Startseite
Netzwerk-News
Wir über uns
Termine 2010
Weltethos
Friedensmanifest
Was ist Theosophie?
Krishnamurti
Soziale Frage
Gegen Rassismus !
Gedichte
Erinnerung
Gästebuch
Kontakt
Impressum
Sophie's Kino
Links / Bücher
Freunde
Galerie Silvia
 






  • Das Verhältnis der Theosophischen Gesellschaft zu politischen Reformen von Helena Petrowna Blavatsky    
  • Der Industriebetrieb im sozialistischen Staat   von Annie Besant
  • Der zukünftige Sozialismus  von Annie Besant



Neben vielen anderen katastrophalen Entwicklungen ist die soziale Frage im Zeitalter radikal marktwirtschaftlicher Globalisierung eine mit höchstem Gefahrenpotential. Der rasante Absturz großer Bevölkerungsanteile in immer bitterer werdende Armut, schafft eine ähnlich verhängnisvolle Lage, wie sie Anfang des 20. Jhd. bestand. So besteht auch heute wieder im besonderen Maße die Frage, welche Haltungen wir Theosophen zur größten Krise der Menschheit seit ihrem Bestehen einnehmen und empfehlen. Was können wir, was müssen wir zum Überleben der Menscheit in geistiger Freiheit und liebeerfüllter Menschlichkeit beitragen? 

Die führenden Theosophen ließen insbesondere durch ihr Handeln nie ein Zweifel daran aufkommen, dass sie sich vor allem für die leidende Menschheit einsetzen, und nicht so sehr für jene, die den Menschen diese Leiden zufügen, obwohl auch diese leidend sind. Denn in ihrer Unwissenheit begreifen sie nicht, dass der Strom der grausamen Wirkungen , die sie erzeugen, zu späterer Zeit zu seinen Verursachern zurückkehren muss (Karma).

Viele Theosophen der ersten Stunde kämpften, wie bereits Helena Blavatsky , Henry Steel Olcott gegen die koloniale Unterdrückung der Völker Asiens, insbesondere durch Verteidigung des Lebensrechtes, des ethischen Wertes und der Spiritualität des Hinduismus, des Buddhismus und vieler anderer nichtchristlicher Religionen - ein nicht zu überschätzender Dienst für die sich formierenden Unabhängigkeitsbewegungen.

Diese Tradition setzte dann vor allem Annie Besant fort, welche mit großer Tatkraft und weitreichendem Einfluss die Selbstverwaltung Indiens im Rahmen der Idee eines neuen Commonwealth einforderte. Sie wurde dafür vom British Empire verfolgt, und zusammen mit dem Theosophen B.P.Wadia vorübergehend in britische Konzentrationslager verschleppt.                                                                                                Ihre Liebe und ihr Einsatz für Indien ist dort auch heute noch unvergessen. 

Die theosophische Bewegung übte einen besonderen Reiz auf große Teile der fortschrittlichen indischen Intelligenz aus, kam ihnen in der modernen Theosophie doch erstmalig eine weltanschauliche Strömung entgegen, die europäische Bildung und Wissenschaft mit der der Spiritualität ihrer eigenen Religionen theoretisch, aber vor allem auch in der Praxis verband. Das lebendige Beispiel,dass die theosophischen Führer hierin gaben, ließ erstmals die Befreiungsbewegungen Hoffnung schöpfen, dass sie im Kampf gegen die Industrienationen des Westens weder unterliegen, noch ihre eigene Religion und Kultur verlieren werden. Die grenzenlose Hochachtung der westlichen Theosophen gegenüber der hinduistischen und buddhistischen Philosophie, ihr beharrlicher, liebevoller Einsatz im Erziehungswesen, für soziale Reformen, die den indischem Volksmassen tatsächlich zugute kamen, brachten die Herrschaft des britischen Imperialismus ins Wanken, da diese auf Unmenschlichkeit, rassistischer Verachtung der indischen Menschen und Abwertung ihrer traditionellen Kultur beruhte. Das gelebte theosophische Ideal der Bruderschaft aller Menschen war es, daß diese Entwicklung ermöglichte.

Die Theosophische Gesellschaft war und ist kein politischer Verein!                    Das aus tiefem Mitgefühl entstehende Bestreben leidenden Menschen Hilfe zu bringen und das seelisch-geistige Erbe der Menschheit zu bewahren und zu pflegen, führten immer wieder zu  Konflikten mit denen, die der Menschlichkeit zuwider handeln.

Auch zur sozialen Frage in der westlichen Welt, zur Armut, zum Sozialismus etc bezogen Blavatsky, Besant und viele andere Theosophen Stellung. Hier sollte vielleicht nocheinmal betont werden, dass keine der Ideen die von den großen Persönlichkeiten der Theosophischen Bewegung vorgebracht werden, in irgend einer Weise für Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft verbindlich sind, mit Ausnahme des Ideals der Bruderschaft der Menschheit, wie es in unserem erstem Ziel formuliert ist.

Im Folgenden bringe ich Dir sieben Textbeispiele, welche das Verständnis der und die spirituelle Haltung  zur sozialen Frage des jeweiligen Autoren dokumentieren.                                                                                                            (R.M.S.)


                                              




    Textauszug aus



 

        Helena Petrovna Blavatsky 
         (12.8.1831 - 8.5.1891)



           veröffentlicht 1889                                            
 

Das Verhältnis der Theosophischen
Gesellschaft zu politischen Reformen

Die Theosophische Gesellschaft ist also keine politische Ge­sellschaft?

Nein. Sie ist im höchsten Sinne international, da sie als Mit­glieder Menschen aller Rassen, Religionen und Denkrich­tungen umfaßt, die alle für ein Ziel, die Besserung der Menschheit, zusammenarbeiten; aber als Gesellschaft betei­ligt sie sich in keiner Weise an Politik, weder an nationaler noch an Parteienpolitik.

Und warum nicht?

Aus den Gründen, die ich schon erwähnt habe. Die politi­sche Tätigkeit verändert sich auch notwendigerweise mit den Zeitumständen oder den natürlichen Anlagen und Nei­gungen der Menschen. Während die Mitglieder der Theoso­phischen Gesellschaft auf Grund der Tatsache, dass sie Theo­sophen sind, hinsichtlich der Prinzipien der Theosophie übereinstimmen – sonst wären sie nicht Mitglieder der Ge­sellschaft –, geht daraus durchaus nicht hervor, daß sie auch in allen anderen Fragen übereinstimmen. Als Gesellschaft können sie nur in Angelegenheiten zusammenwirken, die allen gemeinsam sind – also in der Theosophie selbst. Als Einzelperson ist es jedem vollkommen freigestellt, seiner be­sonderen Linie politischen Denkens und Handelns zu fol­gen, solange dies nicht im Widerspruch zu den theosophi­schen Prinzipien steht oder die Theosophische Gesellschaft schädigt.

Aber sicherlich steht die Theosophische Gesellschaft den so­zialen Fragen nicht ganz fern, die jetzt so stark in den Vor­dergrund treten?

Die Prinzipien der Theosophischen Gesellschaft sind selbst der Beweis dafür, dass dies nicht der Fall ist oder besser ge­sagt, daß die meisten ihrer Mitglieder diesen Fragen nicht fern stehen. Wenn die Menschheit zuerst einmal nur durch die Durchsetzung der bestbegründeten und wissenschaft­lichsten physiologischen Gesetze intellektuell und spirituell entwickelt werden kann, dann ist es die Pflicht derer, die eine solche Entwicklung anstreben, ihr Äußerstes zu tun, da­mit diese Gesetze auch allgemein verwirklicht werden. Die Theosophen sind sich nur zu gut der Tatsache bewusst, dass es in westlichen Ländern besonders die sozialen Umstände den großen Massen des Volkes nicht erlauben, den Körper und den Geist angemessen zu schulen, und dass deshalb die Entwicklung beider zurückbleiben muss. Da diese Schulung und Entwicklung aber eines der Hauptziele der Theosophie ist, so ist die Theosophische Gesellschaft in völliger Überein­stimmung und Harmonie mit allen in diese Richtung gehen­den wahren Anstrengungen.

Aber was ist mit "wahren Anstrengungen" gemeint? Jeder soziale Reformer hat sein eigenes Patentrezept und jeder glaubt, dass nur seines der richtige Weg sei, um der Mensch­heit zu helfen.

Ganz richtig, und das ist der wirkliche Grund, warum so we­nig Befriedigendes in der sozialen Arbeit geleistet wird. In den meisten dieser Patentrezepte findet sich weder ein ech­tes leitendes Prinzip, noch gibt es ein sie alle verbindendes Prinzip. So werden wertvolle Zeit und Kraft verschwendet, da die Menschen, anstatt mit vereinten Kräften zu handeln, alle gegeneinander arbeiten, häufig des Ruhmes oder der Belohnung wegen, aber nicht, weil sie die große Sache wirk­lich fördern wollen, die sie vorgeben am Herzen zu haben und die ihnen das Höchste im Leben sein sollte.

Wie sollten Ihrer Ansicht nach die theosophischen Prinzi­pien angewandt werden, damit eine soziale Zusammenar­beit gefördert und wirksame Anstrengungen zur Besserung der sozialen Verhältnisse gemacht werden könnten?

Dazu darf ich Ihnen erst kurz in Erinnerung rufen, worin die­se Prinzipien bestehen: universale Einheit und Kausalität, menschliche Solidarität, das Karmagesetz und Reinkarnation. Dies sind die vier Glieder der goldenen Kette, welche die Menschheit zu einer Familie, zu einer universalen Bru­derschaft verbinden sollte.

In welcher Weise?

Im gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, besonders der sogenannten zivilisierten Länder, wird uns ständig die Tatsa­che vor Augen geführt, dass eine große Anzahl von Men­schen an Not, Armut und Krankheit leidet. Ihre physische Kondition ist erbärmlich und ihre mentalen und spirituellen Fähigkeiten liegen oft brach. Auf der anderen Seite der so­zialen Skala führen viele Menschen ein Leben in völliger Gleichgültigkeit, materiellem Luxus und egoistischer Maß­losigkeit. Keine dieser beiden Daseinsformen ist ein Zufall. Beide sind die Wirkungen der Umstände, die jene umgeben, die von ihnen abhängig sind, und die Vernachlässigung der sozialen Pflichten der einen Seite ist eng verbunden mit der gehemmten Entwicklung der anderen Seite. In der Soziolo­gie, wie in allen Zweigen wahrer Wissenschaft, hat das Ge­setz der universalen Kausalität Gültigkeit. Dies aber schließt als logische Folgerung jene menschliche Solidarität ein, welche die Theosophie so nachdrücklich betont. Wenn die Handlung des einzelnen auf das Leben aller einwirkt, und das ist die wahre wissenschaftliche Idee, wenn alle Men­schen wirklich Geschwister werden und im täglichen Leben wahre Bruderschaft ausüben, erst dann kann die wirkliche menschliche Solidarität, welche die Grundlage jeglichen Fortschritts der menschlichen Rasse ist, erreicht werden. Es ist diese Wechselwirkung, diese wahre Bruderschaft und Ge­schwisterschaft, in der jeder für alle und alle für jeden leben sollte, die eines der grundlegenden theosophischen Prinzipien ist, an das sich jeder Theosoph gebunden fühlen sollte, nicht nur es zu lehren, sondern es in seinem persönlichen Le­ben auszuüben.

Das alles ist recht gut als allgemeines Prinzip, aber wie wür­den Sie es konkret anwenden?

Betrachten Sie für einen Augenblick das, was Sie die konkre­ten Tatsachen der menschlichen Gesellschaft nennen wür­den. Vergleichen Sie nicht nur das Leben der Massen, son­dern auch das Leben der sogenannten mittleren und höhe­ren Klassen mit dem, was sie unter gesünderen und besse­ren Verhältnissen sein könnten, in denen Gerechtigkeit, Freundlichkeit und Liebe vorherrschen würden, anstelle der Selbstsucht, Gleichgültigkeit und Brutalität, die heute nur zu oft das Zepter zu führen scheinen. Alles Gute und Böse in der Menschheit hat seine Wurzel im menschlichen Charakter. Und dieser Charakter ist und war bedingt durch die endlose Kette von Ursache und Wirkung. Aber diese Be­dingtheit bezieht sich auf die Zukunft genauso wie auf die Gegenwart und die Vergangenheit. Selbstsucht, Gleichgül­tigkeit und Brutalität können niemals der normale Zustand der menschlichen Rasse sein – dies zu glauben würde bedeu­ten, an der Menschheit zu verzweifeln –, und das kann kein Theosoph tun. Ein Fortschritt kann nur durch die Entfaltung edlerer Eigenschaften erreicht werden.. Nun lehrt uns die Evolution, dass wir durch eine Veränderung der Umwelt ei­nes Organismus den Organismus selbst ändern und verbes­sern können. Dies gilt streng genommen auch für den Men­schen. Jeder Theosoph ist daher verpflichtet, sein Äußerstes zu tun, um mit allen Mitteln, die in seiner Macht stehen, jede weise und wohlüberlegte soziale Bestrebung zu unterstützen, die die Verbesserung der Verhältnisse der Armen zum Ziel hat. Solche Bestrebungen sollten letztlich deren echte soziale Emanzipation im Auge haben, oder die Ent­wicklung des Sinnes für Pflichtgefühl in jenen, die es heute in fast allen Beziehungen des Lebens vernachlässigen.

Einverstanden. Aber wer soll entscheiden, ob soziale Bestrebungen weise oder unweise sind?

In dieser Hinsicht kann weder eine Einzelperson noch eine Gesellschaft irgendwelche feste Regeln aufstellen. Vieles muss notwendigerweise dem individuellen Urteil überlassen bleiben. Eine allgemeine Prüfung allerdings gibt es: Zielt die vorgeschlagene Tätigkeit darauf ab, jene wahre Bruder­schaft zu fördern, die das Ziel der Theosophie ist? Keinem wirklichen Theosophen wird es schwerfallen, diese Prüfung vorzunehmen. Sobald er aber diese Frage zufriedenstellend geklärt hat, ist es seine Pflicht, die öffentliche Meinung da­hingehend zu bilden. Dies kann nur erreicht werden, wenn jene höheren und edleren Vorstellungen öffentlicher und privater Pflicht eingeprägt werden, welche die Grundlage al­ler geistigen und materiellen Verbesserungen bilden. In je­dem Fall muss er selbst ein Zentrum spirituellen Handelns sein, und von ihm und seinem persönlichen Leben müssen jene höheren spirituellen Kräfte ausstrahlen, die alleine sei­ne Mitmenschen wandeln können.

Aber warum soll er das tun? Sind nicht Ihrer Lehre nach alle durch ihr Karma bestimmt so wie er, und muss sich nicht Karma notwendigerweise in bestimmter Richtung auswir­ken?

Gerade das Karmagesetz bekräftigt all das, was ich gesagt habe. Die Einzelperson kann sich nicht von der Menschheit absondern und die Menschheit nicht von der Einzel-person. Das Karmagesetz wirkt in gleicher Weise auf alle, wenn auch nicht alle gleich entwickelt sind. Der Theosoph. glaubt, dass er durch die Förderung der Entwicklung ande­rer nicht nur diesen hilft, ihr Karma zu erfüllen, sondern dass er dadurch im wahrsten Sinne auch sein eigenes Karma erfüllt. Er hat dabei immer die Entwicklung der ganzen Menschheit im Sinn, von welcher er ebenso ein integraler Teil ist wie die anderen. Er weiß, wenn er versagt und nicht auf das Höchste in seinem Inneren reagiert, dann verzögert er nicht nur seinen eigenen Fortschritt, sondern den aller. Er kann es durch seine Handlungen für die ganze Mensch­heit schwerer oder leichter machen, die nächst höhere Da­seinsebene zu erreichen.

Wie verhält sich dies zum vierten Grundprinzip der TG, zur Reinkarnation?

Die Verbindung ist sehr eng. Wenn unser gegenwärtiges Le­ben von der Entwicklung verschiedener Prinzipien ab­hängt, die aus Keimen entspringen, die von einer früheren Existenz zurückgelassen wurden, dann gilt dieses Gesetz auch für die Zukunft. Sie sollten die Idee begreifen, dass die universale Kausalität nicht nur die Gegenwart betrifft, son­dern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und jede Handlung auf unserer gegenwärtigen Ebene fällt auf ihren natürlichen und richtigen Platz und ist in ihrer wahren Be­ziehung zu uns selbst und zu anderen zu sehen. Jede niedri­ge und selbstsüchtige Handlung wirft uns zurück und nicht nach vorn, jeder edle Gedanke und jede selbstlose Hand‑

lung aber sind Sprungbretter zu den höheren und herrliche­ren Ebenen des Daseins. Wenn dieses Leben alles wäre, dann wäre es in vieler Hinsicht tatsächlich armselig; wenn man es aber als Vorbereitung für die nächsten Sphären des Daseins betrachtet, kann es als ein goldenes Tor benutzt werden, durch welches wir, nicht selbstsüchtig und allein, sondern in Gemeinschaft mit unseren Mitbrüdern, zu den Palästen weiterschreiten können, die dahinter liegen.

Über Selbstaufopferung

Ist gleiche Gerechtigkeit für alle und Liebe zu jedem Geschöpf der höchste ethische Standard der Theosophie?

Nein. Es gibt einen noch weit höheren.

Welchen?

Den, anderen mehr zu geben als sich selbst – Selbstaufopfe­rung. Dies war der Standard, der in überreichem Maße die größten Lehrer und Meister der Menschheit besonders kennzeichnete, z. B. den Gautama Buddha der Geschichte und den Jesus der Evangelien. Dieses Charaktermerkmal ge­nügte, um ihnen die bleibende Erinnerung und Dankbarkeit der Generationen zu sichern, die nach ihnen kamen. Wir sa­gen allerdings, daß diese Selbstaufopferung mit Unterschei­dungsfähigkeit geübt werden muss. Eine Selbstaufgabe, die ohne Gerechtigkeitssinn, blind und ohne Rücksicht auf die Folgen ausgeübt wird, mag sich oft nicht nur als vergeblich, sondern sogar als schädlich erweisen. Eine der grundlegen­den Regeln der Theosophie ist Gerechtigkeit sich selbst gegenüber- als Teil der kollektiven Menschheit betrachtet- nicht als persönliche Selbstgerechtigkeit und nicht mehr, aber auch nicht weniger als den anderen gegenüber, es sei denn, dass durch das Opfer des einzelnen vielen ein Nutzen erwiesen werden kann.

                                             



              


.




            von Annie Besant
         (01.10.1847 - 20.9.1933) 




       Veröffentlichung ca. 1887                                            
  

Das Essay „ Der Industriebetrieb im sozialistischen Staat“ entstand aus einem Vortrag den Annie Besant vor der Fabian Society hielt, einer kleineren, aber sehr wirkungsvollen sozialistischen Partei, der sie von 1883 bis 1889 angehörte. Er wird etwa 1888 gehalten worden sein. Damals erarbeiteten die führenden Mitglieder dieses Bundes in Arbeitsteilung je ein Sachgebiet der Gesellschaftswissenschaft. Die daraus entstehenden Vorträge wurden später von George Bernhard Shaw gesammelt veröffentlicht. Neben Besant und Shaw gehörten der Fabian Society H. G. Wells, Sidney und Beatrice Webb, Annie Besant, Graham Wallas, Hubert Bland, Sidney Olivier, Emmeline Pankhurst. und Bertrand Russell an. Die Fabianer strebten einen ethischen Sozialismus, eine evolutionäre Veränderung der Gesellschaft an und wurden zu den Wegbereitern moderner Sozialstaat–Theorien, wie sie sich dann in der 2.Hälfte des    20 Jhd. in Europa durchzusetzen schienen. Die Mitglieder der Fabian Society hofften damals den gesellschaftlichen Umsturz im Britischen Empire und die Errichtung des Sozialstaates mit Aufhebung des Kolonialismus im Jahr 1889 herbeiführen zu können.

Annie Besant war bis 1887 Redakteurin der sozialistischen Zeitung „National Reformer“. Sie bewirkte 1886 eine Gesamtkonferenz aller sozialistischen Vereinigungen, mit dem Ziel die sozialistischen Gruppen zu einem Block zu vereinen. Sie trat energisch für die Rechte der Frauen ein und forderte in diesem Zusammenhang das Recht auf Geburtenkontrolle ein. Schließlich wurde sie ab 1888 stärker in der Gewerkschafts-bewegung aktiv, und organisierte den erfolgreichen Streik der Arbeiterrinnen der Zündholzfabrik Briant & May. 1889 wandte sie sich von der fabianischen Bewegung ab und der Theosophischen Gesellschaft zu. Ihrem sozialistischen Ideal einer gerechten, menschlicheren Zivilisation ist sie bis zu ihrem Tod treu geblieben. (R.M.S.)

-----------------------------------------------------------------------------------

Der Industriebetrieb im sozialistischen Staat 

von Annie Besant


Man kann bei der Darstellung der zukünftigen Organisation der Industrie zwei verschiedene Prin­cipien befolgen. Das bei weitem leichtere und weniger nutzbringende ist das utopistische — eigent­lich nur eine intellektuelle Spiegelfechterei, bei der es hauptsächlich darauf ankommt, eine möglichst leb­hafte Phantasie zu entfalten. Der Utopist braucht keinerlei Thatsachen zu kennen, vielmehr sind ihm diese nur ein Hindernis, da sich seiner Meinung nach die sociale Entwicklung nicht nach bestimmten Ge­setzen vollzieht. Er ist sich selbst Gesetz, und seine Menschen sind nicht jene seltsamen, verschiedenen, unberechenbaren Organismen, wie wir ihnen im täg­lichen Leben begegnen, sondern Automaten, die sich ganz nach seinem Willen bewegen. Mit einem Wort, der Utopist baut nicht das Vorhandene aus, sondern schafft etwas Neues. Er formt sich die Materie und zugleich auch die Gesetze, denen dieselbe unter­worfen ist, indem er beides genau seinem idealen Zweck entsprechend gestaltet. Wenn trotzdem sein System nicht ganz vollkommen ist, so liegt dies nur daran, dass seiner Phantasie selbst bei dem Aus­bau seines neuen Jerusalems gewisse Grenzen ge­zogen sind.

Das andere Verfahren ist weniger reizvoll, weniger leicht, aber von grösserem Nutzen. Zuvörderst wird uns der augenblickliche Zustand der Gesell­schaft geschildert, dann werden die Tendenzen ergründet, die demselben zu Grunde liegen, und end­lich gezeigt, wie sich vermöge dieser Tendenzen auf natürlichem Wege gewisse Institutionen heraus­arbeiten. Daher ist man bei der letzteren Methode nicht imstande, einen Plan für eine ferne Zukunft, sondern höchstens für die nächste Entwicklungsstufe der Gesellschaft zu entwerfen. Man richtet sein Augenmerk nicht auf jene kleinen durch Katastrophen verursachten Veränderungen, sondern hauptsächlich auf die ungeheuren Umwälzungen, die durch den Entwicklungsprocess hervorgebracht worden — auf Revolutionen, die die Gesellschaft von Grund aus modificieren, nicht aber auf vorübergehende Un­ruhen, die nur zur Absetzung oder Enthauptung eines Herrschers führen. Dieses zweite Princip will ich hier befolgen. Meine Abhandlung über den Industriebetrieb unter der Herrschaft des Socialismus wird mit WILLIAM CLARKE'S Darstellung der indu­striellen Entwicklung beginnen, wie sie sich in den letzten 15o Jahren vollzogen hat. Indem ich so die Übergangsstufen entwerfe, die die Gesellschaft wahr­scheinlich wird durchmachen müssen, werde ich den idealen socialistischen Staat kaum erwähnen. Die Gesellschaftsform, die ich hier skizzieren will, ist natürlich nicht vollkommen, und ich bin darauf ge­fasst, dass sie der Kritik von allen Seiten Angriffs­punkte bieten wird. Man muss immer bedenken, dass ich nur von solchen Veränderungen sprechen will, wie sie bei der heutigen Natur des Menschen ausführbar sind. Nicht, was von einem idealen Standpunkt aus am besten, sondern, was vor allem überhaupt möglich wäre, soll erwiesen werden. Dessenungeachtet will ich immer das Ideal im Auge behalten und die Erreichung desselben fördern. Der Zweck dieser Abhandlung ist, die Frage nach dem »Wie« zu lösen, die man so oft hört, wo über die Probleme des Socialismus diskutiert wird. Die socialistischen Theorien werden von vielen ganz oder teil­weise gebilligt. Ihr Verstand sagt ihnen, dass die­selben richtig seien, oder sie empfinden, wieviel Grossartiges in ihnen liegt. Trotzdem aber zögern sie noch, für ihre Ideen Propaganda zu machen, weil sie nicht wissen, wo man mit Reformen anfangen, oder wo man aufhören soll. Beide Schwierigkeiten fallen schon dadurch fort, dass wir gar nicht an­fangen oder aufhören wollen. Die Gesellschaft wird niemals an einem bestimmten Punkte Kehrt machen und plötzlich vom Individualismus zum Socialismus übergehen. Vielmehr schreitet sie in ihrer Entwick­lung stufenweise fort und befindet sich gegenwärtig auf dem Wege, der zum socialistischen Staat führen muss. Das einzige, was wir thun können, ist, dass wir die bereits wirksamen Kräfte mit Bewusstsein fördern und so den Übergang beschleunigen.

In dem dritten Essay dieser Sammlung zeigt uns WILLIAM CLARKE, dass die Entwicklung des Kapita­lismus allmählich einen Zustand hervorruft, der für die Majorität unerträglich ist und dabei leicht modi­ficiert werden könnte. In der Gegenwart sind durch die Vernichtung der kleinen Industriebetriebe fast alle Übergänge zwischen grossen Unternehmern und Lohnarbeitern zerstört worden. An deren Stelle gähnt eine tiefe Kluft zwischen wenigen Kapitalisten und einer ungeheueren hungerigen Menge. Aus dem Grunde, weil der Arbeitgeber in den geschäftlichen Beziehungen zu seinen »Händen« jegliches Empfin­dungsmoment ausscheidet, betrachten diese ihn eben­falls als ausserhalb ihrer Gefühlskreise stehend. Die Achtung, die das Volksbewusstsein heute noch dem Eigentumsrechte zollt und die im Grunde genommen nur das private Interesse eines jeden an seinem eigenen kleinen Besitztum ist, hat sich verringert, seitdem die vielen ihr individuelles Eigentum ver­loren und gesehen haben, wie es sich in den Händen
einiger weniger aufhäuft, Diese Achtung vor dem Eigentum ist jetzt kaum mehr als eine von einer früheren socialen Entwicklungsphase auf uns vererbte Tradition. Das Volksgewissen wird bald die Expro­priation des Kapitals verzeihen, ja sogar billigen und zuletzt fordern, soweit dasselbe nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil der Gesellschaft verwandt wird, und soweit es nicht einem persönlichen Nachbar, sondern einem unpersönlichen Wesen, einer Aktien­gesellschaft, angehört. Für das Begriffsvermögen des Durchschnittsmenschen ist es nicht einerlei, ob der Staat den kleinen Kramladen seines Schwagers. JAMES SMITH und das blühende Geschäft des fleissigen Freundes SAM in Besitz nimmt, oder aber, ob Schwager SMITH und Freund SAM gezwungen sind, derselben Aktiengesellschaft als Lohnarbeiter zu dienen, von der sie ruiniert worden sind und von der man nur weiss, dass sie niedrige Löhne zahlt und hohe Dividenden einheimst. Wer wird künftig ein Interesse haben, dagegen zu protestieren, dass der Staat das Kapital in Besitz nimmt, wenn JAMES und SAM, die sonst als Lohnsklaven von der Gnade des Werkführers abhingen, dadurch zu Aktionären und Staatsbeamten gemacht werden, welche in der Verwaltung des Betriebes, der sie ernährt, auch eine Stimme haben ? Wir wollen annehmen, dass die Ent­wicklung des kapitalistischen Systems nur ein klein wenig weiter in der bereits eingeschlagenen Richtung vorgeschritten sei, dass die Produktion noch mehr konzentriert und immer mehr Arbeit sparende Ma­schinen eingeführt würden. Durch diese Fortentwick­lung muss sich die Zahl der Arbeitslosen fortwährend vermehren. Sie kann, wie die Flutwellen, bald an­schwellen, bald wieder zurückgehen. So wie die Flut trotz des Wogens der Wellen immer mehr an­schwillt, wird auch, trotz vorübergehender Schwan­kungen, die Zahl der Arbeitslosen immer bedeutender.

Diese Arbeitslosen vor allem werden wohl dem Staat Veranlassung geben, mit der Organisation der Industrie zu beginnen. In diesem Falle wird die Gemeinde voraussichtlich die wichtigsten Trusts in eigene Regie nehmen.

Zur Durchführung eines wirksamen Organisations­systems wäre es ausserordentlich notwendig, das Land in fest begrenzte, je von einem erwählten Ober­haupt regierte Bezirke einzuteilen. Es ist ein Zeichen des sich bereits vollziehenden Umschwunges, dass Mr. RITCHIE, ohne sich der Tendenz seines Thuns bewusst zu sein, ein Kommnunalsystem geschaffen hat.. Er teilte ganz England in Bezirke, die vorn einem eigenen Grafschaftsrat regiert werden, und schuf da­mit eine Organisation, ohne die der socialistische Staat unmöglich wäre. Er hat allerdings nur die äusseren Umrisse gegeben, die noch des Inhaltes be- dürfen. Diesen Inhalt aber können die Socialisten schaffen, während sie nicht die Macht besitzen, die äussere Organisation selbst durchzuführen. Zuvör­derst müsste jeder erwachsene. Bürger eine Stimme bei der Wahl. der Grafschaftsräte haben. Die Dauer der Amtsführung dieser Räte dürfte sich nur auf ein Jahr erstrecken. Ferner müssten diese Männer so bezahlt werden, dass die Gemeinde das Recht hätte, ihre ganze Arbeitszeit pflichtmässig in Anspruch zu nehmen. Ausserdem müsste dem Grafschaftsrat das Recht verliehen werden, Ländereien zu erwerben und zu verwalten. Eine Reform, die bereits von der »Liberalen und Radikalen Union« .angestrebt worden ist, dieser Partei mit der unbewusst wirksamen socia­listischen Tendenz. Auch müssten alle gesetzlichen Beschränkungen in der Kompetenz der Grafschafts­räte beseitigt werden, damit sie als Korporation genau so frei handeln könnten, wie jedes einzelne Individuum. Wenn diese Reformen einmal durch­geführt wären, käme es dann nur noch darauf an,dass die socialistischen Ideen im Volke Eingang fänden. Sobald dies geschehen, würden alle unsere Institutionen rasch socialisiert werden. Damit sich der Industriebetrieb in seiner veränderten Form er­halte, wäre es notwendig, dass das Volk selbst den Umschwung vollziehe, anstatt dass er ihm auf­gezwungen würde. Daher ist auch die durch RITCHIE eingeführte Gemeindeverwaltung von so ausserordent­lichem Belang, weil sie jeden Bezirk in den Stand setzt, in dem ihm angemessenen Tempo vorwärts zu schreiten, in verhältnismässig kleinem Massstabe Ver­suche anzustellen oder selbst Fehler zu begehen, ohne dadurch viel Unheil anzurichten. Den Socia­listen kommt es jetzt hauptsächlich darauf an, die Wähler zu bekehren, um dadurch den Grafschaftsrat für sich zu erobern. Diese Grafschaftsräte, denen die Lokalverwaltung obliegt, sowie die staatlichen Behörden, denen die nationalen Geschäfte obliegen, sind dazu bestimmt, später die Organisation der Industrie zu übernehmen. Die Art der Verwaltung wird sich nach dem Charakter des betreffenden Be­triebes richten. Post, Telegraph, Eisenbahnen und Kanäle, sowie die Grossindustrien, die schon jetzt als trusts organisiert werden könnten, würden am besten für das ganze Königreich von einer einzigen Centralstelle aus verwaltet werden, soweit wir dies bis jetzt zu beurteilen imstande sind. Pferdebahnen, Gas­anstalten, Wasserwerke und viele kleine Industrie­betriebe dagegen dürften besser durch Lokalbehörden zu verwalten sein. Zweckmässigkeit und Erfahrung werden am besten lehren, wie das Gebiet der Lokal-und Centralverwaltung begrenzt werden muss. Das ist nicht Sache des Princips, sondern allein der Praxis.

Das erste grosse Problem, das sich dem Graf­schaftsrat aufdrängen wird, ist die Arbeitslosenfrage. Oh er sie nun klug oder unklug behandelt — jeden­falls wird er sich mit dieser Frage befassen müssen.

Klug würde er vorgehen, wenn er die Arbeitslosen in der produktiven Industrie zu beschäftigen strebte, unklug dagegen, wenn er nur Notstandsarbeiten von ihnen ausführen liesse. Die Schwierigkeit ist nicht dadurch zu umgehen, dass man diesen elenden Aus­gestossenen unnütze und harte Arbeiten auferlegt, und zwar zum Schaden der übrigen Gemeinschaft. Die meisten Arbeitslosen sind unprofessionelle, nur wenige professionelle Arbeiter. Sie müssen erst in geschulte und ungeschulte gesondert und die ersteren ihren respektiven Handwerkszweigen zuerteilt werden. Dann kann man mit der Organisation der länd­lichen Arbeit auf den Gemeindeländereien beginnen, die dem Grafschaftsrat gehören. In diesem Rat muss eine landwirtschaftliche Kommission vorhan­den sein, die mit den administrativen Einzelheiten betraut wird. Diese Kommission muss , praktische Landwirte als Betriebsleiter für die länd­lichen Arbeiten erwählen. Arbeitslose Landarbeiter, die in der Stadt vergebens nach Arbeit suchen, sowie viele ungeschulte wären diesen Gemeindefarmen zu­zuweisen. Hier würden alle Vorteile des maschinellen Betriebes und alle Erfindungen der landwirtschaft­lichen Wissenschaft aufs äusserste ausgenützt werden. Die Saat, ob Getreide, Früchte oder Gemüse, müsste sorgfältig, je nach Bodenbeschaffenheit und Lage ausgewählt und jedes Feld demgemäss kultiviert werden. Die einzige Aufgabe würde sein, mit mög­lichst wenig Kraftaufwand möglichst viel zu produ­cieren. Ob der Anbau am besten in grossen oder kleinen Parzellen geschieht, das hängt von der Natur der Saat ab. Jedenfalls würden auf dem grossen Flächeninhalt einer Provinzialfarm die sogenannte Gross-, sowie auch die Kleinkultur nebeneinander betrieben werden können. die Landwirtschaft würde auch viel einträglicher sein, wenn einem obersten Farmer eine grosse Anzahl Arbeiter zur Verfügung ständen, der sie je nach Bedürfnis rationell verwenden könnte. Zur Zeit der Ernte z. B. würde man sie an bestimmten Orten massenweise beschäftigen und später zu fortlaufender Feldarbeit wieder über die ganze Farm verteilen.

Für diese Provincial-Farmen müssen auch aus der Schaar der Arbeitslosen einige Professionsarbeiter, wie Schuster, Schneider, Schmiede, Tischler etc., ausgewählt werden, sodass die Farm sich so viel wie möglich selbst erhalten kann, ohne produktive Kraft zu vergeuden. Alle für die Bedürfnisse des täglichen Lebens notwendigen kleineren Industrien müssten auf der Farm weiter bestehen, sodass jede derselben eine industrielle Gemeinschaft bildet. Das demokratische Princip wird schon dafür sorgen, dass der Achtstundentag eingeführt; besonders aber, dass für jeden Bewohner der Farm ein bequemes Heim geschaffen werde. Wahrscheinlich würde jede grosse Ansiedlung bald ihren eigenen Centralspeicher und eine nahe dabei liegende Eisenbahnstation, ferner im Centrum ihre öffentlichen Gebäude für Vorlesungen, Konzerte und Vergnügungen aller Art, ihre öffent­lichen Elementar- und technischen Schulen, bald auch ihre gemeinsamen Speisesäle haben. Letztere würden der weiblichen Bevölkerung viel Zeit und Mühe sparen; man würde viel weniger Brennmate­rialien und Nahrungsmittel verbrauchen, und trotz­dem könnte eine viel grössere Mannigfaltigkeit in der Auswahl der Speisen erreicht werden. Anstatt in altmodischen Hütten würde man in grossen, ge­räumigen Wohnungen leben. Man muss bedenken, dass schon jetzt die Tendenz besteht, die Abge­schlossenheit und Unabhängigkeit des Daseins auf­zugeben und dafür die Vorteile zu geniessen, die ein Zusammenleben mit sich bringt. Viele moderne Etagenwohnungen haben schon heute keine Räume für Dienstboten mehr. Die Hausreinigung etc. wird von Personen besorgt, die für das ganze Haus en­gagiert sind. Viele Menschen nehmen ihre Haupt­mahlzeiten in Gasthäusern ein und sparen so die Mühe und die Kosten, die ein Einzelhaushalt ver­ursacht. Jeden neu zu errichtenden Betrieb würde man nach dem fortgeschrittensten System organisieren und die moderne Tendenz zu einem weniger isolierten Lebensmodus in jeder Weise begünstigen. Die Socia­listen müssen alles daran setzen, um die Beschäftigung der Arbeitslosen durch die Behörden zu einem Übergang zu höheren Lebensformen zu gestalten. Sie dürfen sich nicht gegen die Nutzbarmachung der Arbeitskraft der Armen sträuben. Und da sie ihr Ziel kennen, die anderen politischen Parteien dagegen mit ihren Absichten von der Hand in den Mund leben, müssten sie imstande sein, einen andauernden, gleichmässigen Druck auszuüben und so die Ent­wicklung nach ihrem Willen zu lenken.

Bei der Organisation der städtischen wie jeder anderen Industrie kommt es vor allem darauf an, jeden für diejenige Arbeit zu verwenden, die er am besten, und nicht für die, die er am schlechtesten ausführen kann. Es mag für jemanden wünschens­wert sein, zweierlei Beschäftigungen nachzugehen — und doch wäre es nicht sehr praktisch, Uhren zu fabricieren und nebenbei Steine zu klopfen. Wenn ein Arbeitsloser ein Handwerker ist, dessen Arbeit man überall verwenden kann, wenn er z. B. das Bäcker-, Schuhmacher- oder Schneiderhandwerk er­lernt hat, so müsste er in einem Gemeindebetrieb beschäftigt werden, dessen Produkte in Gemeinde­waarendepots aufzuspeichern sind. Diese Betriebe müssten genau wie Privatbetriebe von Werkmeistern — gründlich gebildeten Arbeitern — geleitet werden, welche zur Oberleitung eines Betriebes befähigt wären. Ferner müsste der Achtstundentag eingeführt und als Lohnsatz der augenblickliche Minimallohn der Trades Union festgesetzt werden. Dann würden Schuster und Schneider Schuhe und Kleider arbeiten.. Anstatt als barfüssige, zerlumpte Strolche herum­zulaufen, würde der Schuhmacher von seinem Lohn Kleidung beim Schneider, der Schneider Stiefel beim Schuhmacher kaufen. Auch würden die Arbeitslosen nicht mehr von den Abgaben der Arbeitenden leben,. sondern selbst arbeiten, um ihre Bedürfnisse befrie­digen zu können. Die Güter, die sic verbrauchen,. würden sie selbst producieren, anstatt den von anderen producierten Wohlstand in unfreiwilligem Müssiggang oder bei nutzloser Zwangsarbeit zu verbrauchen. Maurer, Töpfer, Klempner, Tischler etc. könnten hübsche, freundliche Wohnungen errichten, nicht jene »Musterwohnungen« im Kasernenstil, sondern grosse Häuserviertel mit Etagenwohnungen, in welchen die Gemeinde-Industriearbeiter unterzubringen wären. Wir legen besonderen Wert darauf, dass diese Wohnungen freundlich seien, denn sie sollen ja als Heimstätten. für Bürger, nicht aber als Gefängnis für Arme dienen; ich weiss daher keinen Grund, warum sie nicht freund­lich und hübsch sein können. Im socialistischen Staate sollen die Arbeiter die Nation bilden, und das Beste soll für sie gerade gut genug sein. Wir müssen immer eingedenk sein, dass wir dem socialistischen Ideal entgegenstreben, und dass die Arbeit nach socialistischen Principien organisiert werden soll.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich unter den Arbeitslosen manche befinden, deren Berufsart nur in grossem Massstabe betrieben werden kann und die vielleicht in der Stadt, nach welcher ihr Geschick sie verschlagen, gar nicht betrieben wird. Diese müssten in die Gemeindebetriebe solcher Städte übergeführt werden, die jene Industrie hauptsächlich betreiben.

Neben dieser Organisation der ländlichen und der städtischen nicht centralisierten Betriebe muss der Staat die Übernahme der Grossbetriebe er­streben, welche die Kapitalisten schon heute für uns centralisierten. Ein Vorgehen, mittels dessen sie unbewusst ihren Nachfolgern die Wege ebnen. Alle Industriezweige, in denen bereits trusts bestehen, und die schon eine zeitlang derartig betrieben worden, sind zur Übernahme durch die Gemeinschaft reif. Der ganze Bergwerksbetrieb z. B. könnte am vorteil­haftesten centralistisch verwaltet werden, alle grossen Produktivindustrien, wie z. B. die Textilindustrie wahrscheinlich ebenso. Es hat keinen Sinn, zu be­haupten, dass der Staat diese Industrien nicht be­treiben könne, da sie von einer Vereinigung von Kapitalisten betrieben werden. Die Centralstelle eines Eisenkartells oder eines Zinntrusts kann ebenso gut der Nation, als einer beliebigen Anzahl von Aktionären verantwortlich sein. In der Produktion selbst braucht bei diesem Besitzwechsel kaum eine Veränderung einzutreten, denn die aktiven Organisa­toren und Direktoren brauchen durchaus nicht zu­gleich die Besitzer des darin angelegten Kapitals zu sein und sind es auch gewöhnlich nicht.

Wenn es der Staat für richtig hält, diese Organi­satoren und Direktoren zu engagieren, so kann er durch nichts daran verhindert werden, sie ganz nach seinem Belieben für längere oder kürzere Zeit zu verpflichten.

Unter welchen Bedingungen der Staat sie während der getroffenen Übergangsperiode beschäftigt, darüber muss die Zweckmässigkeit entscheiden.

Wir wollen einen Augenblick innehalten, um die so geschaffene Situation noch einmal zu überblicken. Die Arbeitslosen sind zu Gemeindearbeitern geworden. Auf dem Lande sehen wir sie in grossen Farmen, einer höheren Art der amerikanischen Bonanzafarmen, in der Stadt aber in verschiedenen Berufsarten unter­gebracht. An allen geeigneten Orten hat man Vorratshäuser für ländliche und industrielle Produkte geschaffen und die gemeinsam producierten Güter darin aufgespeichert. Die grossen, in trusts be­triebenen Unternehmungen werden bereits vom Staat, anstatt von kapitalistischen Vereinigungen geleitet. Doch wird der Privatkapitalist noch auf eigene Gefahr in der Produktion und Verteilung der Güter mit den Gemeindeorganisationen konkurrieren, da dieselben noch nicht alle Industrien in eigene Regie über­nommen haben. Davon abgesehen, dass der Privat­kapitalist bei der Lohnfrage den Druck der Gemeinde­betriebe zu spüren hätte, worauf wir später noch zurückkommen, würde er auch anderweitig mit immer grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Dem systematisch in einander greifenden kommunalen Industriebetrieb, der überdies noch den Kredit des Landes hinter sich hat, wird der Privat­kapitalist ebenso sicher unterliegen, wie die Klein­industrie des vorigen Jahrhunderts dem heutigen Grossbetrieb. Die Trusts haben uns gelehrt, wie man einzelne Kapitalisten durch das vereinte Kapital aus dem Felde schlägt. Die Centralbehörden oder die Grafschaftsräte würden imstande sein, die Macht der Association noch mehr auszunutzen als alle Privatkapitalisten. So werden die ökonomischen Kräfte, welche die Werkstatt zur Fabrik machten, den Privatladen in ein Gemeindewarenhaus und die Privatfabrik in eine Gemeindefabrik umwandeln. Und ausser dem Nutzen, welchen die grössere Koncentration des Kapitals und der Grossbetrieb mit sich bringen, werden dem Gemeindearbeiter noch viel mehr Vorteile erwachsen. Man wird jede Verschwendung vermeiden, jedes Arbeit sparende Verfahren im höchsten Masse ausnutzen, wenn es erst gilt, Reichtum für alle, nicht. aber Profite für eine bestimmte Klasse zu schaffen. Im ersten Fall liegt es im Interesse der Producenten, möglichst viel zu producieren, da ihr Lebensgenuss von der Produktivität ihrer Arbeit abhängt, während es im anderen Fall ihrem Interesse entspricht, mög­lichst wenig zu leisten, um die Nachfrage nach Arbeit zu erhöhen und die Löhne hoch zu halten. In demselben Masse wie die öffentliche Organisation der Industrie fortschreitet und die Privatproduktion verdrängt, wird man die mutmassliche Nachfrage immer besser berechnen und das Angebot danach regulieren. Die Gemeindebehörden werden an Stelle der einzelnen Kapitalisten treten, die Centralbe­hörden an Stelle der grossen Kapitalistenvereini­gungen, und die Produktion würde in geordneter und rationeller Weise und nicht wie heutzutage, anarchisch und regellos vor sich gehen. Nach einiger Zeit würden die Privatunternehmer gänzlich ver­schwinden, nicht weil irgend ein Gesetz gegen Privat­betriebe erlassen worden, sondern weil sie sich nicht mehr rentieren könnten. Niemand würde mehr die Sorgen, Plagen und Schwierigkeiten des individuellen Kampfes um seinen Lebensunterhalt auf sich nehmen wollen, wenn er als Gemeindearbeiter Ruhe, Freiheit und Sicherheit dafür eintauschen kann.

Während der Übergangsperiode und wahr­scheinlich noch lange nachher dürfte es wohl am praktischsten sein, die Leitung der Industrie dem Gemeinderat anzuvertrauen, welcher seinerseits Kom­missionen zur Überwachung der verschiedenen In­dustriezweige ernennen könnte. Diese Kommissionen würden dann für jede Werkstatt, jede Fabrik etc. die nötigen Direktoren und Werkführer engagieren und das Recht haben, sowohl deren Sold zu be­stimmen, wie sie abzusetzen. Ich glaube nicht, dass es sich in der Praxis als thunlich erweisen würde, oder dass es mit der zu einem grossen geschäftlichen Unternehmen notwendigen Disciplin vereinbar wäre, die Direktoren und Werkführer direkt durch die An­gestellten eines jeden Betriebes wählen zu lassen.Nach meiner Ansicht wäre es besser, wenn die Ge­meinde nur den Gemeinderat wählen würde, um so die Kontrolle über die oberste Autorität in Händen zu behalten. Diesem Rat dagegen überliesse man besser die Auswahl der Beamten, sodass das Recht der Ernennung und Absetzung innerhalb der ver­schiedenen Industriezweige den von der ganzen Ge­meinde Erwählten und nicht einer besonderen, un­mittelbar dabei interessierten Gruppe zustände.

Die Leitung der Fabrikation gewöhnlicher Be­darfsartikel bietet weder im grossen noch im kleinen Masstabe praktische Schwierigkeiten. Die Trusts und Grossbetriebe haben alle diesbezüglichen Pro­bleme bereits gelöst oder deren Lösung angebahnt. In den Industrien dagegen, die sich mit der Produk­tion von Büchern und Zeitungen beschäftigen, bieten sich allerdings noch mancherlei Schwierigkeiten; doch werden dieselben während des Übergangsstadiums jedenfalls noch nicht hervortreten. Wie sollen aber Bücher und Zeitungen produciert werden, wenn erst sämtliche Industrien in die Regie der Gemeinde oder der Nation übergegangen sind ? Ich will zu diesem Thema in folgendem nur einige Vorschläge machen : Das Drucken ist , wie Backen , Schneidern und Schustern, eher Sache der Gemeinde als des Staates.. Angenommen, wir hätten Druckereien, die dem Ge­meinderat unterstehen. Dann könnte die diesen Be­trieb überwachende Kommission das Recht haben, jede ihr wertvoll erscheinende Schrift zum Druck anzunehmen, sowie jede Privatfirma es heutzutage riskiert, etwas zu veröffentlichen. Sie könnte das Werk des Autors entweder ein für allemal erwerben, oder aber ihm einen Procentsatz des Gewinns be­willigen, ihm jedenfalls bei der Gemeindebank einen Kredit von der und der Höhe eröffnen. Aber es giebt viele Autoren, deren Werke von niemandem begehrt werden, und es wäre absurd, wenn man die
Gemeinde zwingen wollte, auch diese geringwertigen Produktionen zu veröffentlichen. Könnte man nicht das Princip befolgen, dass, wenn die Kommission es ablehnt, ein Werk auf Gemeinderisiko zu ver­legen, der Autor dennoch sein Werk drucken lassen könnte , indem er von seinem Kredit bei der Ge­meindebank so viel an die Kommission überweist, wie die Druckkosten betragen würden? Die Kommis­sion dürfte in diesem Falle nicht das Recht haben, den Druck eines Werkes zu verweigern. Auf diese Weise würde die Pressfreiheit als konstitutionelles Recht garantiert sein, während die Gemeinde nicht nötig hätte, jede alberne Kundgebung , deren Ver­öffentlichung der Autor für wertvoll erachtet, auf ihre Kosten drucken zu lassen.

Unter denselben Bedingungen könnten auch Zeitungen gedruckt werden, und jedem Individuum oder einer Gruppe von Individuen stände es frei, irgend etwas zu veröffentlichen, wenn sie die Kosten einer solchen Veröffentlichung tragen wollte. Ver­möge des verhältnismässigen Wohlstandes, dessen sich jedes Glied der Gemeinde erfreute, würde auch jeder, dem wirklich daran gelegen wäre, sich Gehör verschaffen können, wenn er dafür seine Ausgaben in anderer Hinsicht einschränkte.Eine andere Schwierigkeit, die sich uns, wenn auch nicht sogleich, aufdrängen wird, ist der Zudrang zu einzelnen besonders angenehmen Beschäftigungen. Heutzutage würde ein Arbeitsloser begierig nach jeder gut bezahlten Arbeit greifen, die er zu leisten imstande ist. Wenn er z. B. Schriftsetzer wäre und zugleich schneidern könnte, würde er nicht daran denken zu murren, wenn er zufällig in dem ihm weniger zusagenden Beruf Beschäftigung fände; er würde im Gegenteil froh sein, in einer dieser beiden Industrien unterzukommen. Aber unter günstigeren Lebensbedingungen wäre es sehr leicht möglich, dass sich Herr Dingsda dagegen sträubte, Spiegel zu machen, wenn er lieber Linsen für Mikroskope schleift. Doch fürchte ich, Herr Dingsda wird sich auch in diesem Fall der Nachfrage anbequemen müssen. Wenn bereits so viele Leute Linsen für Mikroskope machen, dass der Bedarf dadurch gedeckt ist, so muss Herr Dingsda eben seine Talente in der Spiegelfabrikation verwenden. Immerhin wird sein Schicksal nicht beklagenswert sein, wenn es auch dem Socialismus nicht gelingt, aus 2 X 2 = 5 zu machen.

Diese meine Ausführungen jedoch können noch nicht die allgemeine Frage lösen, nämlich die, wie die Arbeiter in den verschiedenen Arbeitszweigen verteilt werden sollen. Doch der geistvolle Autor des Rückblick aus dem fahre 2000 (Looking Backwand from A. D. 2000) hat auch dafür eine Lösung gefunden. Er stellt es den jungen Männern und Frauen frei, sich ihre Beschäftigung zu wählen und will die verschiedenen Arbeiten dadurch gleich machen, dass er sie gleich angenehm gestaltet. In vielen Fällen wird eine besondere Anlage, wenn sie durch gehörige Erziehung sich frei entwickeln kann, bei der Wahl des Berufs entscheiden. Die Menschen sind glücklicherweise sehr verschiedenartig in ihren Fähigkeiten und in ihrer Geschmacksrichtung. Was den Einen anzieht, stösst den Anderen ab. Aber es giebt unangenehme und doch unentbehrliche Arbeiten, die, wie man vermuten müsste, niemanden reizen können, z. B. der Bergbau, die Cloaken­reinigung etc. Solche Arbeiten könnten dadurch begehrenswerter gemacht werden, dass man für dieselben eine kürzere Arbeitszeit ansetzt, als für angenehmere Beschäftigung. Mancher starke kräftige Mann z. B. würde vielleicht eine kurze unangenehme Arbeit lieber ausführen, als viele Stunden lang einer sitzenden Beschäftigung obliegen. Da man jedem Individuum soviel Freiheit wie möglich lassen will,
so wäre es weit besser, die Vorteile aller Beschäfti­gungen unter einander auszugleichen, als das Un­mögliche zu versuchen und jedem eine passende Beschäftigung anzuweisen. Jeder Mensch wird sicher die Arbeit verabscheuen, zu der man ihn direkt gezwungen hat, selbst wenn er bei freier Wahl genau dieselbe Arbeit ergriffen haben würde.

Im übrigen könnten die unangenehmsten, mühe­vollsten Arbeiten durch Maschinen ausgeführt werden, was auch heute schon geschehen würde, wenn es nicht billiger wäre , eine Klasse von Heloten aus­zubeuten. Als es gesetzlich verboten wurde, kleine Knaben zum Schornsteinfegen zu verwenden, hörte das Schornsteinfegen trotzdem nicht auf; man erfand eben eine Fegemaschine. Ebenso könnte die Kohlen­förderung schon heute durch Maschinen betrieben werden, anstatt dass der Bergmann bei mühevoller Arbeit tagtäglich sein Leben riskiert. Aber Maschinen sind eben teurer als Menschenleben, und so bleibt es dabei, dass Jahr für Jahr unzählige Bergleute ihr Leben lassen müssen. Unter der Herrschaft des Socialismus dagegen werden Menschenleben und Menschenglieder kostbarer sein als Maschinen, und die Wissenschaft wird es sich zur Aufgabe machen,. die ersteren so viel wie möglich durch die letzteren zu ersetzen. Thatsächlich führen die Fortschritte der Technik dazu, die Unterschiede in den ver­schiedenen Berufsarten immer mehr auszugleichen,. und in Zukunft wird sicher nicht derjenige der geschickte Arbeiter sein, der eine besondere Art Arbeit leisten kann, sondern vielmehr derjenige,. der am besten mit Maschinen umzugehen versteht. Der ganze Unterschied in den einzelnen Arbeiten wird mehr in den Maschinen als in den Menschen liegen. Ob das Produkt Nägel oder Schrauben, Stiefel oder Röcke, Tuch oder Seide, gefaltetes Papier oder ein Schriftsatz ist, das dürfte in Zukunft mehr von der inneren Konstruktion der Maschinen als von der Art der Kraftanwendung abhängen. Wahrscheinlich wird man die gesamte Jugend in den Principien der Mechanik und in der Handhabung der Maschinen unterweisen. Diese werden so konstruiert sein, dass sie die mechanische Kraft zur Produktion der verschiedenartigsten Artikel liefern werden. Ein »geschickter« Arbeiter wird dann ein geschickter Mechaniker, nicht aber ein geschickter Schriftsetzer oder Schuhmacher sein. Ein geschulter Mechaniker wird auch heute schon in wenigen Stunden oder Tagen jede Maschine zu beherrschen verstehen. Der Fort­schritt der Mechanik verfolgt die Tendenz, in jedem Produktionszweig den Menschen durch die Maschine zu ersetzen. Das menschliche Hirn mag ruhig Er­findungen ausdenken, dirigieren und kontrollieren. Aber Eisen und Stahl, Dampf und Elektricität, die niemals ermüden und ebenso wenig bruta­lisiert werden können, mögen alle schwere Ar­beit verrichten, die heutzutage dem menschlichen Körper aufgebürdet wird und ihn erschöpft. Wir haben auch nicht den geringsten Grund zu vermuten, dass die Periode der Erfindungen abgeschlossen sei. Im Gegenteil fangen wir erst an, die Anwendung der Elektricität zu studieren, und die Maschinentechnik wird noch Dinge vollbringen, die wir uns im Augen­blick gar nicht träumen lassen. Der Mensch ist ja heutzutage durch unser ganzes System viel zu un­geschickt geworden, um feine und komplicierte Kunst­griffe auszuführen. Ich erwähne dies nur, um zu zeigen, wie sich wahrscheinlich Angebot und Nach­frage auf den verschiedenen Arbeitsgebieten in Zu­kunft ausgleichen werden. Unsere nächste Aufgabe muss es sein, die Annehmlichkeiten der verschiedenen Beschäftigungen möglichst auszugleichen.

Man kann annehmen, dass bei jeder Nation alle Behörden und Gemeindeautoritäten schliesslich durch eine Centralexekutive oder ein industrielles Minis­terium repräsentiert werden würden. Der Ackerbauminister, der Minister für Bergbau, für die Textil­industrie etc. eines Landes wird mit den entsprechen­den Verwaltungen anderer Länder in Beziehung stehen. Auf diese Weise würde im internationalen wie im nationalen Verkehr die Konkurrenz aufhören und die Kooperation an ihre Stelle treten. Aber so weit sind wir noch nicht.

Wir müssen jetzt ein viel heikleres Thema als die Organisation der Arbeiter berühren. Wie soll die Arbeit bezahlt werden, und welchen Teil des Produkts soll das Individuum, welchen die Gemeinde und welchen der Staat erhalten?

Diese Frage kann erst beantwortet werden, nach­dem wir eine andere gelöst haben. Soll die Organi­sation der Arbeitslosen den Zweck haben, diese in selbständige und sich selbst achtende Bürger um­zuwandeln, oder soll man die Arbeit des »Armen,: zur Produktion von Profiten für »Nicht-Armen« aus­beuten? Die ganze Sache dreht sich um diesen einen Punkt. Wenn wir uns hierüber nicht klar sind, wenn wir nicht schon von Anfang an die rich­tige Methode befolgen und die letztere Auffassung bekämpfen, dann wird die Organisation der Arbeits- losen eher eine Stütze für unser bestehendes System, als ein Fortschritt zu einem besseren sein. Man spricht schon davon, Arbeiterkolonien in Verbindung mit den Arbeitshäusern einzurichten. Wir müssen auf dem Posten sein, um das Gute an diesem Projekt zu benutzen und das Schlechte zu verhindern. Auch der Grafschaftsrat wird immer mehr als Arbeitgeber fungieren, und in welcher Weise er dies thut, das ist eine Lebensfrage.



















Mitglieder der Matchmakers' Union
die Annie Besant in den Streik
gegen die unmenschlichen           
Arbeitsbedingungen
der Arbeiterinnen in der
Zündholzfabrik Bryant & May führte.
( um 1888)
 

Jeder Gemeindevorsteher, der durch die Macht der Verhältnisse dazu gezwungen worden ist, die Arbeitslosen zu organisieren, wird versuchen, aus den Arbeiterkolonien für die Steuerzahler einen Ge­winn herauszuschlagen, indem er die niedrigsten Löhne zahlt. Er wird dieses Verfahren für sehr an­gemessen erachten und bald, wenn es ihm erlaubt würde, die Gemeinde in eine Sklavenhalterin um­wandeln. So würde die städtische und ländliche Arbeitsorganisation die Ausbeutung der Arbeitskräfte nur der Form nach ändern. Wenn der Lohn der öffentlichen Arbeiter auch wieder durch das Gesetz der Konkurrenz bestimmt würde, käme der Gewinn aus ihrer Arbeit ebenso nur den Steuerzahlern zu gute. In diesem Fall würden die Gemeindearbeiter alle Steuern aufbringen, während die Privatunternehmer steuerfrei ausgingen. Dies wäre kein Übergang zum Socialismus, sondern nur eine neue Art Gemeinde­Sklavenhalterei, durch die unsere Städte wie im alten Griechenland »sklavenhaltende Demokratien« werden müssten. Darum müssen wir eben festeren Boden suchen und immer wieder des socialistischen Princips eingedenk sein: dass jeder Arbeiter das volle Produkt seiner Arbeit geniessen solle. Dieses Princip könnte man folgendermassen zur Ausführung bringen.

Von dem Wert der Gemeindeproduktion muss zunächst die Grundrente abgerechnet werden, die an die Lokalbehörden entrichtet wird. Ferner müssen die zum Industriebetrieb notwendigen Rohmaterialien in Abrechnung kommen, dann die in der üblichen Weise vorgestreckten und festgesetzten Löhne; eben­so Steuern, Reservefond und die übrigen Abgaben, die der Gemeindebetrieb erfordert. Nach Abzug aller dieser Posten müsste der Rest unter die Gemeinde­arbeiter als »bonus« verteilt werden. Es wäre für die Lokalbehörde sehr unzweckmässig, wenn nicht un­möglich, die Profite jedes einzelnen Betriebes getrennt zur Verteilung zu bringen — z. B. den Überschuss aus den Gasanstalten unter die Gasarbeiter, den der Pferdebahnen unter die Pferdebahnbeamten u. s. w.

Viel einfacher wäre es, die gesamten Gemeinde­angestellten als Ganzes im Dienst eines einzigen Arbeitgebers, der Lokalbehörde, zu betrachten. Die Überschüsse wären sodann aus der gesamten, durch die Gemeinde geleiteten Produktion, ohne Unter­schied, unter alle Gemeindeangestellten zu verteilen. Wahrscheinlich würden über die Art der Verteilung Meinungsverschiedenheiten entstehen, z. B. ob alle Anteile gleich sein, oder ob sie in höheren und nie­deren Berufsarten grösser oder kleiner bemessen werden sollen? Wir müssen dabei immer bedenken, dass jede Ungleichheit verpönt sein würde. Ich habe schon ein Mittel angeführt, durch das man die ver­schiedenen Arbeiten mit dem Princip gleicher Ge­winnverteilung in Einklang bringen könnte. Dieses würde zugleich die Schwierigkeiten beseitigen, die dadurch entstehen, dass manche Arbeiten ermüdender sind als andere. Es würde auch verhindern, dass irgend eine social nützliche Arbeit als weniger ehren­haft gelten könnte — eine Unterscheidung, die gänzlich unsocial und verderblich wäre. Aber weil in öffent­lichen Angelegenheiten ethische Gründe nicht ver­fangen, und jeder Appell an die sociale Gerechtig­keit tauben Ohren begegnet, so ist es sehr günstig, dass sich in diesem Fall Moral und Nützlichkeit decken. Man kann unmöglich die Arbeit jedes einzelnen Menschen abschätzen. Durch einen solchen Versuch würden sicher fortwährende Reibereien und Eifersüchteleien entstehen. Unzufriedenheit, Bevor­zugung und Betrügereien kämen an die Tages­ordnung. Zur Vermeidung all dieser Übel müsste der Gemeinderat das einzig richtige Mittel ergreifen: nämlich alle Arbeiter gleichmässig zu entlohnen. Wenn man dieses Prinzip einmal befolgt hat, so wird es sich durch seine Einfachtheit bald allgemeine Geltung verschaffen. Wahrscheinlich würde es sich als am praktischsten erweisen, dass alle Gemeinderäte ihre Berichte einer Centralbehörde übersenden. Die Zahl ihrer Angestellten, die Summe der von ihnen producierten Werte, die Abzüge für Rente und andere Abgaben und der disponible Überschuss müssten darin genau angegeben sein. Diese Nutz­erträgnisse in ihrer Gesamtheit würde man dann durch die Zahl der Gemeindeangestellten dividieren, und der Quotient wäre der Anteil jedes Arbeiters. Die nationalen trusts müssten zuerst so betrieben werden, wie die Gemeindebetriebe. Später jedoch würden sie den anderen Betrieben einverleibt, end­lich die Löhne gleichmässig festgesetzt werden. Da die Privatunternehmungen an Zahl immer weiter zurückgehen , würden mehr und mehr Arbeiter in den Dienst der Gemeinde treten, bis zuletzt das socialistische Ideal erreicht wäre und alle Erwachsenen als Arbeiter einen Anteil am Nationalprodukt be­sässen. Doch müssen wir bemerken, dass sich dies alles aus der ersten Organisation der Industrie durch die Gemeindeverwaltung oder den Grafschaftsrat herausbilden muss. So schnell oder so langsam, wie es der Gemeinde in ihren Sektionen beliebt, wird sich diese Entwickelung vollziehen. Die produ­cierten Werte und die Zahl der Arbeiter — der ganze Betrieb, würde vorerst nicht so kompliciert sein, wie viele heutzutage durch Private oder durch Aktiengesellschaften geleitete Unternehmungen. Die­selben Talente, die jetzt im Dienst von Privatunter­nehmern stehen, würden später der Gesamtheit ver­fügbar sein. Jedenfalls würde die ganze Idee eher ihrer Neuheit wegen auf Widerspruch stossen als in Wirklichkeit unausführbar sein.

Vorerst würden wahrscheinlich die Leiter der Industriebetriebe immer noch besser bezahlt werden als das Gros der industriellen Armee. Nicht weil es gerecht wäre, sie höher zu besolden, sondern weil sie zunächst noch die Wahl hätten, Privatunterneh-
mungen zu betreiben. Das gäbe ihnen den Vorteil, der Gemeinde ihre Bedingungen zu stellen. Die Gemeinde aber hätte nur die Wahl, sie für höheren Lohn zu engagieren, oder ohne sie fertig zu werden —welches letztere thatsächlich unmöglich wäre. Mit dem. Fortschritt der Erziehung dieser Organisatoren könnte der Lohn geringer werden. Denn ihr jetziger Wert besteht nur in ihrer Seltenheit und ist nur eine Folge ihrer höheren Ausbildung. Sobald aber Alle diese höhere Ausbildung geniessen, wird eine immer grössere Anzahl die Fähigkeit erlangen, einen solchen Posten auszufüllen. Es ist ziemlich gleichgültig, in welcher Form die Anteile der Arbeiter ausgezahlt werden. Wahrscheinlich würde es sich als praktisch erweisen, Gemeindebanken einzurichten, die, wie unsere Chequebanken, Cheques ausgeben. Diese Banken würden den Arbeitern einen Kredit in Höhe ihrer Löhne gewähren. In welcher Weise jeder Arbeiter sein Geld verwendet, das wäre natürlich seine Sache.



Das in Obigem besprochene Princip, nach welchem man den Profit aus der Gemeindeproduktion nach Abzug der Rente und anderer an die Gemeinde­verwaltung zu zahlender Abgaben zur Verteilung bringt, würde der wirksamste Anlass zur Beseitigung der Privatbetriebe sein. Die Gemeindebetriebe würden produktiver arbeiten, als die Privatbetriebe. Allein auch ohne dies würden die Anteile der Gemeinde­arbeiter höher sein, als jeder von Privatunternehmern gezahlte Lohnbetrag, weil diese Anteile das heut­zutage von Müssiggängern verbrauchte Arbeits­erträgnis noch in sich schliessen. Daher würde ein Zudrang zu der kommunalen Arbeit stattfinden und der Gemeinderat dadurch veranlasst werden, seine Unternehmungen immer weiter auszudehnen.

Wir wollen noch hinzufügen, dass Kinder, Greise sind Kranke ebenso hohe Anteile wie die Gemeindearbeiter erhalten müssten. Da alle einmal Kinder gewesen, auch zeitweise krank sind und alt zu werden hoffen, so würden allen die Vorteile der Kinder- und Altersversorgung zu gute kommen. Es ist nur ge­recht, dass diejenigen, die in gesunden Tagen ehrlich gearbeitet haben, auch den Lohn ihres Fleisses ge­niessen, wenn sie krank oder alt sind.

Nachdem so die Anteile der Individuen und der Gemeindeverwaltungen festgesetzt worden, bleibt uns nur noch übrig, ein Wort über den Central-National­rat -- den »Staat« par excellence zu sagen. Dieser würde die zur Ausübung seiner Funktionen not­wendigen Gelder in Form von Abgaben vom Gemeinde­rat erheben. Es ist klar, dass durch Abstufung dieser Abgaben die »Nationalisierung« sämtlicher natürlicher Hilfsquellen bewerkstelligt werden könnte, wie z. B. Bergwerke, Häfen etc., an deren Nutzniessung sich jetzt bloss besonders günstig gelegene Gemeinden erfreuen. Diese Abgaben würden thatsächlich den Charakter einer Einkommensteuer haben.

Ein solcher Verteilungsplan — besonders die Gleichheit der Anteile an dem Produkt der Arbeit -­führt zu der Frage: Wodurch wird der Mensch bei dem von uns vorgeschlagenen System zur Arbeit angespornt? Wird sich nicht der Müssiggänger um seinen Teil Arbeit drücken und auf Kosten seiner Mitmenschen in Hülle und Fülle leben wollen?

In späteren Zeiten, wie auch heutzutage, wird der Erhaltungstrieb den allgemeinen Antrieb zur Ar­beit bilden. Wer aufhört zu arbeiten, würde hungern müssen. Ehe wir nicht ein Land entdecken, wo Kuchen auf den Bäumen wächst, und wo uns ge­bratene Tauben in den Mund fliegen, werden wir immer zur Produktion gezwungen sein. Wir müssen eben arbeiten, weil wir nicht hungern wollen. Wäh­rend des Übergangsstadiums zum Socialismus, wenn die Arbeitsorganisation durch den Gemeinderat be­ginnt, wird man nur unter der Bedingung angestellt werden, dass man seine Arbeit verrichtet. Da als­dann Stellenlosigkeit mit Hungern gleichbedeutend sein würde - denn sobald sich Arbeit bietet, wird es keinerlei Unterstützung für einen gesunden jungen Mann geben, der sich weigert zu arbeiten — so wird der Mensch durch den mächtigsten Trieb zur Arbeit angespornt werden. In der That würde jeder Ge­meindeangestellte nur die Alternative haben zu ar­beiten — oder zu hungern. Der Mensch, der gegen­wärtig sogar langandauernde, schlecht bezahlte Arbeit dem Hungertode vorzieht, wird voraussichtlich später wenige Stunden gut bezahlte Arbeit um so freudiger verrichten, wenn sich nicht etwa die menschliche Natur gänzlich ändern sollte. Wer sich um seine Arbeit drückt, wird genau so wie heutzutage be­handelt werden. Man wird ihn erst warnen und, wenn er sich als unverbesserlich erweist , aus dem Gemeindedienst entlassen. Die meisten Menschen bemühen sich schon heute, durch vernünftige Pflicht­erfüllung das ihnen übertragene Amt sich zu erhalten. Warum sollten sie nicht ebenso handeln , wenn sie ihre Pflicht unter viel günstigeren Verhältnissen er­füllen können ? In der ersten Zeit würde jeder, der seine Arbeit vernachlässigt, in den Konkurrenzkampf zurückgeschleudert werden — ein Geschick, das man nicht so leicht auf sich nimmt. Später, wenn die Privatunternehmungen der Konkurrenz der Gemeinde unterliegen, würde es fast unmöglich sein, irgend einen Lebensunterhalt zu erwerben , wenn man aus dem Gemeindedienst entlassen worden. Ist aber erst die sociale Organisation vollkommen durchgeführt, so würde man in diesem Fall absolut verhungern müssen. Und da man diesen Hundetod mit Über­legung und freiwillig verschuldet hätte, so würde man auch auf keinerlei Mitgefühl und Hilfe An­spruch haben.


Ein weiterer Ansporn zur Arbeit wäre durch den Umstand gegeben, dass der Arbeiter den Nutz­ertrag der Gemeindearbeit würde geniessen wollen, und dass seine Mitarbeiter ihn zwingen würden, seinen Arbeitsanteil voll zu leisten. Heutzutage wirkt schon ein minimaler Anteil am gemeinsamen Profit als ausserordentlich starker Antrieb für jeden einzelnen Arbeiter. Firmen, die einen Teil ihrer Profite unter ihre Angestellten verteilen, finden, dass dieses Vor­gehen für sie selbst sehr einträglich ist. Die Leute arbeiten mit Eifer, um das Gesamtprodukt zu ver­mehren. Da sie wissen, dass jeder eine grössere Prämie erhält, wenn das Gesamtprodukt grösser ist, wachen sie auch darüber, dass bei der Produktion nichts vergeudet wird. Sie gehen mit den Maschinen vorsichtig um, sie sparen Gas etc., kurz , sie ver­mindern die Produktionskosten so viel wie möglich, da jede Ersparnis einen Gewinn für sie bedeutet. Aus den Erfahrungen von LECLAIRE und GODIN er­sehen wir, dass die Hoffnung auf einen Anteil an den gemeinsamen Produkten auch den Erfindungs­geist anspornt. Die Arbeiter solcher Betriebe ver­suchen, stets bessere Methoden zu entdecken, ihre Maschinen zu vervollkommnen, mit einem Wort, weiter fortzuschreiten, da jeder Fortschritt ihr Los verbessert. Alle Erfindungen entspringen dem Wunsch, Mühe zu sparen, oder einem Impuls des Erfindungsgeistes, dem Vergnügen an einem geistigen Triumph und dem Wunsch, der Menschheit einen Dienst zu leisten. Geschickte Arbeiter, die sich ihre Verrichtungen erleichtern wollen, machen immer wieder kleine Erfindungen, selbst, wenn sie persön­lich nichts dabei herausschlagen. Man braucht nicht zu fürchten, dass dieser spontane Erfindungstrieb aufhören wird, wenn die vermehrte Produktivität die Mühe der Arbeit erleichtert oder den Profit des Arbeiters erhöht. Hat es einen vernünftigen Sinn zu fürchten, dass die Menschen fleissig, vorsichtig und erfinderisch sind, wenn sie nur einen Teil des Profits ihrer gemeinsamen Arbeit erhalten, dass sie jedoch in Trägheit, Leichtsinn und Faulheit verfallen müssen, wenn sie das ganze Produkt ihrer Arbeit ernten? Dass ein kleiner Gewinnanteil uns anspornt, aber ein Gewinn, der uns ganz befriedigt, unsere Kräfte lahm legt? Wenn ein Laster im socia­listischen Staat unpopulär sein würde, so wäre es die Trägheit. Dem Faullenzer würde seine Existenz durch seine Mitarbeiter unerträglich gemacht werden, schon ehe man ihn aus dem Betrieb entliesse.

Aber wenn schon diese zwingenden Gründe auf den Menschen, wie er heutzutage ist, mächtig wirken würden, so giebt es noch andere, die schon jetzt Manchen in seinem Thun beeinflussen und später auf die Gesamtheit bestimmend wirken werden. Der Mensch ist kein so einfaches, einseitiges Wesen, wie er dem oberflächlichen Blick des Individualisten er­scheint. Er lässt sich nicht durch den Wunsch nach pekuniärem Gewinn, nicht durch Sehnsucht nach Wohlleben allein bestimmen. Unter dem gegen­wärtig herrschenden System hat sich die Sucht nach Reichtum allerdings künstlich gesteigert und in ganz abnormer Weise entwickelt. Durch Geld kann man fast alles erlangen, was das Leben lebenswert macht. Man ist vor Mangel geschützt, kann seinen Geschmack befriedigen, angenehme, gebildete Gesellschaft ge­niessen, allen Versuchungen widerstehen, sich selbst achten, zu Ansehen gelangen, Bequemlichkeit, Wissen und Freiheit erwerben, so weit all' diese Vorteile überhaupt unter den heutigen Verhältnissen nur irgend möglich sind. In einer Gesellschaft, in der Armut mit socialer Geringschätzung gleichbedeutend ist, Unglück als Verbrechen gilt und jeder gescheiterten Existenz das Arbeitshaus droht; wo die nagende Sorge um's tägliche Brot jeden Arbeiter beständig quält — ist es da ein Wunder, dass dem Menschen Reichtum als das einzig Begehrenswerte erscheint, und jeder andere Gedanke in der wahnsinnigen Flucht vor dem einen Begriff »Armut« schwinden muss?

Aber diese abnorme Geldgier würde schwinden, wenn jedermann einen gesicherten Lebensunterhalt hätte. Sobald jedem Menschen eine absolut sichere Existenz garantiert, sobald er jeder materiellen Sorge auch für die Zukunft überhoben wäre , würde das Verlangen nach Reichtum seine Macht verlieren. So­bald er sich nicht mehr mit dem Gedanken ums tägliche Brod zu quälen hätte, wäre auche die Tyran­nei des pekuniären Gewinns gebrochen. Der Mensch würde anfangen zu leben, um sein Leben zu geniessen, und nicht, um es sich täglich zu erkämpfen. Dann würden alle jene verschiedenartigen Kräfte ans Tages­licht treten, die schon jetzt in dem komplicierten menschlichen Organismus lebendig sind und die erst recht zur Geltung kommen werden, wenn die Basis der materiellen Existenz gesichert ist. Der Wunsch, sich hervorzuthun, die Freude an schöpferischer Thätigkeit, die Sehnsucht nach Vervollkommnung, das Streben nach socialer Anerkennung, das Verlangen anderen wohlzuthun, alles das würde zu voller Blüte gelangen und zugleich der beste Sporn zur Arbeit und die höchste Auszeichnung sein. Es ist lehr­reich, zu beobachten, wie diese Triebkräfte schon heute überall da wirken, wo der Lebensunterhalt ge­sichert ist, also diese Kräfte allein den Ansporn zur That bilden. Die Existenz des Soldaten z. B. ist vollkommen gesichert und hängt nicht von seinen Leistungen ab. Daher reagiert er ganz spontan, wenn an seinen Patriotismus , seinen Korpsgeist, seine Fahnenehre appelliert wird ; für seinen Ruhm wird er alles wagen und ein Stückchen Bronce, das der »Lohn der Tapferkeit« ist, gilt ihm mehr als eine hundertfach grössere Summe Geldes.

Dabei sind viele Soldaten aus dem schlechtesten Teil der Bevölkerung hervorgegangen; und überdies sind militärischer Ruhm und Menschenmord eigent­lich recht armselige Ideale. Wenn der Mensch unter so ungünstigen Verhältnissen schon so viel Ehrgeiz in sein Handeln legt, wieviel mehr kann man dann erst hoffen, wenn es sich um edlere Be­strebungen handelt? Oder beobachten wir z. B. wie­viel Eifer, Selbstverleugnung und Ausdauer junge Leute schon allein bei ihren Spielen entfalten. Der Wunsch, unter den Zöglingen von Oxford der Erste oder beim Rudern, im Wettlauf oder im Springen Sieger zu sein — mit einem Wort der Wunsch sich hervorzuthun — ist als Antrieb so stark, dass er sogar zu Anstrengungen führt, die oft die Gesund­heit untergraben. Überall sehen wir, wie die viel­gestaltigen Triebe der menschlichen Seele erwachen, sobald der Lebensunterhalt erst einmal gesichert ist. Je mehr die Entwicklung der socialen Instinkte den Menschen lehren wird , seine Interessen mit denen der Gesellschaft zu identificieren, desto mehr werden sich diese edleren Triebe in den Dienst der Gesell­schaft stellen, hierauf gründet der Socialismus seine Hoffnung. Damit ist aber nichts Anderes gesagt, als dass der Socialismus sich auf die menschliche Natur mit allen ihren Trieben stützt, und nicht nur auf den einzigen Trieb der Gewinnsucht. Der Socialismus kann erst untergehen , wenn die menschliche Natur untergeht. Wir Socialisten haben wenigstens hundert Saiten auf unserem Instrument, während die Indivi­dualisten immer nur auf einer einzigen spielen.

Doch die Menschheit wird nicht zu Grunde gehen. Wer auf die Dauerfähigkeit der Menschheit baut , hat auf Fels gebaut. Unter gesunderen und glücklicheren Verhältnissen wird die Menschheit sich zu ungeahnter Höhe aufschwingen. Die wunder­samen Utopien, die von Poeten und Idealisten erdacht werden, werden einst unseren Kindern im Sonnenglanz ihres Daseins trübe und matt erscheinen. Wir brauchen nur Mut, Klugheit und Glauben — vor allem den Glauben, dass Gerechtigkeit und Liebe nichts Unerreichbares ist, und dass noch Schöneres, als der Mensch heute ersinnen kann, einst von Men­schen verwirklicht werden wird.                                                                  

     
Streik-Komitee der Matchmakers Union; in der Mitte Annie Besant













    von Annie Besant                                                               
  (01.10.1847 - 20.9.1933)




deutsche Veröffentlichung als Fugschrift um 1919 












   
Der Kampf für die Autonomie Indiens, war in Annie Besants Denken eingebetet in ein antikolonialistisches Konzept, dass vorsah, alle britischen Kolonien in autonom verwaltete, gleichberechtigte Partner eines neuen Commonwealth zu verwandeln.
Die spirituelle , hoch ethische Kultur des Ostens sollte mit der wissenschaftlich organisierten Kultur des Westens in einem neuen Staatenbund, ähnlich der heutigen EU, zusammenfinden.(Anders als die heutige EU hätte das neue Commonwealth natürlich auch viele Länder der sogenannten 3.Welt umfasst.) Dieses Konzept war durchaus realistisch und hatte mehr Chancen, als der später von Beatrice und Sidney Webb
vertetende Gedanke eines "Sozialistischen Commonwealth", der die mentalen Realitäten in den Kolonien nicht genügend berücksichtigte.

Den gründlicheren Betrachter der Geschichte verwundert es nicht, dass z.B. der Architekt des modernen, demokratischen Indien, Jawaharlal Nehru,in jungen Jahren vorrübergehend Mitglied der Theosophischen Gesellschaft war, oder dass, die vom rassistischen, britischen Imperalismus verfolgte Annie Besant so viel Sympathie bei den indischen Freiheitskämpfern fand, dass sie 1917 demonstrativ zur Präsidentin des Indischen Nationalkongresses gewählt wurde.

Neben den vielen sozialen Projekten der Theosophischen Gesellschaft hatte diese, unter der Präsidentschaft Annie Besants nicht den gewerkschaftlichen Kampf für die Rechte der Arbeitnehmer in Indien vergessen.Ihr Mitarbeiter, der Theosoph B.P.Wadia gründete mit ihrer Unterstützung den Arbeiterverband von Madras, den er selbst auch leitete. Dies war die erste feste Organisation der indischen Arbeitnehmer mit Mitgliederlisten, Beiträgen, Streikkasse etc.. Er gilt heute als  d e r  Ausgangspunkt der gesamten indischen Gewerkschaftsbewegung. In der Streikprobe aber hatte  der junge Verband sich nicht bewähren können. Die vorsichtige, besonnene Vorgehensweise Besant's und Wadia's wurden von den Marxisten immer scharf kritisiert. Nun wurden sie für den Mißerfolg verantwortlich gemacht.

Annie Besant gibt in ihrer Schrift "Der zukünftige Sozialismus" indirekt die Gründe für ihren Rückzug aus der Arbeit für die Fabian Society an. Ihre Befürchtungen gegenüber den revolutionären Bewegungen haben sich im 20 Jhd. leider besonders deutlich bestätigt. Bei der Schilderung ihrer Vision einer gerechten, spirituellen Gesellschaftsordnung bricht sie deshalb auch mit jedem politischem Sprachgebrauch, der an gewaltätige Ideologien erinnern könnte. Eine der großen Fähigkeiten Annie Besants bestand darin, schwierige, komplexe Zusammenhänge einfach, verständlich auszudrücken, ohne das dabei die Darstellung an Tiefe verliert. Auf diese Weise hat sie der großen Sehnsucht der Menschen nach einer neuen, menschlicheren Sozialordnung im vorliegenden Text Worte verliehn.
(R.M.S)
 


DER ZUKÜNFTIGE SOZIALISMUS


Wer die Strömungen der Zeiten sorgfältig- studiert, muss die wachsende Macht der sozialen Bewegung hier ebenso erkennen wir in Ländern; wo sie mehr eine streitbare Kraft ist als hier, und wer darüber nachdenkt, wird gut tun, zu erwägen, welche Bahnen diese Bewegung in kommenden Tagen beschreiten wird und wie der Grundriss des Sozialismus aussehen wird, dieses Sozia­lismus, den man einzuführen beabsichtigt. Bei der Be­handlung dieser Frage nun wird alles, was ich zu sagen habe, von einer Idee beherrscht sein. Ebenso, wie jeder Sozialist erklärt, dass die Politik allein gänzlich unzu­reichend sei, um eine Nation glücklich und blühend zu machen, ebenso wie er mit Recht behauptet, dass die Wirtschaftslehre richtig verstanden und angewendet werden muss und dass ohne dies jedes Verstehen und Anwenden politischer Reformen fehlschlagen und zerfallen muss, so glaube ich, dass die wirtschaftlichen Fragen allein nicht genügen, um eine Welt wohlhabend und frei zu machen. So wichtig die Wirtschaftslehren auch sein mögen, und es auch sind, so stehen hinter der Nationalökonomie Männer und Frauen, und wenn diese Männer und Frauen nicht zu einer edlen Menschlichkeit erzogen werden, so werden alle ökonomischen Entwürfe ebenso misslingen, wie gegebenenfalls irgendein politisches System. Denn, während es wahr ist, dass der Politiker das Haus ohne Fundament erbaut, und es ebenso wahr ist, dass die Sozialisten dieses Fundament zu legen versuchen, muss dies Fundament doch aus gutem Material bestehen, da faules Gebälk dem Hause ebenso verderblich sein wird, wie überhaupt keins. Und es besteht eine Gefahr eine Gefahr um so dringender, je erfolgreicher die sozialistische Propaganda sich er­weist - dass, sowie der Staat einen Gegenstand nach dem anderen übernimmt und versucht, die grossen In­dustrien zum allgemeinen Wohl zu leiten, der Sozialismus unfehlbar misslingen wird, wenn die an der Spitze dieser Industrien und Betriebe Stehenden in diesen Industrien nicht zuverlässige, aufrichtige, selbstlose Menschen sind. Und wenn beim Prüfen der Bemühungen des Proletariats etwas deutlicher als alles andere im Lande hervortritt, so ist es dies, dass keiner dem anderen traut, weder den Führern, noch den Genossen. Sie besitzen nicht das Vertrauen, welches einem Unternehmen allein den Erfolg sichern kann; und ihnen fehlt nicht nur das Vertrauen zu ehrlichen Führern, ihnen fehlt auch die Disziplin, das auf Selbstbeherrschung begründete Sichunterordnen, ohne welches. kein Unternehmen auf die Dauer Erfolg haben kann. Denn, wenn es wahr ist, was leider der Fall, dass individuelle Einzelunternehmungen viel mehr Erfolg hatten als die Genossenschaften, örtlich und versuchs- weise, wie die ganze Sache gewesen ist, so bleibt es auch wahr, dass, wenn eine kooperative Körperschaft, Staat genannt, da ist, diese Körperschaft die Tugenden, welche den guten Bürger ausmachen, auch brauchen wird, sonst wird der sozialistische Staat ebenso zerfallen wie andere Staaten. Und dieser Punkt scheint mir in der sozialistischen Propaganda zu fehlen. Es ist dieser Punkt mehr als alles andere, der mich dazu geführt hat,ausserhalb der Bahnen der sozialistischen Propaganda den Versuch zu machen, das Material, welches der So- zialist zum Aufbau seines Staates braucht, zu formen. Denn ohne dieses Material müssen alle Versuche schei­tern und das Material kann nicht durch äussere Organisation allein hervorgebracht werden. Es ist die Tendenz fortgeschrittener Elemente, obgleich sie von Jahr zu Jahr abnimmt, die Umgebung als die Hauptbedingung und den Menschen als Nebensache zu betrachten, anzunehmen, dass die gute Umgebung den guten Menschen schaffen wird. Man vergisst, dass Umgebung und leben­diger Organismus gegenseitig aufeinander reagieren; und obgleich die Umgebung vieler Männer und Frauen heute so unaussprechlich schlecht ist, dass es unmöglich ist, dass gesunde Pflanzen dort gedeihen, doch die Tatsache, dass der Mensch ein lebendes Geschöpf ist, das mehr als andere seine Umgebung seiner Person anpasst, in der gewöhnlichen Lehre des Sozialismus zu sehr vergessen wird. Und doch ist es ein wesentlicher Teil der echten sozialistischen Propaganda. Jedoch glaube ich, dass die nächste grosse Phase der Zivilisation sozialistischer Art sein wird, dass in den Jahrhunderten, die vor uns liegen, viele der wirtschaftlichen Bedingungen, wahrscheinlich alle, die die Sozialisten von heute fordern, verwirklicht werden. Gleichzeitig aber sehe ich, dass, wenn die Führer der sozialistischen Partei nicht weit über die Massen, die sie führen, gebildet sind, und wenn diese Massen nicht verstehen, dass Weisheit und Wissen Autorität verleihen muss, alle Systeme Schiffbruch er­leiden müssen. Solange es nicht möglich ist, einen Sozialismus einzuführen, in welchem der Weiseste regiert, sehe ich nicht, dass die einfache Änderung der ökono­mischen Zustände die Dinge ausserordentlich viel besser gestalten wird, als sie heute sind. Denn obgleich es wahr ist, dass durch bessere wirtschaftliche Verhältnisse wir die äusseren Zustände ändern können, braucht der Mensch etwas mehr als Nahrung und Kleidung. In dem Masse, wie seine inneren Kräfte sich entwickeln, verlangt der Mensch mehr und mehr, nicht nur, was der Trieb gebieterisch fordert, sondern auch, was die Seele, das Gewissen und der Geist nicht weniger gebieterisch fordern; und ich fürchte, dass diese Bewegung aus Mangel an Erkenntnis der wahren Natur des Menschen scheitern könnte, wenn der Mensch als Körper allein und nicht als geistige Intelligenz behandelt wird, und dass an diesem Felsen alle Systeme zerschellen werden, denn wir dürfen die wahre Natur des Menschen nicht über­sehen.

Um nun meinen Lesern einige Ideen vorzuführen, die zum Nachdenken anregen könnten, möchte ich ihnen die Geschichte eines früheren, alten Sozialismus erzählen. Sie mögen sie auffassen, wie sie wollen. Ich erzähle es als Geschichte; mögen sie es für ein Märchen halten, wenn sie wollen. Während ich nicht glaube, dass die Geschichte — denn ich nenne es Geschichte - sich wie­derholt, während ich nicht glaube, dass die grosse Lehre von der Demokratie ohne Bedeutung für die Menschheit ist und von Völkern der Erde noch gelernt werden muss, glaube ich, dass der alte Sozialismus auch Lehren für die Zukunft enthält und aus der Autokratie, die tot ist und der Demokratie, die zu leben versucht, die Völker irgend­eine Einigung finden müssen, die der zukünftigen Zivili­sation die Vorteile beider Erfahrungen bringen wird. Wir werden nicht den Zustand der Kindheit zurück­bringen, denn der Mensch kann nicht zurück zur Kind­heit, wir können aber, etwas aus den Wohltaten der Herr­schaft jener Zeit lernen und sehen, ob die moderne De­mokratie nicht in irgendeiner 'Weise eine Methode` dar‑
dar­aus entwickeln kann, urn die Weisesten an das Staats­ruder zu rufen, statt durch Zahlen zu regieren, was soviel heisst, als mittels Unwissenheit zu herrschen. Lassen Sie mich also mein Märchen erzählen.

Es ist so lange her, dass ich wohl anfangen sollte „es war einmal". Also, es war einmal, als die Massen des Volkes unentwickelt, unentfaltet, buchstäblichsich in dem Zustand befanden, den wir Kindheit nennen können, willig sich regieren zu lassen und willig die Überlegenheit der Älteren anzuerkennen. Und diese Proletarier der Vergangenheit wurden von Männern einer viel höheren Menschheit, einer viel fortgeschritteneren Menschheit als ihre eigene war, regiert. Wir finden Spuren davon in der Zivilisation des alten Aegyptens, wir finden Spuren davon in der Zivilisation Perus, das von Pizarro zerstört wurde, wir finden Spuren davon in Indien, in jenem Lande, das nicht, wie all seine Zeitgenossen, gestorben ist. Noch können wir in der Dorforganisation Indiens, in dem Dorf - panchüyet — dem Dorfrat der Altesten - das Dorfeigentumsrecht, die gemeinsame Verantwortung des Dorfes für jedes einzelne seiner Mitglieder und in vielen anderen Spuren finden von jenem sehr alten So- zialismus, der noch in unseren modernen Zeiten fortlebt. Und weil die Herrscher des britischen Kaiserreiches die Bedeutung jener alten Dinge nicht verstehen, begehen sie heute so oft schwere Fehler in der Verwaltung Indiens. Indem sie versuchen, das Rechte zu tun, be­gehen sie unfehlbar Fehler und stürzen das Volk in einen weit trostloseren Zustand, als es der Fall sein würde, wenn sie sich ein wenig um die Traditionen, die aus der alten Form des Sozialismus stammen, kümmern wollten. Um ein Beispiel anzuführen: der alte Sozialismus. über den ich schreibe, verlieh alles dem Könige; und dieser Gedanke hat sich durch alle Änderungen und Eroberungen in Indien erhalten, bis die Engländer die neue Einrichtung verschiedener grosser Provinzen einführten; dann, nicht verstehend, dass dieses Dorfeigentumsrecht des Bodens wirklich ein Bestandteil des Systems war, worin : das Land keiner Privatperson gehörte, verwan­delte man den alten Typus der Gutsbesitzer, der nicht die Macht besass, den Pächter zu verjagen, in einen Gutsbesitzer moderner Art, der nicht mehr Vertreter des Monarchen war. Der König besass technisch das Land und erhob einen Teil des Profits vorn Landmann, so dass der Ertrag je nach der Grösse oder Kargheit der Ernte wechselte und die „Rente" den Landmann nicht zum Hungern verurteilte, weil seine Ernährungsbedürfnisse zuerst befriedigt werden mussten. Man verwandelte alles in das englische System des Gutsbesitzers und Pächters mit einer festgesetzten Rente in Geld und dem Recht auf Veräusserung, Landes-Enteignung des Pächters, und auf diese Weise versetzte man ausge­dehnte Strecken und Tausende von Menschen, die früher ein sorgloses und glückliches Dasein geführt hatten, in einen elenden Zustand von Unkultur. Ich erwähne diese Spuren aus der Vergangenheit, die noch existieren, damit der Leser mein Märchen nicht ganz so phantastisch finde, als wenn diese Spuren nicht da wären, um Zeugnis dafür abzulegen, dass ich nicht lediglich erfinde.Was nun diesen alten Sozialismus betrifft, stand der König als Autokrat an der Spitze, um ihn eine Anzahl Edelleute und Priester - Namen, die unter den So­zialisten wenig beliebt sind; ich muss aber meine Ge­schichte wahrheitsgetreu erzählen. Dieser König, dieser Adel, diese Priester gehörten einer entwickelteren Menschheit an, als die Masse der arbeitenden Bevölke­rung jener Zeit, und die ganze Einrichtung war die der Familie. Nun glaube ich, dass die Familieneinrichtung das Muster aller gesunden menschlichen Organisationen ist und dass der grosse Lehrsatz: „Von jedem je nach seinen Fähigkeiten, jedem je nach seinen Bedürfnissen" das erste sowie das letzte Wort für soziale Organisation ist. Das war das Gesetz, das meinen Märchenstaat leitete. Über die Stellung des Königs sind viele Spuren in indischen und chinesischen Büchern zu. finden. Es war der fleissigste, der am schwersten arbeitende Mann im Lande, nicht nur im Einweihen von Stiftungen und Anstalten oder im Legen von Grundsteinen, sondern er war wirklich der tätigste, der arbeitsamste Mensch. Das alte Gesetz war: „Lass den König wachen, damit andere Menschen schlafen können; lass den König arbeiten, da­mit andere Menschen geniessen können; lass den König herrschen, damit das Volk glücklich sein- kann." Und hinter dem König in diesen alten Gesetzen — und hier wieder können die alten rechtlichen Vorschriften uns helfen — hinter dem König stand eine Macht, die ver­schiedene Namen bei den verschiedenen Völkern trägt, bei den Indern heisst sie Justizia, Gerechtigkeit - und diese Macht befand sich jenseits des Königs, stand über dem König, herrschte über den König, und er war nur der Verwalter des grossen göttlichen Gesetzes, an welches König, Adel, Priesterschaft und das Volk alle. gleicherweise glaubten. So steht geschrieben, dass ein schlechter König samt seinem Hause durch das Gesetz vernichtet werden wird, und so in vielen anderen Aus- sprächen der alten Bücher; dieses Prinzip erstreckte sich über den ganzen Begriff vom Regieren. Der Regent war die verantwortliche Person, er war der Verbrecher — es gab deren wenige in jenen Tagen, weil das Ver­brechen meistens aus Not und Elend entsteht und Not und Elend damals selten waren —, das Verbrechen war die Folge der Irrtümer des Herrschers —, der König war verantwortlich für eine gute Regierung, und es war so, wie es Confucius einst zu einem Könige, der sich über Räuber beklagte, gesagt hat: „Wenn Du, o König, nicht stehlen würdest, gäbe es weniger Diebstähle in Deinem Lande. Und das v ar ein praktischer, nicht nur ein theoretischer Begriff in jenen alten Tagen. Donn, wenn in jenen Tagen ein Mann etwas durch. Diebe verlor, war der König verpflichtet, es vierfach zu ersetzen — ein treffliches Gesetz. In jenen Tagen nahm man an, dass, wenn der König seine Pflicht in der Erziehung und, Bil­dung des Volkes tat, niemand zum Stehlen neigen würde, so dass das Schatzhaus des Königs die Stätte war, von wo denen, die durch Diebstähle gelitten hatten, alles wieder erstattet wurde. Und dieses Schatzhaus, mir dem Überfluss des Wohlstandes der Nation angefüllt, war der Ort, wohin sich alle Menschen wandten, denen Unrecht geschehen war, und von wo das Unrecht wieder gut gemacht werden musste.

Und noch eine treffliche Regel der alten Zeit war, dass, wenn Religionslehrer; die man heute Bischöfe nennen würde, das Land durchreisten und an des Königs Hof kamen, die ersten Fragen, die sie stellten, prak- tischer Natur waren: Hast Du für die Witwen und-Waisen Deines Landes gesorgt? Hast Du gesehen, ob der Landmann Samen zur Aussaat für sein Feld hat? Hast Du gesehen, ob der Handwerker die Werkzeuge - hat, die er zu seiner Arbeit braucht? usw., alles Fragen, von denen das Wohlergehen des Staates abhing.

Nun waren in jenen frühesten Tagen die Könige göttliche Könige. Damit meinen wir, dass sie Männer waren, in denen die spirituelle, die geistige Natur ent wickelt und die Pflicht ihr leitendes, oberstes Gesetz war; Pflicht war wirklich das Rückgrat der königlichen Autorität, und die Grundsätze, die sie in bezug auf Eigentumsrecht, Ordnung und Arbeit aufstellten, waren sehr klar. In bezug auf das Eigentumsrecht gehörte das ganze 'Land technisch dem König und wurde für das Gemeinwohl verwaltet; es gab keine Steuern, weil die Einkünfte des Landes für alle öffentlichen Zwecke ge­nügten. Von einem Teil des Landes lebten der Adel und alle Gesetzgeber und auch alle Landesvertreter -­ein Drittel des Landes diente dem Unterhalt der Ver-waltungsbeamten Das zweite Drittel des Landes war für die Priesterschaft bestimmt. Was taten sie damit? Sie waren verpflichtet, jedes Kind ohne Entgelt zu er­ziehen. Das war aie erste Forderung an das Einkommen der Geistlichkeit, die verpflichtet war, jeden Kranken, jeden Alten, jeden Schwachen, jeden, der in Not oder Elend war, zu unterstützen — Hospitäler, Armenhäuser, Asyle, alles, was die Hilfsbedürftigen notwendig hatten, wurde aus diesem Teil bestritten. Man nahm an, dass dieser Teil des National-Vermögens für die Hilfsbedürf- tigen und Unwissenden beiseite gelegt wurde. Nicht zu priesterlicher Prachtentfaltung und priesterlicher Macht, sondern für den Dienst der Menschheit war dieses Drittel des Landes bestimmt. Auf den Geistlichen ruhte die ganze Last des Unterhalts der Bedürftigen; sie verwal­teten nur, sie besassen nicht. Das letzte Drittel war das Eigentum des Volkes, das in Dörfern, Städten usw. lebte, und zu dessen Unterhalt bestimmt. Alle diese Lände­reien gehörten den Leuten, die darauf wohnten, und sie konnten nicht davon vertrieben werden. Das Land konnte auch nicht veräussert werden, weil es theoretisch nicht ihnen gehörte und nicht von ihnen verkauft werden konnte; es konnte nicht durch Schuld oder Verpfändung verloren gehen, denn sie hatten keine Rechte daran, ausser das Nutzrecht, sie hatten nicht das technische Eigentumsrecht. Und das erinnert mich wieder daran, dass in Indien das alte Prinzip in der modernen Boden­gesetzgebung verloren gegangen ist. Tausende von Bauern sind zu Landstreichern geworden, weil der Boden als Boden Eigentum geworden ist im Gegensatz zu früher, wo das Volk nur das Nutzrecht besass.

So war das Land in meinem Märchenstaat eingeteilt. Das Volk bebaute das ganze Land und trieb jedwedes Handwerk. Es war ihr Beitrag an den Staat. Sie ackerten ihr eigenes Land zuerst, das war die notwen­digste Arbeit von allen, dann kam das Land der Priester, welches für Kinder, die Kranken und Bedürftigen ver­waltet wurde, und zuletzt kam das Land der Herrscher. Die Last sollte am schwersten auf der regierenden Klasse ruhen; wenn es an Saat oder Wasser gebrach, wurde das Land des Volkes zuerst gesät und gewässert, dann das Land der Priester und zuletzt das der Herrscher. Dieses Prinzip waltete über allem, denn der Mensch muss geben, was er zu geben hat, und die Unwissen­den — nicht unwissend, wie es die Leute heutzutage sind, denn alle wurden gebildet, nur relativ unwissend, weil noch geistig unentwickelt — gaben die Kraft ihrer Körper; darin lagen ihre Fähigkeiten. Die Priesterschaft gab die Kraft ihres Verstandes, denn sie waren Lehrer, Krankenpfleger, Aerzte; und die Herrscherklasse gab ihre ganze Zeit, ihre Gedankenkraft und ihre Energie, um den Staat zu, lenken, sein Wohlergehen zu fördern und ihn gegen Angriffe zu verteidigen.

Noch einem Zweck diente das Land der Geistlichkeit. Alle grossen landwirtschaftlichen und, anderen wissenschaftlichen Experimente wurden dort gemacht; Farmen wurden eingerichtet, um dort Versuche anzu- stellen und damit alle Verbesserungen sofort unter der ganzen ackerbauenden Bevölkerung verbreitet werden konnten. Laboratorien wurden für wissenschaftliche Versuche unterhalten und alles, was die Intelligenz ent­deckte, stand sofort jedem zur Verfügung, denn die geistigen Arbeiter gaben die Kraft ihres Geistes; dazu waren sie befähigt. Damals gab es keine Patentgesetze! und keiner beanspruchte das Recht, auf Kosten anderer untätig zu leben. Es war ein gerechter Austausch von Kräften, eine Verteilung der Pflichten, aber alle hatten Pflichten und jeder irgendeine Arbeit.


Nun noch ein Punkt, in welchem die Dinge damals sehr anders waren als heute, etwas, was manchem unsinnig und wirr erscheinen mag. Je höher die Menschen geistig stehen, desto weniger bedürfen sie des Reichtums und der Vergnügungen. Doch war dies eine vernünftige Idee, denn der Gedankengang war folgender: Ein geistig sehr wenig entwickelter Mensch hat wenig Hilfsquellen in sich, folglich muss ihm alles von aussen geboten werden, was gegeben werden kann, um ihn zu ver­feinern, zu begeistern, zu erziehen, um ihm ein glück­liches Leben zu verschaffen; die Höhergebildeten haben unendliche Hilfsquellen in sich selbst. Also standen alle
Vergnügungen den Volksmassen frei und offen. Jede Form der Kunst wurde benutzt, um ihr Leben sonnig und glücklich zu gestalten. Wenn irgend jemand materielle Güter entbehren sollte, das Volk durfte es nicht sein. Es besass nur diese äusseren Dinge, die nach und nach seine schlummernden Kräfte erweckten und es auf die Stufenleiter der Intelligenz hoben. Wenn also jemand Zerstreuungen entbehren sollte, dem Volke mussten sie erreichbar sein und zu Gebote stehen. Und der Erfolg war, dass es viel veredelter war als die grossen Volks­massen in den sogenannten zivilisierten Ländern von heute. An den gemeinsamen Darbietungen können wir sehr die Volksklasse einschätzen, die gewisse Vergnügungsorte besucht. Nun, ich habe alle typischen Londoner Vergnügungslokale besucht, ich weiss, was ich behaupte. Besuchen wir, sagen wir, ein Theater in East End, so finden wir der Regel nach eine recht gute Moral: dem Held, der stets gut ist, glückt alles, der Bösewicht kommt zu Schaden. Aber diese Seichtigkeit! Dieser Mangel an wirklich höheren Gedanken. Es blutet einem das Herz beim Anblick der Steine, die man dem Volke statt Brot gibt in den einzigen Stätten, wo sie lernen könnten, diese Stätten, die sie besuchen um sogenannter Vergnügungen willen. Nun ist es aber das Volk, was das Beste braucht von allem, was die Kunst bieten kann. Weil ihr Heim so wenig künstlerisch ist, brauchen sie die Schönheit der Kunst, um sie zu verfeinern und sie menschlicher zu machen, als nur zu viele es heutzutage sind. Es ist auffallend, dass die angelsächsischen Armeen brutaler sind als die Armeen anderer Nationen, find ich glaube, es liegt in dem absoluten Mangel an Verfeine- rung in den Vergnügungen. Ausserdem, da wo die Arbeit zu hart ist, kann das Vergnügen nicht wirklich gesund sein. Nur massvolle Arbeit lässt uns Geistes- kraft genug, um aus allem, was die, Kunst uns bieten kann, Nutzen zu ziehen. In meinem Märchenstaat war kein Mann und kein Weib überarbeitet und Kinder arbeiteten überhaupt nicht. Nach dem 45. Jahre ver­richtete überhaupt niemand mehr auferlegte Arbeit, welcher Kasse er auch angehörte.Auf beiden Seiten dieser Altersgrenze arbeitete er aber zuerst an seiner Bildung, nachher beschäftigte er sich literarisch, künstlerisch oder wissenschaftlich, , je nach seinen Fähigkeiten, Geschmack und Neigungen. Es war also Zeit für Bildung und Zeit für Kunst und auch Zeit für das Volk, um zu einem intelligenten und nütz­lichen Leben aufzuwachsen. Heutzutage ist keine Zeit dazu da, wo das Kind schon arbeiten muss als Halb­arbeiter und der alte Mann nur missgestimmt ist, wenn or mit 60 oder 65 Jahren zu alt ist, um sich etwas zum Beissen und zum Brechen zu verschaffen. Jene Tage waren viel besser für die Arbeiter, denn sie darbten nicht, waren nicht überarbeiiet oder unteramüsiert. Der Staat war so geartet, dass alle glücklich sein konnten, denn man nahm an, dass das Glück die natürliche Atmo­sphäre für den Menschen sei, und so gingen die Dinge während langer Zeit.

Warum änderten sie sich? Weil die Menschheit wachsen musste; und damals waren sie noch gleichsam in der Kinderstube, wo die Kinder gepflegt und ver­hätschelt wurden, und die Menschheit musste lernen, .er wachsen zu sein und musste die harte Zeit des Stehens und Gehenlernens durchmachen. Und nach und nach, als jene grossen Männer dahingingen, nahmen Männer-von niedrigerem moralischen Typus ihre Stellen ein, Männer, die nach und nach für sich selbst herrschten und nicht für das Volk, die ihre Macht zur Selbst-, erhebung und nicht im Dienste anderer verwandten. Unter der Entartung der herrschenden und lehrenden Klasse fingen alle Völker an, bergab zu gehen, und auf den Ruinen jener alten sozialistischen Staaten ent­standen — Staaten, gegründet auf Besitz, Sklaventum, auf Leibeigenschaft und Lohnsklaverei. Immer fängt der Verfall unter den herrschenden Klassen an. Sie haben die Macht und fangen an, sie zu missbrauchen. Und so kam es, dass nicht Autokratie zum Besten des Volkes, sondern Tyrannei zum Ausbeuten des Volkes entstand.

Und nun kommen wir zu den „historischen Zeiten", wo Herrschen nicht Dienen hiess, wie es sein sollte. „Der Grösste unter Euch sei .wie derjenige, welcher dient" Das ist das Wort eines grossen Lehrers, und es ist das Wort, welches bezeichnend ist für das Verhältnis der höheren Grade der Menschheit.
Im Augenblick, wo die Kraft lür das kleine eigene persönliche Selbst benutzt wird und nicht für das grössere Selbst, in demselben Augenblick wird sie Tyrannei und Unterdrückung, wird sie ein Mittel zur Zerstörung und nicht eine stützende Säule. Und so, also als die Macht, welche die grossen Männer besassen, auf geringere Männer überging, vollzog sich der allmähliche Verfall des Staates und Unwissenheit fing an, ein Grund zu werden, um betrogen und unterdrückt und verraten zu werden, anstatt, wie früher der alten Familienidee nach, ein Grund, um beschützt, behütet, geleitet zu werden. Der -ganze Geist der Zeit änderte sich und nun finden wir all die verschiedenen Phasen des Individualismus, die wir in den modernen Staaten bemerken. Individualis­mus fing bei den Herrschern und Priestern an, sie, welche die Diener aller hätten sein sollen, und so wurde es fort­gesetzt und tat sein gutes Werk auf seiner Bahn, denn es war notwendig geworden, dass der individuelle Mensch sich entwickele, damit ein dauernder, edlerer Staat schliesslich aus dem Kampfe erwüchse.Nur ein kurzsichtiges Auge sieht in den grossen Phasen menschlichen Wachstums und menschlicher Ent­wicklung lediglich Böses und nichts Gutes. Aus jeder grossen menschlichen Erfahrung entsteht etwas, möge es noch so aufrührerisch beim ersten Blick erscheinen, und es war notwendig, dass der individuelle Mensch sich entwickle trotz sozialer und nationaler Kriege, was eben die Entfaltung des Individuums notgedrungen bedeutete. Und so gingen die Veränderungen vor sich und „Pflicht" hörte auf, das Gesetz des Staates zu sein und der An­spruch auf „Rechte" trat an dessen Stelle. Stets, wo das Gesetz der Pflicht als bindende Kraft verschwindet, sind die Menschen unfehlbar darauf hinaus, ihre Rechte zu es erreichten die Völker den Zustand der eingebildeten sozialen Kontrakte und Staatseinrichtungen und alle der anderen Fiktionen, worauf die moderne Demokratie all mählich aufgebaut worden ist —, dass wir alle freige­boren sind und dass wir einige unserer Rechte aufge- I'i geben hatten usw. — wir kennen sie alle, diese Fiktionen — und eine Fiktion ist keine gute Sache als Grundlage für das Wachstum einer Zivilisation. Wir müssen auf Tatsachen bauen, nicht auf Fiktionen, wenn wir wollen. dass die Gesellschaft wachse und gedeihe. Die grosse Losung des 18. Jahrhunderts, dass der Mensch frei ge­boren sei und überall in Ketten liege, ist eine reine Fiktion. Er wird nie frei geboren, sondern stets hilflos und in seinem Leben abhängig, in den jungen Jahren von der Leitung und Pflege seiner Eltern. Das ist ebenso wahr in bezug auf die Menschheit, wie für jedes Kind, das auf dieser Welt geboren wird. Und weil der Mensch ebenso hilflos geboren wird, muss Pflicht das Gesetz des mensch­lichen Wachstums sein. Nur auf Grund der Anerkennung des Gesetzes der Pflicht kann die Menschheit auf dem Wege der Vollkommenheit vorwärts schreiten. In diesem Wachstum zur Demokratie scheint vieles, was wir jetzt sehen, voller Drohungen für die Zukunft. Denn die De- mokratie, in deren Hände die Macht gelangt ist, ist eine Demokratie, erzogen unter Bedingungen:, die es ihr im-möglich machen, einen Staat mit Weisheit zu leiten. Wie könnte eine Anzahl Manner, die in Wirklichkeit wenig weiss ausserhalb des Bergwerks, des Schmelzofens oder der Mühle. imstande sein, sich mit den viel subtileren. Fragen zu befassen, von denen das Gedeihen eines Volkes abhängt? Sie können nur wissen, was ihre Klasse braucht — Befreiung von dem Druck, der auf ihr lastet und sie beugt. Und sicherlich sind sie nicht zu tadeln, wenn sie versuchen, die politische Macht zu gebrauchen, um etwas
von der Last zu heben, unter welcher sie, ihre Vorväter und ihre Kinder leben. Sie wären weniger als mensch­lich, wenn sie es nicht täten. Aber Klassenherrschaft ist nicht besser, wenn es die Herrschaft der Demokratie ist, als wenn es die Herrschaft der Aristokratie ist. In manchem Sinne ist sie schlimmer, weil roher.

Die Zivilisation kann es nicht riskieren, alles, was sie in Jahrtausenden an Arbeit und Kenntnissen er­worben hat, zu, verlieren, und es besteht die Gefahr, dass die Massen und die Menge Intelligenz und Hirne, Unwissenheit das Wissen weg- und überschwemmen; selbst wenn das Wissen begrenzt ist, besteht die Gefahr, dass eine siegreiche Demokratie niederreisst, statt auf­baut, und alles opfert, was die Menschheit erworben hat, unter dem einfachen Druck des Leidens und dem bitteren Mangel an Nahrung und Musse. Solange aber der Mensch unter diesem, Drucke steht, kann er nicht gerecht urteilen, solange er bitter leidet, kann, er nicht abwägen, was not tut und was möglich ist.Wie müsste die Gesellschaft organisiert werden? Dass sie reorganisiert werden muss, ist klar, aber wie? Ich denke mir - ich weiss nicht, inwieweit meine Leser mit mir einverstanden sein werden -, dass in jenen. alten Grundsätzen vieles ist, das zur Bildung der Ver­fassung des neuen Sozialismus verwertet werden könnte, dass die moralisch-ethische Beziehung, welche Männern und Frauen begreiflich machen müsste. dass wachsendes Wissen und Macht Pflicht bedeutet, eine der vitalsten Lehren für unsere heutigen Zeiten ist. In unseren oberen und mittleren Klassen sollten alle, die nicht im bitteren Kampfe ums tägliche Brot stehen, viel mehr eine Propa­ganda der Pflicht betreiben, statt eine Propaganda der Rechte, und sollten das Beispiel der Pflichterfüllung geben; wir müssen versuchen, den Männern und. Frauen deren Leben verhältnismässig leicht ist, zu lehren, dass der einzige Weg., auf dem die Gesellschaft neu aufgebaut werden kann, ohne eine Katastrophe, in welcher-die Er­rungenschaften der Zivilisation untergehen werden, ist, dass sie selbst das Gesetz der Selbstverleugnung frei­willig und willig auf sich nehmen, das Gesetz, das so lange den Armen und Elenden unfreiwillig aufgezwungen worden ist. Das scheint mir die erste Lehre, die alle lernen müssen, die nicht um das tägliche Brot kämpfen:
dass man das Recht zu leben und zu geniessen nur in dem Masse hat, als man gibt, sei es Zeit, Gedanken, Gold, Bildung, und dass, je mehr man besitzt, um so niehr verpflichtet ist, zu geben. Nur auf diese Weise - können wir Zeit gewinnen, um wirtschaftliche Änderungcn einzuführen. Und die Änderungen können in­mitten von Revolutionsstürmen nicht mit Erfolg durch­ geführt werden, weil in der Revolution die Männer, die an die Spitze kommen, nicht die weisesten, sondern die übertriebensten sind. Wer am meisten verspricht, kommt an die Spitze, und jeder versucht den anderen zu über­bieten, um seine eigene Macht zu sichern und dein Arg­wohn der grossen Massen des Volkes' zu entgehen. Die Lehre der französischen Revolution ist eine Lehre, die man gut täte, zu beherzigen; Beobachtet die Wellen
der Revolution bei ihrem Herannahen und seht, wie jede gemässigte Partei der Reihe nach verschlungen und jede extreme Partei von einer extremeren guillotiniert wurde, bis die Militärmacht allem ein Ende machte. Es hat keinen Sinn, die Lehren der Geschichte zu ignorieren. Am schwersten werden das die Jüngsten unter uns ver­stehen, denn sie glauben natürlich, dass alles schnell gemacht werden kann, ; und sehen nicht die Schwierigkeiten und stellen sich nicht die Hindernisse vor, die zu überwinden sind, die Rätsel, die zu lösen sind. Wir brauchen Prediger der Lehre des Selbstopfers, nicht um einen persönlichen Himmel zu gewinnen, denn das ist überhaupt kein Selbstopfer, nur ein Selbstsuchen, son­dern das Selbstopfer der Pflicht. welches sagt: „Weil ich mehr zu geben habe, muss ich mehr gehen." „Von jedem je nach seinen Fähigkeiten," ist das Wort des Sozialismus, es ist aber das Wort, das heutzutage ver­gessen wird.

Weil Faulheit der Preis für Erfolg gewesen ist, be­trachten die Volksmassen die Faulheit als das Ziel, wo­nach sie streben müssten. Keiner sollte sie deswegen tadeln. Sie folgen nur dem Wege, den die oberen Klassen zuerst gegangen sind. Aber bis die höheren Klassen in erster Linie Pflicht lernen - noblesse oblige —, können wir nicht erwarten, dass die Lehre von der Pflicht ge­lernt werde von denen, die nichts zu geben, sondern durch Aufruhr und Tumult alles zu gewinnen haben. Und so schlage ich vor, dass wir den Menschen ein Ideal des sozialistischen Staates vorhalten, worin die Weisesten die Herrscher sein müssten und die Ansprüche des Kindes, des Unwissenden das Recht auf Unterricht, Bil­dung und Disziplin sein sollte, damit sie frei werden. Denn der Unwissende ist niemals frei.

Ich habe manchmal an einen Plan gedacht ausserhalb der Frage des grossen Ideals, welches, wie ich glaube,unseren modernen Tagen angepasst werden könnten. Und der Grundton davon ist der meines Märchens: „Von jedem, je nach seinen Fähigkeiten; jedem, je nach seinen Bedürfnissen."

Ein demokratischer Sozialismus, von einer Stimmen­mehrheit beherrscht, geleitet von Massen, kann nie Er­folg haben; ein wirklicher aristokratischer Sozialismus, von Pflichtgefühl beherrscht, von Weisheit geleitet, ist die nächste Stufe aufwärts zur Zivilisation.



(Es ist wichtig, den oben stehenden Aufsatz Annie Besants im Kontext der theosophischen Ziele und Ideale zu verstehen. Wenn im Text Unterscheidungen im Entwicklungsniveau der Menschen gemacht werden, wird deshalb nicht die essentielle Gleichheit, Gleichberechtigung aller Menschen (ohne jeden Unterschied) in Frage gestellt. Essentiel sind die Menschen nicht nur gleich, sondern sogar eins – ein Selbst! Ebenso wenig darf der Begriff „Aristokratie“ bzw.“spirituelle Hierachie (des Mitleids, der Liebe)“ mit bürokratischer Hierachie oder mit dem Führungsanspruch einer sozialen Schicht verwechselt werden.Auch kann ihre Darstellung selbstverständlich nicht Anspruch erheben, die umfangreiche Komplexität der menschlichen Gesellschaft zu erfassen. Ihr Aufsatz widmet sich ganz dem zentralen Thema der ethisch-spirituellen Entwicklung jener Menschen, die eine humane, gerechte Gesellschaftsordnung aufbauen wollen. Ihre Demokratie-Kritik stellt keine Demokratie-Verneinung dar. Angesichts der Entfaltung der Demokratie (und der Demokratie-Theorien) in der 2.Hälfte des 20 Jhd. ,darf man Besants Kritik in vielen Punkten als inzwischen unzutreffend betrachten. R.M.S.)


 
Top