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Da die Theosophische Gesellschaft sich weit über die gesamte zivilisierte Welt aus­gebreitet hat und Angehörige aller Religionen sich ihr als Mitglieder angeschlossen haben, ohne deshalb die Lehren und Anschauungen ihrer besonderen Religionen auf­zugeben, ist es wünschenswert, die Tatsache zu betonen, dass die Mitglieder der Gesellschaft an keine Lehrmeinung oder Anschauung, von wem immer sie auch stam­men mag, in irgendeiner Weise gebunden sind. Sie sind völlig frei, eine jede anzu­nehmen oder zurückzuweisen. Die Anerkennung der drei Ziele der Gesellschaft ist die einzige Bedingung für die Mitgliedschaft.

Kein Lehrer und kein Schriftsteller, von H. P. Blavatsky angefangen, hat irgend eine Autorität, seine Lehren und Anschauungen anderen Mitgliedern aufzudrängen. Jedes Mitglied hat das volle Recht, sich beliebigen Lehrern und beliebigen Schulen des Denkens nach freier Wahl anzuschließen, aber es hat kein Recht, seine Wahl anderen Mitgliedern aufzuzwingen.

Weder die Kandidaten für die Ämter der Gesellschaft noch ihre Wähler dürfen wegen der Anschauung, die sie vertreten, oder wegen ihrer Zugehörigkeit zu irgend einer Schule des Geistes vom aktiven oder passiven Wahlrecht ausgeschlossen werden. Die besonderen Glaubensmeinungen der einzelnen Mitglieder gewähren diesen weder Vorrechte, noch bewirken sie Zurücksetzungen.

Der Generalrat derTheosophischen Gesellschaft fordert alle Mitglieder ernstlich auf, diese Grundsätze der Theosophischen Gesellschaft aufrechtzuerhalten, zu verteidi­gen und nach ihnen zu handeln sowie auch ohne jede Furcht ihr Recht auf freies Den­ken und freie Meinungsäußerung auszuüben und sich dabei nur jene Schranken auf­zuerlegen, welche Höflichkeit und Achtung vor anderen bedingen.


Eine Entschließung des Generalrates der Theosophischen Gesellschaft Adyar vom 25. Dezember 1996 (der erste Beschluss geht auf 1924 zurück).

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Toleranz

von Dr. Franz Hartmann                                  
 



Ein Meister der Weisheit sagt: »Duldsamkeit ist es, wenn man ge­duldig sowohl in sich selbst als in Anderen das erträgt, was man nicht ändern kann, bis GOTT anders darüber bestimmt«, und die Bhagavad­ Gita lehrt: »Einen Weisen erkennt man daran, daß er sich durch das Wirken der drei Naturgewalten nicht in seiner Ruhe stören läßt, sondern fest in seinem Glauben steht und sich wie ein unbeteiligter Zuschauer verhält, der sich sagt: »Diese Kräfte folgen ihrem Gesetze!«

Damit ist nicht gemeint, daß man sich keine Mühe geben soll, seine eigenen Fehler abzulegen, oder nicht Anderen behilflich sein solle, sie zu verbessern; sondern man muß zwischen der Person und den ihr anhaftenden Mängeln unterscheiden, duldsam für die Person, aber unduldsam für ihre Fehler sein. Wer duldsam gegen das Böse ist, der ist unduldsam gegen das Gute, weil das Gute nicht zum Vorschein ge­langen kann, solange das Böse begünstigt wird. Ein Gärtner, der das Unkraut wuchern läßt, hindert dadurch das Wachstum nützlicher Pflanzen und übt eine übel angebrachte Duldsamkeit aus.

Wir sind duldsam gegen uns selbst, wenn wir gegen unsere bösen Neigungen unduldsam sind. Jede böse Begierde in unserem Innern ist eine Form unseres Willens, die eine eigene Gestalt angenommen, sich gegen unser wahres Ich aufgelehnt und gleichsam einen Staat im Staate gebildet hat. Der Wille ist eine Kraft. Dadurch, daß wir diese Willens­form überwinden und vernichten, löst sie sich auf, und die Kraft, aus der sie gebildet war, kehrt wieder zu ihrem Ursprunge zurück, d. h. sie wird wieder unsere Kraft. Durch jede Tat der Selbstbeherrschung wird somit unser Wille gestärkt, aber er wird geschwächt, wenn wir einer bösen Neigung nachgeben. Mit anderen Worten: Jede zur Reife ge­kommene Begierde stellt einen Vampyr (Elemental) dar, der sich von unserem Blute ernährt, und durch seine Tötung wird uns seine Kraft wieder zu eigen. Wenn es uns aber trotz unserer Mühen nicht sogleich gelingt, diese Vampyre zu überwinden, so brauchen wir uns deshalb nicht zu betrüben, sondern müssen an der Überzeugung festhalten, daß der Herr in uns für uns kämpft.

Wenn wir gegen die Torheiten eines Anderen, unduldsam sind, so sind wir nicht unduldsam gegen ihn selbst, sondern nehmen vielmehr für ihn gegen seine Torheiten, die ihn belästigen, Partei. Alle Übel ent­springen der Nichterkenntnis des Wahren. Auf Niemandem lastet diese Nichterkenntnis als auf dem, der sie besitzt, und ihr Besitzer verdient somit unser Mitleid und unsere Hilfe, nicht aber Verachtung und Haß.

Wenn sich auch für uns die Folgen seiner Torheit schmerzlich fühlbar machen, so gibt es dagegen kein besseres Mittel, als ihn aufzuklären und von seiner Last zu befreien, Stillschweigende Duldsamkeit ist nur dann am Platze, wenn wiederholte Versuche, ihn zur Ablegung seiner Fehler zu bewegen, vergebens sind und er keiner Belehrung zugänglich ist. Es steht geschrieben: »Widerstrebet dem Übel nicht! Damit ist gemeint, daß das Übel eine Kraft ist, und da jede Kraft durch den Widerstand, den sie findet, wächst, so wird das Übel hierdurch nur vermehrt. Anstatt sich mit dem Übel auf gleiche Linie zu stellen, und es zu bekämpfen, müssen wir lernen, uns über den Plan, auf dem es wirkt, zu erheben; dann berührt es uns nicht mehr. Zu dieser Erhebung führt uns die Erkenntnis des Gottesgeistes in unserem Innern und die Verleugnung des eigenen Selbstes. Die Hölle im Menschen wird durch seinen Egoismus, der Himmel in seinem Innern durch die selbstlose Liebe geschaffen. Diese Liebe äußert sich in der freudigen Ergebung in das Gesetz.


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  Über Toleranz und Verantwortung



Eine Antwort Annie Besants auf eine Anfrage bei der Tagung
der Deutschen Landesgesellschaft der T.G.(Adyar) in Hamburg
am 21.August 1927 
 

Nun gibt es eine lokale Frage, von der ich Ihnen schon in der Sitzung sprach, und über die ich einige Worte sagen möchte. Das ist die an mich als Präsidentin der Internationalen Gesellschaft gerichtete Aufforderung, bei der Bildung einer Vereinigung der Theosophischen oder ihr verwandter Gesellschaften in Deutschland mit­zuhelfen. Meine Antwort darauf war, daß sie das voll­kommene Recht hätten, sich zu verbinden (unabhängig von der Gesellschaft im großen) und irgendein Bündnis mit irgendwelcher Gesellschaft einzugehen. Das ist das Recht der Sektion, da sie in ihren eigenen Grenzen autonom ist. Was die Gesellschaft im Großen betrifft, so berichtete ich, daß wir das Ideal schon erklärt und teilweise verwirklicht hätten, daß alle Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft frei seien, sich irgendeiner Gesellschaft anzuschließen, in die sie einzutreten wünschten.

Es gibt nichts was ein Mitglied verhindern könnte, der Anthroposophischen Gesellschaft beizutre­ten. Ich würde mich darüber freuen, denn ich habe große Achtung für          Dr. Steiner und bedaure nur, daß er keinen Weg fand, deutschen Mystizismus (siehe Anmerkung 1) von der Ge­sellschaft aus zu verbreiten, statt aus ihr auszutreten, um es zu tun. Der wesentliche Bestandteil des deutschen Mystizismus ist sehr wertvoll, und er war sehr dazu be­fähigt, ihn wirksam zu verbreiten. Ich würde lieber ge­sehen haben, daß er es innerhalb der Gesellschaft statt außerhalb getan hätte. Aber jedes Mitglied der Theo­sophischen Gesellschaft kann dieser Gesellschaft bei­treten, sowie jeder anderen, die mir weniger bekannt ist. Ich weiß sehr viel über die Anthroposophische  Ge­sellschaft, weil ich Dr. Steiner achtete und an seiner Bewegung Interesse nahm.

Aber ich möchte den Rat geben, daß jeder von Ihnen, der irgendeine Verbindung eingeht, einen brüderlichen Geist gegenüber der Theosophischen Gesellschaft zeige. Wenn irgendeiner der Führer dieser Bewegungen i h r e  Führer angreift, dann werden sie im Schließen eines Bündnisses nicht sehr erfolgreich sein. Jedenfalls ist es weniger nachteilig, wenn solche Angriffe von außen kommen als von innen.

Ich will in keiner Weise streiten, was auch andere sagen mögen. Ich lese manchmal ihre Angriffe, und ob­wohl ich es für bedauerlich halte, daß sie gemacht wer­den, entgegne ich nicht ein Wort darauf. Ich glaube, das ist der richtige theosophische Geist. Wenn sie Gefallen daran finden, anzugreifen, nun wohl, es tut nichts! Man sagt, zum streiten gehören zwei, und ich will nicht einer von den zweien sein. Es ist also nur eine einseitige Sache, und ich hoffe, sie wird mit der Zeit verschwinden. Ich werde sie nicht durch Streiten aufrecht erhalten. Wenn sie natürlich Dinge sagen, die nicht wahr sind, können sie einige Menschen für kurze Zeit irre führen, aber nicht für lange. Die Wahrheit wird ans Licht kom­men, und deshalb nehme ich es sehr philosophisch.         Es wird eines Tages in Ordnung kommen, in diesem Leben oder in einem anderen.

Eine große, vom Herrn Buddha ausgesprochene Wahrheit war die, daß Liebe stärker ist als Haß. „Haß wird nicht durch Haß überwunden" sagte Er. „Haß wird durch Liebe überwunden", und wenn man als Antwort auf einen Angriff Wohlwollen aussendet, dann wird der Angriff allmählich hinschwin­den, weil niemand den Schlag zurückgibt. Wenn also jemand von Ihnen es für gut hält, Gesellschaften in Ihrem Lande beizutreten, so haben Sie das Recht dazu und müssen selbst am besten beurteilen, ob es klug ist oder nicht. Aber soweit es die anderen Gesellschaften betrifft, so müssen die Angriffe aufhören, wenn ein Bündnis stattfinden soll. Angriffe ohne ein Bündnis sind dann noch besser als Angriffe innerhalb des Bündnis­ses. Aber die Sache liegt ganz in Ihren Händen.


(Anmerkung 1)  "deutscher Mystizismus" ist im Sprachgebrauch Annie Besants keine abwertende Bezeichnung. In ihren Vorträgen über Yoga (erschienen unter dem Titel  >Raja-Yoga<. ) spricht sie in Betrachtung des von ihr tief verehrten Bhakti-Yoga-Pfades und des Karma-Yoga-Pfades vom "indischen Mystizismus".










                
 
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