewegung darf aber nicht untergehen! Sie ist einzigartig und unersetzlich! Zuviel hängt von ihrem Überleben ab.





Bevor ich mich nun der eigentlichen Thematik zuwende, möchte ich noch einmal hervor heben:

Der Vortrag stellt zunächst meine persönlichen Auffassung dar, von der ich hoffe, dass sich damit möglichst viele TheosophInnen thematisch auseinander setzen, und die Richtigkeit meiner Darstellungen erkennen. Nirgendwo stelle ich einen anderen Wahrheitsanspruch, als den, der sich als normale Erkenntnis aus dem logischen Durchdenken der theos. Lehren für mich schlüssig ergibt. Ich erhoffe mir einen innergesellschaftlichen und außergesellschaftlichen Diskurs, an dessen Ende ich entweder in meinen Auffassungen bestätigt oder aber widerlegt werde. Sollte mein Vortrag also ungewollt einen dogmatischen Eindruck hervorrufen, dann nur deshalb, weil ich das Thema von seiner ihm innewohnenden Notwendigkeit her entwickle und in meiner Überzeugung nicht schwankend bin.

 

Zunächst werden wir uns allgemein damit zu beschäftigen haben : Was ist überhaupt Theosophie ? Was ist das Wesen der Theosophischen Gesellschaft ? Was sind Theosophische Lehren und wie verhalten wir uns zu ihnen ? Dann werden wir untersuchen, was heute allgemein unter Rassismus verstanden wird, werden uns mit der Frage beschäftigen: Was sind Wurzelrassen? Schließlich wird uns eine Auswahl brisanter Textstellen aus den Werken namhafter theosophischer Autoren beschäftigen. Wir wollen hier nach bestem Wissen und Gewissen nach einer befriedigenden Erklärung solcher Textstellen suchen, und werden uns abschließend die Antwort auf die Frage ansehen, ob es nicht Textstellen gibt von denen wir uns distanzieren müssen.

 

Eine Theosophische Bewegung gibt es nachweisbar seit vielen Jahrhunderten. Die erste Gesellschaft die diesen Namen trug, wurde, wie Helena Blavatsky berichtet, bereits im 3.Jahrhundert u.Z. von Ammonius Sakkas, dem eigentlichen Begründer des Neuplatonismus geschaffen. In anderen Zeiten und Kulturen trug die theosophische Bewegung andere Namen. Die Theosophie und die Theosophische Bewegung sind ein fester Bestandteil der menschlichen Kultur, wie auch schon die Philosophie oder Theologie.



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Der Theosophie vorzuwerfen, sie sei rassistisch, ist daher genauso unsinnig, wie der Philosophie Rassismus vorzuwerfen. Wie außerordentlich mangelhaft unsere zeitgenössische Kritik an der Theosophie eigentlich ist, bemerken wir aber nicht nur daran, dass sie die historische und kulturelle Dimension der Theosophischen Bewegung noch nie wirklich bemerkt hat. Ganz unsinnig werden alle Vorwürfe, wenn wir aufzeigen , wie von den klassischen Theosophen unserer Gesellschaft Theosophie tatsächlich beschrieben wird. Beschreibungen gibt es verschiedene – definieren lässt sich Theosophie ja nicht. Die beste mir bekannte Darstellung bietet Franz Hartmann, den ich hier ausführlich zitieren möchte.

 

„Das Wort „ Theosophie“ ist zusammengesetzt aus dem griechischen Theos (Gott) und Sophia (Weisheit) und bedeutet höchste Weisheit, oder die Selbsterkenntnis Gottes im Menschen. Sie ist die Selbsterkenntnis des Wahren, die nicht auf Hörensagen, Beobachtungen, Schlussfolgerungen, meinen, Dünken, Wähnen, Fürwahrhalten, sondern auf dem Offenbarwerden „Der Wahrheit“ im eigenen Inneren beruht, und dadurch stattfindet, dass der Mensch zum wahren Selbstbewusstsein der ihm innewohnenden höheren Natur gelangt, wenn diese in ihm lebendig wird. Sie hat folglich nichts mit Phantasien, Träumereien und Hirngespinsten zu tun; sie ist über alle Verstandesspekulationen erhaben und wird deshalb vom Apostel Paulus in seinem Briefe an die Korinther „okkult oder verborgen genannt, nicht weil man sie irgendjemand verbergen oder verheimlichen wollte, sondern weil nicht jeder reif dazu ist, sie zu erfassen. Sie kann nicht aus Büchern gelernt werden, sondern man findet sie nur dort im eigenen Inneren, wo das Licht, das aus den Höhen des Weltalls stammt, sich in der Seele des Menschen, der dafür empfänglich ist, widerspiegelt….“                                (Franz Hartmann, Theosophie- was sie ist und was sie nicht ist , Schatzkammerverlag, o.J., S. 3-4)


 
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Aus diesem Text des Franz Hartmann geht folgendes hervor:

1. Theosophie ist im Inneren des Menschen, ist sein wahres, sein höheres Wesen. Es ist das Licht des Weltalls, die Sonne im eigenen Inneren, die sich uns mitteilt als Helligkeit (das ist die göttliche Weisheit) und Wärme (das ist die göttliche Liebe). Sie ist nur durch Selbsterkenntnis d.h. durch Offenbarwerden der Wahrheit im eigene Inneren erreichbar. Selbsterkenntnis bedeutet aber auch, das ich selbst derjenige sein muss, der sein wahres Selbst erkennt. Niemand anderes kann das für mich tun. Daher ist Theosophie auch der Weg eines radikal ethischen Individualismus. Was Theosophie wirklich ist kann mir niemand lehren, auch Helena Blavatsky nicht. Kein Buch, kein Ritual, kein Meister kann es mir sagen. Ich muss es selbst herausfinden. Man kann sie erleben z.B. als ein plötzliches oder auch anhaltendes beglückendes Erhobensein, eine Erweiterung des Verständnisses, eine plötzliche Erkenntnis ( ein großer Aha-Effekt) verbunden mit überfließender Liebe zu anderen Menschen, Tieren, Pflanzen.

Um den ethischen Individualismus zu verdeutlichen, möchte ich den vielleicht etwas selbstherrlich klingenden Satz aufstellen:

Was Theosophie ist, das weiß noch niemand, es sei denn, der die Liebe und die Weisheit Erkennende. Für diesen gilt: Theosophie ist, was ich aus eigener Erkenntnis für Theosophie befinde!


Das hinduistische Synonym für Theosophie sagt das alles in einem Wort : Atmavidya d.h. die Weisheit und Liebe die aus Atma strahlt. In der christlichen Theosophie Meister Eckeharts wird Atma auch der Gottesfunke im Menschen genannt.

 

2. Es wird in der Beschreibung Franz Hartmanns deutlich, dass Theosophie, Theosophische Lehren und Menschen die Theosophie in sich zum Leben zu erwecken suchen völlig verschiedene Dinge sind. Die Theosophie ist immer das Primäre, theosophische Lehren sind dagegen sekundär. Theosophie gibt es nur im Inneren des Menschen, und kann in Worten nicht mitgeteilt, sondern nur beschrieben werden. Die Worte können von der Theosophie ausgehen, enthalten aber selbst keine Theosophie. 

 

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So enthalten theosophische Bücher auch keine Theosophie sondern nur theosophische Lehren, und bei weitem nicht alles, was in theosophischen Büchern steht, ist auch theosophische Lehre. Wer in sich das göttliche Licht erweckt hat, kann über Theosophie sprechen. Wer in sich theosophische Lehren im Denken lebendig gemacht hat, kann über theosophische Lehren sprechen, aber eben nicht über die eigentliche Theosophie. Und wer theosophische Lehren auswendig lernt und darüber spricht, redet immer nur von einem intellektuellen Zerrbild theosophischer Lehren.

Worüber mögen die Kritiker der Theosophie dann wohl sprechen?

Fakt ist, dass keine der Kritiken, die ich bisher zu Gesicht bekam, diese Differenzierung vornimmt. Sie alle schreiben über Theosophie und verstehen darunter ausschließlich die Form „Theosophischer Lehren“, die sich ihnen aus ihrem Lesen der Geheimlehre ergibt . Und das wiederum vermengen sie dann mit der Theosophischen Gesellschaft, die sie auch nur selten differenzieren. Es entgeht ihnen meistens, dass es mehrere Theosophische Gesellschaften gibt, die sich auch in der Auffassung der Theosophischen Lehren, vor allem aber in der Verehrung Blavatskys und im Wahrheitsanspruch unterscheiden. 

Um es an dieser Stelle nochmals deutlich zu sagen: Die Theosophische Gesellschaft Adyar, der wir die Ehre haben anzugehören, lehnt alle absolut klingenden Wahrheitsansprüche grundsätzlich ab. Kein Lehrer und kein Schriftsteller, von H. P. Blavatsky angefangen, hat irgend eine Autorität, seine Lehren und Anschauungen anderen Mitgliedern aufzudrängen. Jedes Mitglied hat das volle Recht, sich beliebigen Lehrern und beliebigen Schulen des Denkens nach freier Wahl anzuschließen, aber es hat kein Recht, seine Wahl anderen Mitgliedern aufzuzwingen.

Bereits an dieser Stelle bröckeln alle Kritiken in sich zusammen, die da behaupten die Theosophie sei rassistisch oder rechtsextrem. Wie wenig wissen Kritiker über Theosophie Bescheid, die solche unsinnigen Sätze bilden. Ich denke, es ist nun bewiesen:


 
Theosophie ist nicht rassistisch oder rechtsextrem! Sie kann es ihrem Wesen nach gar nicht sein!


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Nun wollen wir aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Wir wollen über die unzureichende Recherche, über die mangelhaften Formulierungen der Kritiker hinwegsehen, und die notwendige Differenzierung in den Kritiken nachträglich selber vornehmen. Daher werden wir dort, wo sie von „Theosophie“ sprechen, versuchen zu erraten, ob sie gerade „Theosophische Lehren“ oder „Theos. Bewegung“ meinen.          Denn neben unsinnigen Formulierungen gibt es in einigen Kritiken, wie in dem Buch „Brennpunkt Esoterik“, auch sehr wichtige Argumente, die uns berühren und nachdenklich machen.

Wenden wir uns deshalb der Betrachtung der Theosophischen Gesellschaft zu. Die theosophische Bewegung ist, wie ich schon sagte, eine über viele Zeiten und Kulturen ausgedehnte. Wie müssen unsere Betrachtung auf jene Zeit beschränken, ab welcher die theos. Bewegung mit dem Namen Helena Blavatskys verbunden ist. Die theosophisch Bewegung dieses Zeitabschnittes (von 1875 bis heute) umfasst neben den verschieden theosophischen Gesellschaften, auch einzelne Gruppen, Zentren, Personen . Aus ihr gingen modifizierte und erweiterte Strömungen hervor, wie z.B. die Anthroposophie, die Org. der Alice Bailey, das Rosenkreuzertum Max Heindels u.v.a., deren jeweilige Zugehörigkeit zur theosophischen Bewegung umstritten ist. Unumstritten theosophisch sind dagegen alle Gesellschaften welche direkt aus der Urgesellschaft Helena Blavatskys hervorgingen und die drei ursprünglichen Ziele vertreten.

Ich möchte aber heute Abend ausschließlich in Bezug auf unserer Theosophische Gesellschaft Adyar sprechen. Unsere drei Ziele sind:

1.Einen Kern der allumfassenden Bruderschaft der Menschheit zu bilden ohne Unterschied von Rasse, Glauben, Geschlecht,

2.Zum vergleichenden Studium von Religion,
Philosophie und Wissenschaft anzuregen.


3.Die Erforschung ungeklärter Naturgesetze
und der latenten Kräfte im Menschen.

Die Ziele sind seit den Tagen Blavatskys gültig. Sie sind nicht zufällig so nummeriert. Es ist mit der Nummerierung eine Gewichtung der Ziele ausgedrückt. Das aller wichtigste Ziel ist das erste : Einen Kern der allumfassenden Bruderschaft der Menschheit zu bilden ohne Unterschied der Rasse, des Glaubens, des Geschlechts usw. Die Aufzählung der Unterschiede dient nur der Betonung, welche Unterschiede man in besonderem Maße durch die Bruderschaft der Menschheit zu überwinden anstrebt, aber eigentlich ist gemeint – ohne irgendwelchen Unterschied. Und das Wort allumfassend bedeutet, das alle Wesen, also auch Tiere und Pflanzen in die Bruderschaft miteinbezogen sind.

Allein dieses erste Ziel ist das einzige, was jeder Mensch der Mitglied der Theosophischen Gesellschaft werden will, anerkennen muss. Nichts anderes braucht er anzuerkennen – keine theos. Lehre, keinerlei theos. Schrift, keinerlei Autorität auch Helena Blavatsky nicht, auch irgendeinen Meister nicht – nur dieses Ziel:                 Die Bruderschaft der Menschheit ohne jeden Unterschied, ohne den Unterschied der Rasse usw.!

Dieses Ziel ganz allein konstituiert die Theosophische Gesellschaft. Sie ist zur Erfüllung dieses Zieles gegründet worden und ohne dieses Ziel hat sie keine Existenzberechtig-ung! Die beiden anderen Ziele sind lediglich Hilfsmittel zur Erfüllung des ersten Zieles, sind auf die Bruderschaft der Menschheit hingeordnet.

Auf jedem Flyer der Theos.Gesellschaft Adyar, in jeder Ausgabe unserer Zeitschrift sind die 3 Ziele abgedruckt, in jeder Homepage unserer Gesellschaft im Internet finden sie sich . Wir dürfen daher von jedem Kritiker verlangen, dass er wenigstens so rechtschaffen ist, dass er unser erstes Ziel mindestens erwähnt. Wo ein Kritiker dies nicht macht, bezeichnet alleine schon dieser Umstand den Wert seiner Recherche.

 

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Die Verwirklichung der Bruderschaft der Menschheit ohne Unterschied der Rasse usw. unter Einbeziehung aller Wesen leitet die theosophische Lehre von der spirituellen Einheit allen Seins , der Einheit aller Wesen in ihrem göttliche Anteil, ihrem Gottesfunken ab. Im Göttlichen, das im Innersten jedes Wesens verborgen leuchtet, sind alle Wesen eins. Und aus jenem göttlichen Zentrum her strahlt die altruistische und darum göttliche Weisheit und Liebe – Theosophie genannt – in das menschliche Fühlen und Denken hinein.

Die lebendige Idee allumfassender Bruderschaft und Theosophie sind das Selbe! Sie ist das Zentrum jedes Menschen, das Zentrum der Theosophischen Gesellschaft, das Zentrum der gesamten Theosophischen Lehre!                        Mit welchem Aspekt theosophischen Lebens man sich auch immer befasst, es wird nur von diesem Zentrum aus richtig verstanden. Welche theosophische Lehre man auch durchdenkt – richtig gedacht wird sie nur vom 1. Ziel ausgehend.

Daher existiert dieses Ziel nicht einfach seit über 130 Jahren als edle Formulierung nur auf dem Papier! Theosophen auf der ganzen Welt haben sich mit Taten für die Verwirklichung der Bruderschaft der Menschheit eingesetzt. Angefangen von Helena Blavatskys und Henry Steel Olcotts öffentlichen Übertritt zum Buddhismus, A.P.Sinnetts politischen Einsatz zur Gründung des Indischen Nationalkongresses, bis hin zu Annie Besants Eintreten für die Autonomie Indiens haben Theosophen den Religionen Asiens einen nicht zu unterschätzenden Dienst erwiesen.

In einer Zeit tiefster Depression der asiatischen Kultur, als die Menschen Asiens an allem zu zweifeln begannen, was in ihreren Kulturen wertvoll und heilig war, als die Mischung aus extremer christlicher Missionierung und rassistischem Kolonialismus des Britischen Imperiums im Begriff waren, ihre Herrschaft auch psychologisch und damit endgültig den Menschen Asiens aufzudrücken, da betratet die kleine Schar Theosophen unter Führung Helena Blavatskys indischen Boden. Sie riefen eine ungeheure Bewußtseinsänderung unter den Hindus und Buddhisten hervor, indem sie als weiße Europäer in grenzenloser Hochachtung vor der traditionellen Philosophie und Religion Indiens, die völlige Überlegenheit der alten Religionen Asiens bewiesen.



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Durch die Kraft ihrer Gedanken und ihres Beispiels gaben sie den asiatischen antikolonialistischen Freiheitsbewegungen Aufschwung, denn zum ersten Mal erschien vor allem den Indern ihre Kultur mit den Errungenschaften der europäischen Moderne vereinbar. Die indische Intelligenz schuf nach dem Vorbild der Theosophen jene religiös-fortschrittliche Weltanschauung, die sie geistig das europäische Bildungs- und Religionsmonopol überwinden lies. Hier dürfen wir besonders auf Henry Steel Olcott verweisen, der vor allem auf Ceylon den in Verfall geratenen Buddhismus reformierte und hierfür einen buddhistischen Katechismus schrieb , der in über zwanzig Sprachen übersetzt wurde.

Wir dürfen weiterhin auf die vielen Tätigkeiten der Theosophen auf den Gebieten des Erziehungswesens und der sozialen Reformbewegung zeigen. 1898 gründete Annie Besant das legendäre Central Hindu College in Benares, das später zur Universität ausgebaut wurde. Hier gehörte erstmals der Unterricht in der Hindureligion zur allgemeinen Ausbildung. Es wurden auch Schulen zur Ausbildung für Kinder der sog. Kastenlosen eingerichtet.


Neben den vielen sozialen Projekten der Theosophischen Gesellschaft hatte diese, unter der Präsidentschaft Annie Besants nicht den gewerkschaftlichen Kampf für die Rechte der Arbeitnehmer in Indien vergessen. Ihr Mitarbeiter, der Theosoph B.P.Wadia gründete mit ihrer Unterstützung 1918 den Arbeiterverband von Madras, den er selbst auch leitete. Dies war die erste feste Organisation der indischen Arbeitnehmer mit Mitgliederlisten, Beiträgen, Streikkasse etc.. Er gilt heute als  d e r  Ausgangspunkt der gesamten indischen Gewerkschaftsbewegung, auch wenn W.P. Wadia die Härten des Arbeitskampfes unterschätzte.

Die Theosophische Gesellschaft trat gegen Kinderheirat, für Beseitigung des Kastenwesens und für die Verbesserung der Lage der Witwen auf. Sie richtete in Indien Mutter-Kind-Stationen ein – zur kostenlosen medizinischen Betreuung junger Mütter und ihrer Kinder.

Annie Besant kämpfte mit großem Einsatz für die Autonomie Indiens in einem neuen Commonwealth , einem Bund gleichberechtigter Staaten die freiwillig für das Gemeinwohl ihrer Bürger zusammenarbeiten.

Sie wurde dafür zusammen mit Wadia vom rassistischen Kolonialismus in britische Konzentrationslager verschleppt, aus denen sie aber nach kurzer Zeit durch massive internationale Proteste befreit wurde. Unmittelbar darauf wurde sie aus Sympathie von den Aktivisten der indischen Freiheitsbewegung zur Präsidentin des Indischen Nationalkongresses gewählt. Das war die letzte gemeinsame Aktion aller Parteien, die damals dem Kongress angehörten.


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Die soziale Arbeit in der dritten Welt wurde seit Gründung der Theosophischen Gesellschaft ein fester Bestandteil ihres Wesens.

Die Theosophische Gesellschaft Adyar ist Mitunterzeichner der Weltethoserklärung des Parlamentes der Weltreligionen 1993 in Chicago.         Sie ist eine der wenigen Organisationen, deren Oberhaupt (Radha Burnier) die Erklärung persönlich unterzeichnet haben. Sie gehört auch zu den wenigen Organisationen, welche die dort aufgezeigten Werte seit ihrer Gründung immer vertreten haben. Die Werte der Weltethoserklärung sind konkretisierte theosophische Ideale. Die Verurteilung von Rassismus und Diskriminierung ist Bestandteil des schriftlich vereinbarten Weltethos.

Die Theosophische Gesellschaft ist eine weltweite. Ihre Mitglieder sind mit Menschen aus allen Regionen und vielen verschiedenen ethnischen Gruppen fest befreundet. Das sollte als Beweis ausreichen:

Die Theosophische Gesellschaft ist nicht rassistisch ! Wer etwas gegen Rassismus hat, der ist bei uns richtig! Wir sind auch gegen Rassismus!

 

Kommen wir nun zu den Theosophischen Lehren. Die Theosophischen Lehren sind ein gewaltiges System  von Aussagen, deren Wahrheitsgehalt  für die Mitglieder der Gesellschaft  meistens nicht überprüfbar ist, zumindest vorläufig nicht. Sie sollen auch gar nicht geglaubt oder einfach für wahr gehalten werden, sondern maßvoll aber gründlich durchdacht werden. Denn das Durchdenken der Lehren ist selbst schon eine Art Yoga.

 

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Wie Helena Blavatsky aufzeigt, werden durch gründliches Studium theosophischer Texte „neue Gehirnpfade“ ausgehauen, oder anders gesagt: das physische Gehirn verändert sich im Verlaufe des Studiums. Deshalb rät sie im Studium Maß zuhalten, nicht zu übertreiben. Viele Studenten kennen kleine Auswirkungen solcher Überbeanspruchung des Denkens z.B. als Schwindelgefühl, Kopfschmerzen, das Verblassen der sinnlichwahrnehmbaren Umgebung u.v.a. (Sie kennen natürlich vor allem auch die positiven Effekte: Verlebendigung des Denkens, verbesserte Aufmerksamkeit für spirituelle Tatsachen, das Herauswachsen aus bisherigen einfachen Glaubensformen usw.).

Eine kritische Diskussion über Theosophie mit Nichttheosophen könnte daher sehr schnell zur Überlastung ihrer aber auch unserer Gehirnstrukturen führen. Darum ist von solchen Vorhaben zum Schutz der Gesundheit eher abzuraten.


Das System unserer Lehren ist um die spirituelle Einheit allen Seins herum aufgebaut. Es dient ausschließlich als Hilfsmittel zur Beschreitung jenes spirituellen Weges, den wir den theosophischen Pfad nennen können. Die Hauptpraxis dieses Pfades ist daher die tätige Bruderschaft aller Wesen, die aus der Einheit allen Seins resultiert. Durch tätige Bruderschaft entwickeln wir selbstlose Liebe und Weisheit, läutern unsere menschliche Konstitution bis in die Körperzellen herab, und werden so nach und nach fähig, die spirituellen Wahrheiten zu schauen. Keine Art von Meditation, kein Studium theosophischer Bücher kann diese theosophische Hauptpraxis ersetzen. In den Theosophischen Lehren finden wir Landkarten , Wegweiser, Warnungen, Ratschläge für unseren spirituellen Weg. Wir können sie beherzigen oder unberücksichtigt lassen, wie wir es für richtig halten. Kein Theosoph ist an irgendeine Theosophische Lehre gebunden, oder verpflichtet eine solche anzuerkennen, mit der einzigen Ausnahme der Bruderschaft der Menschheit ohne Unterschied der Rasse usw.. So herrscht in der Theos.Gesellschaft eben auch völlige Gedankenfreiheit, und kein einziger Theosoph ist z.B. an die so genannte Wurzelrassenlehre gebunden.



Die Bruderschaft der Menschheit konstituiert also auch das System Theosophischer Lehren.



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Um diesen Kern des Systems herum sind die einzelnen Lehren angeordnet. Ich gebe mal einen Überblick darüber, wo sich in diesem Gesamtsystem eigentlich die so genannte Wurzelrassenlehre befindet. Daran kann man dann ermessen, welche Bedeutung den Aussagen über Wurzelrassen im Gesamtsystem zukommt.:  

Die zentral wichtigen Lehren sind z.B. die sieben Prinzipien des Menschen und des Kosmos, Reinkarnation und Karma, die nachtodlichen Zustände, der spirituelle Pfad uva. Weniger zentral, und darum auch weniger in theosophischen Gruppen durchdacht, ist die umfangreiche Lehre von der spirituellen Evolution. Hierzu gehört die Monadenlehre, die Lehre von den Hierarchien im Kosmos, die Lehre von den Wiederverkörperungen der Planeten, die Lehre von den Globen uva.. Der Teil der Evolutionslehren der uns heute Abend besonders interessiert ist die Lehre von der menschlichen Evolution die eng verknüpft ist mit der Lehre vom Entstehen und Vergehen der Erde. Die Lehre von der menschl. Evolution untergliedert sich wiederum in die Lehren über die Evolution auf früheren Verkörperungen unseres Planeten einerseits und auf seiner jetzigen Verkörperung andererseits. Die Lehre von der Evolution auf der jetzigen Verkörperung des Planeten Erde untergliedert sich in sieben Globenrunden, man könnte auch sagen in sieben große Zeitabschnitte. Der mittelste dieser Zeitabschnitte, die 4. Globenrunde schließlich ist jener Teil der menschlichen Evolution ,der gemäß der Lehre in sieben so genannte „Wurzelrassen“ gegliedert wird.

Ich denke, man kann an meiner Aufzählung erkennen, dass der Wurzelrassenlehre im theosophischen Gesamtsystem nur ein geringer Stellenwert zukommt, das sie eine Lehre ist, die ganz am Rande des Systems angesiedelt ist. Egal also wie unsere Beurteilung der Wurzelrassenlehre letztlich ausfällt, wir können bereits an dieser Stelle sagen:



Das Gesamtsystem Theosophischer Lehren ist nicht rassistisch!


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Bevor wir nun die eigentliche Wurzelrassenlehre betrachten, um sie auf ihren etwaigen Rassismus hin zu prüfen, sollten wir uns zunächst mit der Frage beschäftigen:


Was ist denn eigentlich Rassismus? Das 1995 im Herder Verlag herausgegebene Staatslexikon definiert Rassismus:

Zitat:

"Rassismus ist ein Komplex von drei Grundideen: 1.Die Menschheit ist von Natur in unterschiedliche Gruppen mit typischen körperlichen Merkmalen geteilt. 2. Diese körperlichen Merkmale sind maßgeblich für Eigenart, Kultur, Verhaltensweisen und Intelligenz des Menschen, 3. dieses genetische Erbe bewirkt, das bestimmte Gruppen zwangsläufig anderen überlegen sind, und umgekehrt."


Rassismus entstand in allen Teilen der Welt nicht nur in Europa. Er entwickelte sich z.B. auch unter Han-Chinesen, Äthiopiern, und Schwarzafrikanern gegenüber den Pygmäen. Rassismus war und ist immer mit kulturellen Überlegenheitskomplexen verbunden. Daher ist der sogenannte „weiße“ Rassismus jener der aktuell die meisten Probleme schafft, denn er verbindet sich mit der wissenschaftlich-technischen Überlegenheit der westlichen Welt.

Ab dem 18.Jhd. entwickelten sich in Europa die Wissenschaften mit stark zu nehmender Geschwindigkeit. Metaphysische Begründungen der Überlegenheit ethnischer Gruppen traten zurück und aus dem Bestreben der Aufklärung den Standort des Menschen in der Natur zu definieren wurde der biologische Rassismus begründet. Es war die Aufklärung  mit ihrem Widerwillen gegen die Religion, welche mit Messen und Vergleichen von Tier- und Menschengruppen wie z.B. in der Phrenologie (Schädelvermessung) und Physiognomik (Gesichtsdeutung) jene Form der Anthropologie hervorbrachte, die später zur wissenschaftlichen Grundausstattung des Rassismus des 3. Reichs werden sollte. Auf dem Weg ins 3. Reich verband sich der Rassismus der Aufklärer mit den Lehren Darwins, der modernen Rassenlehre Benjamin Disraeli, Arthur Gobineaus ( m.E. der erste der mit Begriff „arische Rasse“ operierte) und schließlich Housten Steward Chamberlin. Damit habe ich in groben Zügen die Linie der ideellen Entwicklung aufgezeigt, die allein für den Rassismus der Nationalsozialisten  bestimmend war, was diese selbst auch immer betonten.


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Es gab aber auch noch eine andere, eine esoterische Entwicklung. In dem umfangreichen Werk Helena Blavatskys „Die Geheimlehre“ beschreibt sie in Band 2, der den Titel "Anthropogenisis" trägt einen okkulten, mystischen Ursprung so genannter Wurzelrassen.

Bei deutschsprachigen Esoterikern, wie z.B. dem österreichischen Autor Guido v. List wurde die Geheimlehre gründlich missverstanden. Sie waren vor ihrer Beschäftigung mit der Geheimlehre bereits Rassisten durch ihre Verbindungen zum Alldeutschen Verband und den Ideen Arthur Gobineaus und wussten manche Aussage Blavatskys nicht anders zu deuten, als eben rassistisch, d.h. im Sinne ihrer eigenen,rassistischen Gedankenwelt. List übernahm vermutlich viele Kosmologische Lehren aber auch die Wurzelrassenlehre in sein eigenes System, das neugermanisch war und heute allgemein Ariosophie genannt wird. Er berief sich jedoch darauf, diese Lehren aus eigenem mystischen Erberinnern erworben zu haben. Wenn wir diese Aussage Lists ernst nehmen, dann haben Theosophische Lehren mit seinen Lehren keinen Zusammenhang, stammen aus verschiedenen Quellen und ähneln sich in einigen Punkten. Die eigentliche Strömung dieses in seiner Bedeutung weit überschätzten esoterischen Rassendenkens führt aber über Julius Langbehns Buch „Rembrandt als Erzieher, zu Guido v. List, Lanz v. Liebenfels, Karl Maria Willigut in das SS-Ahnenerbe - der einzige Ort an dem dieser esoterische Rassismus irgendeine Wirkung im 3. Reich entfalten konnte.

Der international bekannte Historiker George Mosse schreibt in seinem 1978 erschienen Buch „Geschichte des Rassismus in Europa“ in Kapitel 8, „Das Geheimnis der Rasse“:

Zitat:

„List ist niemals weit verbreitet gewesen. Seine Bedeutung liegt darin, dass zu Beginn des 20 Jhd. eine Gruppe von Intellektuellen, die sich „kosmische Philosophen“ nannten, seine Ideen übernahmen.“

(Rez. EG: G. Mosse: Die Geschichte des Rassismus in Europa)


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List wird auch heute nur selten gelesen. Der von ihm begründete Armanenorden existiert aber nach wie vor. Inwiefern der heutige Armanenorden rassistisches Gedankengut pflegt oder nicht vermag ich nicht zu beurteilen (Es ist aber doch sehr wahrscheinlich so.) Angesichts der unsachlichen Propaganda, die gegen diese kleine Vereinigung gemacht wird, mit dem Ziel sie in der öffentlichen Meinung zu vernichten, verspüre ich manchmal eher die Neigung auf Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit und Fairnes in der Auseinandersetzung zu bestehen.



Der Historiker George Mosse kommt gegenüber der Theosophie zu folgender Schlussfolgerung:

Zitat:

„Die Theosophie selbst war nicht rassistisch., sie war eigentlich die erste europäische Bewegung, die den Indern zeigte, dass ihre Religion dem Christentum überlegen war.“

Wir sehen auch Mosse kann Theosophie, Theosophische Bewegung und Theosophische Lehren nicht auseinander halten.

Das eine vom rassischen Denken Gobineaus geprägte deutsche Esoterik Themen aus der Geheimlehre adaptiert, und in eigenen Gedankensystemen weiter verarbeitet, wundert uns Theosophen eigentlich nicht. Denn es gibt Anfang des 20. Jhd kaum eine okkulte bzw. esoterische Strömung, die nicht in irgendeiner Form von Theosophischen Lehren beeinflusst war. Und in Deutschland gab es auch wiederum Theosophen die vom Vaterländischen Gedanken beeinflusst, und von der germanischen Religion unserer Vorfahren fasziniert waren. Mir scheint das in der Zeit des dt. Kaiserreiches und auch in der Weimarer Republik ganz normal zu sein. Diesen historischen Kontext übersehen fast alle Kritiker. Außer dieser kurzen Berührung zwischen den Theosophischen Lehren und der Theosophischen Bewegung mit der Ariosophie in Österreich und Deutschland kann man keinen Zusammenhang zwischen beiden herstellen. Und unsere Theosophische Gesellschaft Adyar hat das Glück an solchen Berrührungen keinerlei Anteil zu haben. Andere Theosophische Gesellschaften können das so nicht behaupten. Wir dürfen bei alldem auch nicht aus den Augen verlieren das die Theosophische Bewegung eine internationale ist und sich ihre Geschichte nun wirklich nicht auf den dt. Sprachraum Anfang des 20.Jhd. beschränkt.

 

Nach diesem kurzen Ausflug in die Geschichte wollen wir uns nun der Frage zu wenden, ob die Wurzelrassenlehre, wie wir sie bei Helena Blavatsky finden, rassistisch ist oder nicht. Daher muss ich den wesentlichen Inhalt dieser Lehre zusammenfassend schildern. Zunächst aber möchte ich darauf eingehen, wie Helena Blavatsky ihre Texte gemeint hat. Wir finden im ersten Band der Geheimlehre folgende Aussage Blavatskys über die Theosophischen Lehren:

Zitat:

"Diese Wahrheiten werden in keinem Sinne als eine Offenbarung vorgebracht; noch beansprucht die Verfasserin die Stellung einer Enthüllerin einer jetzt zum ersten Male in der Weltgeschichte veröffentlichten lehre. Denn der Inhalt des Werkes findet sich in Tausenden von Bänden zerstreut, in den Schriften der großen asiatischen und der alten europäischen Religionen, verborgen unter Hieroglyphe und Symbol, und wegen der Verhüllung bisher unbeachtet gelassen.. Nun mehr wird der Versuch gemacht, die ältesten Lehren zu sammeln und aus ihnen ein harmonisches unzerstückeltes Ganzes zu machen. Nur insofern ist die Schreiberin besser dran als ihre Vorgänger, dass sie nicht zu persönlichen Spekulationen und Theorien ihre Zuflucht nehmen brauchte. Denn dieses Werk ist eine teilweise Darlegung dessen, was ihr selbst von weiter fortgeschrittenen Schülern gelehrt worden, nur in einigen Einzelheiten ergänzt durch die Ergebnisse eigenen Studiums und Beobachtens."



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Wir erkennen an diesem Textabschnitt folgendes: Helena Blavatsky stellt in der Geheimlehre keinen absoluten Wahrheitsanspruch. Sie behauptet nicht, die spirituelle Lehren der theosophischen Meister direkt wiederzugeben. Sondern sie stellt in eigener Verantwortung ihre eigenen Forschungsergebnisse vor, und möchte vom Leser nicht anders behandelt werden, als ähnliche Autoren, die vor ihr bereits über ihre eigenen Forschungen auf diesem Gebiet veröffentlicht haben.

Sie betont, dass der Inhalt der Geheimlehre weder als bloße Spekulation noch als Offenbarung genommen werden soll. Niemand soll ihren Ausführungen einfach Glauben schenken. Es geht darum selber zu erkennen und der Glaube an Theosophische Lehren steht der eigenen Erkenntnis im Wege.

Die Theosophischen Lehren sind aber m.E. ein so gewaltiges, gerade auch für Spezialisten auf dem Gebiet des Okkulten verblüffendes System, dass reines Lesen und Durchdenken die innere Autonomie des Lesers gefährden kann.  Bei längerer Beschäftigung wird man automatisch der Versuchung begegnen, fehlende Wahrnehmungsmöglichkeiten durch Glauben zu ersetzen. Dieser Glaube ist dann aber immer ein Glaube an unsere eigenen Vorstellungen, die sich beim Lesen der Geheimlehre in unserem Kopf so gebildet haben, Vorstellungen die notwendig immer etwas Falsches sein müssen, an die wir eben nicht gläubig festhalten dürfen.

Helena Blavatsky wusste das. Sie hat darum auf eine systematische Darstellung des Theosophischen Lehrsystems verzichtet und es so ungeordnet niedergeschrieben, dass daraus kein Glaubenssystem gemacht werden kann. Denn um es insgesamt zu verstehen, muss man sehr lange nachdenken. Dieses Nachdenken entwickelt uns jedoch soweit, dass wir irgendwann an Glaubenssystemen keinen Gefallen mehr finden. Theosophische Lehren sind also nichts für denkunwillige Menschen, sondern für mutige, starke Individualisten, die nicht einem Offenbarungsglauben oder gar einem Personenkult verfallen wollen. Daher hat Helena Blavatsky viele ihre Aussagen nicht auf Zustimmung des Lesers hin geschrieben, sondern auf dessen Widerspruch. Sie wollte, dass der Leser ihr widerspricht, um aus eigenen Denken zu eigenen Ansichten zu kommen. Das entspricht auch ihrem Temperament – sie drückt sich oft sehr überspitzt, angriffslustig und scheinbar rücksichtslos aus. Sie wollte nicht Sektenmitglieder gewinnen, sondern selbständige, eigenverantwortliche Gefährten und Mitarbeiter. Daher gehört kritisches Denken zum theosophischen Weg unmittelbar dazu. Es garantiert geistige Freiheit gegenüber den Theosophischen Lehren und Lehrern.



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Weiterhin muss der historische Kontext in dem Helena Blavatsky lebte berücksichtigt werden.Die Theosophischen Lehren, die sie zusammen trug und überprüfte, drückt sie in der Sprache und im Verständnis ihrer Zeit, dem letzten Drittel des 19 Jhd. aus, um den damaligen wissenschaftsbegeisterten Publikum auch plausibel zu sein. Hierbei greift sie bei Schilderung der Evolution des Menschen in scharfer Kritik an Darwins Evolutionsvorstellungen auf die Wissenschaftssprache der Anthropologie und Paläontologie zurück, die damals vielleicht modern , heute aber schon reaktionär sind. Dem heutigen kritischen Leser der Geheimlehre, der kein Verständnis für geschichtliche Zusammenhänge hat, kommt daher die Geheimlehre insgesamt reaktionär vor.

Doch versucht Helena Blavatsky eben Theosophische Lehren als Vereinigung von Philosophie, Wissenschaft und Religion zu repräsentieren. Damals war diese Vereinigung in der Geheimlehre vermutlich geglückt, heute darf der wissenschaftliche Teil daran als weit überholt betrachtet werden. Besonders schwierig erscheinen uns heute jene Aussagen der Geheimlehre, wo Helena Blavatsky der allgemeinen Vorstellungsfähigkeit unzugängliche Entwicklungen aus der spirituellen Frühzeit unseres Planeten in ihren Beschreibungen mit biologischen Merkmalen, ähnlich der Paläoontologie zu versinnbildlichen sucht. Wir müssen uns ganz besonders hier bewusst sein, dass es sich in diesen Darstellungen mehr um Sinnbilder handelt, die aber mit den materialistischen, biologistischen Begriffswelten damaliger Anthropologie und Paläontologie zusammen schwimmen und nur schwer auseinander zu halten sind. M.E. hat Helena Blavatsky hier einen folgenschweren Fehler begangen, indem sie die Wissenschaft ihrer Zeit in ihre Darstellungen zu sehr eingebunden hat. Über einhundert Jahre später lässt sich so etwas natürlich leicht sagen.


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Heute müssen wir aber feststellen, dass die genetische Forschung bewiesen hat, die genetische Variabilität zwischen den so genannten Menschenrassen beträgt nicht einmal 0,1%, d.h. zu 99,9% ist die DNA aller heutigen Menschen gleich. Daher darf man heute als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis aussprechen:



Es gibt objektiv überhaupt keine biologischen Menschenrassen! Aber es gibt die Idee der Menschenrassen mit ihren sozialen Auswirkungen!

Wenn wir aber, dieser Diskussion um die Nichtexistenz der Menschenrassen auf dem Gebiet der Biologie austragen, kommen wir m.E. nicht von der Diskriminierung der menschlichen Persönlichkeit los. Denn gerade als Theosophen müssen wir sagen:

Die Betrachtung des Menschen nach seiner DNA ist genau wie die Zuordnung des Menschen zu Gruppen mit bestimmten biologischen Merkmalen eine Diskriminierung der menschlichen Individualität. Geist und Seele können nicht von der Biologie abgeleitet werden. Rassismus wird nicht durch genetische Wissenschaft überwunden, sondern durch die Wahrnehmung des anderen Menschen, wenn ich ihm seelisch und geistig begegne. Denn dann sehe ich das Menschliche, wie das Gute in ihm und diese Erkenntnis wird mich von meinen Vorurteilen frei machen. Ich denke viele Theosophen können das aus ihrem Erleben mit Mitgliedern aus allen Teilen der Welt bestätigen.



Um nun die Wurzelrassenlehre zu beschreiben, müssen wir wieder vom Zentrum der Theosophischen Lehren ausgehen – der Einheit allen Seins.

Diese Einheit ist begründet von höchsten spirituellen Ebenen, von denen wir als spirituelle Monaden( d.h. ungeteiltes Ganzes)ausgegangen sind, zu denen wir zurück kehren werden. Bildlich könnte man sagen : Bevor das Universum entstand, gab es bereits und gibt es heute nach wie vor eine Art gewaltige spirituelle Sonne. Sie sprüht fortwährend unzählige Funken aus, die auf tiefere Ebenen des Alls herabfallen und sich dort verkörpern als Sonnen, Planeten, Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien, Atome usw. In uns ist dieser Funke das, was der christlich-theosophische Mystiker Meister Eckehart den Gottesfunken in uns nennt, was in der indischen Philosophie Atma genannt, und in den Theos. Lehren Monade genannt wird.



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Ob sich eine Monade nun als Pflanze oder Mensch verkörpert, hängt vom Stand ihrer spirituellen Entwicklung ab.

Um es deutlich zusagen: das System Theosophischer Lehren ist konsequenter spiritueller Monismus. Das Geistige, Spirituelle ist sein universales Erklärungs-prinzip. So geht die Evolution der Menschheit immer aus dem Spirituellen in das Physische hinab vor sich und nie umgedreht. Beim einzelnen Menschen bedeutet das: Niemals sind seine Gene für seinen Charakter bestimmend,  sondern vor allem seine seelisch, geistige Entwicklung , die wiederum sehr stark von den vielen Menschen in seiner Umgebung, vom Milieu bedingt ist. So ist es auch nicht der sterbliche Körper, den wir vorübergehend angenommen haben, als einen von vielen, die wir im Laufe unserer Evolution so bilden, der am Menschen das Wesentliche ist, sondern es ist sein unsterbliches Wesen, das jeden Menschen konstituiert.                                            Geist und Seele sind der eigentliche Mensch!

In der Lehre von der Evolution der Menschheit wird das Durchwandern der spirituellen Monaden im ewigen Wechsel von Leben und Tod durch die verschiedenen Seinsebenen unseres Planeten mit den Wogen eines Meeres verglichen. Das heißt die Evolution ist eigentlich ein stufenloser Prozess, der  in den Darstellungen dieses Prozesses aber trotzdem in Perioden und abzählbaren Entwicklungen eingeteilt wird, um den Gang der Evolution zu veranschaulichen.

7 große Wogen der Monaden umrunden die Erde. Eine solche Umrundung wird Globenrunde genannt. In der vierten Globenrunde befinden wir uns derzeit. Jede solche Globenrunden wird in sieben Entwicklungsetappen  eingeteilt. Bei unserer Globenrunde benennt Helena Blavatsky diese Entwicklungsetappen Wurzelrassen. „ Wurzel“ nennt sie diesen Evolutionsabschnitt, weil sie alle Evolution mit einem Baum vergleicht, der im Geistigen wurzelt und ins Physische hinein wächst. Das Wort  „Rasse“ verwendet sie in dem Sinne, wie das Wort in der englischen Sprache verwendet wird. (die Russin H.P.Blavatsky schrieb ihre Werke in englischer Sprache!) Das englische Wort „Race“ bedeutet nämlich überhaupt nicht „Rasse“ im Sinne des deutschen Rassismus und Antirassismus. „Race“ bedeutet Menschengeschlecht oder auch Art.



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Interessant ist das in der englischen Sprache „Race“ auch Lauf bedeuten kann, denn Helena Blavatsky spricht immer davon, dass die Monaden eine Runde, eine Entwicklung durchlaufen. Das Bild von den 7 Wogen würde so auch besser verständlich. Wurzelrassen sind also Menschengeschlechter, Menschheiten deren wahres Wesen im Geistigen wurzelt und die auf nichtphysischen, halbphysischen und physischen Ebenen unseres Planeten Entwicklungen durchlaufen. Es ist jedoch der Geist welcher die physischen Formen evolviert, die veränderlich sind und sich weiterhin verändern werden. Wie werden die 7 Wurzelrassen nun genau beschrieben ?

Die durchschnittliche Lebensdauer einer Wurzelrasse beträgt etwa 9 Millionen Jahre. Eine entwickelt sich jeweils eine Wurzelrasse aus der anderen.

Die 1. Wurzelrasse hat keinerlei physischen Körper ,Merkmale sind: Entwicklung des Gehörsinns, ohne Vernunft, geschlechtslos.
Die 2. Wurzelrasse entsteht aus der 1.bringt erste Formbildungen eines physischen, „knochenlosen“ Körpers hervor Merkmale: Entwicklung des Tastsinns, ohne Vernunft, asexuell, Vermehrung durch Zellteilung ;
3.Wurzelrasse ( die so genannte lemurische) : entwickelt einen physischer Körper mit Knochenbau, Merkmale: Entwicklung des Sehsinnes, Erwachen mentaler Fähigkeiten, androgyn u. später Trennung der Geschlechter ( vor 18 Millionen Jahren), Vermehrung durch Ei-bildung (kein Witz, steht da wirklich so).
4.Wurzelrasse (atlantische) : Entwicklung des physischen Körpers vergleichbar dem heutigen Körper nur viel größer, Entwicklung der Sprache, der Intellektualität, der Zivilisation ,gleichzeitig der Magie – Untergang der Zivilisation durch Missbrauch magischer Kräfte;
5. Wurzelrasse ( so genannte arische)ist im „hohen Norden“ vor ca. 1 Million Jahre entstanden, vollständige Entwicklung der Vernunft; zukünftige
6.Wurzelrasse entsteht in tausenden Jahren in Amerika durch Verschmelzung aller „Rassen“, Überwindung der Selbstsucht



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Ich kann euch heute Abend nur einen kurzen Überblick über diese Lehren geben. Sie wirklich gedanklich zu durchdringen, würde mehrere Abende ausfüllen. Solange man aber dieses Gedankensystem nicht wirklich durchdrungen hat, bleiben immer nur die Textstellen im Gedächtnis hängen, zu denen man sich irgendeine Vorstellung schon bilden kann. Kein Wunder also, dass Kritiker, welche Esoterik an sich schon ätzend finden, an Reizwörtern wie „arische Rasse“ und ähnlichem hängen bleiben. Auch ich habe in meinem Überblick solche Merkmale genannt, die einem Zuhörer doch wenigsten irgendetwas sagen. Und das sind eben oft Merkmale die wir mit sinnlich wahrnehmbaren Dingen z.B. der Anthropologie verbinden können.

Deutlich wird aber aus meiner Darstellung doch, dass Blavatsky mit dem Begriff Wurzelrassen verschiedene Arten meint, wenn man z.B. überlegt, dass sich die 2. Wurzelrasse noch durch Zellteilung vermehrt. Blavatsky wies auch immer wieder daraufhin, das die früheren Wurzelrassen Nr. 1-3 mit nichts wirklich vergleichen lassen, was es an Lebewesen heute gibt., das wir uns von der heutigen Vorstellung die wir vom menschlichen Wesen in unserer zeitgenössischen Allgemeinbildung haben, ganz trennen müssen, um zu verstehen, wovon sie spricht. Ich behaupte deshalb:



Der größere Teil der Wurzelrassenlehre Helena Blavatskys ist nicht rassistisch!



Für die Beurteilung was Helena Blavatsky unter Ariern verstand, möchte ich eine Begriffserklärung Helena Blavatskys aus dem „Lexikon der Geheimlehren geben:

Zitat:

"Arya, wörtlich“ der Heilige“, war ursprünglich der Titel von Rishis; von denen die die Aryanasatya gemeistert und den Aryamarga-Pfad zu Nirvana oder Moksha betreten hatten, den großen „vierfältigen“ Pfad. Heute jedoch ist der Name zum Beinamen einer Rasse(Menschengeschlecht)geworden, und die Orientalisten haben die hinduistischen Brahmanen ihres Geburtsrechtes beraubt und aus allen Europäern Arier gemacht."



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Der Begriff Arier bedeutet aus dem Sanskrit übersetzt „edel“. Gemeint ist, wie wir bei Helena Blavatsky lesen können, „edel“ aufgrund spiritueller, ethischer Entwicklung, und nicht etwa „edel“ aufgrund biologischer Merkmale. Genau diese europäische Haltung kritisiert sie im o.g. Zitat.

 Kommen wir nun aber zum kleineren Teil dieser Wurzelrassenlehre, zu jenem , den wir bisher noch nicht betrachtet haben. Es gibt Textstellen in den Büchern theosophischer Klassiker , welche von den Kritikern zu recht angeführt werden, da sie öfter rassistisch interpretierbar sind, aber manchmal auch die Kriterien erfüllen, die echten Rassismus ausmachen. Diese Textstellen sind auch der einzige Grund, weshalb ich in unserer Betrachtung immer wieder die sachlichen Kritiker erwähne, weil dies ihr einziges echtes Argument ist, dass nicht schon bei oberflächlicher Prüfung in sich zusammenfällt. Es zwingt uns über solche Textstellen nicht mehr hinweg zu lesen ( insofern es heute überhaupt Theosophen gibt, welche die Geheimlehre studieren), sondern, motiviert durch das Ideal der Bruderschaft der Menschheit, solche Stellen unserer Kritik zu unterwerfen. Deshalb sage ich es hier und überall und immer wieder gern:



In der Ablehnung solcher Textstellen gibt es zwischen mir und den Kritikern der Theos. Lehren keine zwei Meinungen!

Ich erkläre, wo immer sich in theos. Schriften rassistische Textstellen finden lassen,  sind diese Stellen im Geist der Bruderschaft der Menschheit scharf abzulehnen, egal von wem auch immer diese Texte geschrieben wurden.

Rassistische Textstellen sind ein Tor zur schwarzen Magie. Wir müssen diese Tore schließen und versiegeln.



Wahrscheinlich hätte ich auch sagen können,  w i r  Theosophen lehnen solche Textstellen ab. Denn ich weiß ja, dass niemand von uns Rassismus gut heißt.



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Aber wir müssen uns zuerst die Textstellen in Ruhe betrachten, und dann jeweils zu einer eigenen Haltung kommen, natürlich nicht schon heute Abend. Es muss der Urteilskraft und dem Verständnis jedes Theosophen überlassen sein, eine eigene Position im Laufe längerer Zeit zu finden. Ich bin diskursorientiert, und möchte nicht mit ganz viel moralischem Wind im Rücken belehren oder gar überreden.

Daher will ich nun eine kleine Auswahl bedenklicher Textstellen vorlesen, und wir können dann im Gespräch gemeinsam überlegen inwiefern sie rassistisch sind oder nicht. Wenn ihr selbst solche Textstellen wisst, könnt ihr sie natürlich auch vortragen.


Für die Wurzelrassenlehre strukturell wichtig ist folgende Aussage Helena Blavatskys:

Geheimlehre Bd. 2, S. 452:

"Möge sich der Leser gut an das erinnern, was über die Einteilungen der
Wurzelrassen und die Entwicklung der Menschheit in diesem Werke gesagt und
in Herrn Sinnetts Geheimbuddhismus klar und deutlich festgestellt ist.


1. Es giebt sieben Runden in jedem Manvantara; diese Runde ist die vierte, und
wir sind gegenwärtig in der fünften Wurzelrasse.
2. Jede Wurzelrasse hat sieben Unterrassen.
3. Jede Unterrasse hat ihrerseits sieben Verzweigungen, welche ,,Zweig“- oder ,,
Familien“-Rassen genannt werden können.
4. Die kleinen Stämme, Schößlinge und Schößlingsabzweigungen der letzteren
sind zahllos und hängen von der Wirkung des Karma ab.
Prüfet den hier beigefügten Stammbaum, und ihr werdet verstehen. Die
Zeichnung ist rein diagrammatisch und beabsichtigt nur, dem Leser in der
Erlangung einer ungefähren Auffassung des Gegenstandes behilflich zu sein
inmitten der Verwirrung, die unter den Ausdrücken besteht, die zu verschiedenen
Zeiten für die Einteilungen der Menschheit benutzt worden sind. Es wird hier
auch versucht, in Zahlen - aber nur innerhalb von Näherungsgrenzen zum
Zwecke der Vergleichung - die Zeitdauer auszudrücken, durch die es möglich
wird, eine Einteilung von der anderen bestimmt zu unterscheiden. Es würde nur
zu hoffnungsloser Verwirrung führen, wenn irgend welcher Versuch gemacht
würde, für einige wenige genaue Daten zu geben; denn die Rassen, Unterrassen
u. s. w., herab bis zu ihren kleinsten Verzweigungen greifen übereinander und
sind gegenseitig verstrickt, bis es nahezu unmöglich ist, sie zu trennen.


Das Menschengeschlecht ist einem Baume verglichen worden, und dies ist wunderbar zur Erläuterung geeignet.
Der Hauptstamm eines Baumes kann der Wurzelrasse (A) verglichen werden.
Seine größeren Äste den Verschiedene Unterrassen; sieben an Zahl (B
s. w).
Auf jedem dieser Aste sind sieben ,,Zweige“ oder ,,Familien“-Rassen (c).
Darnach ist die Kaktuspflanze eine bessere Darstellung, denn ihre fleischigen ,,
Blätter“ sind mit scharfen Stacheln besetzt, von denen ein jeder einer Nation oder
einem Stamme von Menschenwesen verglichen werden kann.
Nun hat unsere fünfte Wurzelrasse - als eine Rasse ihrer Art und ganz frei von
ihrem väterlichen Stamm - schon seit ungefähr 1000000 Jahren existiert; daher
muß geschlossen werden, daß eine jede von den vier vorhergehenden
Unterrassen annähernd 210 000 Jahre gelebt hat; somit hat jede Familienrasse
ein durchschnittliches Dasein von ungefähr 30 000 Jahren, und somit hat die ,,
europäische Familienrasse“ noch gar manches Jahrtausend zu durchlaufen,
obwohl die Nationen oder die unzählbaren Stacheln auf ihr mit jeder
aufeinanderfolgenden ,,Jahreszeit“ von drei- oder viertausend Jahren sich
ändern. Es ist etwas auffallend, die verhältnismäßige Übereinstimmung der
Dauer zwischen dem Leben einer ,,Familien-Rasse“ und eines siderischen
Jahres zu bemerken."


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Diese Textstelle ist erstmal nicht rassistisch, zeigt aber eine Struktur in der Wurzelrassenlehre Blavatskys auf, in der die 7 "Unterrassen" der heutigen "Wurzelrasse" in 7 Familienrassen gegliedert werden, die wiederum in verschiedene Nationen ausgebildet sein sollen. Zunächst wäre schon einmal zu bemerken, dass Nationen kein ethnisches Gebilde sind, sondern ein politisches. An diesem Fehlgriff in der Sprache der Geheimlehre, kann man m.E. erkennen,dass Helena Blavatsky die populäre, völlig unklare Pseudowissenschaftssprache ihrer Zeit zu nutzen sucht, um spirituelle Ideen die mit den abendländischen Begrifflichkeiten nichts zu tun haben, in dieselben einzukleiden. Welches sollen auch die 7 X 7 "Nationen" sein, welche die "Rassenfamilie" d.h. Menschenfamilie bilden ? Mit den politischen Realitäten der Gegenwart, und auch schon mit denen des 19 Jahrhunderts haben solche Aussagen keinerlei Übereinstimmung. Es ist wohl einer der Punkte, an denen der Ariosoph Guido v. List strukturell ansetzt, um seine Hierachie der Rassen und Nationen aufzubauen. Von einer Hierachie der Nationen ist allerdings bei Helena Blavatsky meiner Kenntnis nach nirgends die Rede. Betrachten wir nun:


Geheimlehre Bd. 2 S.205 :


"Wie kann dann der Occultismus darauf bestehen, daß ein Teil der Menschheit der vierten Rasse Junge erzeugte mit Weibchen einer anderen, nur halbmenschlichen, wenn nicht ganz tierischen Rasse; und daß die aus dieser Vereinigung hervorgehenden Hybriden sich nicht nur selbstständig fortpflanzen, sondern auch die Ahnen der heutigen menschenähnlichen Affen hervorbrachten? Die esoterische Wissenschaft erwidert hierauf, daß dies beim ersten Anbeginne des physischen Menschen der Fall war. Seit damals hat die Natur ihre Verfahren geändert, und Unfruchtbarkeit ist das einzige Ergebnis des Verbrechens der menschlichen Bestialität. Aber wir haben selbst heute noch Beweise dafür. Die Geheimlehre lehrt, daß die spezifische Einheit der Menschheit selbst jetzt nicht ohne Ausnahmen ist. Denn es giebt, oder gab vielmehr noch vor wenigen Jahren, Abkömmlinge dieser halbtierischen Stämme oder Rassen, sowohl von entferntem lemurischen als auch lemuro-atlantischen Ursprung. Die Welt kennt sie als Tasmanier (jetzt erloschen), Australier, Andamaneninsulaner u. s. w. Die
Abstammung der Tasmanier kann nahezu nachgewiesen werden durch eine Thatsache, welche Darwin in ziemliches Erstaunen versetzte, ohne daß er imstande gewesen wäre, irgend etwas daraus zu machen. Diese Thatsache verdient Beachtung.
De Quatrefages und andere Naturforscher, welche Monogenesis eben durch die Thatsache zu beweisen suchen, daß jede Rasse der Menschheit fähig ist, sich mit jeder anderen zu kreuzen, haben aus ihren Berechnungen spezifische Einheit der Menschheit selbst jetzt nicht Ausnahmen ausgelassen, welche in diesem Falle die Regel nicht bestätigen. Menschliche Kreuzung mag seit der Zeit der Trennung der Geschlechter eine allgemeine Regel gewesen sein, aber dies hindert nicht, daß sich ein anderes Gesetz geltend macht, nämlich Unfruchtbarkeit zwischen zwei Menschenrassen, geradeso wie zwischen zwei Tierspezies von verschiedener Art, in jenen seltenen Fällen, wo ein Europäer, der sich herabließ, in einem Weibe eines wilden Stammes eine Genossin zu sehen, zufällig ein Mitglied eines solchen gemischten Stammes erwählt.

Darwin bemerkt einen solchen Fall bei bei einem tasmanischen Stamme, dessen Weiber plötzlich in Masse von Unfruchtbarkeit betroffen wurden, einige Zeit nachdem unter ihnen europäische Kolonisten angekommen waren. Der große Naturforscher versuchte diese Thatsache durch einen Wechsel der Lebensweise, der Nahrungsbedingungen u. s. w. zu erklären,gab aber schließlich die Lösung des Geheimnisses auf. Für den Occultisten ist[13]  sie sehr klar. „Kreuzung“, wie es genannt wird, von Europäern mit
Tasmanierinnen - das ist mit Vertreterinnen einer Rasse, deren Vorfahren ein
„seelenloses“ und gemütloses Ungeheuer und ein wirklicher menschlicher,wenn auch noch ebenso gemütloser Mensch waren - brachte Unfruchtbarkeit mit sich; und dies nicht nur als Folge eines physiologischen Gesetzes, sondern auch als ein Gesetz der karmischen Evolution in der Frage des weiteren Überlebens der abnormalen Rasse. In Bezug auf keinen Punkt des Obigen ist die Wissenschaft bis jetzt bereits zu glauben - aber sie wird es am Ende müssen.

Die esoterische Philosophie, daran wollen wir uns erinnern, füllt bloß die von der
Wissenschaft übrig gelassenen Lücken aus, und berichtigt ihre falschen
Voraussetzungen."


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Erinnern wir uns an das, was uns als Theosophen das Heiligste ist: das Ideal einer die gesamten Menscheit , einer allumfassenden Bruderschaft (Geschwisterschaft) ohne jede Ausnahme, ohne Ausnahme der Rasse! Ich wiederhole noch einmal was hier im Text steht:

"Die Geheimlehre lehrt, daß die spezifische Einheit der Menschheit selbst jetzt nicht
ohne Ausnahmen ist. Denn es giebt, oder gab vielmehr noch vor wenigen
Jahren, Abkömmlinge dieser halbtierischen Stämme oder Rassen, sowohl von
entferntem lemurischen als auch lemuro-atlantischen Ursprung."

Wir müssen uns entscheiden zwischen dieser Textstelle und der allumfassenden Bruderschaft der Menschheit, die unsere Gesellschaft und das System theosophischer Lehren konstituiert ! Die Entscheidung sollte nicht schwer fallen!

Es gibt keine Ausnahmen von der allumfassenden Bruderschaft bzw. Geschwisterschaft der Menscheit!

( starke Zustimmung der Anwesenden )

Es gibt keine halbtierischen Menschen, der Abstammung d.h. den Genen nach! Die hier genannte "Geheimlehre" ist nicht identisch mit den Theosophischen Lehren!                  Mit "spezifischer Einheit" ist hier vermutlich die heutige "Wurzelrasse" gemeint. Helena Blavatsky spricht hier von den Australiern und nennt die Tasmanier insbesondere. Ich habe euch ein paar Bilder von Tasmaniern mitgebracht - ausgedruckt aus der Internet-Enzyklopädie wikipedia, und gebe euch das mal zum Ansehen.Das sind nun die Menschen von denen behauptet wird, sie seien Nachfahren halbtierischer Rassen Lemuriens. Seht selbst!:

                         hier anklicken: Tasmanier /wikipedia

Zwischenbemerkung (Mitglied der TG): " Sie sehen vollkommen normal wie jeder andere Mensch aus!"

Weiterhin wird behauptet, dass eine Vermischung mit Europäern zu Unfruchtbarkeit geführt hätte, welche zum Aussterben der Tasmanier geführt habe. In Wahrheit ist es genau umgedreht ! Die einzigen Nachfahren der Tasmanier, die heute noch leben sind Nachfahren einer tasmanischen Frau und eines europäischen Mannes. Also genau umgedreht, als es die "Geheimlehre" behauptet!

Zwischenruf (Mitglied der TG): " Das stimmt auch gar nicht, dass die Tasmanier deswegen ausgestorben sind. Sie sind von den europäischen Einwanderern alle ermordet worden!"

Es hat ein Genozid an den Tasmaniern stattgefunden, und nicht nur an den Tasmaniern!


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Wir finden solche Textstellen allerdings nicht nur in der " Geheimlehre" für die Helena Blavatsky verantwortlich zeichnet, sondern auch bei anderen theosophischen Autoren des 19 Jahrhunderts, z.B. bei William Quan Judge in seinem Buch "Das Meer der Theosophie"(1893). Er schreibt:

"Die Fortdauer der Naturvölker, der Aufstieg und der Verfall von Nationen und Zivilisationen, das völlige Aussterben von Völkern – alles verlangt eine Erklärung, die nur in der Reinkarnation gefunden werden kann. Naturvölker existieren noch immer, weil noch Egos vorhanden sind, deren Erfahrung so beschränkt ist, dass sie eben noch primitiv sind. Sie werden in entwickeltere Rassen eintreten, sobald sie soweit sind. Rassen sterben aus, weil die Egos genug von den Erfahrungen gesammelt haben, die die betreffenden Rassen bieten können. So sehen wir die Indianer, die Hottentotten, die Bewohner der Osterinseln und andere als Beispiele für Rassen, die von hohen Egos verlassen wurden. Nach ihrem Aussterben traten andere Seelen, die in der Vergangenheit noch kein höheres Leben entwickelt hatten, in die Körper dieser Rassen ein und benutzten sie, um jene Erfahrungen zu sammeln, die diese Rassen bieten können. Eine Rasse kann nicht aufsteigen und dann plötzlich erlöschen. Wir sehen, dass das nicht der Fall ist. Die Wissenschaft hat aber keine Erklärung dafür. Sie stellt einfach fest, dass die Nationen aussterben. Mit dieser Feststellung wird jedoch weder der innere Mensch noch werden die verborgen wirkenden okkulten Gesetze berücksichtigt, die sich vereinigen um eine Rasse zu bilden. Die Theosophie zeigt, dass die zusammengezogene Energie sich nur langsam erschöpft und dass deshalb die Erzeugung der Körper dieses Rassentyps weitergeht, obwohl die Egos nicht gezwungen sind, diese Art von Körpern länger zu bewohnen, wenn sie auch entwicklungsmäßig zu dieser Rasse gehören. Daher kommt eine Zeit, wo die ganze Menge der Egos, die die Rasse aufbaute, diese für eine ihnen physisch ähnlichere Umgebung verlässt. Die Ökonomie der Natur lässt aber ein plötzliches Verschwinden der physischen Rasse nicht zu. Daher kommen entsprechend der Naturordnung andere und weniger entwickelte Egos, bewohnen die vorhandenen Körperformen und setzen die Erzeugung neuer Körper fort, in jedem Jahrhundert jedoch immer weniger. Diese niedrigeren Egos können mit den von den anderen Egos gesammelten Energien nicht in gleichem Maße umgehen, und deshalb gewinnt die neue Gruppe so viel Erfahrung wie möglich, stirbt dann aber mit der Zeit aus, nachdem sie ihre Abstiegsphase durchlaufen hat. Das ist die richtige Erklärung für das, was wir als den Abstieg in die Primitivität bezeichnen können, und keine andere Theorie wird diesen Tatsachen gerecht. Die Ethnologen denken manchmal, dass die zivilisierteren Rassen die anderen auslöschen, aber in Wirklichkeit ist es so, dass infolge des großen Unterschieds zwischen den Egos in den Körpern der alten Rassen und der Energie dieser Körper die Frauen von alleine allmählich unfruchtbar werden, wodurch die Geburtenrate langsam aber sicher unter die Sterbeziffer sinkt. China steht im Prozess des Abstiegs, steht auf einer Stufe,in der es sich nicht mehr verändert, bevor der Abstieg beginnt."


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Die Indianer sind nicht einfach ausgestorben! Sie wurden Schritt für Schritt ausgerottet, dezimiert. Richtig ist, das vor allem die Südamerikaner an den Krankheiten gestorben sind, welche die europäischen Einwanderer eingeschleppt haben. In Nordamerika war es aber z.B. so, dass die Felle die den in die Reservate verdrängten Indianern vertragsgemäß geliefert wurden - jagen konnte sie dort ja nicht - bewußt mit Krankheitserregern infiziert wurden. Das ist Massenmord und nicht etwa "Evolution"!

W.Q.Judge war m.E. Kind seiner Zeit. Als Amerikaner hatte er offensichtlich die typische amerikanischen Lebenslüge des 19 Jahrhunderts übernommen, wonach das Aussterben der Ureinwohner irgendwie naturgesetzlich erschien.

Es gäbe noch viele solcher Zitate aus den Werken theosophischer Klassiker, die eben nicht nur so ausgedrückt sind, dass auch geneigte Leser des 21. Jahrhunderts sie gründlich missverstehen können, sondern die auch tatsächlich einen rassistischen Aspekt haben. Wir müssen aus Zeitgründen - es sind inzwischen 3 Stunden vergangen - an dieser Stelle unterbrechen. Die kleine Auswahl an Zitaten genügt auch, um das Problem, das sich uns als TheosophInnen stellt, zu erkennen. Ich hoffe, ich habe euch nicht überfordert. Es war sehr viel für einen Abend. Ich sagte ja schon, dass nicht erwartet werden kann, dass in wenigen Stunden eigene Meinungen zu einem so komplexen Thema reifen können.

Abschließend möchte ich aussprechen, zu welchem Zwischenergebnis ich hinsichtlich des heutigen Themas gekommen bin:

Im Namen der Bruderschaft der Menschheit müssen wir uns von allen Textstellen theosophischer Schriften kritisch distanzieren, die rassistisch interpretierbar sind, egal wer sie geschrieben hat! Alle rassistischen Textstellen, die sich finden lassen sind zu verurteilen! Die Vorraussetzung dafür ist, dass wir sie uns bewusst machen.

Im Namen der Bruderschaft der Menschheit sollten wir die theos. Lehren über die menschliche Evolution aus dem Kontext des Rassendenkens des 19. Jahr-hunderts konsequent heraus lösen und neu strukturieren!                                          Nach den Ereignissen in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts sollte auch der Begriff "Wurzelrasse" ersetzt werden, z.B. durch "Wurzelmenschheit", "Wurzelart", "Wurzeltypus" - wir müssen den richtigen Begriff noch finden! Logischerweise ist es aber nicht mit einem blosen Namenswechsel getan, und auch nicht damit, dass man Textstellen, die uns nicht gefallen, einfach streicht! Es ist auch nicht mehr hinnehmbar, dass Neuausgaben theos. Bücher, die mit solchen Mängeln behaftet sind, weiterhin unkommentiert verlegt werden. In Vor- oder Nachwort, in Fußnoten etc ist auf die Mängel hinzuweisen, und aufzuzeigen , welche Haltung wir bezüglich solcher Textstellen haben!

Im Namen der Bruderschaft der Menschheit sollten wir als deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft (im Endergebnis eines Diskurses) eine Stellungnahme veröffentlichen, in der wir jede rassistische Interpretation unserer alten Bücher verurteilen und deutlich machen, zu welchen Idealen wir bedingungslos stehen!



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(Nachtrag: Hier endete der eigentliche Vortragsabend mit einem Musikstück von J.S.Bach. Die Diskussion um die Textstellen konnte ich leider nur fragmentarisch aus dem Gedächtnis wiedergeben. Es ist also möglich das nicht alles 100% so wiederge-geben ist, wie es im Gespräch gesagt wurde. Auch einige Beiträge wie z.B. die Diskussion um das Verhältnis zwischen Aufklärung und Rassismus, das ein Gast an meinem Vortrag kritisierte, habe ich der Übersichtlichkeit wegen hier nicht rekonstruiert.

Es knüpften sich noch ein paar lockere Gespräche über das Thema an, aber wir Teilnehmer waren dann doch etwas erschöpft.                                                    Die verlesenen Textstellen riefen Erstaunen und Betroffenheit hervor - so  genau hatte von den anwesenden Mitgliedern noch niemand den Bd. 2 der Geheimlehre gelesen. Helena Blavatsky wies ja auch darauf hin, das die Bände der Geheimlehre nicht wie andere Bücher von der ersten Seite fortlaufend bis zur letzten Seite gelesen werden können und auch nicht sollten. Diesem Hinweis folgen Theosophen in der Regel. Die Textstellen waren nicht bekannt! Wir dürfen uns hier bei den sachlichen Kritikern unserer Literatur noch einmal bedanken!

Unsere Gegner aber, welche der theos. Bewegung schwer schaden wollen, muss ich gleich enttäuschen. Wir werden die Thematik "Theosophie contra Rassismus" nicht zum einzigen Thema aller theosophischen Arbeit machen! Wir werden nicht auf jede organisierte Provokation der Gegner antworten, werden uns nicht in eine destruktive politische Diskussion hinein ziehen lassen!

Wir werden die theos. Bewegung nicht polarisieren, sondern mit allen TheosophInnen alle Fragen freundschaftlich, kameradschaftlich, brüderlich besprechen! )

           

                                                                                               R.M.S.




"BRENNPUNKT ESOTERIK" BEHÖRDE FÜR INNERES DER STADT HAMBURG

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             (1884, dt. Übersetzung 1891 durch K.W.)



    




Und einst zu dieser Zeit sank tief erschöpft
Der Prinz zur Erd' in Ohnmacht hin wie tot,   
Wie ein Erschlagner, der nicht Atem mehr,
Noch Blutes Regung in sich hat; so schwach
War er und so bewegungslos. Da kam
Des Weges her ein junger Schäferknab';
Der sah Siddärtha liegen dort mit fest
Geschlossnen Lidern; auf den Lippen lag
Die Spur von namenloser Pein; aufs Haupt
Brannt' ihm des Mittags glüh'nde Sonne; da
Brach Zweige von dem wilden Jambubaum
Der Knab' und flocht zu einer Laube dicht
Sie, zu beschatten ihm das heilige
Gesicht; auch goß er Tropfen warmer Milch
Ihm auf die Lippen, die er preßte aus
Dem Euter seiner Ziege; denn da er
Aus niedrer Kaste stammte, wollt' er nicht
Beflecken durch Berührung einen Mann,
Der ihm so heilig, so erhaben schien.
Doch es erzählen die Legenden uns,
Daß jene Zweige, also eingesteckt,
Empor mit raschem Leben schossen, reich
An Laub und Blüten, und bestreuet dicht
Mit glüh'nden Früchten; wie ein Prachtgezelt
Ward so die Laube, das am Tag der Jagd
Für einen König man errichtet hat,
Von Seide, und mit Silberpfosten schön
Geschmückt und goldnen Knöpfen. Und der Knab'
Hielt ihn für einen Gott und betete                                                                        Ihn an. Und neuen Atem schöpft' der Herr,
Stand auf und bat zu trinken von dem Krug
Des Schäfers;doch der Bursche sprach:„0 nein,
Mein hoher Herr, ich kann ihn geben nicht;
Du siehst, ich bin ein Sudra; es befleckt
Dich die Berührung meinesgleichen schon!"


Der Allverehrte sprach: „In Mitleid und
Bedürftigkeit sind alle Brüder wir.
Und keine Kaste gibt's im Blute, das
Bei allen von derselben Farbe fließt;
In Tränen keinen Kastenunterschied,
Die salzig rinnen bei uns allen; noch
kommt mit dem Tilkazeichen auf der Stirn
Ein Mensch zur Welt, noch mit der heil'gen Schnur
Um seinen Hals. Wer Gutes tut, der ist
Zweimal geboren; wer das Böse tut,
Bleibt immer niedrig. Gib zu trinken mir,
mein Bruder; wenn ich komme an mein Ziel,
Wird dir's zum Heil."
Da war des Knaben Herz
Erfreut, und willig reicht' er ihm den Trank.




   

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Die folgenden Beiträge stammen aus der Adyar Studienausgabe   Helena Petrovna Blavatsky, Die Geheimlehre, zusammengestellt und herausgegeben von Hank Troemel, Edition Adyar im Aquamarin Verlag,   mit freundlicher Genehmigung des Aquamarin Verlages. Einige Punkte die im Vortrag "Theosophie contra Rassismus" nur ganz grob und unentwickelt angedeutet sind, werden von den international bekannten theosophischen Autoren der Gegenwart John Algeo, Robert Ellwood und Hank Troemel mit wissenschaftlicher Präzision entfaltet. Eine zeitgenössische Kritik des Systems theosophischer Lehren wird an einer gedanklichen Durchdringung dieser Abhandlungen nicht vorbei kommen, ohne zu bloser Propaganda herab zu sinken. Die Größe und Bedeutung der Neuausgabe der Geheimlehre Helena Blavatskys durch Hank Troemel - wenn auch in stark gekürzter Form- wird m.E. auch von den deutschsprachigen TheosophInnen noch nicht genügend gewürdigt. Insbesondere mit den, in dieser Ausgabe aufgenommenen, herausragenden Aufsätzen bedeutender TheosophInnen der Gegenwart ist ein wichtiger Durchbruch erzielt worden - ein Durchbruch zu einer zukunftsfähigen Theosophischen Lehre des 21. Jahrhunderts! Eine zukunftsfähige Theosophie, Theosophische Gesellschaft, Theosophische Lehre auch in Mitteleuropa zu schaffen ist die dringenste Aufgabe der Gegenwart, der wir uns zu stellen haben - und auch stellen werden! Darum habe ich zwei besonders wichtige Beiträge dieser wegweisenden Publikation ausgewählt, von denen ich meine, dass sie möglichst weite Verbreitung finden sollten, nicht um unhinterfragt akzeptiert zu werden, sondern um eine kräftige neue Entwicklung anzustoßen.

( Nicht mit allem, was in nachfolgenden Aufsätzen zu finden ist, bin ich auch einverstanden. Die Haltung Hank Troemels gegenüber dem theosophischen Klassiker Franz Hartmann trifft z.B. nicht auf meine Zustimmung.)  

                                                                                                        R.M.S.


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1. "Rassen" und "Wurzelrassen"

Die Theosophie stellt die Geschichte der Menschheit unseres Planeten in sieben großen Evolutionsstufen dar, von denen wir gegenwärtig die fünfte erreicht haben. Weil diese Evolutionsstufen als Urstamm oder Wurzeln aller in ihnen entwickelten Menschen-geschlechter oder ethnischen Gruppen dienen, werden sie u. a. als "Wurzelrassen" bezeichnet. Diese Bezeichnung darf aber nicht mit der alltäglichen Bedeutung des Wortes "Rasse" verwechselt werden: Es gibt keine Übereinstimmung in der Bedeutung der beiden Begriffe.
In der englischsprachigen Welt weist das Wort "race" im allgemeinen Sprachge­brauch auf genetische Gemeinsamkeiten von Bevölkerungsgruppen, ähnliche ana­tomische Charakteristika, eine gemeinsame Kultur oder eine biologische Spezies hin. Die Bezeichnung "Root Race" (Wurzelrasse) hat dagegen eine ganz spezifische Bedeutung. Es sind die sieben großen, Äonen dauernden Evolutionsperioden der Menschheits-entwicklung, die als sog. "Root Races" bezeichnet werden. In jeder die­ser Perioden besitzt die jeweilige Menschheit physische, soziale, psychische, intel­lektuelle und spirituelle Charakteristika, die sie von den Menschheiten der anderen Evolutionsperioden unterscheiden. Und in jeder einzelnen dieser Stufen entwickelt die Menschheit besondere Fähigkeiten, die als notwendige Voraussetzungen für ihren vollständigen Reifungsprozess gelten. Einigen dieser sieben Stufen sind Bezeichnungen aus der Mythologie, der Wissenschaft und der Linguistik gegeben worden, aber das sind nur beliebige Gebrauchsbegriffe, welche auf Gruppen inner­halb der Entwicklungsstufen angewendet werden, ohne der Bedeutung zu entspre­chen, die diese Namen in der Mythologie oder den Wissenschaften haben.

2. Kosmische und individuelle Evolution

Die tatsächliche Bedeutung, die dem Wort `Wurzelrasse" im theosophischen Sprachgebrauch zukommt, kann nur im Zusammenhang und als Teil der gesamten theosophischen Weltanschauung richtig verstanden werden. Ausgangspunkt dieser Weltanschauung oder Betrachtungsweise ist die Vorstellung eines Universums, das sich in immens großen Entstehungs- und Zerstörungszyklen entwickelt, wobei jeder neue Zyklus aus dem jeweils vorangegangenen hervorgeht und dann auf einer neuen Stufe entsteht. Es ist dieser evolutionäre Impuls, der den Fortlauf unserer Menschheitsgeschichte ebenso bestimmt wie die kleineren Zyklen von Kulturen und Völkern sowie die größeren Zyklen von Planeten, Sonnensystemen, Galaxien, Megagalaxien und sogar vom gesamten Kosmos.

Nichts besteht ewig, keine Kulturen, keine "Wurzelrassen" und keine Ga­laxien – sie alle sind als Aspekte der immensen, endlosen zyklischen Fortbewegung einem unaufhörlichen Entstehen und Vergehen unterworfen. Aber innerhalb dieses beständigen Fließens gibt es einen Zusammenhalt durch den individuellen gött­lichen Funken, der "Pilger" oder "Monade" genannt wird (ein griechisches Wort, das "Einheit" bedeutet und als Bezeichnung für das eine, unteilbare und innerste Selbst gilt). Im Verlauf ihrer Pilgerfahrt durchläuft die Monade jede denkbare Existenzform und erfährt alle Daseinszustände durch ihre Wiedergeburt in immer neuen Formen. Zweck dieser enormen Pilgerfahrt ist es, das Bewußtsein, das diese Monade ist, hinzuführen zu einer immer vollständiger werdenden Erkenntnis der eigenen inneren Natur, der eigenen Möglichkeiten und der eigenen Wirklichkeit.

"Wurzelrassen" und ebenso alle Phasen des Weltenprozesses sind nichts weiter als Unterteilungen in einem Entwicklungsprozess, der so immens ist, daß Welten und Galaxien in der Tat zwergenhaft erscheinen. "Wurzelrassen" sind Stationen auf der Pilgerfahrt des sich entwickelnden Bewußtseins der Monade durch die Endlosigkeit von Zeit und Raum. Wir Erdenbewohner haben einst unsere Pilgerfahrt in anderen Welten und anderen, längst vergessenen Existenzbereichen begonnen, und im Lauf der Zeit werden wir diesen Planeten, ja sogar diese Wirklichkeitsebene wieder verlassen und uns anderen Daseinsebenen zuwenden, deren Fülle und Glückseligkeit unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Die theosophische Lehre von den "Wurzelrassen" muß als Teil dieses riesigen kosmischen Evolutionsbildes gesehen werden. Diese "Rassen" sind nicht einfach biologische Gebilde, sondern intellektuelle und geistige Entfaltungsstufen. Wir alle durchwandern im Verlauf unserer langen Pilgerschaft jede einzelne dieser "Wurzel­rassen" und jede einzelne der dazugehörigen "Zweigrassen"– wir haben Anteil an deren Entwicklung, Blüte und Verfall. Wir gehören nicht einer "Wurzelrasse" an, sondern wirken und verwirklichen uns nur – vorübergehend – in ihr.

3. Die Sieben "Wurzelrassen"

Laut dieser Theorie erschien die Erste "Wurzelrasse" auf Erden, als sich unser Planet noch im Zustand des Werdens befand und in der "Ursuppe" die ersten Regungen des Lebens auftraten. Diese frühe Rasse war nicht mehr als ein Schatten des zukünftigen Erscheinungsbildes und der kommenden Entwicklung der Menschheit. In dieser Periode bestand der menschliche Körper aus einem Stoff, der feiner, ätherischer war als unsere heutige feste organische Substanz. Diese Rasse – oder beginnende Menschheit – auf dieser ersten Stufe war weder richtig körperlich noch menschlich in dem Sinn, den diese Wörter heute für uns haben.

Die Zweite, "hyperboräische Wurzelrasse" wurde nach einem Volk aus der grie­chischen Mythologie benannt, das in einem jenseits des Nordwindes liegenden Land in ewigem Sommer lebte. Die metaphorisch als "wässrig" beschriebenen Körper sollen in diesem Entwicklungsstadium weniger ätherisch gewesen sein als die der ersten "Wurzelrasse". Zur Zeit der "Hyperboräer" hatten die im hohen Norden unseres Erdballs zentrierten Landmassen gänzlich andere Formen als heute.

Ähnlich der heutigen Theorie der Kontinentalverschiebung postuliert die Theosophie eine Geschichte unseres Planeten mit ständigen Veränderungen in den Positionen der Landmassen der Erde, wobei in jeder der "Wurzelrassen"-Perioden neue "Kontinente" durch die sich ändernde Verteilung des Festlandes auftreten. Teile des heutigen kontinentalen Festlandes befanden sich einst unter der Meeresoberfläche und werden in zukünftigen Zeiten wieder versinken. Diese Veränderungen finden allerdings in Äonen-langen Zeiträumen statt, deren Auftreten und Dauer der Evolutionsgeschichte der "Wurzelrassen" entspricht.

Von der Dritten "Wurzelrasse", nach einer inzwischen überholten wissenschaft­lichen Theorie des 19. Jahrhunderts auch die "Lemurische" genannt, wird berich­tet, ihr Lebensbereich sei ein im Gebiet des Indischen Ozeans, also südlich von Asien, östlich von Afrika und westlich von Australien gelegener Kontinent gewesen. Vor ca. 18 Millionen Jahren, etwa in der Mitte der Lemurischen Evolutionsperiode, soll dann eine dramatische Verschiebung der Erdachse weitreichende Umgestaltungen im menschlichen Leben auf unserem Planeten verursacht haben. Überliefert ist, daß damals drei einschneidende Veränderungen stattfanden: 1. erreichte der Mensch nun die Stufe vollständiger physischer Körperlichkeit, wodurch seine Evolution in der festen Materie beginnen konnte, wobei 2. die männlich-weibliche Geschlechtertrennung stattfand; letztlich und 3. erschienen hohe, spirituell weit fortgeschrittene Wesen auf der Erde. Sie erweckten den menschlichen Geist und gaben damit der Entwicklung unserer Intellektualität einen Anstoß, einen Impuls, ohne den diese Entwicklung eine enorm lange Zeitspanne gebraucht hätte.

Die Vierte "Wurzelrasse" wurde die "Atlantische" genannt – nach Atlantis, dem berühmten untergegangenen Kontinent Platons. Überlieferungen berichten von verheerenden Umwälzungen und Naturkatastrophen, in denen diese Rasse und ihr Land durch Feuer und Fluten zerstört wurden, und es sind dies zweifellos die Naturkatastrophen, die echogleich in den Erzählungen des Buches Genesis und vie­ler anderer Mythologien über die Geschichte der Menschheit wiedergegeben wer­den. Seit Platon üben die Mythen und Legenden von Atlantis eine große Faszination auf die Menschheit aus, und es ist offensichtlich, daß Atlantis – als Mythos oder Geschichte (es ist wohl beides) – einen starken Wiederhall in der menschlichen Vorstellungswelt findet. Aber wir dürfen die zahlreichen phantasie­vollen Berichte über Atlantis nicht mit der theosophischen Lehre über die Vierte "Wurzelrasse" verwechseln, denn obwohl gewisse Ähnlichkeiten vorliegen (deshald die Bezeichnung "Atlantisch"), sind die Unterschiede doch bemerkenswert.

Die Fünfte "Wurzelrasse" wird gelegentlich auch als die der "Aryas" bezeichnet. Theosophen hatten dieses Sanskritwort im 19. Jahrhundert aus der Philologie über­nommen; es bedeutet "nobel" oder "edel" und wurde von den frühen nach Indien und Iran eingedrungenen Völkerstämmen als Eigenbezeichnung benutzt ("Iran" ist eine Variante des Wortes "Arya"). In der Philologie wurde das Wort als Bezeichnung der Sprachen und Kulturen des antiken Persien und der Hindus benutzt und eben­falls für die meisten europäischen Sprachen, die man heute "indogermanisch" nennt. Auch die Nazis übernahmen das Wort (eingedeutscht als "Arier") von den Philologen, haben seine Bedeutung aber in ihren perversen Rassentheorien völlig verfälscht.

Die Theosophie rechnet den Beginn der Fünften "Wurzelrasse" auf rund eine Million Jahre zurück, auf eine Periode, in der die Evolutionsbiologie gleichzeitig auch den Ursprung der heutigen Menschheitslinie ansetzt. Diese Fünfte "Wurzelrasse" ist also unsere Menschheit. Und wir sind außerdem, in unterschied­lichen Größenordnungen, auch die Nachkommen aller früheren "Wurzelrassen", denn die gesamte Menschheit ist und war zu allen Zeiten und allerorts eine natür­liche Einheit.

Heute ist diese Fünfte unserer Sieben großen menschlichen Evolutionsperioden über den ganzen Erdball verteilt und befindet sich immer noch im Prozess der Weiterentwicklung. Jede der Sieben "Wurzelrassen" oder Evolutionsperioden ist unterteilt in sieben Abzweigungen oder Stufen, und auf ihrem Entfaltungsweg durchläuft die Monade sie alle. In unserer Zeit, so wird weiterhin erklärt, nimmt in Amerika und Australasien eine neue Abzweigung oder Stufe innerhalb der Fünften "Wurzelrasse" ihren Anfang, womit im Lauf der Zeit ein neuer Menschentyp, ein neuer geistiger Horizont und eine neue spirituelle Sensibilität entwickeln werden. In der ihr bestimmten Zeit wird dann auch unsere Fünfte "Wurzelrasse" ihre Evolution beendet haben, und weitere Entwicklungsstufen der Menschheit werden folgen: die Sechste und die Siebte "Wurzelrasse". Wir können uns kaum vorstellen, welche Kontinente und welche Eigenschaften sie besitzen werden. Zusammengenommen sind diese Sieben "Wurzelrassen" mit all ihren Varianten das evolutionäre Ziel unseres Planeten. Und in einer unvorstellbar weit entfernten Zukunft, wenn all diese "Wurzelrassen" ihre Evolutionsperioden vollendet haben, wird die Menschheitswelle von diesem Bereich auf andere Welten übergehen, ;zelten, von denen wir nur eine ganz dunkle, ungenaue Vorstellung haben können.

4. Vielfalt und Einheit der Menschheit

Obwohl diese als "Wurzelrassen" bezeichneten Evolutionsperioden nacheinan­der erscheinen, gehen sie jedoch so ineinander über, daß weitreichende Über­schneidungen in ihrem Erscheinungsbild auftreten. Jede Periode oder Stufe ent­springt der vorhergehenden, aber beide, die Ursprungsperioden oder -stufen und ihre Nachkommenschaft, existieren für lange Zeiten – sogar Jahrtausende – neben­einander. Die gesamte heutige Menschheit befindet sich in der Fünften Periode der menschheitlichen Evolution, aber alle früheren Perioden sind nach wie vor vorhan­den, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens sind wir das Produkt dieser früheren Perioden und tragen ihre Errungenschaften in uns; zweitens sind unter einigen unserer heutigen Bevölkerungen und Kulturen die Merkmale der Vierten und Dritten "Wurzelrasse" in größerem Maß erhalten und sind somit ganz speziell deren Fortbestand.

Alle Menschen der Erde sind Verschmelzungen mehrerer Linien oder Spielarten; es gibt keine "reinen" Rassen. Wir alle sind miteinander vermischt, und wir alle sind uns außerordentlich ähnlich – genetisch, kulturell, intellektuell und spirituell. Ganz besonders die "Wurzelrassen" sind Paradigmen menschlicher Gesellschaftsformen – sind Archetypen unterschiedlicher Arten des Seins und Erkennens – viel mehr, als die Sorte von Ab- und Aufteilungen, die generell in der Geschichtswissenschaft oder der Ethnographie gelehrt werden.

Die äußerst komplexen Evolutionsmuster treten nicht etwa zufällig in Erscheinung, sondern sind das Resultat einer bewußten, intelligenten Führung. Zu jeder der "Wurzelrassen" gehört ein Manu (Urvater oder menschlicher Archetyp), ein Bodhisattva (zukünftiger Buddha oder Erleuchteter) und ein Maha-Chohan (ein Titel, der traditionell dem Kopf, dem personifizierten Höhepunkt der inneren kulturellen und geistigen Entwicklung einer Rasse verliehen wird). In den Innen­welten sind sie die Mentoren der "Wurzelrassen", die deren biologisches, geistiges, spirituelles und kulturelles Leben für den Zeitraum der Existenz der jeweiligen Menschheit führen.

Gewisse Einzelheiten, die über die "Wurzelrassen" und ihre versunkenen Kontinente erzählt werden, mögen mehr Symbolcharakter haben als historische oder geologische Bedeutung, aber ihre Aussage ist eindeutig: Die Zyklen der Menschheitsgeschichte befinden sich in einer unendlichen Fortbewegung, deshalb ist es falsch, irgendein Land, irgendein Volk oder irgendeine Kultur als das absolu­te Meisterwerk unserer Spezies zu verherrlichen. Sie alle sind vergänglich und an ihre Stelle werden neue Wellen menschlicher Entwicklung treten. Unterschiede zwi­schen den "Rassen" sind Unterschiede der jeweiligen historischen Funktion und haben nichts mit tatsächlicher Überlegenheit oder Minderwertigkeit zu tun. Die Theosophie sieht die Evolution als den Impuls, den das Bewußtsein des Lebens aussendet, um Formen annehmen zu können, durch die sein inneres Verlangen füllt werden kann. Die grundlegende Idee dabei ist, daß die Menschheit, ebenso ie das Universum selbst, sich in einem Zusammenspiel von Vielheit und Einheit if ein Ganzes hin entwickelt, das nicht nur größer als jeder seiner Teile ist, sondern is größer ist wegen und dank seiner Teile.

5. Grundsätzliches

Das generelle Prinzip der theosophischen Lehre von den "Wurzelrassen" und Iren Unterteilungen kann wie folgt zusammengefaßt werden:

1.     Die Menschheit ist eine Einheit, eine Spezies, eine Familie. Die "Wurzel­rassen" und Zweigrassen der Theosophie sind nichts anderes als Variationen innerhalb dieser prinzipiellen Einheit. Dieses Prinzip findet Ausdruck im ersten Ziel der theosophischen Gesellschaft, "den Kern einer allumfassenden Bruderschaft der Menschheit zu bilden, ohne Unterschied von Herkunft, Glaube, Geschlecht oder Hautfarbe."

2.     Jede "Wurzelrasse" spielt eine besondere Rolle in der Geschichte und ;volution der Menschheit. Alle Rassen, Zivilisationen und Kulturen sind notwen­ig für die Evolution unserer Spezies und die Entwicklung des ganzen Menschen.

3.     Die Evolution verläuft nicht planlos, sie ist keine Zufallserscheinung, aber sie st auch nicht völlig determiniert. Sie ist vielmehr das äußere Zeichen eines von Linen kommenden und im Innern vorliegenden Plans. Sie ist Ausdruck einer ntelligenz und wird in ihren frühen Stadien von Wesen geleitet, die in ihrer ?ntwicklung weit fortgeschritten sind.

4.     Die Evolution ist sinnvoll; ihr Zweck ist die Entwicklung von Formen, die mmer sensibler auf ihre Umwelt reagieren, von Verstandeskräften, die sich ihrer Jmgebung immer bewußter werden und eines spirituell bewegten Bewußtseins, welches die grundsätzliche Einheit allen Lebens erkennt.

5.     Weil die Erde seit langem unsere angestammte Heimat ist, schulden wir ihr Liebe und Rücksichtnahme. Aber letztendlich kommen wir "woanders" her und werden zu gegebener Zeit auch wieder woanders hingehen. Die Entwicklung unse­rer körperlichen Natur kommt von und aus dieser Erde; für unsere intellektuelle und geistige Natur aber ist unsere gegenwärtige physische Existenz nur eine kurze Episode in unserer endlosen Pilgerfahrt hin zu einer immer umfassender werdenen Universalität.

6.     Lehren, die dem Geist der Wissenschaft widersprechen, werden von der Theosophie abgelehnt, denn für die Theosophie gibt es kein höheres Ziel als die Suche nach der Wahrheit. Die moderne Naturwissenschaft, ganz besonders die Physik, hat ein Weltbild entwickelt, das der theosophischen Weltsicht viel näher größerer Nähe zu – und  Harmonie mit - den Überlieferungen der Theosophie

7. Die noch bestehenden Diskrepanzen zwischen Wissenschaft und Theosophie
deuten hin auf ein ganz anderes Prinzip: die Relativität der Wahrheit, so wie wir in der Lage sind, sie zu sie erfassen. Die Aufnahme- und Erkenntnisfähigkeiten Wissenschaften und in der Theosophie sind Änderungen in dem Maß unterworfen in dem unser Wissen zunimmt. Wahrheit und "Faktum" sind keineswegs immer Synonyme. Der Physiker Niels Bohr hat das treffend ausgedrückt, als er sagte, daß das Gegenteil der Wahrheit zwar Unwahrheit sein mag, daß es aber auch eine neue und andere Wahrheit sein kann.

Wenn wir uns über die Relativität des menschlichen Wissens im klaren sind, dann dürfen wir schlechterdings nicht einfach die Aussagen früherer Zeitalter als die Produkte reiner Ignoranz bewerten, denn sehr oft verkörpern sie wertvolle Einsichten, die sich in nichtwissenschaftlicher, allegorischer oder mythologischer Sprache äußern. Vergessen wir nicht, daß alle Aussagen über die Vergangenheit (und das betrifft ganz besonders die Vorgeschichte) Interpretationen später leben­der Menschen über Geschehen und Vorgänge sind, von denen sie keine direkte Kenntnis aus erster Hand haben, und die deshalb den verschiedensten Irrtümern unterliegen können.

Auch theosophische Autoren früherer Zeiten haben sich notwendigerweise einer Sprache bedienen müssen, die den Ideen ihrer Zeit entsprang und diese reflek­tierte, einer Sprache also, die auch inzwischen überholte Annahmen und Postulate verkörpert. Aber natürlich betrifft das ebenso die wissenschaftliche und jede andere Literaturform der betreffenden Periode. Da unser Wissen über das Universum immer umfassender wird und unsere Einsichten sich vertiefen, unser Wissen und unsere Einsichten also Veränderungen unterworfen sind, ändern sich, notabene, auch die Ausdrucksformen, in denen wir sie festhalten und weitergeben.Die unwandelbare, zeitlos gültige Aussage, der zentrale Ausgangspunkt der theosophischen Weltsicht ist die Überzeugung, daß keine Rasse, keine "Wurzelrasse", keine Religion oder Kultur besser als irgendeine andere ist, denn alle sind Teile eines fortwährendes, endlosen Prozesses. Die Menschheit gleicht einem blühenden Baum, dessen sieben Zweige, ein jeder wiederum mit seinen eigenen sie­ben Blüten, Ausdrucksformen eines ganzen, einheitlichen, lebendigen Organismus sind. Würden einzelne der Blüten fehlen, so wäre die Harmonie und das Gleichgewicht des Ganzen gestört. Jeder einzelne Teil ist einmalig und jeder ist gleich wichtig und unersetzlich.









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Zur Beurteilung der kanonischen Literatur der modernen Theosophie müssen drei grundsätzliche Sprachprobleme berücksichtigt werden. Erstens ist die Originalsprache dieser Literatur Englisch, deshalb ist sie vielen deutschsprachigen Lesern nur in Übersetzungen zugänglich; zweitens ist nicht nur in den Original­werken, sondern auch in den frühen Übersetzungen der Stil des 19. Jahrhunderts erkennbar, wozu außerdem zu berücksichtigen ist, wie weitgehend die gesellschaft­lichen, kulturellen, technologischen und wissenschaftlichen Ideale und Theorien der viktorianischen Zeit in der persönlichen Ausdrucksweise Blavatskys Nieder­schlag finden, andererseits aber auch in ihren sachlichen Auseinandersetzungen mit diesen (seitdem weitgehend veränderten) Vorstellungen und Glaubenssätzen, gegen die sie so oft rebellierte. Weiterhin werden naturgemäß zahlreiche Termini aus den Religionen und Philosophien des Ostens, spezifisch Indiens, verwandt, deren Bedeutung im Westen heutzutage zumeist nur oberflächlich und vage verstanden und beschrieben wird. Allein die in der deutschen Vulgäresoterik (C. Bochinger treffend: "Cocktailreligion") so populären Begriffe "Karma", "Yoga", "Meditation" und "Wiedergeburt" – aber nicht nur sie – werden mit großer Beliebigkeit und Ignoranz gebraucht. Notwendig ist also eine Auseinandersetzung mit den aus Fehlübersetzungen resultierenden Verfälschungen ebenso wie mit anderen Mißverständnissen und dem bewußten Mißbrauch von bestimmten Begriffen aus Blavatskys Lehre. Letztlich, drittens, gibt es auch in der modernen Theosophie die Schwierigkeit des Übermittelns, des sprachlichen Mitteilens nichtempirischer, mys­tischer, intuitiver Erfahrung. Im folgenden können diese drei Grundprobleme nur angeschnitten werden; es soll damit einem Bewußtsein dieser Problematik bei Lektüre und Studium der Theosophie das Wort geredet werden.

1. Kein Übersetzen kann das Original ersetzen

Sprache ist Denk- und Kommunikationsmittel zugleich. Die Sprachphilosophie unternimmt den Versuch, den Sinn der Ausdrucksformen einer gegebenen Sprache zu ermitteln und untersucht u.a. die "inneren Grenzen der Übersetzbarkeit der Sprachen überhaupt," so Gerhard Ebeling in seinem lesenswerten Büchlein über theologische Sprachlehre.

Da es die Primärliteratur der modernen Theosophie auf deutsch nur in Über­setzungen aus dem Englischen gibt, sind die Grenzen ihrer Übersetzbarkeit für Studenten der Theosophie von großer Bedeutung. "Kein Übersetzen kann das Original ersetzen. Und Übersetzung ist desto besser gelungen, je originaler das bestimmte Sprachwerk in anderer Sprache neu zur Sprache kommt."

Besonders bei Texten religiöser Natur entstehen Fehlerquellen oft gerade dann, wenn die eigenen, persönlichen Überzeugungen des Übersetzers unbewußt in seine Arbeit einfließen. Die folgenden Beispiele sollen dies verdeutlichen. Es handelt sich um Passagen der Übersetzung und Kommentierung der Stanzen des Dzyan von Franz Hartmann. Dazu muß vorab daran erinnert werden, daß der atheistische Hintergrund der Stanzen sowie der Philosophie der Mahatmas und Blavatskys außer Zweifel steht, was aus etlichen Mahatma-Briefen ebenso wie aus der Geheimlehre klar ersichtlich ist. Blavatsky sagt dies deutlich, u.a. wenn sie in ihrer "Zusammenfassung" am Ende des ersten Teils der Kosmogenesis ausdrücklich darauf hinweist, daß die Geheimlehre den Glauben an "anthropomorphe Götter" (diese, so R. Safranski, "Kinderkrankheit des menschlichen Denkens und Vorstellens") ablehnt und insofern atheistisch ist; außer­dem weist sie "deistische Überzeugungen" als unvereinbar mit der Philosophie der Theosophischen Gesellschaft zurück. Derartige Glaubensinhalte mögen die persön­liche Überzeugung einzelner Mitglieder sein, aber mit der in den Lehren der Gesellschaft dargestellten Philosophie haben sie nichts zu tun.

Über die Philosophie der Theosophischen Gesellschaft erklärt Blavatsky: "Unsere Gottheit ist ein universelles, absolutes Prinzip, manifestiert in der Menschheit und in der Natur – die beide aus ein und demselben unteilbaren Geist sind, dem Urquell der wahren spirituellen Brüderlichkeit unter den Menschen. Für uns sind die Menschen Kinder der GÖTTER (nicht Gottes), und im gegenwärtigen Zyklus die Vorfahren der noch höheren Götter zukünftiger Zyklen." Auch die Frei­denkerin Annie Besant, die allerdings später in Indien unter hinduistischem Einfluß zur devotionalen Bhakti-Tradition tendierte, erwiderte auf Vermutungen des christ­lichen Establishment in England über ihre "Konversion" zur Theosophie: "Wir ver­treiben die Gottesidee der Theologie und der Kirchen von dem Boden, den wir gewonnen haben," und erklärte, daß sie "niemals zu dem Glauben an (den Moloch eines persönlichen) Gottes konvertieren" werde. Blavatsky weiter: "Freidenkertum, das nach Ansicht der monotheistischen Verfasser von Wörterbüchern nur eine `die Offenbarung verwerfender Unglaube' und laut Berkeley eine `ungebührliche speku­lative Dreistigkeit' ist, ist nach den Regeln unserer Gesellschaft das Sine qua non wah­rer Theosophie. Freidenkertum bedeutet Gedankenfreiheit, ungehinderte Wahr­heitssuche und -akzeptanz: Wahrheit und nichts als die Wahrheit, das höchste Gut für jeden, der Weisheit sucht ... Obwohl wir dem Materialismus nicht nahestehen, ihn sogar ablehnen, sollte die Theosophische Gesellschaft nie vergessen, was sie Freidenkern verdankt. Daß es für uns überhaupt möglich ist, in diesem Jahrhundert als Organisation zu bestehen, verdanken wir nur der aufopfernden Mühe einer lan­gen Reihe von Freidenkern – die zumeist durch die Frömmelei, durch den Fanatismus ihrer Zeit zu Märtyrern wurden. Die Tatsache, daß keiner von uns auf dem Trafalgar Square zur höheren Ehre [jenes anthropomorphen] Gottes bei leben­digem Leibe verbrannt werden kann, verdanken wir allein dem langen Kampf des Freidenkertums gegen Aberglauben und tödlichen Fanatismus.

Bei Franz Hartmann andererseits werden nicht nur die im Shloka 5 der 5. Stanze der Kosmogenese genannten "Regenten" (Devas) der vier Himmelsrichtungen zu "Gesalbten", was eine unpassende Bezeichnung ist, weil dies keine Wesen sind, die je so etwas wie einer Salbung unterzogen worden sind, was im Zusammenhang der Kosmogenese auch völlig absurd wäre. Einen (seinen?) persönlichen Gott bringt Hartmann zur Erläuterung des Begriffs Ah-hi in dem Shloka 3 der 1. Stanze der Kosmogenese ins Spiel, ebenso wie in weiteren, gleich noch zur Sprache kommenden Shlokas, oft mit Bezug auf die Bibel, aber ebenso oft auch ohne biblische Zitate. Der Blavatskysche Originaltext jedoch ist anders. Shloka 6 der letzgenannten Stanze in Blavatskys Text lautet: "Die sieben erhabenen Herrscher und die sieben Wahrheiten hatten aufgehört zu sein, und das Universum, Sohn der Notwendigkeit, war versun­ken im Parinishpanna, auf daß es ausgeatmet werde durch das, was ist und doch nicht ist." Hartmann übersetzt, nein, ersetzt Blavatskys Text "to be outbreathed by that which is and yet is not," indem er für "that" (`es' oder `das') das maskuline Personalpronomen einführt, welches einen persönlichen Gott bezeichnet, ganz so wie in den drei abrahamischen und anderen theistischen Religionen. Das Perso­nalpronomen verletzt hier in eklatanter Weise die notwendige Bedeutungsäquivalenz und kann kaum Zufall sein, denn der Übersetzer kommentiert: "(...) um wieder ausgeatmet zu werden von DEM, der ist und dennoch nicht ist." Hartmann weiter, in seinem Kommentar: "GOTT aber ist und ist nicht, d.h. ER ist in sich selbst. Er ist das ewige Sein alles Seins (...)." In seinem Kommentar zum Shloka 9 ist der Mensch laut Hartmann "in GOTT", und der Mensch erkennt, "was er in GOTT wirklich ist." Stirbt er, "ohne sein wahres Selbstbewußtsein in GOTT erlangt zu haben, so ist allerdings sein Geist immerhin in GOTT." Noch betonter christlich-theistisch der Hartmannsche Kommentar zum Shloka 6 der 2. Stanze, wo Gott denkt und spricht, also das Göttliche vollends anthropomorphisiert und väterlich wird: "(...) Was GOTT will, das denkt ER, und was ER denkt, spricht ER aus durch die Tat. (...) Der VATER hat aus nichts alle Dinge erschaffen (...)" usw. Offensichtlich will Hartmann "GOTT" einen guten Mann sein lassen (wie J. Amdry gesagt hätte), der alles zum Besten einrichtet. Aber das ist sicherlich nicht die Sprache der Theosophie Blavastkyscher Prägung, vielmehr nimmt H.P.B. kein Blatt vor den Mund und macht deutlich, daß sie "(...) den Gott des menschlichen Dogmas und sein vermenschlichtes `Wort"' ablehnt. Denn: "Der Mensch hat es in seiner grenzenlosen Einbildung, seinem ihm eigenen Hochmut und seiner Eitelkeit mit lästerlicher Hand selbst geschaffen, aus Dingen, die er in seiner kleinen Gehirnmasse vorfand, und die er dann der Menschheit aufzwang als direkte Offenbarung des einen nicht offenbarten RAUMES." Und daß "divine thought" nicht "Gottesgedanke", kein "Gedanke GOTTES", kein "Denken GOTTES" (Hartmann), der Gedanke oder das Denken eines persönlichen Gottes ist, müßte Franz Hartmann gewußt haben. Blavatsky: "Das göttliche Denken' hat nichts mit der Vorstellung eines göttlichen Denkers zu tun, sondern das Universum ist das (...) Denken selbst." (Kommentar zum Shloka 6 der 2. Stanze der Kosmogenesis).

Blavatsky zur hier auch anklingenden judeo-christlichen Schöpfung ex nihilo durch diesen persönlichen Gott: "Wir glauben nicht an eine Schöpfung, oder daß das Universum jemals einen Anfang hatte. Alles unterliegt ständiger Formveränderung – aber das Universum selbst war immer und wird nie vergehen." Und im Kapitel "Elemente und Atome" des 3. Teils der Kosmogenesis: "Gottes Schöpfung aus dem Nichts (...) ist eine sehr unphilosophische Vorstellung, in der das Göttliche erniedrigt und in eine endliche, attributive Verfassung gezwungen wird." Oder: "Der moderne Materialismus lehnt nicht nur die Vorstellung eines persönlichen Schöpfers ab, son­dern sogar die Existenz eines intelligenten Prinzips in der Natur. Aber ist es nicht genauso unlogisch, die Erschaffung eines grenzenlosen Universums aus nichts einer (...) persönlichen Gottheit zu unterschieben?" Dazu, im Zusammenhang mit einer Erklärung zur Nirvana-Lehre: "Man kann sie zu recht als `atheistische Lehre' bezeich­nen, denn sie erkennt weder Gott noch Götter an – am allerwenigsten einen Schöpfergott, denn sie lehnt jeglichen Schöpfungsakt ab. Das fecit ex nihilo ist dem Wissenschaftler der okkulten Metaphysik genauso unverständlich wie dem wissen­schaftlichen Materialisten." Das, übrigens, sei aber auch ihr einziger Berührungspunkt. Hartmanns Wortwahl ist jedenfalls eine bemerkenswerte inhalt­liche Verfälschung der Stanzen und der Philosophie Blavatskys.

( Ebenso zweifelhaft, ja unverständlich sind auch so manche andere Kommentierungen und Erklärungen, die Hartmann den Stanzen und den Kommentaren Blavatskys meint hinzufügen zu müssen. Etwa eine im Zusammenhang völlig überflüssige, aber vielleicht für Hartmann bezeichnende Fußnote zum Shloka 7 der 2. Stanze der Anthropogenesis, wonach es "auch heute noch so (ist), daß GOTT einen vertierten Menschen verläßt, weil er findet, daß dessen Seele für ihn keine passende Wohnung ist." (Hartmann, op. cit., S. 127). Man fragt sich, an welche Menschen Hartmann da wohl gedacht hat, denen er ihr Menschsein abspricht, die so "vertiert" sind, daß sie der Gnade des christ­lichen Gottes, von dem er andauernd redet, nicht würdig sein sollen.)

Letztlich diese Erkenntnis Hartmanns über Selbsterkenntnis (S. 64-65): "Wer das Geistige geistig erkennen will, muß selber geistig sein." So kann man es auch sagen, aber Hartmann führt seine Leser verantwortungslos in die Irre, wenn er dann die theosophische Lehre vom Weg, den die Menschheit zurücklegen muß, so erläu­tert: "Mancher wird fragen, wie es denn möglich sei, daß jemand (zum) Zustand der Göttlichen Selbsterkenntnis kommen kann! Wir haben (bereits gesagt), daß diese Gottähnlichkeit erst nach vielen Millionen von Jahren in der siebenten Runde eintreten wird. Was aber die Natur in Millionen von Jahren zuwege bringt, kann GOTTES Gnade in einem Augenblick vollbringen, vorausgesetzt, daß der Mensch sich IHM öffnet und nicht widerstrebt." Das ist ein Musterbeispiel Hartmannscher Theologie und, mit Verlaub, aus theosophischer Sicht reiner Unsinn. Der erklärten Absicht des Autors, seine Abhandlung solle einen allgemeinen Überblick über Blavatskys Geheimlehre gewähren, "ehe man das Studium des Originals unter­nimmt" (S. IX), kann man, leider nur post factum, die Ermahnung eines Mahatmas entgegenhalten, den Blavatsky in eben diesem Originalwerk zitiert: "Beachten Sie sehr sorgfältig, was diejenigen glauben, die von Ihnen lernen, denn wer irregeführt wird, führt auch andere auf den falschen Weg."

Dr. Robert Froebe, dem deutschen Übersetzer der dritten englischsprachigen Ausgabe der Geheimlehre, sind nicht nur gelegentlich nahezu interlinear übersetzte Textpassagen unterlaufen, wobei er sich offensichtlich kaum von den idiomatischen Wendungen und Eigenheiten des Originals stören ließ (so ist z.B. mit dem engli­schen Wort "nation" in der Geheimlehre zumeist "Volk" gemeint und eben nicht "Nation"), sondern auch von ihm ist anzunehmen, daß ihm wahrscheinlich beim Übersetzen seine eigenen vorgeprägten religiösen Vorstellungen im Wege standen, wenn er u.a. Blavatskys "manifestation" im Deutschen als "Offenbarung" wieder­gibt. Gemeint ist aber Differenzierung, graduelle Verfestigung, Verdinglichung, die stattfindet, aber niemandem offenbart wird.

(In einer dem "Capricornus"-Auswahlband der GL beigegebenen Übersetzung des Bowen-Textes warnt Blavatsky, wenn wir dem Übersetzer glauben wollen, vor "abgeschnittenen und vertrockneten" Auslegungen der GL. Abgeschnitten und vertrocknet –? Verständlich wird H.P.B.'s spöttischer Hinweis natürlich erst, wenn man nachvollziehen kann, daß "cut and dried" eben "vorgefaßt", "altbekannt" oder auch "nichtssagend" ausdrückt. Und daß das "Vorwort der Herausgeber" (die ungenannt bleiben) des "Capricornus"-Nachdrucks (Calw, 1987) auch übersetzte Teile eines Textes von Boris de Zirkoff ohne Autoren- oder Quellenhinweis enthält, illustriert die Sorglosigkeit im Umgang mit theo­sophischer Literatur in Deutschland.)

Und Blavatsky ist eindeutig: Besonders zu den frühen Stadien der Kosmogenese, als nichts und niemand jemandem etwas offenbaren wollte und niemand da war, dem irgend etwas hätte offenbart werden können, sagt sie explizit, "(...) daß universale Ideation nicht war, d.h. als Wahr­nehmungsmöglichkeit nicht existierte, weil es keinen wahrnehmenden Geist gab, denn der kosmische Geist war noch latent, war noch reine Potentialität. Weil die Stanzen aber von Manifestation sprechen," sind wir gezwungen, sie entsprechend und nicht anders, etwa von irgendeinem anderen Standpunkt aus, zu übersetzen" (siehe Kommentar zum Shloka 3 der 1. Stanze der Kosmogenese in "Protokolle der Londoner Studienkonferenzen zur Geheimlehre").




Zu den von Kritikern mißverstandenen und mißbrauchten Termini der Geheimlehre, so wie sie von Blavatskys Übersetzern Froebe, Hartmann u.a. wort­wörtlich ins Deutsche transportiert wurden und werden, gehören die Be­zeichnungen "Wurzelrasse", "Unter- oder Nebenrasse" sowie "Arier" und "arisch" und die Erklärungen Blavatskys dazu. (Keiner der Kritiker hat sich ja die Mühe gemacht, etwa das englische Original einzusehen; die Absurdität der Vorwürfe einer Einflußnahme des Blavatskyschen Werkes auf die Rassentheorien des Dritten Reiches wird bei der Lektüre des Originals offenkundig. Aber es werden immer wie­der die alten unzulänglichen deutschen Übersetzungen zitiert, ohne Berück­sichtigung der im Original so offensichtlich vorliegenden Bedeutung. Um die Quellen und Zusammenhänge aufzuzeigen, die tatsächlich zu der rassistischen Praxis des Nationalsozialismus geführt haben, wurde weiter unten der historische Exkurs über das 19. und frühe 20. Jahrhundert eingefügt).

Am Anfang steht also das Problem unbedachter Übersetzungsmethoden. Gerhard Ebeling bringt dies auf den Punkt:"

Wenn man sich allein daran hält, wie die Sprache sich in Wörterbuch und Grammatik darstellt und dort scheinbar vollständig inventarisiert vorliegt, kann man dem umfassenden Phänomen von Sprache nicht gerecht werden. Man muß die Sprache da aufsuchen, wo sie als Lebensäußerung und Lebensmittel gebraucht und erfahren wird. Dann drängen sich verschiede­nen Polaritäten auf, von denen her deutlich wird, daß die Sprache nicht ein abgeschlossenes Ding ist, sondern sich als ein Lebensvorgang vollzieht. (...) Deshalb sollte man nicht durch künstliche Einengung des Wortsinns eine Eindeutigkeit und Klarheit erzwingen wollen, deren Preis eine Ver­kümmerung und Verarmung des Sachverhalts wäre.

In unserem Zusammenhang heißt das, daß diese Übersetzungen in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit des von Blavatsky intendierten Sinns aus den erwähn­ten Gründen problematisch sind. Das Wort "Rasse" (race) zum Beispiel wird im englischen Sprachraum – abgesehen von seinem Mißbrauch im vergangenen Jahr­hundert durch Rassisten wie Chamberlain – generell noch immer verwendet, ohne Rassismus zu implizieren. Aber sobald dieses Wort so, wie es "im Wörterbuch inventarisiert vorliegt", zur Übersetzung der Begriffe "Root Race" und "sub race" ins Deutsche verwendet wird, sind zwei Mißverständnisse vorprogrammiert: Einerseits ist die Darstellung der Anthropogonie in der Geheimlehre so neu und komplex und stellt den Versuch dar, ein so extrem schwieriges menschheitliches Entwicklungs­konzept zu vermitteln, daß selbst beim besten Willen vieler Theosophiestudenten immer wieder Unklarheiten über die Unterschiede zwischen den "Wurzel"-Mensch­heiten und den dazugehörigen Unterteilungen und Verästelungen aufgetreten sind. Auch graphische Darstellungen, wie sie in der theosophischen Sekundärliteratur vorliegen und schematische Zusammenfassungen, wie sie in den Mahatma-Briefen gegeben werden, schaffen als Verständnishilfen sehr oft erst nach intensivem Studium mehr oder weniger umfassende Klarheit. Diese Schwierigkeiten wurden von den Mahatmas und Blavatsky erkannt und ausgesprochen.

Andererseits macht zwar der Originaltext mehrfach deutlich, daß mit dem englischen Wort "race" Menschheiten und menschheitliche Evolutionsperioden gemeint sind, aber offensichtlich nicht ausgiebig genug, um die durch das Wort `Rasse' in unserer Zeit beinahe automatisch entstehenden negativen Assoziationen zu vermeiden. Blavatsky benutzt beide Begriffe, 'race' und 'humanity', oft in ein und demselben Satz oder Zusammenhang: " (...) daß in all diesen Jahrmillionen viele Menschheiten ('many humanities') entstanden sind, die unserer gegenwärtigen Menschheit so ähnlich sind, wie eine in zukünftigen Jahrmillionen entstehende Menschheit sich von unseren derzeitigen Menschheitstypen Cour races') unter­scheiden wird." Und: "Die frühen Menschheitszweige ('sub races') der Dritten Menschheit ('humanity') ..." In dem Kapitel "Elemente und Atome" (siehe S. 227) wird erläutert, daß die Menschheit ('humanity') aus sieben unterschiedlichen Gruppen ('distinct groups') und deren Unterteilungen ('subdivisions') besteht, wozu in einer Anmerkung zu den Menschheitsgruppen von den "zahllosen Spielarten des Genus homo" gesprochen wird.

Im Kommentar zum Shloka 5 der 6. Stanze der Kosmogenesis erklärt Blavatsky, die Anthropogenesis beschreibe das Entstehen der "ersten menschlichen Wesen (`human beings'), denen die Zweite und die Dritte Menschheit (`second and third humanity') folgt, oder, wie man auch sagt, `die Erste, Zweite und Dritte Wurzelrasse' ('the first, second, and the third Root-Races')." Der Mahatma Koot Hoomi beantwortet entsprechende Fragen in dem Mahatma-Brief Nr. 1413 wie folgt: "(...) das, was ich Rasse nenne, wenn ich vom Menschen spreche, und was wir ganz allgemein als Klasse (im Sinne von `Gruppe', H.T.) bezeichnen können (...)";und: "(...) ob es nicht sieben Leben in jedem (Menschheits-) Zweig gibt, wie Sie es nennen, bzw. in jeder Subrasse, wie wir auch sagen könnten;" weiterhin: "Es ist möglich, daß meine Bezeichnungen fehlerhaft sind; in diesem Fall steht es Ihnen frei, sie zu ändern. Was ich als `Rasse' bezeichne, würden Sie vielleicht `Stamm' nen­nen (...)." Und Brief Nr. 62' enthält gleich mehrere Hinweise Koot Hoomis zu den Synonymen Rasse / Menschheit, z.B. ganz lapidar: "(...) wo `Menschheit' steht, ist Menschenrasse gemeint." Man kann hinzufügen: und umgekehrt.Blavatskys Sensibilität über die ihr zur Verfügung stehenden sprachlichen Möglichkeiten zur Wiedergabe des wahren Sinngehalts komplexer Texte war, im Gegensatz zu den genannten und anderen Übersetzern, sehr groß. So erklärt sie zum Beispiel zu dem kürzelhaften, kryptischen Text des 19. Shloka der 5. Stanze des Dzyan in der Anthropogenese, wo der Wechsel von der nichtgeschlechtlichen zur geschlechtlichen Menschheit angedeutet wird: "Nur Idee und Geist dieses Satzes können hier wiedergegeben werden, da eine wörtliche Übersetzung dem Leser kaum etwas sagen würde." An anderer Stelle erklärt sie zu ihrer englischen Wiedergabe der Stanzen: "Wo eine wörtliche Übersetzung weitgehend unverständ­lich wäre, wurde paraphrasiert, um Klarheit und eine bessere Verständlichkeit zu erreichen."
Diese wenigen Beispiele mögen hier vorerst genügen, um dem Leser die durch sprachliche Grenzen, durch zu wörtliche Übersetzungen und durch Einfluß­nahme der persönlichen Überzeugungen des Übersetzers auftretende Ambivalenz und damit verbundene Mißinterpretationen und Mißverständnisse in den deut­schen Versionen des Blavatskyschen Werkes anzudeuten. Mehr dazu in dem weiter unten folgenden Exkurs.

2. Die "Gruppensprache" der Theosophie

Blavatskys eigene Ausdrucksweise reflektiert den Stil, die Gesellschaft und das religiöse Empfinden einer anderen Zeit, einer anderen Kultur. Aber die von ihr übermittelten Lehren sind zeitlos gültig und dürfen nicht durch beliebige, vom jeweiligen Zeitgeist diktierte gesellschaftliche Absprachen (über das, was gerade politically correct ist) oder allzu wörtliche, oft auch einer falschen Pietät entsprin­gende Übersetzungen verfälscht werden.

Immer zu berücksichtigen ist, daß ihre Sprache, und damit die Sprache der modernen Theosophie, weitgehend von östlichen Ideen und Formulierungen beeinflußt ist. Aber man darf sich durch die zum Teil etwas bildhaften, metaphorischen Ausdrücke nicht irritieren lassen, denn sie bezeichnen durchaus wohldefi­nierte, festumrissenen Konzepte, was im jeweiligen Textzusammenhang deutlich wird. So ist die Rede vom "Rad" des Lebens, von "Karma" und "Wiedergeburt", von "Wahrheit" und "Wirklichkeit" als Synonymen, vom "Selbst" (auch, unver­meidlich, von "Selbsten"), von "Egos" und dem "Ich", von "Meistern" ("Gurus") und "Mahatmas", von "knowledge", was "Wissen" oder "wahres Wissen" ebenso bedeuten kann wie "Erkenntnis", von "eternity", einem Ewigkeitsbegriff, der ganz andere Konnotationen hat als der herkömmliche, von dem Wort "Äther", das eine andere Bedeutung hat als "Aether", oder auch von "Leben" als einer "Lebenskraft", die der Beschreibung der "Biosphäre" des gerade wiederentdeckten russischen Wissenschaftlers Vladimir I. Vernadsky sehr nahe kommt.'6 Weiterhin gehört zur Terminologie das Wort "Pilgerfahrt", wenn die Menschheitsodyssee durch unvor­stellbar große Zeiträume beschrieben wird, oder der "Pfad", der zurückgelegt wer­den muß, wenn der "Pilger" seinen Weg beginnt, um spirituelle Fortschritte zu machen und zum Ausgangspunkt seiner vorbestimmten Reise zurückzukehren, oder der "rechtshändige" und der "linkshändige", also der richtige und der falsche Pfad oder Weg spiritueller Suche; es gibt "Ozeane" der Weisheit und des Lebens und "das Meer der Theosophie", Gewässer, welche Weisheit, Umfang, Tiefe und Reichweite ausdrücken sollen, und es gibt sogar das kreative "Umrühren des Ozeans" durch hinduistische Götter nach einer "Sintflut", und es wird berichtet von den "Wassern der Unsterblichkeit" und anderen bedrohlichen oder wohltuenden Wassern etc., etc.

Es ist dies eine Sprachgestalt, die von Gerhard Ebeling als sogenannte "Gruppensprache" bezeichnet wird, die gleichzeitig aber fachsprachliche Standardisierungen enthält, wodurch die Verständigung normiert und vereinfacht wird." Diese Gruppen- oder Fachsprache ist ein in den indischen und buddhisti­schen Religionen seit Jahrhunderten gebräuchliches Kommunikationsmittel, das sich naturgemäß in den vergangenen einhundert Jahren weitgehend auch als theo­sophisches Verständigungsmittel bewährt hat, leider aber in der westlichen Welt teilweise zu Mißverständnissen führte. Und gerade weil die von Blavatsky gelehrte Esoterische Philosophie sehr weitgehend sowohl atheistisch und buddhistisch als auch hinduistisch orientiert ist und positive Darstellungen des theoretischen und praktischen Okkultismus enthält, stieß sie schon zu ihren Lebzeiten auf den Widerstand der Kirchen.

Man muß die Zeit verstehen: Blavatsky besaß z.B. ein unglaubliches Detail­wissen über die Religionen des Ostens, während der Westen sich – trotz eines Schopenhauer – der östlichen Ideenwelt gegenüber noch in einem Zustand ebenso einfältiger wie hochmütiger Ignoranz befand. Diese Ignoranz besteht trotz aller Aufklärung auch heute noch unter Schreibern, die immer wieder dieselben zusam­menhanglosen Zitate aus Blavatskys Werk voneinander abschreiben und austau­schen, anstatt das Werk selbst insgesamt zu prüfen und erst dann zu urteilen. Die postum hervorgebrachten Vorurteile gipfeln wie zu Blavatskys Lebzeiten in man­nigfaltigen Versuchen einer Dekonstruktion der modernen Theosophie seitens der etablierten Kirchen in Angriffen insbesondere gegen Gruppierungen, die gnostische Ansatzpunkte vertreten, was auf jede theosophische Strömung seit Jahrhunderten zutrifft. Aber es handelt sich auch um die Vorurteile und Verurteilungen nicht­kirchlicher Kritiker.

( Zu letzteren gehört z.B. eine Elisabeth Höfl-Hielscher, die in der eigentlich seriösen Süddeutschen Zeitung vom B. Oktober 1998, entweder aus einer Novelle von F. von Reventlow schöp­fend oder als eigene Zugabe (das bleibt in ihrer Darstellung unklar), schreibt, "(Blavatsky) hatte von ihren Tibet-Reisen (...) die Erkenntnis mitgebracht, daß die Juden eine überholte Wurzelrasse' seien." Beinahe unnötig zu erwähnen, daß natürlich nirgendwo in der Geheimlehre oder anderen Werken Blavatskys ein solcher Unsinn zu finden ist. Und, so Höfl-Hielscher weiter: "Sie spielte aber auch bei der Geburt eines anderen totalitären Systems als Hebamme mit. Sie brachte später in Zürich den rus­sischen Asylanten Lenin mit Feldmarschall Ludendorff zusammen, und der organisierte dann die Rückkehr des Revolutionärs im plombierten Reichsbahnzug." Lenin war 1895 zum ersten Mal in Westeuropa, Blavatsky war 1891 gestorben. In ihrem Todesjahr war Lenin einundzwanzig und been­dete in Samara sein Jura-Studium. )



Dieser Beitrag zur vorliegenden Studienausgabe des wichtigsten Werkes Blavatskys geht deshalb auf die herausragendsten terminologischen Probleme ein, weil die Kritik sich immer wieder auf einzelne theosophische Begriffe kapriziert, die scheinbar nicht ins Konzept der gegenwärtigen political correctness passen. Aber wes­halb gibt es auch nichtkirchlicherseits kaum intelligente Kritiker der Theosophie in Deutschland? Dazu Professor A. Faivre, der Inhaber des Lehrstuhls für moderne esoterische Strömungen an der Sorbonne im Gespräch mit dem Autor:


Die Möglichkeit einer unabhängigen, freien Forschung dieser Dinge in absehbarer Zeit in Deutschland ist gering. Meine deutschen Kollegen, in wel­chem Feld auch immer, haben eine unausgesprochene Abneigung gegen alles, was wir als `mythisches Denken' bezeichnen können. Und die esoterische Denkform ist ja ein Ausdruck des mythischen Denkens! Diese Abneigung ist erklärbar durch das Unheil, das gewisse mißratene, ins Monströse geführte `Mythen' gestiftet haben. So wird aber das Kind mit dem Bade ausgeschüt­tet! Aber die Esoterik, die mein spezielles Forschungsgebiet ist, also die eso­terischen Strömungen der westlichen Welt seit der Renaissance, ist ein Forschungsfeld, das in den Augen der meisten Kultur- und Ideenhistoriker zu lange vernachlässigt worden ist.

Dem ist nur die Hoffnung hinzuzufügen, daß unter deutschen Akademikern trotzdem der eine oder andere den Mut zu entsprechenden wissenschaftlichen Forschungsarbeiten aufbringen möge, um damit auch in Deutschland einen ersten Ansatz zu fruchtbaren Auseinandersetzungen mit der Theosophie zu ermöglichen. David Reigles Forschungsarbeiten (siehe "Hintergründe und Quellen" und "Interpretation und Analyse") wären ein solcher Ansatzpunkt.



Exkurs: "Prometheus schmiedet sich selbst an den Felsen"

"Es ist eine gefährliche und folgenschwere Anmaßung — und zeugt obendrein von absurder Dummdreistigkeit —, alles, was unsere Vorstellung übersteigt, für nichts zu achten; denn habt ihr erst einmal nach Maßgabe eures ach so großartigen Verstandes die Grenzen von Wahrheit und Lüge festgelegt, und es findet sich, daß ihr plötzlich an Dinge zu glauben gezwungen seid, die an Befremdlichkeit die von euch geleugneten noch übertreffen, bleibt euch nichts anderes übrig, als eure ganze Grenzziehung wieder aufzugeben." — Montaigne, Essais


Wenn Übersetzer oder Interpreten – ob vor einhundert Jahren oder in unse­rer Zeit – ein Originalwerk so verändern, daß die Folgen Mißverständnisse sind, und darum geht es im Fall Blavatskys, dann ist es an der Zeit, die wesentlichen Fehlinterpretationen über ihr Werk hervorzuheben, um so einer längst überfälli­gen diesbezüglichen Aufklärung zu dienen. Hilfreich dabei ist die Tatsache, daß sich der geistige Horizont der westlichen Welt seit Blavatskys Jahrhundert erweitert hat. Fremde, d.h. nicht-abendländische Religionen und Philosophien, die einen so großen Platz in der Geheimlehre einnehmen, werden heute zumindest in ihren literarischen Zeugnissen zur Kenntnis genommen und sogar gelegentlich neben den heimischen religiös-philosophischen Erzeugnissen als gleichwertig aner­kannt. Viel Bestätigung hat das Werk Blavatskys allein durch die inzwischen in guten wissenschaftlichen Ausgaben weitverbreitete buddhistische Primärliteratur gefunden. Noch immer aber ist der größere Teil der "Ersten" Welt der Meinung, das Christentum sei die vollendetste Form menschlicher Religiosität, und nach wie vor versteht diese Welt ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Staatsformen, und ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse als Manifestationen der besten aller Welten.

H.P. Blavatsky bediente sich zwar der allgemeinen sprachlichen Aus­drucksformen ihres Jahrhunderts, hatte sich aber dem Zeitgeist ihrer Epoche weitgehend verweigert und war dafür bitteren Anfeindungen ausgesetzt. Betrug und Scharlatanerie wurden ihr zu Lebzeiten vorgeworfen, Rassismus postum.

Wie ist der Zeitgeist dieser beiden Jahrhunderte zu beurteilen? Welche "charak­teristische allgemeine Gesinnung" (Duden) war vorherrschend in der europäischen Welt des 19. Jahrhunderts, als die bereits im Jahrhundert davor begonnene Industrielle Revolution und eine schnell eskalierende technologische Entwicklung die traditionellen Werte kultureller und sozio-ökonomischer Natur veränderten, und bis hin zum Beginn des folgenden Jahrhunderts, als der Erste Weltkrieg die Menschheit mit neuen, nie gekannten Horrorszenarien konfrontierte?

"Damals begann das Projekt einer Moderne mit einer Gesinnung, der alles Überspannte und Phantastische zuwider war," schreibt Rüdiger Safranski in einem der Philosophie Schellings gewidmeten Kapitel seines bereits an anderer Stelle die­ser Studienausgabe erwähnten Buches Das Böse oder das Drama der Freiheit. Das hier folgende Zitat aus diesem Werk ist eine treffende Zusammenfassung der durch Realismus und Materialismus bestimmten geistigen Verfassung dieser Zeit:

"Die Trockenlegung des deutschen Idealismus hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein Materialismus von robuster Gestalt besorgt. Breviere der Ernüchterung wurden damals plötzlich bestsellerfähig. Einer dieser Knochenmänner schrieb: `Es ist eben ein Beweis von ... Anmaßung und Eitelkeit, die erkennbare Welt durch Erfindung einer übersinnlichen ver­bessern und den Menschen durch Beilegung eines übersinnlichen Teiles zu einem über die Natur erhabenen Wesen machen zu wollen.' Notwendig sei die vielversprechende neue Bescheidenheit: `Begnüge dich mit der gegebe­nen Welt.' Aber was war einer solchen Sinnesart nicht alles `gegeben'! Die Welt des Werdens und des Seins – nichts anderes als das Gestöber von Molekülen und die Umwandlung von Energien. Fichtes `Ich' und Hegels `Geist' nichts anderes als Phantome! Der Geist eine Gehirnfunktion. Die Gedanken verhalten sich zum Gehirn wie die Galle zur Leber und der Urin zur Niere.
Der Siegeszug solcher Wissenschaft war durch kluge Einwände nicht auf­zuhalten, vor allem deshalb nicht, weil ihm ein besonderes Metaphysicum beigemischt war: der Glaube an den Fortschritt. Wenn wir die Dinge und das Leben bis auf seine elementaren Bestandteile reduzieren, dann werden wir, so lehrt dieser Glaube, das Betriebsgeheimnis der Natur entdecken. Wenn wir herausbekommen, wie alles gemacht ist, sind wir imstande, es nachzumachen. Hier arbeitet ein Bewußtsein, das allem auf die Schliche kommen will, auch der Natur, die man – im Experiment – auf frischer Tat ertappen muß, und der man, wenn man weiß, wie sie läuft, zeigt, wo es langgeht.
Tatsächlich gehört zu den Voraussetzungen des ungeheuren Erfolges der Wissen-schaften die spirituelle Enthaltsamkeit und die Neugier für Näher­liegendes, für das Unsichtbare nicht jenseits, sondern in der Welt – die Neugier beispielsweise für die Zellen und die elektromagnetischen Wellen.
Beide Male dringt die Forschung ins Unsichtbare ein und kommt zu sicht­baren Ergebnissen, zum Beispiel im Kampf gegen die mikrobischen Krankheitserreger oder in Gestalt der weltumspannenden Telegraphie. Manche Träume der Metaphysik – Souveränitätsgewinne gegenüber dem Körper, Überwindung von Zeit und Raum – sind technische Wirklichkeit geworden.
Wenn die Physik das Fliegen lernt, müssen dann die Überflieger der Metaphysik abstürzen und sich fortan auf platter Erde entwickeln? Das ist eine Alternative, die Schelling nicht akzeptiert. In der Einleitung zur Philosophie der Offenbarung von 1842 erklärt er: `Nicht jene Wahrheiten (die metaphysischen), sondern das Bewußtseyn, in dem sie, wie man sagt, keine Stelle mehr Linden, ist das Veraltete und soll einem erweiterten Bewußtseyn Platz machen.'
Schellings Programm gegen den Transzendenzverrat und für die Bewußt­seinserweiterung bedeutet: zu erkennen, daß der Geist stets in Gefahr ist, sich in seinen Werken zu verlieren und sich mit dem zu verwechseln, was er gemacht hat. Der bewegliche Geist fesselt sich an den in seinen Schöpfungen fest gewordenen Teilen seiner selbst. Der Prometheus schmiedet sich selbst an den Felsen."

Darwins Evolutionstheorie hatte viele Bereiche der Natur- und der Geistes­wissenschaften beeinflußt. "Evolution" wurde zu einem weitverbreiteten Begriff, und das Wort spielt naturgemäß auch eine zentrale Rolle in der Beschreibung der Kosmogenese und der Anthropogenese. Ebenso zentral, und aus heutiger wissen­schaftlicher Sicht weitgehend falsch, war die Bezeichnung "Rasse" zur Kennzeichnung unterschiedlicher, zumeist in Hautfarben ersichtlicher körperlicher Erscheinungsmerkmale der Menschen, für ethnische Gruppen, für Völker, für "Nationen", ja für Gesellschaftsklassen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert sprach die Wissenschaft von "Wilden" und "Primitiven", und die "Anwendung biologi­scher Rassevorstellungen in wissenschaftlichen Untersuchungen kultureller Phänomene (war) weitverbreitet. Auch Forschungen in der Anthropologie, der Ethnologie und in religionsgeschichtlichen Studien schlossen diese Vorstellungen ein. Sie dienten als Grundlage für akademische Interpretationen ebenso wie für ras­sistische, Gobineaus Theorien folgende Ideen."

Die Vertreter der noch jungen vergleichenden Religionswissenschaft klassifi­zierten die so genannten "niederen" Religionen der "niederen Rassen", z.B. die der Aborigines Australiens, als "Fetischismus", als "das Endprodukt eines langen Degenerationsprozesses, der es kaum wert war, ernsthaft erforscht zu werden. (...) Durch die neue evolutionäre Sichtweise wurde Religion nicht mehr im Sinne von offenbarten Wahrheiten betrachtet, sondern als ein sich entwickelnder Organismus. (...) Die Anthropologie des späten 19. Jahrhunderts (...) und die entstehende Wissenschaft der prähistorischen Archäologie postulierten eine `Überlebens'­Theorie, wonach primitiv gleich prähistorisch war. So konnten Kulturelemente in gewissen geographischen Gebieten oder unter bestimmten Völkern etwas `Überle­bendes'(...) sein, das sich aus irgendwelchen Gründen nicht entwickelt hatte, und das als lebendes Fossil als wissenschaftliches Forschungsobjekt in situ dienen konn­te. (...) Man war fest davon überzeugt, daß (...) die Glaubensinhalte und die religi­öse Praxis der australischen Aborigines nichts anderes als Ausdruck der `Religion des Steinzeitmenschen' waren. (...) Die `Überlebens'-Theorie, so glaubte man, gab der Wissenschaft die Möglichkeit, moderne `Primitive' zu erforschen und damit wesentliche prähistorische Zustände in Erfahrung zu bringen."

Da dem Rassebegriff, so Werner Conze, "von vornherein durch das ihm zuge­hörige Kriterium der Abstammungsgemeinschaft ein politischer Wertgehalt inne­wohnte, drangen Wort und Begriff `Rasse' in die politisch-soziale Sprache ein (...)", und das "seit den Hochkulturen immer wieder bewußt gemachte Urphänomen (edlen) Bluts (wurde) in Verbindung mit den Fragen seiner Entstehung, Abstammung, Erbfolge und Herrschafts- oder Abhebungsanspruch sprachlich aus­gedrückt und damit begrifflich erfaßt."25 "Die naturwissenschaftliche Anthropo­logie hat sich mit der Soziologie zur Sozialanthropologie verbunden, bei deren Geburt die Rassenwertung Gobineaus Pate gestanden hat. (...) Anthropologische Befunde, in Bevölkerungsuntersuchungen erhoben, wurden biologisch interpretiert (...), (und) ein Umsturz der Werte, Neuorientierung des ethischen Wertsystems wurde proklamiert, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Frage gestellt."
Die Protagonisten des Rassismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert stechen durch besonders krassen Rassen- und Nationalchauvinismus hervor. Unter ihnen federführend: Arthur Graf Gobineau (1816-1882), Paul de Lagarde (1827-1891), Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), Alfred Ploetz (1860-1940), Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954) und Julius Langbehn (1851-1907). An Universitäten gab es Lehrstühle für Rassenhygiene und Rassenkunde, deren Inhaber weniger im Zusammenhang mit ihren akademischen Posten, umso mehr aber in eigenen Publikationen völkisches Denken, einen alldeutschen Nationalismus und eine national-deutsche Religion propagierten.

Die damalige Vorstellung von Mischrassen und Rassenunterschieden setzte natürlich "reine" Rassen voraus, und schon vor Darwin galt in der Wissenschaft die Theorie unveränderlicher, permanenter Rassetypen. Daran änderte für die Propagandisten des Rassismus auch der Evolutionsgedanke nichts. Diese Annahme einer Permanenz der Unterschiede bzw. festgefügter Kategorien von Menschen bezeichnet Professor Michael Banton als den "Kardinalirrtum" im langen Verlauf der Geschichte des Rassegedankens.



Es war dieses Denken, diese Art wissenschaftlicher Erkenntnisse, denen Blavatsky in der Geheimlehre nachdrücklich widersprach, obwohl auch ihr nur die Sprache ihrer Zeit zur Verfügung stand. Wir dürfen nicht vergessen, wie schnell sich Ausdrucksgewohnheiten ändern. In unserer Zeit, innerhalb einer Zeitspanne von nur etwa fünfzig Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs, entsprachen zum Beispiel die Wörter "Neger" (Negroes), "Schwarze" (Blacks), "Farbige" (Coloreds) und "Afro-Amerikaner" (Afro-Americans) als Bezeichnungen eines amerikanischen Bevölkerungsteils durchaus der jeweiligen political correctness.

Den Begriff "Root Race" hatte Blavatsky nicht selbst geprägt, sondern höchst­wahrscheinlich von Ignatius Donnelly übernommen, der das Wort 1882 in seinem Bestseller Atlantis, die vorsintflutliche Welt erstmals gebraucht hatte. Und das Wort "race" verwendete sie ebenso wie die anthropologische Wissenschaft ihrer Zeit, aber eben ohne den Überlegenheitsphantasien zu verfallen, die ein Gobineau oder spä­ter ein Chamberlain und deren Nachfolger propagierten. Als Froebe und Hartmann ihre Übersetzungen der Geheimlehre bzw. der Stanzen des Dzyan veröffentlichten, war rassistisches, antisemitisches Denken in Deutschland an der Tagesordnung. Deshalb ist bedauerlich, daß beide Übersetzer, von denen anzunehmen ist, daß sie das Werk und damit die Ideen Blavatskys besser kannten als die meisten ihrer Landsleute, nicht mit Vorsicht und Überlegung ans Werk gingen, anstatt sich an das "Inventar von Wörterbüchern" zu halten und so das deutsche Wort "Rasse(n)" beständig,inzusetzen, wo doch Blavatskys "race(s)" erklärtermaßen gerade nicht die Bedeutung zukommt, die das Wort damals in Deutschland weitgehend hatte (und natürlich immer noch hat).

In der Darstellung des riesigen, von Blavatsky ja nicht erfundenen, sondern schon in der indischen Mythologie enthaltenen Evolutionspanoramas von unvor­stellbar langen Zeiträumen, wird das durch die Manvantara-Pralaya-Gesetzmäßig­keit bedingte Erscheinen, Wachsen, Blühen und die graduelle Schwächung und De­generation bis zur allmählichen Überschneidung und Vermischung und dem letzt­endlichen Untergang der verschiedenen Menschheiten und Menschheitszweige beschrieben. Mit dem Beschreiben des eintretenden Degenerationsprozesses und des Vergehens einer Menschheit in diesem zyklischen Rahmen werden aber keine Werturteile abgegeben, sondern es werden Höhe- und Tiefpunkte der natürlichen Menschheitszyklen dargestellt. Aber das wiederum wird nur verständlich, wenn man den von Blavatsky beschriebenen, sich über Hunderttausende von Jahren erstrecken­den Entwicklungsprozeß der Menschheiten und Menschheitszweige oder -familien verstanden hat und berücksichtigt.

Die folgende Zitatenauswahl aus der Geheimlehre repräsentiert Blavatskys eige­nes, unabhängiges Denken. Oft beklagte sie die mangelhafte Sorgfalt vieler Leser ihrer Schriften, wobei sie den hohen Schwierigkeitsgrad zugab, der einem leichten Verstehen nach oberflächlicher Lektüre nicht entgegenkommt. Zum Beispiel merk­te sie zur Anthropogenese an: "Die okkulte Wissenschaft erkennt keine Unterscheidung zwischen `semitisch' und `arisch' an (...) Die Semiten sind die spä­teren Aryas. Zu ihnen gehören alle Juden und Araber."" Und weiter, durchaus pro­phetisch: "Wenn in Zukunft Europäer sich als Arier (Aryas) bezeichnen (...), so kann die Autorin nicht dafür verantwortlich gemacht werden, denn nichts derar­tiges kann aus ihrer Anthropogonie geschlossen werden; darüber hinaus machte sie, ebenfalls im Gegensatz zur wissenschaftlichen Erkenntnis ihres Jahrhunderts, zur "Permanenz menschlicher Rassenunterschiede" eindeutig klar:

"Die mit der gelben Körperfarbe" sind die Vorfahren der Völker, die heute in ethnologischen Klassifizierungen als uraltaisch, mongolisch und chinesisch bezeichnet werden. Die Region, in die sie flüchteten, war Zentralasien. Dort wurden vollkommen neue Menschenarten geboren, und dort lebten und starben sie bis zur Trennung der Völker. Fast zwei Drittel von einer Million Jahren sind seit dieser Periode vergangen, die gelbgesichtigen Riesen der nach-atlantischem Periode hatten also Zeit genug, im Verlauf dieser erzwun-genen Beschränkung auf einen Weltteil, bei gleichbleibenden ethnischen Merkmalen und ohne Vermischungen mit anderen Ethnien – in immerhin fast 700 000 Jahren – verschiedene Zweige äußerst heterogener und unter­schiedlicher Menschheitstypen zu bilden. Dasselbe betrifft Afrika – nirgends gibt es eine solch bemerkenswerte Vielfalt wie dort, von schwarzer bis beina­he weißer Hautfarbe, von körperlich besonders großen Menschen bis hin zu zwergwüchsigen –, was ausschließlich auf ihre erzwungene Isolation zurück­zuführen ist, denn die Afrikaner konnten mehrere hunderttausend Jahre lang ihren Kontinent nicht verlassen. Wenn morgen der Kontinent Europa unter­ginge und dafür andere Landmassen wieder auftauchten, und wenn, weiter­hin, die afrikanischen Völker sich trennen und über die ganze Welt vertei­len würden, dann wären sie es, die in ungefähr hunderttausend Jahren den größten Teil der zivilisierten Welt ausmachen würden. Und es wären die Nachfahren unserer am höchsten kultivierten Völker, die – hätten sie auf einer isolierten Insel überlebt, ohne jede Möglichkeit, die neu entstandenen Meere zu überqueren – in einen Zustand relativer Primitivität zurückfallen würden. Somit sind alle Begründungen, mit denen die Menschheit in höhe­re und minderwertige Rassen eingeteilt werden, hinfällig und entlarven sich als Trugschluß.

Trotz geographischer Isolation bildete sich also eine "bemerkenswerte Vielfalt" von "äußerst heterogenen und unterschiedlichen Menschheitstypen", Körpergrößen, Hautfarben in ständigem Wandel, kurz: von "Permanenz" äußerer Merkmale oder Charakteristika keine Spur. Nun wird aber Rassismus definiert als Bezeichnung und Be- oder Verurteilung einer menschlichen Gruppe, die wegen ihr zugeschriebener "angeborener und unveränderlicher physischer Charakteristika spezifische kulturelle Eigenschaften hervorbringt", also "auf der Basis physischer Merkmale gesellschaftlich definiert wird".32 Nach Immanuel Kant ("Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen. Die gelben Inder haben schon ein gerin­geres Talent. Die Neger sind tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften"33) und anderen wohl automatisch eurozentristisch veranlagten Denkern des 18. Jahrhunderts,34 hatte auch Chamberlain Mitte des 19. Jahrhunderts die "Überlegenheit der weißen Rasse" verkündet, die "über allen anderen Rassen steht und innerhalb welcher die Arier den Höhepunkt der Zivilisation" darstellten.

(So wurde z.B. der für die Theosophie so bedeutsame tibetische Buddhismus als "lamaistische Religion" bezeichnet, die "ein Geschöpf menschlicher Halbseelen" sei (Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1787), und noch 100 Jahre später erläuterte Meyers Konversacions-Lexikon, 4. Auflage, Leipzig, 1889, S. 689), seinen gebildeten Lesern den Gottesdienst der "kriecherischen" Tibeter als "geistverwirrend"; 1895 war für Austine Wadell der "Lamaismus" eine tiefverwurzelte Teufelsanbetung und Zauberei". (Zitate und Hinweise aus Chökor, Nr. 21, 1996).)

Chamberlain und Gobineau werden als "die Vorläufer der Rassentheorien der Nazis" bezeichnet, deren Einfluß Adolf Hitler selber bestätigt hatte.Aus dieser Entwicklung ist bereits klar ersichtlich, woher die Nationalsozialisten ihre rassistische Inspiration bezogen – die unheilvolle Quelle befand sich schon lange vor dem Erscheinen des Werkes von H.P. Blavatsky sozusagen im eigenen deutschen Hinterhof und ist eben nicht, wie auch heutzutage immer wieder behauptet wird, in den Schriften Blavatskys zu finden. Diese als eine der Grundlagen des nationalsozialistischen Rassismus zu bezeichnen, ist, in den Worten eines prominenten amerikanischen Theosophen, so logisch, wie Jesus für die Inquisition verantwortlich zu machen.

Der Religionswissenschaftler Michael von Brück weist in seiner Rezension einer 1999 erschienenen kritischen Studie über den tibetischen Buddhismus darauf hin, wie widersprüchlich nicht nur die rassistischen Vorstellungen der Nazis selbst waren, sondern auch, daß die Argumentation so mancher Kritiker des tibetischen Buddhismus heute "explizit ausgerechnet auf nationalsozialistische Propaganda" zurückzuführen ist, so z.B. auf "die Angst vor der `gelben Gefahr' :

"Nationalsozialistische Ideologen meinten, in den Religionen männerbündi­sche Gruppierungen der Buddhisten (...), Freimaurer, Jesuiten und Theosophen als Verschwörung gegen die arische Rasse identifizieren zu kön­nen, die eine `Versklavung der Völker' anstrebten; und zu diesen `Schöpfungen der geheimen Weltleitung' zählte der Okkultismus und (...) der tibetische Buddhismus."

In "Das Tibet-Bild der Nationalsozialisten" erwähnt Reinhard Greve

die Schriften der Ludendorff-Gesellschaft (...), die in relativ hohen Auflagen im Dritten Reich verbreitet wurden und in denen die bekannte These einer Verschwörung der Juden und Freimaurer um zwei weitere Aspekte (Rom und Tibet) erweitert wurde. Diese Polemik richtete sich vor allem gegen die ver­botenen theospphischen oder anthroposophischen Gruppen (...)

Zu den wirren Vorstellungen der Nationalsozialisten über eine "arische" Rasse sei im übrigen hingewiesen auf unser Kapitel "Ergänzende Auszüge...", wo Blavatsky beklagt, daß die Fünfte Menschheit, also die derzeitige, "oft und fälschli­cherweise als Arya-Menschheit (Aryan race) bezeichnet wird." Dazu die wichtige Anmerkung von Boris de Zirkoff, dem Herausgebers ihrer Werke:

" Wortwahl H.P.B.'s macht überaus deutlich, daß die Notwendigkeit, die Bezeichnung Arya in ethnischen Zusammenhängen zu gebrauchen, sie nicht glücklich machte. Der Mangel an adäquaten Bezeichnungen für die verschiedenen Aspekte der Esoterischen Philosophie hat den Studierenden (der Theosophie) oft große Schwierigkeiten bereitet und sie gezwungen, vor­handene Wörter zu benutzen, die mehrere und oft sehr dehnbare Deutungsmöglichkeiten haben. (...) Der große (Indologe) Max Müller, ein Gelehrter, der selbst gezwungen war, in seinen Forschungsarbeiten das Wort Arya zu benutzen, sagte einmal: "Für mich versündigt sich ein Ethnologe, der von einer arischen Rasse, arischem Blut, arischen Augen und Haaren spricht, genauso wie etwa ein Linguist, der von dolichocephalischen Wörterbüchern oder brachycephalischen Grammatiken redet."

Eine weitere unmißverständliche Äußerung Blavatskys: "Die unterschied­lichen Bezeichnungen, die im Laufe der Zeit für die verschiedenen Einteilungen der Menschheit gebraucht worden sind, (haben) viel Verwirrung gestiftet. (...) Jeder Versuch, einigen (...) Teilen (der Menschheit) exakte Daten zuzuschreiben, würde (ebenfalls) zu hoffnungsloser Verwirrung führen, denn die Menschheiten, Menschheitszweige, etc., etc. bis hin zu ihren kleinsten Verästelungen, überschnei­den sich und sind so eng miteinander verwoben, daß es praktisch unmöglich ist, sie als getrennte Einheiten zu sehen."

Es ist offensichtlich, daß für Blavatsky in einer Entwicklungsgeschichte, in der die Menschheitszweige unentwirrbar "miteinander verwoben" sind, keine rassi­schen, und schon garnicht rassistische Wertunterscheidungen gemacht werden können. Es sei hier wiederholt, was sie in den oben erwähnten "Ergänzenden Aus­zügen..." schreibt: "Somit sind alle Begründungen, mit denen die Menschheit in höhere und minderwertige Rassen eingeteilt werden, hinfällig und entlarven sich als Trugschluß." Damit hatte Blavatsky nochmals ihre Stimme gegen den unheilvollen Geist ihrer Zeit erhoben. Wie eie beleidigte Antwort darauf klingt, nur sechzehn Jahre später, Houston Stewart Chamberlains larmoyante "heilige" Entrüstung gegen "Phrasen (...) über die Gleichheit der Menschenrassen, (...) einem (...) Gewäsch, (...) daß man sich schämt (...), hingehört zu haben."

Im Jahr 1886 – die mythische Verherrlichung der "nordischen Rasse" und der dazugehörige Antisemitismus trieben längst ihre bösen Blüten in Europa – hatte Blavatsky protestiert gegen die christlich-motivierten Verleumdungen, aufgewärmt von einem Marquis de Mirville, wonach "die Juden ihrer uralten, barbarischen nekromantischen Praxis entsprechend," christliche Kinder verschleppten und töte­ten. Empört warf Blavatsky dem Marquis vor: "Wie weit sollen religiöser Fanatismus und mit dem Odium theologicum behaftete Intoleranz demnächst noch getrieben werden?"

Religiösen Fanatismus und Intoleranz hat H.P. Blavatsky lebenslang kompro­mißslos bekämpft. Sie tat es nicht immer unter Berücksichtigung der konven­tionellen, sprich: viktorianisch-verklemmten gesellschaftlichen Normen, denen besonders Frauen unterworfen waren. Dementsprechend wurde sie angefeindet und verleumdet. Ihrer mutigen, aber wohl manchmal verletzenden Offenheit entspricht das Diktum Walter Rathenaus: "Wer sein Glauben und Erleben zu Gedanken formt, wer die Gedanken, die ihm auferlegt sind, glaubt und erlebt, der ist in Gefahr, mit einer Zuversicht und Unbeirrbarkeit zu reden, die verletzt."

3. "Wenn im Ausgesagten Ungesagtes und Unsagbares mitschwingt"

"Über die großen Mysterien kann ich nur stammeln wie ein Kind, das gerade das Sprechen lernt; so wenig kann die irdische Sprache ausdrücken, was der Geist erfaßt und versteht."

—                 Jakob Böhme, Drei Prinzipien, VII, 16 (paraphrasiert)

"Was das Menschsein übersteigt, nicht läßt sich's mit Worten sagen."

—                 Dante, Die göttliche Komödie, Paradiso, I, 72 (paraphrasiert)

Blavatsky und die Mahatmas hatten ein weiteres Sprachproblem. Denn für sie gestaltete sich das Übersetzen subtiler esoterischer Sachverhalte und Zusammen­hänge, für die es in den konventionellen westlichen Sprachen keine equivalenten Begriffe gibt, als äußerst schwierig: So sagt Blavatsky in ihrem Kommentar zum Shloka 35 der Anthropogenese: "Es ist praktisch unmöglich, viele dieser alten Kommentare wörtlich zu übersetzen. Oft können wir nichts anderes tun, als den Sinngehalt der Texte wiederzugeben, also wörtliche Übersetzungen neu zu überset­zen." Und zu Beginn ihrer Übersetzung der Stanzen der Anthropogenese merkt sie an: "Wo eine wörtliche Übersetzung weitgehend unverständlich wäre, wurde para­phrasiert, um Klarheit und eine bessere Verständlichkeit zu erreichen." Oft kann gerade in der Esoterischen Philosophie nur metaphorisch, nur gleichnishaft ausge­drückt werden, was sprachlich nicht anders faßbar ist. Dabei muß aber immer bedacht werden, wozu Jean Amery seine Leser in einem anderen Zusammenhang ermahnte: "Die Gleichnisrede mag brauchbar sein, wenn sie sich ihrer Gleichnishaftigkeit nur ständig bewußt ist." Blavatsky und die Mahatmas waren sich keineswegs immer sicher, die passendsten Ausdrücke zu kennen oder gewählt zu haben, nämlich immer dann, wenn "im Ausgesagten Ungesagtes und Unsagbares mitschwingt" (Ebeling):

Aus den Briefen der Mahatmas: "Zu allererst muß ich nochmals Ihre Aufmerksamkeit auf die ungeheuren Schwierigkeiten lenken, passende englische Ausdrücke zu finden, um dem gebildeten westlichen Verstand einen auch nur annä­hernd richtigen Begriff von den verschiedenen Gegenständen, die wir behandeln müssen, zu vermitteln." "Unsere mystischen Ausdrücke in ihrer unbeholfenen Rückübersetzung aus dem Sanskrit ins Englische sind für uns ebenso verwirrend wie für Sie". Koot Hoomi beklagt in einem anderen Brief "die althergebrachte und selbst verschuldete Oberflächlichkeit des westlichen Denkens. Und gerade die Sprachformen, die dieses moderne Denken ausdrücken, sind so weitgehend von einem praktischen Materialismus bestimmt, daß es uns jetzt nicht nur nahezu unmöglich ist, den Menschen der westlichen Welt in ihren eigenen Sprachen etwas von dem subtilen, scheinbar idealen Mechanismus des okkulten Kosmos zu vermit­teln, sondern daß es für sie ebenso unmöglich zu sein scheint, diese Dinge in ihren eigenen Sprachen zu verstehen."45 "Ich möchte Sie nicht entmutigen, muß Sie aber auf die großen Schwierigkeiten aufmerksam machen, mit denen wir jedesmal zu kämpfen haben, wenn wir versuchen, unsere Metaphysik selbst den intelligentesten Köpfen des Westens zu erklären. Leider, mein Freund, scheinen Sie ebensowenig in der Lage zu sein, unsere Denkweise nachzuvollziehen, wie unsere Nahrung zu ver­rragen oder unsere Musik schön zu finder"Und, last but not least: "Wenn Sie virklich den Wunsch haben, ein Chela zu werden, weil Sie unsere Mysterien erfah­ren wollen, dann müssen Sie sich unserer Art anpassen – nicht wir uns der Ihren."

"Glücklicherweise", schreibt David Reigle in einem von seinem Institut ent­, orfenen siebenjährigen Curriculum zum Studium der Theosophie, "können wir das zumindest annähernd tun, indem wir Sanskrit lernen." Sanskrit, sagt H.P. Blavatsky in ihrer "Zusammenfassung" zur Kosmogenesis der Geheimlehre, ist die Sprache der Götter, ist die einzige Sprache, die dem Studium dieses transzendenten Denkens angemessen ist.

Dazu Gerhard Ebeling: "Der Sinn des Erlernens fremder Sprachen erschöpft sich deshalb keineswegs in dem technischen Nutzen der Verstehens- und Verständigungsmöglichkeit über die Sprachdifferenzen hinweg. Vielmehr soll dadurch etwas von dem Unersetzlichen, weil Unübersetzbaren der betreffenden Sprache vermittelt und somit der eigene Sprachhorizont bereichert und erweitert werden."
H.P. Blavatsky beschreibt und analysiert die dynamischen Prozesse der kosmi­schen und menschlichen Wirklichkeit. Auch wo es dabei um das Mitteilen des Nichtkommunizierbaren geht, hat sie uns ihre Erkenntnisse aus den Wahrheiten übermittelt, welche unter dem Schleier mythologischer Überlieferungen verborgen liegen – soweit Sprache es ihr ermöglichte.

Letztlich bleibt die Frage, ob Blavatskys Anliegen allein die Beschreibung der erfahrenen Wirklichkeit war. Oder ging es ihr auch um die Gestaltung der Wirklichkeit dieser Welt, die ja im buddhistischen und theosophischen Denken nur von konventioneller Wirklichkeit oder Wahrheit ist –?

(Samvriti-Satya, von Blavatsky als "falsche Vorstellung" von der Wirklichkeit der phänomenalen Welt, als illusionäre Welterfahrung erklärt. Das Konzept geht zurück auf die "Zwei Wahrheiten" des Buddhismus, die konventionelle Wahrheit der Phänomene der Welt und die Endgültige Wahrheit (Paramartha-Satya).)

Zweifellos letzteres. Beharrlich bestand sie trotz der philo-sophischen Unwirklichkeit des Hier und Jetzt darauf, jeder Mensch solle täglich dem Ideal des Bodhisattva nacheifern und Altruismus praktizieren. Für die Zukunft erhoffte sie das weltweite Verschwinden von sozialen Gegensätzen, Kriegen und Rassekonflikten.
Diese Forderung nach allumfassender Brüderlichkeit ist logische Folgerung aus den Lehren, die Blavatsky empfangen und weitergegeben hatte, Lehren, die Atman als den "jedes einzelne menschlsthe Wesen erleuchtenden Geist" in einem gött­lichen Universum "zahlloser am Urlicht entfachter Lichter" verkündeten. In weni­gen Zeilen, die einem in der Geheimlehre wiederholt zitierten uralten "Katechismus" entnommen sind," wird ein Dialog zwischen Lehrer (Gurudeva) und Schüler (Lanu) wiedergegeben, der Blavatskys Philosophie von der Einheit und Gleichheit aller Menschen in poetischer Kürze zusammenfaßt:



Schau nach oben, Lanu. Siehst du über dir, am dunklen Himmel der Mitternacht, ein einziges nur oder zahllose Lichter strahlen?

Ich nehme eine Flamme wahr, Gurudeva, und in ihr sehe ich das Leuchten zahlloser miteinander verbundener Funken.

Deine Antwort ist richtig. Und nun schau umher und in dich hinein. Empfindest du das Licht, das in dir brennt, in irgendeiner Weise anders als das Licht, das in deinen Menschenbrüdern leuchtet?

Es ist in keiner Weise anders, wenn auch der vom Karma Gefangene in Fesseln gehalten wird, und obwohl die äußeren Gewänder, in denen es leuch­tet, die Unwissenden verführen zu sagen: `Deine Seele und meine Seele'.



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DIE ENTSCHLEIERUNG DES WIRKLICHEN - INTERVIEV MIT HANK TROEMEL


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Während des Aufenthaltes Sinnetts in Simla in diesem Sommer war es soweit, daß der von Sinnett und Hume gewünschte, zwar in die Mutter­gesellschaft eingegliederte, aber doch in seiner inneren Verwaltung und Arbeit unabhängige „Anglo-indische Zweig Simla" der Theosophischen Gesellschaft gegründet werden konnte. Die formelle Gründung erfolgte am 21. August 1881, zum Präsidenten des Zweiges wurde A. 0. Hume, zum Vizepräsidenten A. P. Sinnett und zum Sekretär Ross Scott ge­wählt. In den Satzungen des Zweiges wurden als dessen Ziele angeführt:

a)        die Theosophische Bewegung dadurch zu unterstützen, daß der Gemeinschaft der Eingeborenen gezeigt wird, daß viele Europäer diese Bewegung achten, mit ihr sympathisieren und sie zu fördern wünschen, und

b)       mit Hilfe der Adept-Brüder der ersten Sektion der Muttergesell­schaft'- Wissen über die psychologischen Wahrheiten zu erlangen, die diese experimentell festgestellt haben, um dadurch in die Lage versetzt zu werden, den Materialismus des Zeitalters zu bekämpfen.

Nur Personen, die bereits Mitglieder der Gesellschaft waren, wurden in den Zweig aufgenommen, und wer es wünschte, konnte seine Mit­gliedschaft geheimhalten.

Wie ersichtlich, entsprach die Formulierung der Ziele durchaus nicht jenen der Muttergesellschaft. Insbesondere enthielt sie entgegen den Wünschen der Mahatmas keine Bezugnahme auf den Gedanken der Menschheitsbruderschaft. Bald nach der Gründung kam zusätzlich der Gedanke auf, auch im Namen den Unterschied zur Muttergesellschaft deutlich werden zu lassen und den Zweig in Simla Eclectic Theosophical Society („Eklektische Theosophische Gesellschaft Simla”) umzubenennen.

Nach den ursprünglichen Plänen sollte die Theosophische Gesell­schaft aus drei Sektionen bestehen: die erste Sektion sollten die Mahatmas bilden, die zweite Sektion ihre angenommenen Schüler und die dritte Sektion die übrigen Mitglieder. Von dieser Gliederung wurde jedoch abgegangen, als sich die Mahatmas 1886 von der unmittelbaren Mit­wirkung an den Angelegenheiten der Gesellschaft zurückzogen.

Diese Umstände veranlaßten offenbar Mahatma K. H., Anfang Sep­tember noch einmal, wie schon im Herbst 1880, persönlich zu seinem Vorgesetzten zu reisen — sicherlich war es wie damals wieder ein weiter Ritt zu Pferd.

Das Ergebnis der Unterredung teilte Mahatma K. H. Sinnett und Hume in dem nachfolgenden Brief mit, der in die theosophische Litera­tur unter der Bezeichnung „Brief des Mahachohan" eingegangen ist. Der Brief selbst ist nicht erhalten, sondern nur eine von Sinnett angefertigte die zusammen mit anderen Mahatma-Briefen in einem Notizbuch ahnt war, das jetzt ebenfalls im Britischen Museum liegt. Da das Orginal fehlt, ist das Datum des Briefes nicht einwandfrei feststellbar, in einer Kopie, die Frau Blavatsky aufbewahrte, die Jahresangabe -letzten Absatz des Briefes nicht „1881", sondern „1880" lautet. Da dem Brief erwähnte Name „Eklektische Theosophische Gesell-Simla" aber nicht vor dem Sommer 1881 gebraucht wurde, die Annahme, daß der Brief 1881 verfaßt wurde, die zutreffendste sein.

Diesem Brief wurde von Anfang an besondere Bedeutung zugemessen.Blavatsky veröffentlichte Teile davon schon im Jahre 1888 in ihrerZeitschrift Lucifer.                   C. Jinarajadasa, Präsident der Theosophischen Ge­sellschaft (Adyar) von 1954 bis 1962, pflegte ihn als die „Magna Charta" Gesellschaft zu bezeichnen. Der Brief umreißt nicht nur eindeutig Absichten, die die tibetischen Eingeweihten bei der Gründung der theosophischen Gesellschaft verfolgten, sondern gibt auch einen weit schauenden Überblick über die Probleme der Welt und der Mensch­: aus dem Gesichtswinkel dieser geistigen Führer der Menschheit, Überblick, der auch heute, nach Ablauf eines Jahrhunderts, kaum an Aktualität verloren hat.





                                (Chronologisch Brief Nr. 25)



Eine gekürzte Wiedergabe der Ansichten des Chohans über die Theosophische Gesellschaft nach seinen eigenen, mir gegenüber gestern abend geäußerten Worten. Mein eigener Brief als Antwort auf Ihren wird in Kürze folgen.      K. H.

Die Lehre, die wir verbreiten, ist zwar die einzig wahre, und sie muß darum, unterstützt von dem Beweismaterial, das zu geben wir uns vorbereiten, schließlich ebenso triumphieren wie jede andere Wahrheit; dennoch ist es notwendig, sie der Welt nur schrittweise zu geben und dabei ihre Theorien — unanfechtbare Tatsachen für die Wissenden — jeweils durch Schlußfolgerungen zu untermauern, die aus dem Beweismaterial abgeleitet sind, welches uns die moderne Wissenschaft liefert.

Oberst H. S. Olcott, der nur für die Wiederbelebung des Buddhismus zu wirken scheint, kann darum als ernsterer Arbeiter auf dem wahren Weg der Theosophie angesehen werden als so man­cher andere, der sich vor allem die Befriedigung seines eigenen glühenden Wunsches nach okkultem Wissen zum Ziel setzt. Denn der Buddhismus, gereinigt von seinen abergläubischen Beimengungen, ist ewige Wahrheit, und wer sich für ihn einsetzt, streitet für die Theo-Sophia, die Göttliche Weisheit, welche gleichbedeutend mit Wahrheit ist.

Wir müssen das Wissen der Theosophie deshalb verbreiten, da­mit unsere Lehren einen praktischen Einfluß auf den sogenannten Moralkodex, auf die allgemeinen Vorstellungen von Wahrheit Reinheit, Selbstverleugnung, Barmherzigkeit usw. ausüben können. Nicht der individuell begrenzte Zweck, für sich selbst Nirvana: (den Höhepunkt alles Wissens und absoluter Weisheit) zu erlangen. was doch nur ein verfeinerter und verklärter Egoismus wäre, son­dern das aufopfernde Suchen nach den wirksamsten Mitteln, un­seren Nächsten auf den rechten Weg zu führen und zu bewirken. daß möglichst viele unserer Mitmenschen daraus Nutzen ziehen. macht den wahren Theosophen aus.

Die intellektuellen Schichten der Menschheit scheinen mehr unc mehr in zwei Gruppen zu zerfallen: die eine bereitet sich, ohne es zu wissen, selbst lange Perioden zeitweiliger Nichtexistenz oder Nichtbewußtseins als Folge einer vorsätzlichen Aufgabe ihrer In­telligenz und ihrer Einkerkerung in die engen Schranken von Bi­gotterie und Aberglauben, ein Vorgang, der unfehlbar eine Miß­bildung des Denkprinzips zur Folge haben muß — die andere Gruppe aber gibt schrankenlos ihren tierischen Neigungen nach, mit dem ausdrücklichen Vorsatz, sich im Falle des Scheiterns be­denkenlos der Vernichtung preiszugeben und damit einem Jahr­tausende währenden Zustand der Erniedrigung nach erfolgter körperlicher Auflösung. Diese „intellektuellen Klassen", welche eine solche Anziehungskraft auf die unwissenden Massen ausüben und an diesen als nachahmens-werte Vorbilder angesehen werden, wirken so in Wahrheit herabziehend und moralisch verderblich auf die, welche sie eigentlich schützen und leiten sollten. Zwischen ernied-rigendem Aberglauben und noch erniedrigenderem grobem Mlaterialismus hat die unwillkommene weiße Taube der Wahrheit kaum einen Platz, wohin sie ihren Fuß setzen kann.

Es ist Zeit, daß die Theosophie in die Arena tritt; die Söhne von Theosophen werden mit größerer Wahrscheinlichkeit wieder Theo­sophen werden als etwas anderes. Kein Verkünder der Wahrheit, kein Prophet, hat schon während seiner Lebenszeit einen vollen Triumph errungen, nicht einmal Buddha selbst. Die Theosophische Gesellschaft wurde zum Eckstein, zur Grundlage der künftigen Religionen der Menschheit ausersehen. Zur Erreichung des gesteck­ten Zieles ist eine stärkere, weisere und vor allem wohl-wollendere Vermischung zwischen hoch und niedrig, zwischen dem Alpha und dem Omega der menschlichen Gesellschaft beschlossen. Die weiße Rasse muß als erste die Bruderhand den farbigen Völkern entgegenstrecken und den armen, verachteten „Nigger" Bruder nennen. Diese Aussicht mag nicht jedem behagen, aber wer sich regen diesen Grundsatz sträubt, der ist kein Theosoph .. .

Wie soll in Anbetracht des fortschreitenden Triumphes der Ge­dankenfreiheit und der Freiheit überhaupt (Eliphas Levi würde es eine umfassende Herrschaft des Satans genannt haben) der kämp­ferische Naturinstinkt der Menschen davon abgehalten werden, bisher unerhörte Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten zu be­gehen, wenn nicht durch den besänftigenden Einfluß einer Bruderschaft und durch die praktische Anwendung der esoterischen Lehren Buddhas? Denn wie jedermann weiß, bedeutet die völlige Los­agung von der Autorität der einen alles durchdringenden Kraft :der Gesetzmäßigkeit, die von den Priestern Gott, von den Philo­sophen der verschiedenen Zeiten aber Buddha, Göttliche Weisheit und Erleuchtung oder Theosophie genannt wird, zugleich auch die Lossagung von allem menschlichen Gesetz. Einmal von dem Ballast ihrer dogmatischen Auslegungen, persönlichen Benennungen, men­schenähnlichen Vorstellungen und bezahlten Priester befreit, werden sich die Grundlehren aller Religionen als gleich in ihrer eso­terischen Bedeutung erweisen. Osiris, Chrishna, Buddha und Chri­stus werden sich als bloß verschiedene Namen für eine und dieselbe königliche Straße zur endgültigen Seligkeit, zum Nirvana, zeigen.

Das mystische Christentum, das ist jenes Christentum, welches Selbsterlösung durch unser eigenes siebentes Prinzip lehrt, jenes befreite Para-Atma (Augoeides), welches von manchen Christus, von anderen Buddha genannt wird und gleichbedeutend ist mit Selbsterneuerung oder Wiedergeburt im Geist, wird als eben die­selbe Wahrheit befunden werden wie das Nirvana des Buddhis­mus. Wir alle müssen uns unseres eigenen Egos, unseres täuschen­den scheinbaren Selbstes, entledigen, um unser wahres Selbst in einem jenseitigen göttlichen Leben zu erkennen. Aber wenn wir nicht selbstsüchtig sein wollen, müssen wir trachten, auch anderen Menschen die Augen für diese Wahrheit zu öffnen, damit sie die Wirklichkeit dieses transzendentalen Selbstes, des Buddha, Chri­stus oder Gottes aller Prediger erkennen. Dies ist der Grund, wes­halb schon der exoterische Buddhismus der sicherste Weg ist, die Menschen zu der einen esoterischen Wahrheit hinzuführen. Wie die Welt heute beschaffen ist, finden wir, gleichgültig, ob in ihrem christlichen, mohammedanischen oder heidnischen Teil, die Ge­rechtigkeit mißachtet und Ehre und Barmherzigkeit in alle Winde zerstreut.Wie sollen wir nun, da wir sehen, daß die Hauptziele der Theo­sophischen Gesellschaft selbst von denjenigen falsch ausgelegt werden, die am allerwilligsten sind, uns persönlich zu dienen, uns gegenüber der übrigen Menschheit verhalten und jenem Fluch des sogenannten „Kampfes ums Dasein" entgegenwirken, welcher die wirkliche und furchtbarste zeugende Ursache der meisten Leiden und Sorgen und aller Verbrechen ist?1Warum ist dieser Kampf fast zu einem universellen Gesetz geworden? Wir anworten: Weil keine Religion, mit Ausnahme des Buddhismus, bisher in der Praxis eine Verachtung des irdischen Lebens gelehrt hat, während jede von ihnen, mit dieser einzigen Ausnahme, durch ihre Lehren von Hölle und Verdammnis die größte Furcht vor dem Tod verbreitet hat. Darum können wir diesen Kampf am grimmigsten in den christ­lichen Ländern wüten sehen, am härtesten in Europa und Amerika ,ist schwächer in den heidnischen Ländern und beinahe un­bekannt unter buddhistischen Völkern. (Während der Hungersnot in China, dort, wo die Massen am unwissendsten über ihre eigene Religion und über irgendeine Religion überhaupt waren, wurde bemerkt, daß jene Mütter, die ihre eigenen Kinder auffraßen, zu Orten gehörten, wo am meisten christliche Missionare zu finden waren. Wo es keine gab und die Bonzen allein das Feld beherrschten, starb die Bevölkerung mit dem größten Gleichmut.) Lehret die Menschen sehen, daß das Leben auf dieser Erde, und sei es das glückliche, nur eine Bürde und eine Täuschung ist und daß nur unser eigenes ­Karma, jene die Wirkung hervorbringende Ursache in uns, unser Richter und Erlöser im zukünftigen Leben ist, dann wird der große Kampf ums Dasein bald seine Heftigkeit verlieren. In buddhistischen Ländern gibt es keine Strafanstalten, und das Verbrechen ist bei den buddhistischen Tibetern beinahe unbekannt. (Das ist nicht an Sie gerichtet und hat nichts mit der Arbeit der Eklektischen Gesellschaft Simla zu tun. Es ist nur als Antwort auf den irrigen Eindruck im Denken Herrn Humes gedacht, die „Arbeit in Ceylon"' sei keine Theosophie.)

Die Auffassung von der Herrschaft eines persönlichen Gottes, der die Welt im allgemeinen und das Christentum im besonderen ,durch zweitausend Jahre überlassen war, hat sich samt allen auf sie gegründeten politischen und sozialen Systemen als ein Fehl­schlag erwiesen.

Wenn nun Theosophen sagen: „Wir haben mit all dem nichts zu tun, die unteren Klassen und die niedrigeren Rassen (z. B. die In­nach der Auffassung der Briten) gehen uns nichts an, sie müs­sen mit ihren Angelegenheiten selber fertig werden, so gut sie eben können" — wo bleibt dann unser schönes Bekenntnis zu Güte und Wohlwollen, zu Menschenfreundlichkeit, zu Reformen usw.? Sind diese Bekenntnisse nur Täuschung und Hohn? Und wenn sie es sind, kann unser Weg dann der wahre sein? Sollen wir uns vielleicht nur der Aufgabe widmen, eine geringe Anzahl von Europäern, die sich vom Reichtum des Landes mästen, viele darunter reich beladen mit den Gaben blinden Glücks, die logischen Grundlagen des Glockenklingelns, des Hervorbringens von Gegen-ständen, des Geistertelefons und der Bildung des Astralkörpers zu lehren und dafür die zahllosen Millionen von Unwissenden, Armen und Verachteten, Niedrigen und Unterdrückten sich selbst überlassen, daß sie aus eigenem für sich und ihre Zukunft sorgen? Nimmermehr! Eher möge die Theosophische Gesellschaft samt ihren beiden unglücklichen Gründern zugrunde gehen, als daß wir lauben sollten, daß sie nichts Besseres als eine Akademie der magischen Künste, ein Lehrsaal des Okkultismus werde. Daß wir; ergebenen Nachfolger jenes verkörperten Geistes der absoluten Selbstaufopferung, Menschheitsliebe, göttlicher Güte und aller höchsten Tugenden, die auf dieser Welt des Kummers erreichbar sind, des Größten aller Menschen, Gautama Buddha, jemals erlauben sollten, daß die Theosophische Gesellschaft zu einer Verkörperung der Selbstsucht werde, zu einem Ort des Heiles für einige wenige, die nur an sich denken und die vielen vergessen, das ist eine seltsame Vorstellung, meine Brüder.

Unter den spärlichen Einblicken, welche Europäer bisher in das Land Tibet und seine mystische Hierarchie von „vollkommenen Lamas" erlangt haben, ist einer, der richtig verstanden und beschrieben worden ist: „Die Verkörperungen des Bodhisattwa Padma Pani oder Avalokitesvara, Tsong-ka-pa und Amitabha entsagen nach ihrem Tod der Erlangung der Buddhaschaft, d. i. dem summum bonum der Seligkeit und persönlichen Glücks, um immer wieder geboren zu werden zum Wohle der Menschheit." (Rhys­Davids) Das hieße nun mit anderen Worten, daß sie wieder und wieder dem Elend, der Einkerkerung im Fleisch und all den Sorge des Lebens ausgesetzt sein sollten, nur damit sie durch ein solches. endlose öde Jahrhunderte dauerndes Selbstopfer für eine Handvoll Menschen, die nur aus einer einzigen unter den vielen Menschen­rassen ausgewählt wären, zu Mittlern würden, ihnen Erlösung und Seligkeit im Jenseits zu sichern. Und von uns, den demütigen Schü­lern dieser vollkommenen Lamas, erwartet man, daß wir der T. G. erlauben, ihren edelsten Namen, den einer Bruderschaft der Menschheit, fallen-zulassen und zu einer gewöhnlichen Schule der Psychologie zu werden? Nein, nein, gute Brüder, Ihr habt schon zulange unter diesem Mißverständnis gearbeitet. Verstehen wir  einander recht: Wer sich nicht fähig fühlt, die große Idee so hinreichend zu begreifen, daß er für sie wirken kann, braucht eine Aufgabe, die ihm zu schwer dünkt, auch nicht zu übernehmen.

Aber es wird kaum einen einzigen Theosophen in der ganzen Gesellschaft geben, der, wenn er schon ihre Ideen nicht selbst ver­wirklichen kann, nicht fähig wäre, ihr wenigstens dadurch zu helfen, daß er die falschen Anschauungen Außenstehender über sie richtig stellt. Ach, hätten wir doch den edlen und selbstlosen Mann, der ums bei dieser Aufgabe in Indien wirksam hülfe! Unser ganzes vergangenes und gegenwärtiges Wissen würde nicht ausreichen, es ihm zu vergelten.

Ich habe nun unsere Anschauungen und Bestrebungen auseinandergesetzt und habe dem nur mehr einige Worte hinzuzufügen.Religion und Philosophie müssen, wenn sie wahr sein sollen, eine Lösung für jedes Problem bieten können. Daß sich die Welt in einem so schlechten moralischen Zustand befindet, ist darum ein unwiderleglicher Beweis dafür, daß keine ihrer Religionen und Philosophien, und zwar die der zivilisierten Rassen noch weniger als die der anderen, je im Besitz der Wahrheit gewesen ist. Die richtigen logischen Erklärungen für die großen dualen Prinzipien zu geben — für Recht und Unrecht, Gut und Böse, Freiheit und für, Leid und Freude, Ichsucht und Selbstlosigkeit —, ist ihnen heute noch ebenso unmöglich wie vor 1881 Jahren. Sie sind
so weit von ihrer Lösung entfernt wie je, aber — es muß hiefür irgendwo eine Lösung geben, die Bestand hat, und wenn unsere Lehren sich als geeignet erweisen, sie zu geben, wird die Welt alsbald bereit sein zu bekennen: Dies muß die wahre Philosophie sein, wahre Religion, das wahre Licht, welches Wahrheit bringt und nichts als Wahrheit.



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Das Arbeitssystem der Theosophischen Gesellschaft

Die Ziele der Gesellschaft

Was sind die Ziele der Theosophischen Gesellschaft? Die Gesellschaft hatte von Anfang an drei Ziele:

1.    den Kern einer universalen Bruderschaft der Menschheit ohne Unterschied von Rasse, Farbe und Glauben zu bil­den.

2.  das Studium der heiligen Schriften der Aryas und ande­res Schrifttum der Weltreligionen und der Wissenschaf­ten zu fördern und für die Bedeutung der alten asiati­schen Literatur, nämlich der brahmanischen, buddhisti­schen und zoroastrischen Philosophien, einzutreten und

3.  die verborgenen Geheimnisse der Natur in allen ihren möglichen Aspekten, besonders aber die im Menschen latenten psychischen und spirituellen Kräfte zu erfor­schen.

Das sind ganz allgemein die drei Hauptziele der Theosophi­schen Gesellschaft.

Können Sie mir eine eingehendere Erklärung davon geben?

Man kann jedes der drei Ziele in so viele erklärende einzel­ne Teile wie notwendig zerlegen.

Dann lassen Sie uns mit dem ersten Ziel beginnen. Welche Mittel gibt es, um das Gefühl der Bruderschaft unter den Menschen zu wecken, von denen man weiß, daß sie in Reli­gion, Gebräuchen, Bekenntnissen und Vorstellungen äu­ßerst verschieden sind?

Ich möchte etwas hinzufügen, was Sie scheinbar nicht gerne aussprechen. Bekannt ist, daß mit Ausnahme zweier Reste von Rassen – den Parsen und den Juden – alle Nationen ge­teilt sind, nicht nur voneinander, sondern auch in sich selbst. Das findet sich hauptsächlich bei den sogenannten zi­vilisierten christlichen Nationen. Deshalb ist es auch kein Wunder, daß gerade ihnen dieses erste Ziel als Utopie er­scheint. Ist es nicht so?

Ja, aber was können Sie dem entgegenhalten?

Nichts gegen die Tatsache selbst, aber vieles in bezug auf die Notwendigkeit, die Ursachen zu beseitigen, welche die universale Bruderschaft gegenwärtig zur Utopie machen.

Was sind Ihrer Meinung nach diese Ursachen?

Vor allem die natürliche Selbstsucht der menschlichen Na­tur. Diese Selbstsucht wird, anstatt ausgerottet zu werden, durch die gegenwärtige religiöse Erziehung nicht nur ermu­tigt, sondern geradezu gerechtfertigt, täglich gestärkt und zu einem wilden und unwiderstehlichen Gefühl angefacht. Die Vorstellungen der Menschen von Recht und Unrecht sind durch die wörtliche Auslegung der jüdischen Bibel voll­kommen verdreht worden. Die Selbstlosigkeit der altruisti­schen Lehren Jesu sind zu einem nur theoretischen Gegen­stand der Kanzel–Rhetorik geworden, während die Vor­schriften praktischer Selbstsucht, die im Alten Testament ge­lehrt werden, und gegen die Christus so vergebens predigte, sich im innersten Leben der westlichen Völker einwurzel­ten. "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ist zum ersten Grund­satz ihrer Gesetze geworden. Ich sage frei und offen, daß die Verzerrung dieser und vieler anderer Lehren nur durch die Theosophie beseitigt werden kann.



Der gemeinsame Ursprung der Menschheit

Und wie?

Einfach dadurch, daß auf logischer, philosophischer, meta­physischer und sogar wissenschaftlicher Grundlage folgen­des dargelegt wird:

1. Alle Menschen haben geistig und physisch den gleichen Ursprung. Das ist eine grundlegende Lehre der Theoso­phie.

2. Da die Menschheit essentiell von ein und derselben inneren Natur ist und diese innere Natur eins ist - unendlich, unerschaffen und ewig, ob wir sie nun Gott oder Natur nennen-, kann nichts ein einzelnes Volk oder einen einzelnen Menschen treffen, ohne zugleich auch alle anderen Völker und Menschen zu treffen. das ist so gewiß und so offensichtlich wie ein Stein, der in den teich geworfen wird, früher oder Später jeden tropfen Wasser darin in Bewegung setzt.

Aber das ist nicht die Lehre Christi, sondern eher eine pantheistische Auffassung.

Eben darin liegt der Irrtum. Es ist eine rein christliche, aller­dings keine jüdische Lehre, und deshalb ziehen es die Bibel-Nationen vielleicht vor, sie zu ignorieren.

Das ist eine pauschale und ungerechte Anschuldigung. Wel­che Beweise haben Sie, die diese Aussage bestätigen?

Die liegen auf der Hand. Es heißt, daß Christus gesagt hat "Liebet einander" und "Liebet eure Feinde", denn "wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?

(Zöllner standen damals im Ruf von Räubern und Taschendieben. Für die Juden war der Beruf des Zöllners die verhaßteste Sache auf der Welt. Ihnen wurde nicht erlaubt, den Tempel zu betreten, und für Mat­thäus (18,17) waren Zöllner nicht besser als Heiden. Aber sie waren nur römische Steuereinnehmer, die etwa dieselbe Stellung hatten wie britische Beamte in Indien und anderen eroberten Ländern.)

Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?" (Matth. 5, 46-47). Das sind die Worte Christi. Aber in Kapitel 9, Vers 25 der Genesis heißt es: "verflucht sei Kanaan, ein Knecht der Knechte soll er seinen Brüdern sein!" und darum ziehen die bibelgläubigen Brüder das Gesetz des Moses Christi Gesetz der liebe vor. Sie stützten sich auf das alte Testament, welches allen ihren Leidenschaften, ihren Gesetzen der eroberung und der Tyrannei über Rassen, die sie minderwertig nennen, Vorschub leistet. was für Verbrechen auf Grund dieses, (wenn man ihn buchstäblich nimmt) furchtbaren Textes der genisis begangen wurden, davon gibt uns die Geschichte eine, wenn auch nur unzulängliche, Vorstellung.

Am Ende des Mittelalters war die Sklaverei unter dem Druck der moralischen Kräfte in Europa im wesentlichen verschwunden. Aber zwei bedeutsame Ereignisse drückten die moralischen Kräfte nieder, die in der europäischen Gesellschaft wirkten, und ließen einen Fluch über die Erde los, wie ihn die Menschheit kaum jemals vorher kann­te. Das erste dieser Ereignisse war die erste Reise an eine dicht bevöl­kerte barbarische Küste, wo Menschen ein gebräuchlicher Handels­artikel waren; das zweite war die Entdeckung einer neuen Welt, wo Gruben glitzernden Reichtums offenlagen, vorausgesetzt, daß Ar­beitskräfte importiert werden konnten, in ihnen zu arbeiten. Vier Jahrhunderte hindurch wurden Männer, Frauen und Kinder von al­len, die sie kannten und liebten, weggerissen und an den Küsten Afri­kas an fremde Händler verkauft; sie wurden unter Deck in Ketten ge­legt – oft Tote mit Lebenden – und auf den furchtbaren Fahrten der `mittleren Route' wurden, wie der unvoreingenommene Historiker Bancroft berichtete, zweihundert-fünfzigtausend von dreieinviertel Millionen ins Meer geworfen, während der Rest einem namenlosen Elend in den Bergwerken oder unter der Peitsche in den Reis- und Zuckerrohrfeldern ausgeliefert war. Die Schuld für dieses große Ver­brechen lastet auf der christlichen Kirche. `Im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit' schloß die römisch-katholische spanische Regierung  mehr als zehn Verträge ab, durch die der Verkauf von fünfhundert­tausend Menschen autorisiert wurde. Im Jahre 1562 segelte Sir John Hawkins bei seinem teuflischen Geschäft, Sklaven in Afrika zu kau­fen und in Westindien zu verkaufen, auf einem Schiff, das den gehei­ligten Namen `Jesus' trug. Die protestantische Königin Elisabeth belohnte ihn für seinen Erfolg als ersten Engländer in diesem unmensch­lichen Handel damit, daß ihm gestattet wurde, in seinem Wappen 'ei­nen halben Mohren in seiner richtigen Farbe zu führen, der mit ei­nem Strick gebunden ist', also mit anderen Worten einen gefesselten Sklaven" (Conquests of the Cross — zitiert aus dem Agnostic Jour­nal).

Ich habe Sie sagen hören, daß die Gleichheit unseres physi­schen Ursprungs durch die Wissenschaft bewiesen wurde, und die unseres spirituellen Ursprungs durch die Weisheits­religion. Dennoch kann man nicht sehen, daß die Darwini­sten große brüderliche Eigenschaften zeigen.

So ist es. Aber dies zeigt eben die Unzulänglichkeit der ma­terialistischen Lehrgebäude und beweist, daß wir Theoso­phen recht haben. Die Gleichheit unseres physischen Ur­sprungs spricht nicht unsere höheren und edleren Empfin­dungen an. Materie, losgelöst von ihrer Seele und ihrem Geist oder ihrer göttlichen Essenz, kann das menschliche Herz nicht ansprechen. Aber die Identität von Seele und Geist, des wirklichen, unsterblichen Menschen, wie sie durch die Theosophie gelehrt wird, einmal bewiesen und tief in unseren Herzen verwurzelt, würde uns auf dem Weg der echten Nächstenliebe und brüderlicher Gefühle weiter­führen.

Aber wie erklärt die Theosophie den gemeinsamen Ursprung der Menschen?

Durch die Lehre, daß die Wurzel der ganzen objektiven und subjektiven Natur und alles Sichtbaren und Unsichtbaren, das im Weltall existiert, ein absolutes Sein ist, war und im­mer sein wird, von dem alles ausgeht und in das alles zurück­kehrt. Das ist Arya-Philosophie, die vollständig nur bei Vedantisten und im buddhistischen System zu finden ist. Es ist somit die Pflicht aller Theosophen, jede Möglichkeit wahrzunehmen, um in allen Ländern nichtsektiererische Bildungssysteme zu unterstützen.

Was raten die Statuten der Gesellschaft den Mitgliedern außerdem noch in der physischen Welt zu tun?

Um brüderliche Gefühle zwischen den Völkern zu wecken, müssen wir im internationalen Austausch von nützlichem Wissen und Erzeugnissen mit Rat und Information helfen so­wie durch Kooperation mit allen achtbaren Einzelpersonen und Vereinigungen (vorausgesetzt allerdings, so fügen die Statuten hinzu, daß die Gesellschaft oder die Mitglieder für ihre gemeinschaftlichen Dienste keine Vorteile haben und keine Gelder beziehen). Ein praktisches Beispiel wäre die Organisationsform der Gesellschaft, wie sie von Edward Bellamy in seinem großartigen Buch Looking Backwards beschrieben wird. Sie stellt in ausgezeichneter Weise die theosophische Idee dar, wie die ersten Schritte der Verwirk­lichung der universalen Bruderschaft aussehen sollten. Der Stand der Dinge, wie er ihn schildert, ist allerdings noch nicht vollkommen, denn noch herrscht Selbstsucht in den Herzen der Menschen. Aber im wesentlichen sind doch Selbstsucht und Individualismus überwunden durch das Ge­fühl der Solidarität und gegenseitigen Bruderschaft. Das Bild des Lebens, das darin gezeichnet wird, verringert die Ursachen, welche die Selbstsucht fördern, auf ein Mini­mum.

Werden Sie also als Theosoph an den Bestrebungen teilneh­men, ein solches Ideal zu verwirklichen?

Sicherlich, und wir haben es durch die Tat bewiesen. Haben Sie nicht von den nationalistischen Vereinigungen und der Partei gehört, die in Amerika seit der Veröffentlichung von Bellamys Buch entstanden sind? Sie treten immer mehr in den Vordergrund und werden es künftig noch mehr tun. Nun, diese Vereinigungen und diese Partei sind in erster Li­nie von Theosophen gegründet worden. Einer der ersten, The Nationalist Club of Boston, hat Theosophen zum Präsi­denten und Sekretär, und die Mehrheit seiner Verwaltung ist aus Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gebil­det. In der Satzung der sich formierenden Partei und der Vereinigung, ist der Einfluß der Theosophie und der Gesell­schaft sichtbar, denn sie alle haben als ihre Grundlage das er­ste und fundamentale Prinzip, die Bruderschaft der Mensch­heit, wie sie von der Theosophie gelehrt wird. In der Grund­lagenerklärung legen sie folgendes fest: "Das Prinzip der Bruderschaft der Menschheit ist eine der ewigen Wahrhei­ten, welche den Fortschritt der Welt nach Richtlinien leiten, die die menschliche Natur von der tierhaften Natur unter­scheidet". Was könnte theosophischer sein als das? Aber es ist nicht genug. Notwendig ist es noch, den Menschen die Idee einzuprägen, daß, wenn die Wurzel der Menschheit eine ist, es auch eine Wahrheit gibt, die ihren Ausdruck in den verschiedenen Religionen findet, – ausgenommen in der jüdischen, da diese Einheitlichkeit nicht einmal in der Kabbala ausgedrückt wird.

Das bezieht sich auf den gemeinsamen Ursprung der Reli­gionen, und da mögen Sie recht haben. Aber wie läßt sich das auf eine praktische Bruderschaft auf der physischen Ebene anwenden?

Erstens muß das, was auf der metaphysischen Ebene wahr ist, auch auf der physischen Ebene wahr sein, und zweitens gibt es keine fruchtbarere Quelle von Haß und Streit als reli­giöse Meinungsverschiedenheiten. Wenn die eine Gruppe glaubt, daß sie allein die absolute Wahrheit besitzt, ist es nur natürlich, daß sie denkt, die anderen befänden sich voll­kommen in den Klauen des Irrtums oder des Teufels. So­bald aber die Menschen dahin gelangen einzusehen, daß kei­ner von ihnen die ganze Wahrheit besitzt, daß sie vielmehr einander ergänzen, und daß die vollkommene Wahrheit nur in der Verbindung der Ansichten aller gefunden werden kann, nachdem alles Falsche aus jeder von ihnen entfernt worden ist, dann kann wahre Bruderschaft in der Religion gebildet werden. Dasselbe gilt für die physische Welt.

Erklären Sie das bitte weiter.

Nehmen wir ein Beispiel. Eine Pflanze besteht aus Wurzel, Stamm und vielen Zweigen und Blättern. Wie die Mensch­heit als Ganzes der Stamm ist, der aus der spirituellen Wur­zel emporwächst, so bedeutet der Stamm die Einheit der Pflanze. Wenn man den Stamm verletzt, so ist es klar, daß je­der Zweig und jedes Blatt darunter leiden wird. Bei der Menschheit ist es ebenso.

Ja, aber wenn Sie einen Zweig oder ein Blatt verletzen, dann verletzen Sie doch nicht die ganze Pflanze?

Und darum denken Sie, daß Sie dadurch, daß Sie einen ein­zelnen Menschen verletzen, nicht die ganze Menschheit ver­letzen? Aber woher wissen Sie das? Wissen Sie nicht, daß selbst die materialistische Wissenschaft lehrt, daß jede noch so schwache Verletzung einer Pflanze den ganzen Lauf ihres Wachstums und ihrer Entwicklung beeinflußt? Sie befinden sich also im Irrtum, und die Analogie ist vollkommen. Man bedenke, daß ein Schnitt in den Finger oft den ganzen Kör­per in Mitleidenschaft zieht und auf das ganze Nervensy­stem zurückwirkt. Ich muß Sie darauf hinweisen, daß es sehr wohl andere spirituelle Gesetze geben kann, die bei Pflanzen und Tieren ebenso wirksam sind wie bei der Menschheit, obgleich man deren Wirklichkeit bestreiten mag, da man ihrer Wirkung auf Pflanzen und Tiere nicht ge­wahr wird.

Was für Gesetze sind da gemeint?

Man nennt sie die karmischen Gesetze. Aber Sie werden die volle Bedeutung dieses Begriffs nicht verstehen, solange Sie nicht den Okkultismus studieren. Obgleich sich meine obi­ge Behauptung nicht auf diese Gesetze bezieht, sondern le­diglich auf die Analogie mit der Pflanze. Erweitert man die­se Idee und wendet sie universell an, wird man sehen, daß in der wahren Philosophie jede äußere Handlung ihre morali­sche und andauernde Wirkung hat. Fügt man einem Men­schen körperlichen Schaden zu, so könnte man annehmen, es sei unmöglich, daß auch seine Nachbarn oder gar Men­schen anderer Nationen seinen Schmerz und sein Leiden zu spüren bekommen. Wir aber stellen fest, daß dies zu gegebener Zeit geschehen wird. Daher behaupten wir, daß, solan­ge nicht jeder Mensch dazu gebracht wird, es als axiomati­sche Wahrheit zu verstehen und anzuerkennen, daß, sobald wir einem Menschen Unrecht zufügen, wir mit der Zeit nicht nur uns selbst, sondern der ganzen Menschheit Un­recht zufügen, solange sind brüderliche Gefühle, wie sie von allen großen Reformatoren gelehrt worden sind, beson­ders von Buddha und Jesus, auf der Erde nicht möglich.

Die anderen Ziele der Gesellschaft

Würden Sie nun die Methoden erklären, mit denen Sie das zweite Ziel der Gesellschaft zu verwirklichen beabsichti­gen?

Wir sammeln für die Bibliothek in unserem Hauptsitz in Adyar bei Madras (und ebenso für die Bibliotheken der ver­schiedenen Sektionen) alle wertvollen Werke über die Reli­gionen der Welt, die erhältlich sind. Wir verfassen Schrif­ten, die genaue Informationen über die verschiedenen alten Philosophien, Traditionen und Legenden geben und verbrei­ten diese. Wir übersetzen wertvolle Originalwerke und ver­öffentlichen sie, machen Auszüge aus solchen und Kommen­tare über sie und geben mündliche Belehrungen durch Perso­nen, die in einem bestimmten Fachgebiet erfahren sind.

Und wie sieht es mit dem dritten Ziel aus, die im Menschen ruhenden spirituellen und psychischen Kräfte zu entfalten?

Dies kann ebenfalls durch Literatur erreicht werden, und zwar dort, wo keine Vorträge oder persönlichen Belehrungen möglich sind. Unsere Pflicht ist es, die spirituelle Intui­tion im Menschen lebendig zu erhalten. Wir müssen, nach sorgfältiger Prüfung und dem Nachweis ihrer Irrationalität, jede Form von Fanatismus bekämpfen, und zwar in den Re­ligionen, den Wissenschaften und in der Gesellschaft – be­sonders aber müssen wir der Phrasendrescherei religiöser Fanatiker und dem Geschwätz über den Glauben an Wun­der und Übernatürliches entgegentreten. Wir müssen da­nach trachten, Wissen über alle Naturgesetze zu erlangen und dieses zu verbreiten. Wir müssen zum Studium jener Gesetze ermutigen, die vom modernen Menschen am we­nigsten verstanden werden, zum Studium der sogenannten okkulten Wissenschaften, die sich auf die wahre Kenntnis der Natur gründen, anstatt, wie es gegenwärtig der Fall ist, auf abergläubische Anschauungen, die nur auf blindem Glauben und Autorität beruhen. Folklore und Überlieferun­gen, wie phantastisch sie manchmal auch sein mögen, kön­nen, wenn sie entsprechend erforscht werden, zur Entdek­kung lange verlorener, aber wichtiger Geheimnisse der Na­tur führen. Die Gesellschaft beabsichtigt daher, diese For­schungslinie weiter zu verfolgen, in der Hoffnung, das Feld wissenschaftlicher und philosophischer Beobachtungen zu erweitern.

(.....)


Selbstvervollkommnung

Ist moralische Vervollkommnung also das, worauf in Ihrer Gesellschaft der größte Wert gelegt wird?

Zweifellos! Wer ein wahrer Theosoph sein will, muß sich dazu bringen, auch als ein solcher zu leben.

Wenn das so ist, dann widerspricht aber das Verhalten eini­ger Mitglieder dieser Grundregel in bemerkenswerter Weise.

Sicherlich. Aber das ist unter uns nicht anders als unter je­nen, die sich Christen nennen und trotzdem wie Teufel han­deln. Das ist kein Fehler unserer Satzungen und Regeln, der Grund liegt in der menschlichen Natur. Selbst in einigen exo­terischen Zweiggruppen geloben die Mitglieder ihrem "Hö­heren Selbst", ein Leben nach den Vorschriften der Theoso­phie zu führen. Sie sollten ihr göttliches Selbst dazu brin­gen, ihre Gedanken und Taten, jeden Tag und in jedem Au­genblick ihres Lebens zu leiten. Ein wahrer Theosoph sollte "gerecht handeln und bescheiden wandeln."

Was meinen Sie damit?

Einfach folgendes: Das einzelne Selbst muß sich um der vie­len Selbste willen vergessen. Lassen Sie mich mit den Worten eines echten Philaletheiers antworten, eines Mitglieds, der es im Theosophist so wundervoll ausgedrückt hat: "Vor allem anderen muß der Mensch zuerst zu sich selbst finden und dann eine ehrliche Bestandsaufnahme seines subjektiven Zu­stands machen. Wie schlimm und armselig das Resultat auch sein mag, es ist nicht hoffnungslos, wenn wir uns ernsthaft um Erlösung bemühen". Aber wie viele tun dies? Jeder ist bereit, für seine eigene Entwicklung und für sein eigenes Fortkom­men zu arbeiten, aber sehr wenige wollen das für die anderen tun. Derselbe Autor sagt weiter: "Die Menschen wurden schon zu lange betrogen und getäuscht. Sie müssen ihre Idole stürzen, ihrem Scheinleben entsagen und beginnen, an sich selbst zu arbeiten. Aber jeder, der nur für sich selbst arbeitet, sollte besser ganz aufhören und lieber für andere, für alle ar­beiten. Für jede Blume der Liebe und des Wohlwollens, die er im Garten seines Nachbarn pflanzt, wird in seinem eigenen ein Unkraut verschwinden. Und so wird dieser Garten der Götter – die Menschheit – wie ein Rosengarten erblühen. Dies wurde ganz klar in den heiligen Schriften aller Religio­nen gelehrt. Aber mutwillige Menschen haben diese Lehren zuerst falsch ausgelegt und schließlich abgeschwächt, mate­rialisiert und verächtlich gemacht. Wir brauchen keine neue Offenbarung, jeder Mensch kann sich selbst eine Offenba­rung sein. Sobald des Menschen unsterblicher Geist vom Tem­pel seines Körpers Besitz ergriffen und die Geldwechsler und alles Unreine verjagt hat, wird sein eigenes göttliches Mensch­sein ihm Erlösung bringen. Wenn er so eins mit sich selbst ge­worden ist, erkennt er den'Erbauer des Tempels'

Ich muß gestehen, das ist reiner Altruismus.

So ist es. Und wenn nur jedes zehnte Mitglied der Gesell­schaft ihn wirklich praktizieren würde, dann wäre sie in der Tat eine auserwählte Körperschaft. Aber unter den Außen­stehenden wird es immer Menschen geben, die sich weigern, den wesentlichen Unterschied zwischen der Theosophie und der Theosophischen Gesellschaft, zwischen der Idee und ih­rer unvollkommenen Verkörperung, zu sehen. Diese würden jedes Vergehen und jede Unvollkommenheit des menschli­chen Körpers dem reinen Geist zuschreiben, der ihn mit sei­nem göttlichen Licht erleuchtet. Widerfährt den beiden da­durch Gerechtigkeit? Sie werfen Steine auf eine Vereinigung, die versucht, ihr Ideal zu verwirklichen und zu verbreiten trotz aller Widerstände. Einige setzen die Theosophische Ge­sellschaft herab, nur weil sie sich bemüht, das zu erreichen, womit andere Systeme – vorzugsweise das kirchliche und staatliche Christentum – vollkommen gescheitert sind, und andere, weil es ihnen nur um die Erhaltung des bestehenden Zustandes geht. So machen es die Pharisäer und Sadduzäer in Moses Stuhl, die Zöllner und die Sünder, die sich in ihren hohen Stellungen breit machen, wie das Römischen Reich in seiner Periode der Dekadenz. Edel denkende Menschen soll­ten aber wissen, daß der Mensch, der tut, was in seinen Kräf­ten steht, ebenso viel tut wie derjenige, der das meiste voll­bracht hat in dieser Welt der relativen Möglichkeiten. Das ist eine einfache Wahrheit, axiomatisch illustriert für alle, die an das Evangelium glauben, durch die Parabel von den Talen­ten, die der Meister seinen Dienern gibt: Der Diener, der sei­ne zwei Talente verdoppelt, wird ebenso hoch belohnt wie der andere Diener, der fünf Talente erhalten hatte. Jedem Menschen wird seinen Fähigkeiten gemäß gegeben.

Trotzdem ist es hier ziemlich schwierig, das Abstrakte vom Konkreten abzugrenzen, da wir nur nach dem letzteren urteilen können.

Warum wollen Sie dann gerade bei der Theosophischen Ge­sellschaft eine Ausnahme machen? Gerechtigkeit muß eben­so wie die Nächstenliebe im eigenen Heim beginnen. Wol­len Sie die Bergpredigt schmähen und verspotten, weil Ihre sozialen, politischen und sogar religiösen Gesetze bisher nicht nur nicht in der Lage waren, die Vorschriften dieser Bergpredigt dem Geiste nach auszuführen, sondern nicht einmal dem toten Buchstaben nach? Schaffen Sie den Eid ab in den Gerichten, im Parlament, in der Armee und überall, und handeln Sie wie die Quäker, wenn Sie sich Christen nen­nen wollen! Schaffen Sie überhaupt die Gerichte ab, denn wenn Sie den Geboten Christi folgen wollen, dann müssen Sie dem, der Ihnen den Mantel nimmt, auch noch den Rock geben und dem Raufbold, der Sie auf die rechte Backe schlägt, auch die linke hinreichen. "Widersteht nicht dem Übel, liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen und tut Gutes denen, die euch hassen."; denn, "wer immer eines der kleinsten Gebote brechen mag und lehrt die Leute so, der soll der Geringste heißen im Himmelreich", und "wer immer sagen mag 'Du Narr', der ist des höllischen Feuers schuldig". Warum wollen Sie urteilen, wenn Sie nicht wol­len, daß auch über Sie ein Urteil gesprochen wird? Wenn Sie darauf bestehen, daß zwischen der Theosophie und der Theosophischen Gesellschaft kein Unterschied ist, dann set­zen Sie damit das System und das ganze Wesen des Chri­stentums den gleichen Angriffen aus, nur in einer noch ern­steren Weise.

Warum ernster?

Während sich die Leitenden der theosophischen Bewegung ihre Unzulänglichkeiten eingestehen und alles versuchen, um Verbesserungen zu schaffen und die vorhandenen Übel in ihrer Gesellschaft auszumerzen, und während ihre Re­geln und Vorschriften im Geiste der Theosophie ausgearbei­tet sind, tun die Gesetzgeber und die Kirchen der Nationen und Länder, die sich christlich nennen, das Gegenteil. Unse­re Mitglieder, auch die schlechtesten unter ihnen, sind nicht schlechter als die Durchschnitts-Christen. Wenn die westli­chen Theosophen soviel Schwierigkeiten erfahren haben, ein wahres theosophisches Leben zu führen, so deshalb, weil sie alle Kinder ihrer Entwicklungsstufe sind. Jeder von ihnen war Christ, geboren und erzogen in der Sophistik sei­ner Kirche, in den sozialen Gewohnheiten und den parado­xen Gesetzen seiner Umgebung. Dies war er, bevor er Theo­soph geworden ist oder vielmehr, bevor er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft wurde: Man kann es nicht oft genug wiederholen, daß zwischen dem reinen Ideal und sei­nem Träger ein gewaltiger Unterschied ist.

Das Abstrakte und das Konkrete

Bitte erklären Sie den Unterschied zwischen der Theoso­phie und der Theosophischen Gesellschaft etwas näher.

Die Theosophische Gesellschaft ist eine große Körperschaft von Menschen, die aus den verschiedenartigsten Elementen zusammengesetzt ist. Theosophie in ihrer abstrakten Bedeu­tung ist Gottesweisheit, die Summe des Wissens und der Weisheit, die dem Universum zugrunde liegt, die Homogeni­tät des ewigen Guten. In ihrer konkreten Bedeutung ist sie die Summe all dessen, was dem Menschen von der Natur auf dieser Erde gegeben ist und nicht mehr. Einige Mitglie­der bemühen sich ernsthaft, die Theosophie in ihrem Leben zu verwirklichen und sie sozusagen zu objektivieren, wäh­rend andere sie nur kennenlernen wollen, ohne sie auszu­üben, und wieder andere sich der Gesellschaft vielleicht aus bloßer Neugier angeschlossen haben oder auf Grund eines vorübergehenden Interesses, oder vielleicht nur deshalb, weil einige ihrer Freunde ihr angehören. Wie kann man also das System nach dem Niveau von Menschen beurteilen, die sich diesen Namen aneignen, ohne ein Recht darauf zu ha­ben? Kann Poesie nur an den Möchtegern-Poeten gemessen werden, die unsere Ohren quälen? Die Gesellschaft kann nur in ihren abstrakten Beweggründen als Verkörperung der Theosophie betrachtet werden, sie kann sich niemals an­maßen, sich als ihren konkreten Träger zu bezeichnen, so­lange alle menschlichen Mängel und Schwächen in ihrer Körperschaft vertreten sind; sonst würde die Gesellschaft nur den großen Fehler und die Entweihungen der sogenann­ten christlichen Kirchen wiederholen. Wenn Sie einen östli­chen Vergleich gestatten wollen, dann ist die Theosophie der uferlose Ozean der universalen Wahrheit, Liebe und Weisheit, dessen Glanz auf der Erde reflektiert wird, wäh­rend die Theosophische Gesellschaft nur eine sichtbare Luft­blase auf dieser Spiegelung ist. Die Theosophie ist die sicht­bare und unsichtbare göttliche Natur, die Gesellschaft ist die menschliche Natur, die versucht, zu ihrem göttlichen Ur­sprung emporzusteigen. Theosophie ist die ewige Sonne und die Gesellschaft der vergängliche Komet, der versucht, auf einer Bahn ein Planet zu werden, und der immer innerhalb der Anziehungskraft der Sonne kreist. die Theosophische gesellschaft wurde gebildet, um zu helfen, den Menschen zu zeigen, daß so etwas wie Theosophie existiert und ihnen beizustehen, sich dadurch zu ihr zu erheben, dass sie ihre ewigen Wahrheiten studieren und aufnehmen.



                            





 
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