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             Der Weg eines Theosophen

              von Rukmini Devi Arundale  
                


            Vortrag zum 5. Weltkongreß der
       Theosophischen Gesellschaft in Salzburg        
  





Zu allererst möchte ich diese Gelegenheit wahrnehmen, um meine große Freude darüber auszudrücken, mit Ihnen allen hier zusammen zu sein, besonders mit denen, die ich so lange, sogar seit der Zeit vor dem Krieg, nicht gesehen habe.

Dies ist mein dritter Weltkongreß, und wenn man das Alter er­reicht, in dem man allmählich graue Haare bekommt, beginnt man an die Vergangenheit zu denken.  Deshalb muß ich an den Weltkon­greß 1929 in Chicago mit Dr. Besant denken und an den 1936 in Genf mit Dr. Arundale und an all die wunderbaren Freunde, die man da­mals kannte, von denen einige hinübergegangen sind.

Heute spreche ich zu Ihnen über ein Thema, das Ihnen sicher nicht neu ist. Viele ausgezeichnete Theosophen haben über verschiedene Gesichtspunkte der Theosophie gesprochen, und ich erwarte nicht, daß ich Ihnen etwas Neues sage. Ich kann nur von meinen eigenen Ge­danken und Erfahrungen sprechen, denen Sie vielleicht nicht immer zustimmen werden, aber ich möchte gern zu Ihnen unmittelbar aus dem Herzen sprechen.

Manchmal glaube ich, daß eine der unglücklichsten Geisteshaltun­gen in der Theosophischen Gesellschaft ist, daß wir mit unseren Zusammenkünften nichts anzufangen wissen, sobald wir keine Reden halten. Natürlich, von meinem Standpunkt aus, gibt es viele andere Ausdrucksweisen der Theosophie, die befriedigen, sogar mehr als Reden, wie zum Beispiel die große Musik, die wir neulich hörten. An­dererseits weiß ich, daß fast alle Logen verloren wären, wenn keine Reden gehalten würden. Aber es muß ein Weg gefunden werden, wie wir Theosophie leben können ohne zu viele Reden.

Die Lösung dieses Problems wäre, Theosophie zu leben, weil schließlich die beste Art zu lehren nicht in Worten besteht, sondern in dem Leben, das wir führen. Wenn wir an die großen Lehrer denken, wie Buddha, Sri Krishna und Christus, mit all den wunderbaren Lehren, die sie gaben — ohne das Beispiel ihres Lebens würden wir uns um ihre Lehren nicht kümmern. Ich weiß, daß Theosophie ein großartiges Lehrgebäude und eine wunderbare Philosophie ist. Theo­sophie lehrt nicht nur die Wirklichkeit, sondern lehrt uns auch, nach der Wirklichkeit zu forschen. Aber trotz der Tatsache, daß Theosophie die Wahrheit ist, wäre doch die ganze Wahrheit in der Welt nutzlos, wenn wir nicht wahr, nicht aufrichtig und nicht wirkliche Menschen sind. Ich, glaube, die Mitgliedschaft in der Theosophischen Gesell­schaft ist dazu bestimmt, uns dahin zu führen, daß wir wirkliche Menschen werden. Es ist der Einzelne und das einzelne Beispiel, die die Welt tatsächlich führen, und wir müssen den Platz des Einzelnen in der Welt und seinen Beitrag erkennen. Wir mögen vielleicht an­nehmen, die Welt retten zu können, wenn wir Theosophie lehren. Ich bin nicht eingebildet genug, um uns für so wunderbare Leute zu hal­ten, die die Welt retten könnten. Es gibt viele in der Welt, die hervor­ragende Dienste leisten, um den Armen zu helfen, den Tieren und den Kranken, und die in vielerlei Weise tätig sind, wodurch sie das verwirklichen, was wir als echte Theosophie bezeichnen.

Wir besitzen vielleicht die Lehre, aber s i e tun die Arbeit, und ich glaube, das Wichtigste für uns ist, die Arbeit mit der Lehre zu verbinden. Wir müssen uns darüber klar werden, welchen persönli­chen Beitrag wir zu irgendeinem Hilfsdienst für die leidende Mensch­heit leisten können. Ich habe zwar das Gefühl, daß es das letzte Ziel in der Theosophie ist, zu lernen, aber manchmal müssen wir sogar das, was wir gelernt haben, vergessen, wenn wir etwas in der Welt tun, das der Mühe wert ist.

Erst dann fangen wir an, zu erkennen, wie schwierig es ist, Theosoph zu sein. Es ist nicht so leicht, unsere Philosophie in der Welt anzuwenden und sie in die Tat umzusetzen, denn wir stoßen dabei auf den Widerstand der Welt, manchmal sogar auf den unserer Freunde. Wir müssen von der Notwendigkeit überzeugt sein, uns selbst zu geben, sei es in wissenschaftlicher, künstlerischer oder menschheitsfördernder Arbeit, wir müssen erkennen, wo unser Platz im Leben ist, und durch welche Ausdrucksweise eben dieses Lebens wir andere am besten glücklich machen können.

Es geschehen in der Welt so viele Dinge, die tätiger Aufmerksam­keit und Hilfe bedürfen. Ich möchte einmal wissen, wie sich trotz der Tatsache, daß es die Theosophische Gesellschaft schon so lange gibt, unser Beitrag zur Lösung so vieler Probleme tatsächlich auswirkt. Natürlich können wir anderen Leuten immer sagen, was sie tun müs­sen, wir können immer Ratschläge geben, wahrscheinlich können wir auf diesem Gebiet großartige Fachleute werden. Aber nicht Rat­schläge sind vonnöten, sondern wirkliche, praktische Hilfe, aus Freundschaft geboren, aus Mitgefühl, aus Liebe. Von den Großen un­serer Gesellschaft kennen wir viele Beispiele solch einer theosophi­schen Haltung.

Frau Blavatsky gab uns eine herrliche Philosophie. Jeder spricht von ihren Lehren in der „Geheimlehre" und anderswo. Wenn ich diese Lehren auch bewundere, so sind doch einige meiner schönsten Erinnerungen an sie die kleinen Ereignisse in ihrem Leben, die mir Dr. Besant erzählte und die mich H. P. B. lieben und schätzen lehrten. Die meisten halten Frau Blavatsky für einen großen Lehrer, aber sehr wenige wissen, wie mitfühlend sie handelte. Sie opferte zum Beispiel einmal ihre Reisebequemlichkeit für eine Schiffsreise nach New York, um einer armen Frau die Reise dorthin zu ermöglichen. Sie war einzigartig als Lehrer, war aber gleichzeitig mitfühlend.

Dr. Besant erzählte mir einmal Folgendes: Bei einer Zusammenkunft in H. P. B.'s Salon sang ein junges Mädchen, aber jeder Ton war mehr oder weniger unrein. Alle wünschten sehnlichst, daß das Mädchen aufhörte, denn sie wollten H. P. B. sprechen hören. H. P. B. wußte dies, und stellte sie auf die Probe. Zum höchsten Erstaunen der An­wesenden sagte sie zu dem Mädchen: „Das war schön, sing noch ein­mal!" Ich glaube, das war d e r große glückliche Augenblick im Leben des Mädchens.

Es gibt noch viele andere Ereignisse im Leben großer Menschen, die zeigen, daß der Intellekt allein nicht genügt, sondern durch das reinigende Gefühl der Liebe, des Mitleids, fließen muß. Wir alle möchten das Erste Ziel der Gesellschaft in die Tat umsetzen und all­umfassende Bruderschaft erreichen. Tatsächlich ist allumfassende Bruderschaft leichter zu verwirklichen als Bruderschaft dem einzel­nen Menschen gegenüber. Manchmal wundere ich mich, weshalb Christus sagte: „Liebet einander" statt: „Liebet die Welt". Nachdem ich viele Jahre gereist bin und viele Menschen kennen gelernt habe, erkenne ich, daß es viel schwieriger ist, einander zu lieben als die Welt zu lieben!

Wir möchten den Menschen helfen, einander zu verstehen, aber wie können wir ihnen dabei helfen? Wie können wir die Probleme anderer Menschen verstehen? Wie können wir die Weltprobleme verstehen?

Wir können nur verstehen, wenn wir Liebe und Mitgefühl besitzen. Wir können für die hungernden Millionen in Indien wenigstens Mit­gefühl haben, denn Indien ist weit entfernt. Wir können mit den Men­schen Mitgefühl haben, die durch das Rassenvorurteil leiden.

Vor dem Krieg erhielt Dr. Arundale einen Brief von Hitler. In diesem Brief schrieb Hitler: „Ich werde der Theosophischen Gesellschaft die Weiterarbeit in Deutschland unter der Bedingung erlauben, daß das erste Ziel etwas geändert wird ,Bruderschaft der Menschheit ... usw., ausgenommen die Juden'." Wir sagen vielleicht, daß Hitler schrecklich war. Die Frage ist jedoch: gibt es eine Zustimmung zu irgendeiner sol­chen Ausnahme bei anderen Dingen auch heute noch in unseren Her­zen? Ich weiß sehr wohl, daß eine Menge Menschen mit Indien sympa­thisierten, als die große Unabhängigkeits-bewegung stattfand. Sie sag­ten: „Es ist richtig, daß Indien unabhängig sein muß!" Aber es gab auch einige, die zu einem Land gehörten, das eine andere östliche Nation beherrschte. Wenn ich Angehörige dieser Nationen daraufhin ansprach, war die Antwort: „Das ist etwas anderes, denn wir sind bessere Herrscher als die Engländer." Es ist dasselbe wie mit dem Kastensystem, obgleich es jetzt im Zusammenbrechen. ist.

Als ich jemand fragte: „Wie steht es in Ihrem Lande mit dem Rassenpro­blem?", lautete die augenblickliche Antwort: „In unserem Lande ist das was anderes, aber Sie sollten sich in Ihrem Lande vom Kasten­system befreien!" Ich war bei dieser unbefriedigenden Antwort völlig damit einverstanden, daß wir uns davon befreien sollten, aber andere sollten sich ebenso von ihren Vorurteilen befreien. Die Welt ändert sich ganz deutlich, aber gibt es heute weniger Vorurteile in der Welt?

Es gab eine Zeit, wo viele Leute im Westen annahmen (verzeihen Sie, wenn ich das sage), daß jeder mit dunkler Hautfarbe ein Wilder wäre. Hierzu ein Beispiel. Dr. Arundale hatte in England einen Diener. Als dieser von Dr. Besants Vortrag in der Queens Hall hörte, fragte er: „Worüber spricht eigentlich Dr. Besant?" Dr. Arundale antwortete: „über die Freiheit von Indien." Der Diener sagte: „Indien? Aber wir haben sie doch gezähmt!" Das war der übliche Standpunkt des Mannes auf der Straße. Natürlich gab es viele Ausnahmen in anderen Län­dern, die für die Freiheit aller Völker, besonders der Inder, arbeiteten, zum Beispiel Dr. Besant.

Inzwischen wandelt sich die Welt, besonders der Osten. Neulich sprach Fritz Kunz über den Beitrag Indiens für die Welt, und was H. P. Blavatsky der Welt gebracht hat. Er wies auch darauf hin, wie das heutige Indien leider selbst seinen eigenen Hintergrund nicht ver­steht. Das ist absolut richtig, denn Frau Blavatsky brachte dem Westen die Lehren aus dem Osten, und zwar mehr als nur die Lehren, sie brachte die Botschaft der Großen Indiens. Sie kam, um den Ma­terialismus im Westen und in der Welt aus dem Wege zu räumen. Und jetzt stellen wir fest, daß wir denselben Materialismus, in den Indien heute zu versinken droht, hinwegräumen müssen.

Wie können wir diesen Materialismus bekämpfen? Ich glaube nicht, daß alle von uns so große Führer sind, daß sie die Welt ändern können, obgleich manche Leute glauben, wir würden sehr viel durch Meditation errei­chen, wenn wir auch äußerlich nichts bewirken.

Ich bin dagegen felsenfest davon überzeugt, daß soviel wie möglich auf der irdischen Ebene getan werden muß. Es gibt viele Theosophen, die die Arbeit auf der Astralebene der Arbeit auf der irdischen vorziehen. Bitte denken Sie nicht, ich sei gegen die Theosophen unhöflich. Da ich Theosoph bin, bin ich ja gegen mich selbst unhöflich. Aber wir müssen lernen, anders zu denken, unsere ganze Auffassung von der Theoso­phie muß sich ändern, nicht nur vom Standpunkt der glänzenden Arbeit aus, die unsere großen Theosophen geleistet haben, sondern auch vom Standpunkt unserer eigenen Arbeit aus, die Sie und ich zu leisten haben.

Ich möchte nicht auch nur einen einzigen Theosophen sagen hören: „Ich kann nichts tun." Er soll lieber sagen: „Ich selbst kann nichts tun, aber ich kann die unterstützen, die Wertvolles für die Menschheit leisten."


Obgleich kein Krieg ist, gibt es noch Leiden, und das ist das Aus­schlaggebende. Wir müssen mit denen fühlen, die leiden. Ich bezwei­fele, daß die Theosophische Gesellschaft überhaupt in die Welt ge­kommen wäre ohne das Mitleid und dem, was die Meister ihre bren­nende Liebe zur Menschheit genannt haben. Daran müssen wir den­ken, aber Denken allein bringt noch keine greifbaren Ergebnisse. Wir müssen Mitleid und Sympathie in die Tat umsetzen! Ich weiß sehr wohl, daß am Ende alles, ob es auf intellektuellem oder auf künst­lerischem Gebiet geschieht, zum gleichen Ziele führt.
 

Es wurde gesagt, daß jetzt die Wissenschaft in die Welt käme. Ich weiß, daß in Indien jede Schule wissenschaftlich ausgerichtet ist. Aber es ist für die Wissenschaft gefährlich, wenn sie nicht zugleich kosmisch und spirituell ausgerichtet ist. Es ist mehr als nur Denken nötig, um sie zu einer großen, erhebenden Kraft zu machen. Ich glaube, daß der große, ausgleichende Einfluß für die Wissenschaft die Kunst ist. Ich habe neulich in einem Film gesehen, daß letzten Endes die Kunst wis­senschaftlich und die Wissenschaft künstlerisch ist. Jedoch ein Wissen­schaftler kann wohl die Kunst erklären, aber nicht künstlerisch schaf­fen. Ein Künstler dagegen kann Schönheit schaffen, aber sie nicht wissenschaftlich erklären, obwohl die Schönheit wissenschaftlich ist. Schließlich erinnert das Schauen der Schönheit, der ein Künstler Aus­druck verliehen hat, an die erhabene Schönheit, die in unserem Herzen lebt. Wir müssen alle möglichen Wege erproben, um unseren eigenen Weg zu entdecken. Und ich denke, daß jeder Weg, der der Menschheit hilft, ein theosophischer Weg ist. Allerdings gibt es auch Mitglieder, die der Ansicht sind, es sei keine theosophische Arbeit, wenn diese außerhalb des Logenraumes stattfinde — auch wenn sie tausend Men­schen hilft. Wir müssen wirklich unsere Einstellung zu all diesen Din­gen ändern und in unserer Einsicht wachsen.

Wir sprachen neulich über Orthodoxie, und Sri Ram wurde gefragt: „Gibt es orthodoxe Theosophen?" Ich habe seine Antwort nicht ge­hört. Deshalb will ich darauf antworten. Ich glaube, es gibt viele orthodoxe Theosophen, sogar zu viele! Wir sprechen von Unabhängig­keit und Freiheit. Wie kann diese Freiheit kommen? Niemand kann uns daran hindern, frei zu sein. Es gibt Leute, die aus der Theosophi­schen Gesellschaft austreten, die doch freie Meinungsäußerung ver­tritt, weil sie das Gefühl haben, in Wirklichkeit herrsche in ihr keine Freiheit. Meine Antwort lautet: „Wie können Sie nicht frei sein, wenn Sie Mut haben?" Freiheit ist nur unmöglich, wenn wir keinen Mut haben. Wir brauchen Mut — Mut, unserer Überzeugung entsprechend zu handeln, Mut, auf unseren eigenen Füßen zu stehen, und Mut, so zu leben, wie wir es für richtig halten. Die Wahrheit kann nur ge­funden werden, wenn man sich selbst gegenüber ehrlich ist.

Es gibt viele, die sagen: „Ich bin ehrlich zu mir", nur um damit ihre Persön­lichkeit zu stützen. Diesen Typ von Aufrichtigsein meine ich nicht. Ich meine Ehrlichkeit gegenüber dem eigenen Wesen. Ich habe Leute sagen hören, daß wir heute freier wären als zur Zeit von Dr. Besant, Leadbeater und anderen, weil wir damals verblendete Theosophen gewesen wären. Aber tatsächlich folgen wir ihnen in Wirklichkeit mehr als wir denken, wenn wir frei sind und auf eigenen Füßen ste­hen. Es gab eine Zeit, wo ich sagte: „Ich will allem, was Dr. Besant sagt, blind folgen." Doch heute, wo ich nur mir selbst folge, stelle ich fest, daß ich ihr bei weitem besser folge als damals. Ich verstehe sie auch besser als damals. Ich nehme an, daß es eine Fähigkeit der Gro­ßen ist, den Menschen zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Blicken Sie auf Frau Blavatsky: ihren Mut, mit dem sie sich glänzend durch ihr ganzes Leben und ihre Leiden hindurchkämpfte.

Manchmal haben wir Angst vor unseren Freunden, während wir die Welt nicht fürchten. Wir haben vor diesem oder jenem Angst; vielleicht haben wir sogar Angst, Unrecht zu tun. Wir können niemals lernen, richtig zu handeln, wenn wir nicht wissen, was falsches Han­deln bedeutet. Wenn wir das nicht wissen und uns fürchten, falsch zu handeln, kommen wir zu dem Schluß, gar nicht zu handeln. Es kommt nicht auf die Fehler an, sondern auf die Tatsache, daß wir aus den Fehlern und damit aus unseren eigenen Erfahrungen lernen. Selbst die größten Lehrer können uns zwar lehren, aber uns nicht ihre Er­fahrung vermitteln. Die Lehren kommen von ihnen, aber die Erfahrung müssen wir selbst erwerben, und das ist es, was wir lernen müssen. Frei sein, Ehrfurcht haben, treu sein und gleichzeitig den Großen folgen, sind Dinge, die einander nicht wider-sprechen. Letzten Endes ist die Kenntnis des Lebens das Wichtigste, denn das Leben ist der größte aller Lehrer.

Als ich auf den Fidschi-Inseln war, fragte man mich: „Haben Sie einen Guru auf der irdischen Ebene?” Ich sagte: „Ja, ich habe einen Guru, und dieser Lehrer ist das Leben.” Und tatsächlich: das Leben ist unser Guru. Das Leben ist es, das uns lehren muß, und wir müssen aus den vielen Erlebnissen lernen, denen wir im Leben begegnen. Die großen Lehren der Theosophie und der Meister führen uns schließlich dahin. Ich weiß, niemand braucht an sie zu glauben, und ich weiß, wir sollen kein Dogma aus dem Glauben an Sie machen. Aber andererseits — und ich glaube, ich muß aussprechen, was ich fühle — ist für mich die Theosophische Ge­sellschaft, die von ihnen gegründet wurde, das große Werkzeug ihrer Kraft, ihrer Weisheit und ihrer Liebe. Ich glaube, es ist mein Dharma, zu versuchen, ein Teil dieses Werkzeuges zu werden. Es ist ohne Be­deutung, wie wundervoll ich auch sein mag, denn was ich in der Welt ausführen kann, ist sehr, sehr wenig. Aber wenn ich ein Teil dieses Werkzeuges bin, kann ich mehr ausrichten, kann Größeres vollbrin­gen. Nicht weil ich es kann, sondern weil sie es können. Ich bin immer noch der Meinung, daß ihr Einfluß der größte ist, der die theosophische Bewegung durchströmen kann, nicht nur die theoso­phische Bewegung, sondern jeden Theosophen. Für mich ist Theoso­phie etwas, das gelebt werden muß, und sie leben sie, und deshalb begeistert sie mich und hilft mir, in gleicher Weise zu leben. Wenden Sie diese Sinneshaltung auf alles in der Welt in ihrer Sinneshaltung an und setzen Sie diese Haltung in allem in die Tat um, besonders wenn Sie Mitgefühl empfinden. Die wichtigste Erkenntnis ist, daß wir eins mit dem Leben sind.

Ich bin zum Beispiel der Ansicht, daß wir Bruderschaft nicht in die Tat umsetzen können, wenn wir nicht Vegetarier sind. Das klingt vielleicht seltsam, und Sie sind vielleicht anderer Meinung. Es ist nicht mein Wunsch, daß Sie mir zustimmen sollen.    Es bedeutet auch nicht, daß jeder Vegetarier nun ein wunderbarer Mensch ist; Vege­tarismus ist zwar besser, aber nicht notwendigerweise der Vegeta­rier. Bhishma, einer der großen Lehrer des Mahabharata (des in­dischen Nationalepos) sagte: „Ein Mensch, der aus Mitleid Vegetarier geworden ist, ist besser, als einer, der nur aus Gewohnheit Vegetarier ist." Wenn ich Vegetarier sage, dann meine ich eine Einstellung, die auch unsere Gefühle gegenüber allen Geschöpfen und unsere Liebe zu ihnen mit einschließt. Ich kann mir keine bessere theosophische Arbeit in meinem Leben vorstellen, als die Arbeit, die ich für die Tiere zu leisten versuche. Ich habe die Schrecken des letzten Krieges gesehen. Wir wissen, wie Menschen in Verlassenheit sterben mußten. Manchmal versuche ich mir vorzustellen und zu fühlen, wie sie ge­fühlt haben, wie verlassen sie sich gefühlt haben müssen, ohne eine Stimme, die ihnen Antwort und Hilfe gab, obwohl ich weiß, daß es in den inneren Welten viele gibt, die sich ihrer annehmen können. Und genauso fühle ich, daß das Tierreich ruft und sehr wenig Ant­wort findet.

Jeder große Lehrer auf der Erde hat das „Du sollst nicht töten" betont. Das ist ein Thema, über das wir nachdenken müssen, denn das erscheint mir sehr wichtig und eine Herzensangelegenheit zu sein. Für mich ist ein herzloser Theosoph überhaupt kein Theosoph, auch wenn er Mitglied unserer Gesellschaft ist. Schließlich ist Bruderschaft von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Tier, vom Menschen zu allen Na­turreichen, vom Menschen zum Übermenschen, das Herz der ganzen Lehre. Das Wichtigste ist, daß jeder irgend etwas unternimmt, das zum Wohle allen Lebens, einschließlich der Tiere, beiträgt. Wir befin­den uns im irdischen Körper, um auf der irdischen Ebene zu arbeiten. Wenn wir nur auf den höheren Ebenen arbeiten sollten, wären wir nicht in einem irdischen Körper geboren, und das vollkommene Eins­sein mit dem Leben ist die wunderbarste Erfahrung von allen.

Theosophie ist wundervoll, die Wissenschaft ist wunderbar, und unsere Führer sind groß. Aber die Frage ist: Was tun wir selbst? Ich glaube, die ganze Welt muß von den Theosophen Kenntnis erhalten, weil die Theosophen etwas zum Wohle der Welt beitragen. Manchmal haben Theosophen Angst, ihre Stimme zu erheben, weil sie Angst haben, andere zu stören. Meiner Meinung nach ist ein Führer jemand, der andere stören muß. Es ist das schlimmste Kompliment, das uns gemacht werden kann, wenn die Welt sagt: „Die Theosophen sind harmlose Leute." Und wenn sie unseren Einfluß im Leben für negativ halten, dann sind wir nicht viel mehr als Pflanzen. Das bedeutet nicht etwa, daß ich auf die herabblicke, die nicht in der Lage sind, etwas zu tun. Aber ich glaube nicht, daß es auch nur einen Menschen' auf der Erde gibt, der nicht etwas beitragen kann. Wenn wir einzeln nichts beitragen können, können wir gemeinsam etwas beitragen. Unsere Stimmen müssen gehört werden, wenn es darum geht, die Dinge auf eine andere Ebene zu heben. Selbst ein Kind der „Tafelrunde" sagt: „Mach das Unrecht wieder gut." Müssen wir das vergessen, wenn wir erwachsen sind? Wenn wir Unrecht wiedergutmachen wollen, dann bedeutet das natürlich nicht, andern Leuten zu sagen, was sie tun sollten. Da aber die Welt durch eine sehr unglückliche Zeit hindurch­geht, müssen wir unseren Stimmen Gehör verschaffen, sei es in der Politik, in so aufbauenden Organisationen wie den Vereinten Natio­nen oder religiösen Bewegungen. Die Leute denken, wir brauchten keine Religion, weil Theosophie an ihre Stelle getreten wäre. Warum wollen sie denn keine Religion? Weil sie glauben, daß Religion unver­änderlich festgelegt ist und auf Glaubenssätze beharre. Es wäre wirklich furchtbar, wenn Theosophie eine Religion würde, indem sie eben­falls in Starrheit und Orthodoxie verfiele.

Ein Theosoph bewertet Religion anders als die Welt im allgemei­nen. Wir dürfen die Worte von Sri Krishna, Buddha, Christus und den vielen Großen nicht geringschätzen, sondern müssen die Wahr­heit darin entdecken und sie der Welt bekanntmachen.

Wir müssen fühlen lernen, denn wenn wir nicht mit anderen fühlen, können wir sie nicht verstehen. Wenn wir nicht wirklich lieben, können wir auch nicht helfen. Daran müssen wir denken, das ist die entscheidende Lehre der Großen. Es wird gesagt, daß Buddha einmal im Jahr bei der Wesakfeier erscheint, um die Welt zu segnen, und er würde so lange kommen, wie noch ein Mensch auf der Erde eine Träne weint. Erheben Sie die Herzen zu ihnen; erweitern sie unseren Gesichtskreis; lösen Sie sich von Ihnen selbst; erheben Sie sich in hohe Gedankenreiche und bringen Sie den Einfluß der Großen herab, die der Welt ewig dienen. Jeder von uns soll bei dessen Ver­breitung mitwirken, so daß die Welt sagen wird: „Gesegnet seien die Theosophen, denn sie sind unsere Freunde." Ich glaube, die vor­nehmste Kennzeichnung, die wir verdienen können, ist die eines Freundes. Lassen Sie uns diesen Titel verdienen!

(Aus: The Theosophist, Adyar)

                                 Vegetarierbund Deutschlands 

                                Österreichische Vegetarier Union

                        Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus










 



                                Ahimsa in der Praxis                                  

                           von Rukmini Devi
  
 


Der genaue Wortlaut meines Titels ist nicht so wichtig wie die Bedeutung hinter den Worten. Im allgemeinen spreche ich über die Kunst, und wahr­scheinlich erwartet man von mir, daß ich immer über Kunst spreche. In Wirklichkeit sehe ich aber keinen Unterschied zwischen dem Thema der Kunst und dem Thema von Ahimsa, weil ich glaube, daß das eine zum anderen führt. Beide nehmen einen großen Raum ein im spirituellen Leben des Volkes. Beide sind grundlegend für unser Leben, und daher gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen ihnen.

Um zu verstehen, was Ahimsa in Wirklichkeit bedeutet, ist das Wichtigste eine Veränderung in uns selber. Ahimsa ist nicht etwas, das man durch Argu­mentieren oder Diskussion verstehen kann, ja selbst nicht, wenn man die Leben großer Menschen studiert. Die Tendenz der Menschen geht dahin, Le­ben zu leben, die der großen Lehrer nicht wert sind, aber zu versuchen, ihre Lehren sich selber anzupasssen. Es ist sehr schwierig, in der Praxis das aus­zuführen, was der große Lehrer von uns erwartet, und viel leichter, bequem zu leben, wie wir es tun. Aber in jedem von uns gibt es ein höheres Bewußt­sein, das uns nicht erlaubt hinzunehmen, was uns Bequemlichkeit und Schick­lichkeit diktieren. Die Stimme des Gewissens verlangt von uns, der Wahr­heit und nur der Wahrheit zu folgen.

Wir nehmen gern Zuflucht hinter den großen Lehrern. Und aus diesem Grund haben sich die Anhänger jeder Religion weit von dieser großen Wahr­heit Ahimsa entfernt, die ausnahmslos eine fundamentelle Lehre jeder Re­ligion ist, die von einem großen Lehrer gegeben wurde. Die Lehre wurde nicht nur verkündet, weil etwas gelehrt werden mußte, sondern auch weil etwas erkannt worden war. Jeder Lehrer hat die Lehre auf eine andere Art gegeben, denn sie war ein Ergebnis seines eigenen Fühlens und seiner eigenen Erfahrung. Weil der Geist der Bruderschaft so fundamental, so wirklich, so tief empfunden und so tief erkannt wurde, floß er aus dem Herzen der Großen. Und aus diesem Grunde hören wir Buddha nicht sagen: „Ich spreche von Ahimsa, weil der und der Lehrer vor mir davon gesprochen hat." Wir finden auch nicht, daß Sri Krishna davon spricht, weil es jemand anders getan hat. Wir führen die großen Lehrer alle an, aber sie selbst zitieren selten, weil ihre Lehre als ein Ergebnis ihres Lebens kam. Ihre Leben wurden von der voll­kommenen Verwirklichung des Einen Bewußtseins geformt.

Ahimsa ist für Indien kein neuer Begriff, denn er ist seit Jahrhunderten lebendig, und deshalb gibt es in diesem Land die große Tradition des Vege­tarismus. Bis jetzt haben wir diesen als lebendige Tradition weitergeführt, aber jetzt geht Indien durch eine Veränderung. Wir stehen am Anfang eines neuen Zyklus in unserem Leben. Als wir noch von den Engländern beherrscht wurden, glaubten wir, daß, wenn wir uns einmal selber regierten, wir dann indischer sein würden, unser eigenes Erziehungssystem haben, unser eigenes Leben und unsere eigene Botschaft der Welt geben würden. Nach elf Jahren der Freiheit scheint es mir, daß wir sehr weit von der Erreichung unserer Ideale entfernt sind. 200 Jahre einer gewissen Art von Erziehung — oder soll ich es keine Erziehung nennen? — hat eine gewisse Mentalität erzeugt. Das Ergebnis davon ist, daß wir heute zwei Typen von Indern haben: die Inder und die Nicht-Inder. Der Inder ist das Individuum „ohne Erziehung", der Nicht-Inder das Individuum „mit Erziehung". Nun versuchen diejenigen „mit Erziehung", diejenigen „ohne Erziehung" zu erziehen. Diejenigen „mit Erziehung" bürden jetzt denen „ohne Erziehung" all das auf, was sie als Er­gebnis ihrer falschen Erziehung empfangen haben. Vielleicht war es mit das Beste, was die Briten taten, daß sie die Erziehung nicht vollkommen frei­gaben, somit haben wir immer noch einen Rest des wahren Indien. Das heißt nicht, daß ich weitverbreitete Unwissenheit sehen möchte, oder das Elend, das aus Armut und Unwissenheit entspringt. Wir müssen einen Weg finden, der weder Unwissenheit noch Leiden, noch „aufgeklärte" Unwissenheit ist. In diesem Zusammenhang müssen wir den Hintergrund der theosophischen Bewegung in Indien betrachten. Die Aufgabe der Theosophischen Gesellschaft in diesem Lande war, bei der Erziehung zu helfen, auf sozialem Gebiet, in der Religion und bei allem, das es uns ermöglichte, uns selber treu zu sein, damit wir es wieder wert sind, die große Botschaft der Rishis, der Weisen und Heiligen, zu empfangen. Dieses Land ist Erbe einer großen Lehre, einer gro­ßen Philosophie, einer wahren Philosophie, und um jene Wahrheit und jene Philosophie zu entdecken, kam und blühte die Theosophische Gesellschaft und setzt ihre Arbeit fort.

Wirkliche Vaterlandsliebe befähigt uns, das zu sehen, was in unserem Land vom Übel ist, aber auch seine Größe, seine Schönheit und die großen Traditio­nen wahrzunehmen, die sich bis in unser modernes Leben als eine reine Lehre erhalten haben. Selbst eine politische Lehre vom Frieden muß entwickelt wer­den, weil sie dem Geist des Landes innewohnt. Indien ist nicht das einzige Land, das vom Frieden spricht. Aber man hört auf Indien wegen seines großen Hintergrundes. In allen Jahrhunderten ist verkündet worden, daß wir wirk­lichen Frieden nicht durch eine äußere Lehre bringen können, sondern nur durch das, was wir im Inneren sind und selbst verwirklichen. Wenn wir diesen Grundsatz nicht auf alle Naturreiche und alle Menschen anwenden, sehe ich nicht, wie wir jemals die spirituelle Botschaft geben können, die Indien ge­ben soll.

Als Dr. Besant für Indiens Freiheit kämpfte, tat sie das nicht, weil sie nur dachte, das Land sollte frei sein, sondern weil auch sie fühlte, daß dieses große Mutterland erst in Freiheit seine wahre Botschaft geben könnte — nämlich zu wissen, wie man lebt und wie man die Einheit des Lebens fühlt.

Das moderne Indien verändert sich sehr schnell. Wie ich bereits sagte: wir werden immer weniger indisch als wir es zuvor waren. Besonders die Hindus wissen wahrscheinlich über ihre Religion weniger als Andersgläubige über ihre Religion. Wir machen uns über das Erziehungsproblem, über die Schwie­rigkeit in Schule und Universität und über die mangelhafte Disziplin allerorten Sorgen. Die Disziplin wird nicht dadurch erreicht, daß der Lehrer dem Schüler seine Ideale aufzwingt. Sie kann nur durch die Atmosphäre kom­men, die wir schaffen, durch die Erhebung, die wir geben, durch die Art, wie wir den Verstand der Jungen veredeln und wie wir sie zu leben lehren durch unser Beispiel rechten Lebens. Verlangen und Drang nach wirklichem Leben sind vorhanden, aber dieser Impuls ist undiszipliniert. Die Energie ist un­erzogen, und so kommt es zur Rebellion. Nur wenn wir diese Rebellion auf­lösen können, werden wir fähig sein, eine neue Führung in der Erziehung, eine neue Führung für alle Arten von Menschen zu geben.

Es gibt nur eine Möglichkeit, unsere Probleme zu lösen: durch volles Ver­ständnis für die wirkliche Botschaft und den Genius dieses Landes. Die Er­ziehung hat in unserem Land keinen Hintergrund. Wir geben Wissen ohne jede Tiefe, wir lehren Worte ohne jede Bedeutung. Unser ganzes Leben ver­bringen wir auf diese Art. Wenn wir Frieden und Glück wünschen, können wir beide nur durch Selbstlosigkeit finden, wie Buddha sagte. Alle sind unglück­lich, weil alle selbstsüchtig sind. Selbstsucht ist das Wurzelproblem, sie ist der Anfang des Krieges in uns selbst, des Krieges im eigenen Land, des Krieges in allen Ländern der Welt. Sie besteht, weil wir noch nicht in den Geist anderer Menschen, in die Empfindungen aller eingedrungen sind. So sind wir durch diesen Mangel an Feinfühligkeit im ganzen ein sehr rohes, selbstsüchtiges Volk geworden.

Für mich sind Kunst und Ahimsa eins, weil wahre Kunst jene Kunst ist, die Feinfühligkeit entwickelt, ein Bewußtsein, das die Menschen aus sich heraus trägt, das sie langsam in Einklang und Harmonie bringt mit allem, was schön im Leben ist, ihren Verstand verfeinert und ihre Herzen weitet. Spirituelle Höhe ist eine Feinfühligkeit, die uns befähigt, das Herz eines jeden Geschöpfes, eines jeden menschlichen Wesens auf der Welt zu berühren. Das ist das endgültige Ziel. So sind für mich Christus und Buddha die größten Künstler von allen, weil sie den letzten Zweck all dessen, was schön ist, er­reicht haben.

Je mehr wir an andere denken, je mehr wir an alles Leben denken, desto glücklicher sind wir. Das ist die große Lehre. Das ist wirklich die Essenz von Ahimsa, weil Ahimsa Bruderschaft bedeutet. Es ist Mitleid und nicht nur Gewaltlosigkeit. Unglücklicherweise haben wir diese Lehre in unserem Land in den negativen Begriff der Gewaltlosigkeit verwandelt, obgleich es positive Begriffe dafür gab. Ein klassischer Ausdruck von Ahimsa, der seit altersher besteht, ist die Tatsache, daß viele Inder kein Fleisch essen, damit anderen Wesen kein Leid zugefügt wird. Bhishma hat gesagt: „Es gibt kein höheres Dharma als Ahimsa." Die Massen in Indien hegen für Ahimsa tiefe Sympathie. Wieviel könnten wir in diesem Land erreichen, wenn wir Ahimsa praktisch anwendeten. Wir könnten das Gesicht Indiens verwandeln. Unsere Regierung reagiert auf die öffentliche Meinung nicht so, wie sie sollte. Ich fürchte, wir werden ein schweres Karma dafür ertragen müssen, daß wir jährlich Tau­sende von Affen für Experimentierzwecke exportieren.Unsere Selbstsucht zeigt sich auch in Verbindung mit unseren Festen. Ich glaubte immer, Weihnachten sei ein sehr schönes Fest, und ich glaube das noch immer. Aber Weihnachten, Dipavali und Id sind die drei großen Feste, die mich am unglücklichsten machen. Denn es sind Zeiten, an denen die Menschen am glücklichsten auf Kosten der Tiere sind, die in großer Anzahl geschlachtet werden. Ein Besuch der Schlachthäuser in jenen Tagen wird selbst Hartherzige berühren. Wenn wir lernten mitzufühlen, könnten wir unser Land verändern.

Was ist Bruderschaft? Es ist leicht zu sagen: „Wir wollen alle Brüder sein." Aber es ist eine andere Sache, das in der Praxis auszuführen. Wir müssen mehr von Bruderschaft wissen. Wir müssen sie mehr studieren. Unser Gewissen ist in dieser Hinsicht noch nicht erwacht. Wir müssen uns neu orientieren. Wir müssen vergessen, was wir gelernt haben. Wir müssen umlernen, damit wir fühlen lernen. Wir müssen lernen sensibel zu sein und in die Empfindungen aller Menschen und aller Dinge einzudringen. Die Menschen jeder Stadt soll­ten wirklich sich selber geben, wirklich einige Gedanken diesem großem Problem widmen, der Tragödie der Tiere, der stillen Tragödie, die vor unseren Augen sich abspielt.

Es ist das Karma der Tiere, daß sie nicht sprechen können. Ich wünschte, sie könnten sprechen — wir warden vor ihnen fliehen, denn wir wagten nicht, ihnen gegenüberzutreten. Haben viele von uns über die tägliche Tragödie nachgedacht, die um uns geschieht? Wer von uns hat einen Finger gerührt, um wirklich dagegen zu arbeiten? Das ist für mich eine grundlegende Frage. Wenn wir wahrhaftig den Geist des Mitfühlens für alles Leiden erleben und beginnen können, wahrhaftig zu fühlen, bin ich sicher, daß Bruderschaft Wirk­lichkeit in unserem täglichen Leben wird, so daß unsere Herzen reicher, grö­ßer und wunderbarer werden.

Oft sagen die Leute zu mir: „Warum bekümmert es Sie so sehr, wenn e i n kleines Tier geopfert wird? Was macht das aus?" Das ist ein seltsames Argu­ment. Es ist nicht die Größe des Tieres, sondern die Größe unseres Herzens, die wichtig ist, und diesen Punkt vergessen die Leute gewöhnlich. Grausam­keit gibt es in jedem Land. Schön ist es, daß es Orte gibt, wo man Leute an­trifft, die sich des menschlichen Mitgefühls wunderbar bewußt sind, dafür arbeiten und sich dafür aufopfern. Auch in Indien hat es dafür viele Beispiele gegeben. Ich hörte vor kurzem, daß selbst heute noch in Hardwar Fleisch ver­boten ist, weil es eine heilige Stadt ist. Ich wünschte, das wäre auch so in Varanasi (Benares), das auch eine heilige Stadt ist. Solange jenes Leiden, für das wir alle verantwortlich sind, noch andauert, solange wird kein Politiker jemals einen erfolgreichen Frieden zustande bringen, dessen bin ich absolut sicher. Krieg muß kommen, solange wir nicht recht handeln. Ich glaube an Karma, und ich bin ganz sicher, daß ein großer Teil unserer Leiden durch das Leiden kommt, das wir bewußt oder unbewußt für Millionen unserer Mit­geschöpfe verursachen. Wir können diese Verantwortung nicht von uns schie­ben. Jeder einzelne ist verantwortlich.

In Indien sind es einzelne Tiere, die leiden, aber in westlichen Ländern herrschen Massenabschlachtung und Massentierversuche, damit Sie und ich unser Leben verlängern können. Und außerdem experimentiert man auch mit uns, indem man uns jene Medikamente gibt. Ich glaube, die Rakshasas des modernen Zeitalters leben in unsichtbarer Form. Der eine wird Nahrung genannt, weil Grausamkeit im Namen der Ernährung verübt wird. Ein an­derer nennt sich Medizin, weil Grausamkeit im Namen dessen verübt wird, was man „moderne Medizin" nennt, obgleich es viele Arzneimittel gibt, die keine Grausamkeit bei ihrer Herstellung voraussetzen. Ein anderer kann „Religion" genannt werden — wenn auch gegenwärtig nur zwei Religionen in der Welt Tieropfer darbringen. Nunmehr verschwindet das, zwar nur sehr all­mählich, in einigen Teilen Indiens, aber es freut mich, daß ich das feststellen kann. Es ist eine Entweihung, daß gerade der barmherzigsten und mitleidvoll­sten Mutter aller lebende Wesen geopfert werden, die so fühlen wie wir. Viel­leicht sind uns diese Geschöpfe auf manche Art überlegen. Sie können nicht so denken wie wir. Sie haben nicht den Verstand, den wir besitzen, aber gewiß sind sie mit ihren Herzenseigenschaften uns oft überlegen — dem Geiste der Dankbarkeit, der Liebe und der Kraft, Freundschaft zu fühlen. Das sind die großen Eigenschaften, die wir in ihnen finden. Wir müssen klar sehen, was für eine
Zärtlichkeit, Zuneigung oder Freundschaft wir ihnen geben. Wir sagen, wir stünden höher. Wir können höher stehen, aber nur durch Liebe und einen wahren Geist der Bruderschaft. Wir sprechen von dem Einen Leben und von Mitleid. Viele von uns, die Theosophen sind, sagen, daß Theosophie göttliche Weisheit ist und daß wir hier sind, um einen Kern allumfassender Bruder­schaft zu bilden — dann wollen wir aber auch jedes lebendige Geschöpf in diese allumfassende Bruderschaft mit aufnehmen. Wir wollen das Heilige in allen Dingen ganz erkennen. Wenn wir das tun, dann erst können wir die Lehren von Buddha, Krishna, Christus oder anderen großen Lehrern ver­stehen. Es kann kein spirituelles Leben ohne dieses Gefühl der Einheit geben. Spirituelles Leben muß die volle Verwirklichung des Eins-Seins allen Lebens bedeuten.

Was für eine große Lehre hat Indien gegeben? Es ist die Verehrung allen Lebens, weil das Göttliche in allem ist. So sollten wir selbstlos leben und nicht andere ausbeuten. Es wurde gesagt: „Es gibt keine Religion, die höher ist als die Wahrheit." Aber die Wahrheit ist Bruderschaft. Sie ist tiefstes Mitleid und tiefste Zuneigung für jedes lebende Geschöpf. Das ist Göttliche Weisheit.

Wie werden wir das praktisch in unserem täglichen Leben ausführen? Es hat keinen Sinn, bloß darüber zu sprechen. Es sollte ein Teil unserer Er­ziehung werden, so daß sich Indien dieser großen Botschaft voll bewußt wird, die es zu einem glücklichen Land machen wird. Diese Botschaft der Wahrheit ist nicht für Indien allein, sondern auch für die übrige Welt bestimmt. Sie wird zu einem andauernden, einem ewigen Frieden führen, in dem keine Verträge mehr unterschrieben oder gebrochen werden. Je mehr wir über das Erbe Indiens sprechen, um so mehr erkennen wir die Verantwortung. Wir wollen unsere Aufgabe erfüllen, indem wir entsprechend dieser Verant­wortung praktisch handeln. Wir leben in dem geheiligten Land der spirituel­len Hüter der Menschheit und sollten selbst spirituell, erleuchtet, veredelt und damit wahre Bürger unseres Landes und der Weit werden.










Animal Peace 

Deutscher Tierschutzbund

Animals’ Angels

Ärzte gegen Tierversuche

Internationaler Bund der Tierversuchsgegner

Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz

Bundesweites Schulprojekt "tierisch engagiert"

Internetseite der Internationalen Walfangkommission

Bundesamtes für den Naturschutz

Artenschutz im Urlaub Informationen von der Bundeszollverwaltung










  




            Das Wichtigste in der Erziehung              

                       von Rukmini Devi





  Vortrag in der Besant-Loge, Adyar, März 1963 
 
Dr.Montessori, Rukmini Devi und
Dr.Arundale



Lassen Sie mich Srimati Sundari und der Besant-Loge meinen Dank aussprechen für die guten Wünsche zu meinem Geburtstag. Natürlich wissen Sie alle sehr gut, daß das nur zum Schein so ist, denn mein Geburtstag fällt nur alle vier Jahre auf den 29. Februar. Alle diese Feiern erinnern mich daran, daß ich älter werde, und daß jetzt andere anfangen müssen zu arbeiten, um das weiterzuführen, was wir unter­nommen haben. Ich brauche nicht zu sagen, daß es viel Arbeit gibt, besonders jetzt. Ich bin immer froh, hierherzukommen, und es ist eine große Freude für mich, soviele Menschen zu sehen.

Alle Begeisterung in meinem Leben ist durch die Theosophie ge­kommen. Wir dürfen nicht Theosophie für eine neue Religion halten. Ihre Führer sind nicht Missionare, die gekommen sind, die Menschen davon zu überzeugen, daß Theosophie den Religionen überlegen sei. Das Wort Theosophie bedeutet Göttliche Weisheit. Und die Theosophie der Theosophischen Gesellschaft ist nur eine Synthese von allem, was in den Religionen von großen Menschen gesagt worden ist. Ein einzig­artiger Standpunkt und einzigartige Hingabe an die Arbeit haben der Entwicklung dieser einzigartigen Synthese geholfen, und ich bin einigen der sehr bedeutenden Menschen ganz besonders dankbar, die zu kennen ich das Vorrecht hatte und die lebensvolle Verkörperungen dieser Lebensphilosophie waren. Es ist für alle Mitglieder der Loge von großer Bedeutung, dieser Führer und des Geistes zu gedenken, dessen Verhältnis zu uns wie das der Wurzeln zum Baum ist. Ohne Wurzeln kann ein Baum nicht gedeihen. Die Tätigkeiten sind nur die Zweige. Jedoch die Philosophie, die Botschaft, auf die wir hinweisen sollten, ist die Wurzel, das wichtigste von allem.

Ich betone dies, weil die Menschen sehr häufig in ihrer Arbeit sich selbst vergessen. Von Zeit zu Zeit muß man auf die Wurzeln zurück­gehen, die allein das Wesen und den Zweck des echten Lebens aus­machen, nicht nur dieses einen Lebens, sondern aller Leben zusam­men. Dies ist das Allerkostbarste. Alles, womit wir beschäftigt sind, wird sich wandeln. Aber die Wahrheit, der wir folgen, wird niemals sterben. Meine Ideen vor zwanzig Jahren waren anders als die, die ich heute habe. Aber es gibt Dinge, die sich niemals ändern sollten, und über diese möchte ich sprechen, so gut ich kann.

Bei unserer Erziehungsarbeit besitzen wir den Hintergrund einer großen Tradition. Als die Theosophische Gesellschaft ins Dasein trat, war eines der ersten Unternehmen der Führer die Erziehungsarbeit. Sie erkannten, daß wir Ländern und ihrer Kultur nur dann grund­legend helfen, wenn wir ihrer Jugend helfen. Das ist eine Wahrheit, die sich niemals ändert. Doch die jungen Menschen, für die sie damals arbeiten wollten, sind jetzt alt oder hinübergegangen.

Zuerst wurde ich als ein vielversprechender junger Mensch an­gesehen. Man sagte: „Wir müssen ihr helfen; vielleicht wird sie eines Tages gute Arbeit leisten." Damals wartete ich ungeduldig auf die Zukunft. Jeder Tag erschien mir lang. Jetzt erkenne ich, daß man bessere Ergebnisse erzielt, wenn man etwas beginnt, weil man es wirklich gern tut, als wenn man ihm gleichgültig gegenübersteht. Wir müssen bei unserer Arbeit den inneren Kern entdecken, und auch den Drang, der in uns ist. Auf diese Weise wird uns unsere eigene Arbeit zu leben und unsere Art sich auszudrücken klar. Ich möchte zum Bei­spiel die die Überzeugung haben, daß es in unserer Erziehungsarbeit we­nigstens zehn oder zwölf junge Pioniere gibt, die etwas Bemerkens­wertes leisten, etwas Großes, das sich in der Zukunft der Mühe wert erweisen wird. Was dieses „Etwas" ist, spielt keine Rolle, solange es echt und schöpferisch ist. Glauben Sie nicht, daß Erziehungsarbeit nur in Schulen stattfindet. Die meisten Leute glauben das, weil wir in der Schule Prüfungen durchmachen müssen, und für viele bedeutet Prüfungen-Bestehen Bildung oder Erziehung. Aber alles im Leben ist Erziehung, der Verlauf des Lebens selbst ist Erziehung. Es gibt zwei Arten von Lehrern: den Lehrer im üblichen Sinn — und das Leben.

Es ist begeisternd zu lernen. Ich wäre glücklich, wenn Kalakshetra für jeden, der hier war, eine Inspiration gewesen ist. Wenn Sie mich fragen, worin ich diese Inspiration empfinde, möchte ich sagen: darin, daß wir unser Zentrum zu etwas absolut Einzigartigem gestalten. Neulich fragte mich jemand in Haiderabad: „Was ist das Besondere an dem Besant-Kulturzentrum? Versuchen Sie etwas anderes zu machen, als man es sonstwo findet?" Ja, das versuche ich tatsächlich. Wenn wir nicht etwas anderes sind, was hat dann alle unsere Arbeit für einen Zweck? Was nützt das alles, wenn wir es nicht besser als andere durchführen? Selbst wenn ich nur ganz einfach einigen Leuten helfe, halte ich das der Mühe wert. Aber um volle Befriedigung zu gewähren, muß unsere Arbeit einzigartig sein. Wenn ich nicht so be­geistert wäre, wäre ich zu keiner Arbeit fähig und statt dessen sehr faul. Von irgendwo muß mir Kraft zufließen, und diese Kraft kommt nur aus der Begeisterung. Zuerst müssen wir sehen, was wirklich und was unwirklich ist. Dann müssen wir lehren, was wir aus tiefster Überzeugung für wirklich halten. Ich möchte nicht, daß irgend jemand an etwas glaubt, weil ich es für richtig halte. Man muß selbst über­zeugt sein. Beim Lernen wie beim Lehren ist es wesentlich, daß man eine Vorstellung davon hat, wie man das Leben leben soll. Wenn wir diese nicht besitzen, können wir weder lehren noch lernen.

Erziehung besteht darin, das Dienen zu lehren und wie man Ein­fachheit und Selbstzucht entwickelt.

Wir lernen, um dienen zu können. Wenn wir nicht wissen, wie wir miteinander leben und einander helfen sollen, wird es kein Glück in der Welt geben. Glück kommt nur, wenn man vergißt, an sich selbst zu denken.

Warum diese Betonung von Einfachheit und Selbstdisziplin? Der Wert des Lebens besteht nicht darin, daß man seine Kleider wäscht, seine Wohnung fegt oder auf dem Fußboden schläft, sofern dies nicht der Ausdruck einer bestimmten Selbstdisziplin ist. Wir führen dies alles durch, um den Körper so zu schulen, daß er so wenig wie möglich fordert. Indien ist ein Land, das sich auf zwei Arten des Lebens spe­zialisiert hatte. Das eine war das Leben eines Asketen, wo das irdische Leben auf das Allernotwendigste beschränkt wurde, das andere war der königliche Weg. In vielen Fällen lebten Könige und Edelleute königlich, aber mit der geistigen Haltung eines Asketen. Wenn wir einfach leben, neigt unsere geistige Haltung dazu, auch einfach zu werden. Im Inneren des Menschen lebt etwas, das die Schönheit seines Selbstausdrucks noch steigert, auch wenn er keinerlei Kunst ausübt. Wir brauchen Aufgeschlossenheit dazu, mit einem Gefühl für Schönheit zu leben, was nicht eine Erschwerung des Lebens bedeutet. Schön­heit kann auf jeder Stufe materiellen Wohlstands erreicht werden.

Oft fragen mich die Leute, warum ich sage, alles müßte indisch sein. Ich sage das deshalb, weil wir in Indien leben. Das bedeutet nicht, daß wir alles Indische für spirituell halten sollen. Wir müssen lernen, das Schöne auch in einem andern Lande zu würdigen. Aber wir dürfen nicht unsere Eigenart unterdrücken. Ein Land verliert seine Seele, wenn es seine Kultur, seine Wurzeln, seine festgegründete Lebensart verliert. Deshalb möchte ich das, was einfach, wirklich, echt, schön und indisch ist, gesichert sehen. Zur Erhaltung ihrer Philosophie und Kultur tragen die Hindus wenig bei. Die Buddhisten sind besser, und Christen und Mohammedaner besitzen eine wahre Leidenschaft und Begabung für ihre Religion! Die Hindus wissen überhaupt nichts über ihre Religion und die Schönheit ihrer Lehren. Selbst die verhältnis­mäßig Gebildeten haben keine Vorstellung von den zugrunde liegen­den Ideen. Das sind die Dinge, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen, denn sonst geht das Kostbare und Schöne, das uns gegeben wurde, verloren.

Um es zusammenzufassen: Wir brauchen Hingabe und den Geist des Dienens, die Begeisterung, die uns für die Arbeit befähigt. Das hängt von Lehrer und Schüler ab. Wir müssen als Ziel ein Idealbild vor Augen haben. Vor uns liegt noch viel Arbeit, die wir nur durch Zusammenarbeit bewältigen können. Wenn ich die Schilderung von den großen Rishis lese, stelle ich mir immer vor, wie rein und hin­gegeben ihr Leben war und wie harmonisch sie mit der sie umgeben­den Natur lebten. In den Ashramas erzeugten sie einen Frieden, der in die Seelen ihrer Schüler eindrang und so ihre Studien und ihr Leben beeinflußte. Wenn man über diese Ashramas liest, ist man glücklich. Aber es ist nicht leicht, so etwas in einer Welt zu schaffen, die zum Materialismus neigt. Eine Welt, die voller Lärm dahinlebt, kaum Zeit zur Meditation läßt und möglichst viel aus dem Leben herauszuholen sucht, anstatt zu geben. Und doch können wir etwas tun, wenn wir begeistert sind. Wir können ein neues Leben beginnen.

Die alten Erziehungsstätten in Indien und Griechenland befanden sich niemals in Städten oder an lärmvollen Orten, sondern in schöner Umgebung, in Wäldern, an Flüssen oder auf Bergen. Ich wünschte, ich könnte einen Fluß oder einen Berg in Tiruvanmiyur [Sitz von Kalakshetra] hervorzaubern; glücklicherweise ist das Meer in der Nähe. Die Anfangs-Atmosphäre, die wir für unsere Schüler zum lernen und leben brauchen, ist vorhanden. Darauf müssen wir den mensch­lichen Uberbau errichten. Nebenbei: ich möchte mal wissen, wie viele unserer jungen Leute die Schönheit der Bäume und Blumen bemer­ken, an denen sie vorbeigehen, wie viele gelernt haben, die Schönheit zu genießen, die die Natur vor uns ausgebreitet hat. Dieser Schönheit müssen wir unsere Augen und Herzen öffnen.

Nur wenn wir für das Schöne und Echte empfänglich werden, be­ginnen wir wirklich zu leben. Ich wünschte, daß alle unsere jungen Leute diese Empfänglichkeit entwickeln und niemals zufrieden sind, wenn sie nicht die Harmonie zwischen ihrem Inneren und dem Leben urn sie herum fühlen. Ich möchte das wirkliche Leben in unserem Zentrum sehen, wie in den Ashramas der alten Zeiten, mit der glei­chen geistigen Atmosphäre, einen Brennpunkt einfachen, schönen Lebens.

Zum Schluß möchte ich noch sagen, daß ich für religiöse Erziehung begeistert bin, weil ich der Meinung bin, daß wir einen religiösen Hintergrund haben müssen. Religion hat bisher die Welt beherrscht, und Religion ist die lebensspendende Kraft bei der Atmosphäre, von der ich sprach. Wir müssen, wie in alten Zeiten, das Verhältnis zwi­schen Guru und Sishya erreichen. Darüber hinaus muß unsere Schule für die Schüler ein Heim sein, ein Heim, wo sie und Lakshmi, die Göttin des Glücks und der Schönheit, zusammen leben.

(Aus: Kalakshetra News, Adyar)


   




     


Maria Montessori, dt       Maria Montessori-Europe         Bund der freien Waldorfschulen













 

                 Die Religion des Mitleids                    

                   von Rukmini Devi Arundale 
   



Ich glaube, daß wir alle, die wir uns ernsthaft für religiöse, philoso­phische und andere Studien interessieren, vielleicht viel studieren, aber darüber vergessen, daß es etwas gibt, das mehr ist als Studieren, nämlich den Ausgangspunkt des Studiums, das Gefühl.

Das menschliche Wesen besteht in Wirklichkeit mehr aus Gefühl als aus Verstand, wenn auch das Menschenreich intelligent erscheint, fähig ist zu denken und durch Denken so viel Bemerkenswertes schafft. Der Verstand kann vieles hervorbringen, aber nur das Gefühl weiß, w a s hervorgebracht werden soll und w i e. Deshalb glaube ich, daß das Gefühl das Wichtigste für unsere Betrachtung ist. Unser Verstand ist vollgepackt mit Ideen und Tatsachen, weil wir die Ge­wandtheit nicht nur des Verstandes, sondern auch die der Zunge zur Schau stellen wollen. Es ist sehr bedauerlich, daß so viel unserer Philosophie vom Reden abhängt. Ich wünschte, wir könnten unsere Ideen durch Taten mitteilen, ohne viel zu reden, oder einander durch Feinfühligkeit verstehen. Ich bin sicher, daß es viel mehr Freundschaft in der Welt gäbe, wenn wir mehr schweigen könnten.

„Wieviele Kriege und Streitigkeiten könnten vermieden werden, wenn nur die übrige Welt zuhören und sich genau an das halten würde, was i c h sage!", so denken wir alle mehr oder weniger, und unsere Welt dreht sich um uns selbst. Durch sein großes Verlangen, die Probleme der Welt zu lösen und den Menschen zu helfen, ent­deckte Buddha, daß wir schließlich nur deshalb alle leiden, weil wir uns selbst Leiden verursachen, weil wir soviel Wünsche haben, weil es soviel „Ich" gibt. Wir sind immer bereit, anderen Rat zu erteilen, wie sie ihr Leid überwinden müssen, und wie tapfer sie sein müssen. Aber in bezug auf uns selbst ist unsere Einstellung: „O, du weißt nicht, was ich fühle, meine Schwierigkeit ist viel größer als deine.” Wir alle sind wirklich in solchen Ideen und Gefühlen befangen.

Es ist wunderbar, wie Buddha bis an die Wurzel alles Leidens der Welt ging, weil er wußte, daß das der einzige Weg ist, auf dem jeder Mensch sich ein neues Glück und ein neues Leben schaffen kann. Es war für Ihn nicht genug, daß Er Seine Lehre brachte und die Men- schen dann sagten: „Ich habe sie angenommen und bin nun glücklich." Eine Lehre anzunehmen macht uns noch nicht glücklich, sie zu l e b e n, macht uns glücklich. Ja noch mehr: die Lehre zu verstehen und zu erleben, nicht wie von einem andern kommend, nicht einmal von einem Großen wie Buddha, sondern aus uns selbst kommend, aus unserem Herzen und Verstand. Was w i r geben ist wichtiger als was uns gegeben wird. Darum sagte er am Schluß, was das Schönste von allem ist: „Seid Lampen für euch selbst." Das bedeutet: nehmt nichts an, einfach weil Er es sagt, sondern weil ihr wißt, daß es so ist, weil ihr es versteht.

Wenn Sie das Leben der großen Lehrer betrachten, werden Sie feststellen, daß keiner von ihnen ausgesprochenermaßen ein religiöser Führer, ein Religionsgründer war, sondern jeder Lehrer hat den Menschen nur gesagt, sie sollten wahrhaftig sein, sie selbst sein, auf­richtige, wirkliche, echte Persönlichkeiten, das war alles.Der religiöse Geist ist offenbar ein Geist, den ich einen Geist des Werdens nennen möchte. Es ist der Geist des Schöpferischen, des tiefen Gefühls, des großen Strebens. Es ist der Geist eines ungeheuren Gefühls des Einsseins, nicht weil wir denken, Einheit ist etwas Schö­nes, sondern weil wir sie überwältigend fühlen. Wir können sehen, daß jede Religion nicht aus einer Philosophie geboren ist, sondern die Philosophie als Ergebnis des Lebens kam. Manchmal glauben wir, das Leben wäre ein Ergebnis der Philosophie, und deshalb studieren wir nur die Lehren und vergessen, sie zu leben. Wir beschäftigen uns mitder Wissenschaft einer Religion, der Wissenschaft einer Religion, aber vergessen Geist und Herz dieser Religion. Das Wichtigste ist immer das Herz der Religion.

Was ist das Herz einer Religion? Es ist in Wirklichkeit das Herz des einzelnen Menschen. Es ist der große Mensch mit dem großen Herzen, der uns die Augen öffnet, der uns ein echtes Gefühl gibt, der in uns das belebt, was schon vorhanden ist. Selbst ein großer Lehrer kann in unsere Herzen nichts hineinpflanzen, was nicht schon darin ist. Aber er kann anspornen, er kann uns mit einer erhabenen Atmo­sphäre, mit wunderbarer Inspiration umgeben, durch die wir erhoben, veredelt und — wenn ich so sagen darf — schöpferisch in unserem täglichen Leben werden.

Die Wissenschaft ist gegenwärtig sehr geschätzt. Jeder denkt, Wissenschaft sei etwas Wunderbares, weil die Wissenschaftler alle möglichen Dinge geschaffen haben, die Sie und ich nicht schaffen können. Aber, offen gesagt, ich bin gar nicht für das wissenschaftliche Zeitalter. Ich finde ein Zeitalter besser, in dem die Menschen vor allen. Dingen Menschen sind, und ich habe den Eindruck, daß die Menschen, die zuviel von der Wissenschaft halten, nicht so menschlich sind, wie sie vielleicht sonst sein würden. Das bedeutet nicht, daß die Wissen­schaftler nicht human sind. Ich weiß, daß die wirklich Großen Herz und Verstand besitzen, besonders Herz. Aber die Mehrzahl der Men­schen besteht mehr aus Verstand als Herz. Und das ist der Grund für die große Anbetung der Wissenschaft — sie ist sozusagen die neue Religion unseres Zeitalters. Aber in Wirklichkeit ist wahre Religion nicht nur Wissenschaft, sondern zu allererst Gefühl.

Wenn wir wirklich die Religionen zusammenbringen wollen, wenn wir wirklich Bruderschaft aufbauen wollen, dann müssen wir eins tun: wir müssen umerzogen werden. Wir müssen alle ganz von vorn beginnen und die Grundlage der Geistigkeit lernen, die in rechtem Gefühl besteht. Wir müssen fühlen lernen, denn was der modernen Welt fehlt, einschließlich der modernen Erziehung, ist rechtes Gefühl.

In den Religionen, besonders betont im. Hinduismus, wird gesagt: „Keine Religion ist höher als die Wahrheit.” Viele Leute sagen, die Hindureligion stelle die Wahrheit dar, aber die buddhistische Religion gehe darüber hinaus — sie verkörpere das Gefühl, das Mitleid. Jedoch ich erwidere ihnen: „Sind Hindus wahrheitsliebender oder Buddhi­sten mitfühlender? Was macht es aus, was eine Religion betont. Aber verstehen wir eigentlich, was Mitgefühl und Wahrheit sind?" Offen­bar ist die Betonung der Wahrheit nicht weniger wert als die Beto­nung des Mitgefühls. Jeder religiöse Lehrer hat Mitleid als die größte aller Lehren betont, und ich glaube, daß keine Religion über das Mitgefühl hinausgeht. Wenn wir Mitgefühl besitzen, wird Bruder­schaft von selbst geboren, und Wahrheit wird geboren, weil Bruder­schaft Wahrheit ist. Wenn Sie es dann wirklich leben, sind Sie natür­lich, Ihr Herz ist allen Geschöpfen und allen Menschen zugetan, und Ihre Zuneigung ist echte Zuneigung.

Es ist für mich wirklich erstaunlich, wie so viele von uns dahin­leben: wir können reden, wir schreiben, wir verdienen unseren Le­bensunterhalt, wir leben bequem, aber das Traurige ist, daß wir dabei für das Leid um uns Augen und Ohren verschließen. Wir hören den Leuten zu, die sprechen können, aber denen, die nicht sprechen kön­nen, hören wir nicht zu. Wie wenige Menschen erkennen, daß das Problem unseres Glücks von dem Bewußtsein des Leidens abhängt, das sich um uns herum abspielt. Sehr viele Menschen wollen nichts von diesem Leid wissen und sind nicht beunruhigt, solange sie davon nichts sehen und hören. Ich möchte jeden bitten, sich dies vor Augen zu halten und sich des vielen schweigenden und schrecklichen Leides bewußt zu werden.

Wenn wir beginnen, in diese Dinge hineinzusehen, werden wir ein großes, wunderbares Gebiet neuer Tätigkeit entdecken, dem wir uns mit ganzem Herzen hingeben können, und der Geist der Bruderschaft in uns wird weit größer werden. Ich glaube, es ist unmöglich, unter­einander wirkliche Freunde zu sein, wenn wir nicht jedem anderen Menschen Freundschaft entgegenbringen können.

Buddha bezeichnete zwei Dinge als die wichtigsten: Freundschaft und Mitleid. Warum Freundschaft und Mitleid? Ich meine, weil es ohne Freundschaft kein Mitleid geben kann, sie gehören zusammen, denn Freundschaft entsteht aus Herzlichkeit, aus Wärme — ich meine echte Freundschaft. Echte Freundschaft kommt von innen und wird ganz von selbst allen dargebracht, weil sie das Ergebnis echten Gefühls, echter Sympathie und echten Verstehens ist. Darum betonte Er die Freundschaft. Es ist nicht nur Freundschaft zwischen einzelnen Men­schen, Rassen, Nationen, sondern auch die Freundschaft zu den Tieren. Und der Wert, den Er darauf legte, ist meiner Meinung nach der wichtigste Gesichtspunkt der Religion. Ohne das gibt es keine Reli­gion, keine Bruderschaftsbewegung, keine philosophische Bewegung, ohne das kann es keine geistige Bewegung irgendwelcher Art geben.

Es ist für mich eine erschütternde Tatsache, daß wir auf Kosten von Millionen und Abermillionen von Tieren leben, nicht nur auf Kosten ihres Lebens, sondern auch ihrer Qual. Wir können es natürlich nicht vermeiden, Tiere auszunutzen, aber wir können bestimmt darüber nachdenken, wir können etwas dagegen tun. Ich bin überzeugt, daß
wir uns in Wirklichkeit selbst helfen, wenn wir diesen Geschöpfen aus tiefem Mitgefühl helfen, denn es macht uns menschlicher und mit­fühlender. Andererseits glaube ich, daß die Menschheit Kriege nicht vermeiden kann, wenn die Grausamkeit an Tieren weitergeht.

Es wird berichtet, daß Buddha in seinem ganzen Leben kein rauhes oder unfreundliches Wort gesprochen habe. Er brachte eine Lehre, eine Religion, die ausschließlich einem einzigen Gedanken entsprang — dem Mitleid. Mitleid war die Quelle dieser Religion. Aus Mitleid entsprang Sein Suchen. Aus dem Suchen entstand Wissen. Wenn das Wissen nicht aus dem Mitfühlen, aus dem Mitleid kommt, was hilft es dann irgend einem Menschen? In bezug auf die Tiere sagen die Leute: Warum sollen wir uns um sie Sorgen machen, sie haben ja keine Seele. Mitleid hängt von der Entdeckung der Seele ab. Im Islam, dem manchmal ein Mangel an Mitleid unterstellt wird, habe ich etwas sehr bemerkenswertes entdeckt: der Hauptpunkt, den Mohammed im Sinn hatte, war die Güte zu Tieren und er versuchte, so viel darüber zu sagen, wie es unter den damaligen Verhältnissen möglich war. Aber statt dem Geiste folgen die Menschen dem Buchstaben. Das wichtigste einer Religion ist ihr Geist, ihr inneres Leben, denn keine Religion ist höher als das Mitleid. Aus Mitleid allein kann jede Aus­drucksform entstehen — Religion, Philosophie, Kunst oder irgend etwas anderes.

Was die Menschen bedürfen, ist eines — menschliche Wesen zu sein, ganz einfach menschlich zu sein. Dann werden wir unser Ideal allumfassender Liebe und allumfassender Einheit in die Tat umset­zen. Dann werden wir weit mehr für den Frieden arbeiten. Es kann keinen Frieden unter den Menschen geben, wenn sie immer weiter die hilflosen und stummen Geschöpfe ausnutzen. Und diejenigen, die nichts zur Behebung des Leidens unternehmen, machen sich mitschul­dig. Wenn unser Mitleid in geringstem Maße so lebendig wäre, wie es Buddha in so wunderbarer Weise gelebt hat, dann würden wir wirk­liche Nachfolger dieses großen mitfühlenden Lehrers werden. Er kam nicht nur auf die Erde, um zu lehren, nicht nur um Seine Lehre zu leben, sondern um die ganze Menschheit für immer zum edelsten und schönsten Leben mit Kraft zu erfüllen. Das ist für mich Religion. Das ist für mich Theosophie. Laßt uns eine einzige Stimme für das Reich der Tiere werden. Das würde ein überwältigender Ausdruck der Lehre Buddhas sein.     (Aus: Theosophy in Australia, Sydney)









 



                   Die Religion der Barmherzigkeit                  

                              von Rukmini Devi 





Vortrag, gehalten auf der 81. Internationalen Tagung
der Theosophischen Gesellschaft in Adyar, Dezember 1956
 





Ich freue mich, an dieser Tagung teilnehmen und besonders über diese Thema sprechen zu können, weil ich glaube, daß wir alle, die wir an religiösen, philosophischen und anderen Studien interessiert sind, vielleicht eine Menge studieren und darüber ver-gessen, daß es noch etwas gibt, was über dem Lernen liegt, nämlich die Quelle allen Studiums, die Gefühl ist.

Der Mensch besteht in Wahrheit mehr aus Gefühl als aus Verstand, obgleich die Menschheit intelligent erscheint, des Denkens fähig ist und so viele bemer­kenswerte Dinge durch den Verstand hervorbringt. Der Verstand kann viele Dinge schaffen, aber es ist das Gefühl, das weiß, w a s und w i e etwas geschaf­fen werden soll. Und deshalb glaube ich, daß das wichtigste an unserer Be­trachtung das Gefühl ist. Unser Verstand ist mit Ideen und Tatsachen ange­füllt, weil wir nicht allein die Gewandtheit des Verstandes sondern auch die der Sprache zeigen wollen. Es ist sehr schade, daß bei unserer Philosophie soviel vom Sprechen abhängt. Ich wünschte, wir könnten unsere Ideen untereinan­der durch Handlungen ohne viel zu sprechen austauschen oder uns gegenseitig durch Sensitivität verstehen. Wenn es uns möglich wäre, uns schweigender zu verhalten als wir es sind, gäbe es sicher viel mehr Freundschaft in der Welt. Wie viele Kriege und Streitigkeiten würden aufhören, wenn die Welt nur auf das hören wollte, was ich zu sagen habe! So denken wir alle mehr oder weni­ger. Und unsere Welt dreht sich um uns selber.

So entdeckte Buddha aus dem großen Wunsch heraus, die Probleme der Welt zu lösen und den Menschen zu helfen, daß es nur an uns selber liegt, wenn wir leiden, weil wir soviel wün­schen, weil es soviel Ich-Bewußtsein gibt. Wir sind schnell dabei, anderen Rat­schläge zu erteilen und ihnen zu sagen, wie sie Schmerzen ertragen und daß sie tapfer sein sollen. Wenn wir aber selber leiden, sagen wir: „Oh, Ihr wißt nicht, was ich fühle ... Meine Schwierigkeit ist viel größer als Eure." Wir sind tatsächlich alle in solche Empfindungen und Vorstellungen verwickelt. Wie wunderbar erkannte Buddha die Wurzel allen Leidens in der Welt, weil er wußte, daß das der einzige Weg für jedes Individuum war, sich selber ein neues Glück und neues Leben zu schaffen. Auch wußte er, daß es nicht ge­nügte, seine Lehre zu geben und die Menschen dann sagen zu lassen: „Ich habe sie angenommen, und deshalb bin ich glücklich." Es macht uns nicht glücklich, wenn wir eine Lehre bloß annehmen. Erst wenn wir eine Lehre leben, sind wir glücklich. Und mehr als das, erst wenn wir die Lehre verstehen und sie so erleben, als käme sie nicht durch ein noch so großes Wesen wie Buddha es war, sondern durch uns selber, durch unsere eigenen Herzen und unseren eigenen Verstand. Was wir geben, ist wichtiger als das, was uns gegeben wird. Aus diesem Grund war Buddhas letzter Ausspruch, der der schönste von allen ist: „Seid Euch selber Licht." Das heißt, nehmt die Dinge nicht an, weil er es sagte, sondern weil ihr versteht, und selber wißt, daß es so ist.

Wenn man das Leben der großen Lehrer betrachtet, erkennt man, daß jeder Lehrer nicht unbedingt ein religiöser Führer war, kein Religionsgründer, sondern ein Lehrer, der den Menschen sagte, daß sie wahr und sie selber sein sollten, daß sie ernsthafte, wirkliche und echte Menschen sein sollten. Das war alles.

Der religiöse Geist ist offensichtlich ein Geist des Wachstums. Es ist der Geist des Schöpferischen. Es ist der Geist tiefen Gefühls. Es ist der Geist hohen Strebens. Es ist der Geist eines starken Sinnes der Einheit und des Einsseins, nicht weil wir denken, daß Einheit so eine schöne Sache ist, sondern weil wir nicht umhin können, so zu fühlen. Und wir erkennen, daß jede Reli­gion nicht aus einer Philosophie entstanden ist, sondern daß die Philosophie als eine Folge des Lebens auftauchte. Manchmal denken wir, das Leben sei eine Folge der Philosophie, und deshalb studieren wir die Lehren und verges­sen, sie zu leben. Wir denken an die Wissenschaft einer Religion, aber wir vergessen den Geist und das Herz der Religion. Doch das Herz der Religion ist immer das wichtigste.

Was ist das Herz einer Religion? Es ist in Wirklichkeit das Herz des Indivi­duums. Es war das Individuum mit einem großen Herzen, das uns einen wun­derbaren Ausblick eröffnete, das uns ein wahres Gefühl schenkte, das das an­regte, was bereits vorhanden war, weil selbst ein großer Lehrer nichts in un­sere Herzen legen kann, was nicht vorhanden ist. Aber er kann etwas anregen, er kann uns mit einer wunderbaren Atmosphäre umgeben, er kann große In­spiration auf uns ausströmen, durch welche wir emporgehoben, veredelt und, ich möchte sagen, schöpferisch in unserem täglichen Leben werden.

Nun ist Wissenschaft ein Wort, das jeder gern mag. Jeder denkt, die Wissen­schaft sei eine großartige Sache, weil die Wissenschaftler alle möglichen Dinge geschaffen haben, die Sie und ich nicht hervorbringen können. Aber ehrlich gesagt, ich bin ganz und gar nicht für dieses wissenschaftliche Zeitalter. Ich ziehe ein Zeitalter vor, wo Menschen nur Menschen sind, und ich finde, daß Menschen, wenn sie zuviel über die Wissenschaft nachdenken, nicht mehr so menschlich sind, wie sie es im anderen Fall wären. Das bedeutet nicht, daß alle Wissenschaftler nicht menschlich wären. Ich weiß, daß die Großen unter ihnen beides sind, Herz und Verstand, und besonders Herz. Aber die Mehrheit der Menschen ist mehr Verstand als Herz. Und so gibt es heute eine wahre Anbe­tung der Wissenschaft, ich möchte sagen, sie ist die neue Religion unseres Zeit­alters. Aber in Wirklichkeit ist wahre Religion nicht nur Wissenschaft, son­dern zuallererst Gefühl.

Wenn wir wirklich die Religionen vereinen, eine Bruderschaft aufbauen wollen, dann gibt es nur eins zu tun. Ich würde sagen, jeder einzelne von uns muß umerzogen werden. Wir müssen alle noch einmal richtig von vorn an­fangen und das lernen, worauf sich das Spirituelle begründet, nämlich rechtes Gefühl. Wir müssen fühlen lernen, denn was unserem Zeitalter und der Er­ziehung fehlt, ist rechtes Fühlen.

In den Religionen, besonders im Hinduismus, wird gesagt: „Es gibt keine Religion, die höher ist als die Wahrheit." Viele Menschen haben gesagt, daß der Hinduismus die Wahrheit repräsentiere, aber der Buddhismus gehe über die Wahrheit hinaus — er repräsentiere Gefühl, Barmherzigkeit. Natürlich, aber ich frage: „Sind Hindus wahrhafter oder sind Buddhisten barmherziger? Wieso sollte es wichtig sein, was eine Religion repräsentiert. Verstehen wir denn, was Barmherzigkeit und was Wahrheit ist?" Jeder Religionsbegründer hat auf Barmherzigkeit den größten Wert gelegt, und ich persönlich denke, daß es keine Religion gibt, die höher ist als Barmherzigkeit. Wenn wir barm- herzig sind, wird unwillkürlich die Bruderschaft und mit ihr die Wahrheit ge­boren, weil Bruderschaft Wahrheit ist. Barmherzigkeit ist Wahrheit, weil ein barmherziger Mensch wahrhaft und natürlich ist, weil sein Herz für alle Men­schen und alle Geschöpfe schlägt, weil seine Sympathie wahre Sympathie ist.

Eins der Dinge, über die ich heute sprechen will, steht in Verbindung mit dem Wohlergehen der Tiere. Es wundert mich wirklich, wie soviele von uns einfach weiterleben. Wir können sprechen, wir können schreiben, wir können unseren Lebensunterhalt verdienen, wir können komfortabel leben, aber der traurige Teil dabei ist, daß wir unsere Augen und Ohren gegenüber dem Leid verschließen, das um uns her ist. Wir hören Leuten zu, die reden können, aber wir hören denen nicht zu, die stumm sind. Wie wenige Menschen erkennen, daß unser Glück davon abhängt, in welchem Maße wir uns des Leidens bewußt werden, das um uns her ist. Eine große Anzahl Menschen will nichts vom Leid wissen und glaubt, daß man, solange man nichts sieht noch hört, sich nicht weiter zu beunruhigen braucht. Aber ich möchte jeden einzelnen von Ihnen bitten, Ihre Aufmerksamkeit dieser Sache zu schenken und sich der Größe schweigenden und schrecklichen Leidens, das um uns herum vor sich geht, be­wußt zu werden.

Wenn wir diese Dinge näher betrachten, werden wir ein großes und wun­derbares neues Betätigungsfeld entdecken, dem wir unser ganzes Herz geben können, und wenn ich so sagen darf, der Bruderschaftsgeist in uns wird viel größer werden. Ich glaube, daß es uns nicht möglich sein wird, einander gute Freunde zu sein, wenn wir nicht wissen, wie wir mit allen anderen gut Freund sein sollen.

Buddha bezeichnete zwei Dinge als die bedeutsamsten: Freundschaft und Barmherzigkeit. Warum Freundschaft und Barmherzigkeit? Ich denke, weil es keine Barmherzigkeit ohne Freundschaft gibt, die beiden müssen zusammen­gehen, weil Freundschaft aus Zuneigung, aus Herzenswärme erwächst — ich meine wahre Freundschaft. Wahre Freundschaft kommt aus dem Innern, und wenn sie einmal da ist, wird sie von selbst allen gegeben, da sie die Folge wah­ren Gefühls, wahrer Sympathie und Verständnisses ist. Deshalb betonte er die Freundschaft. Nicht nur die Freundschaft zwischen Menschen, zwischen Ras­sen, Nationen ist gemeint, sondern auch die Freundschaft zum Tier. Und ich möchte sagen, daß dies offensichtlich der wichtigste Ausdruck der Religion ist. Ohne diesen Aspekt gibt es keine Religion, ohne ihn keine Bruderschaftsbewe­gung, ohne ihn gibt es überhaupt keine spirituelle Bewegung. Ich möchte, daß jeder von Ihnen, ob jung oder erwachsen, etwas mehr darüber nachdenkt.

Wir alle wissen, daß ständig Zehntausende von Affen aus unserem Land exportiert werden. Jeder sagt: „Wie schrecklich." Im Westen mag es ein paar Menschen geben, die für den Schutz der Tiere arbeiten, aber diese wenigen sind stark und selbstaufopfernd, und sie kämpfen fast ohne jede Hilfe. Wenn es in westlichen Ländern viele Menschen gäbe, die an Ahimsa glauben, wie wir es hier tun, dann wären Vivisektion und alle Grausamkeiten, die an Tie­ren begangen werden, schon vor langer Zeit im Westen abgeschafft worden. Hier haben wir mehr Menschen, die glauben, aber die dem Gefühl weniger Nachdruck verleihen. Dort sind die Menschen veranlagungsmäßig beharr­licher, können mehr für eine Sache kämpfen, und deshalb sind die wenigen tapfer und machen anderen ihren iStandpunkt in einem solchen Ausmaß klar, daß man sie nicht mehr mag. Hier ist es noch nicht einmal so, daß man uns nicht mag, weil wir ja auch nichts tun und niemanden mit unserem Glauben an Ahimsa belästigen.  Unser Bewußtsein muß geweckt werden, denn nur wenn wir uns selber zu Tätigkeit erwecken, kann in Indien restlichen Welt Glück herrschen. Um eine wahre religiöse Wiedererz  erleben, muß das rechte Gefühl wiedererweckt werden.

Alle kleinen Kinder lieben Tiere, und sie lieben auch die Natur. Leider ziehen ihnen die Erwachsenen dieses Gefühl ab, und ich entdecke, daß jungen Leute anfangen, mehr und mehr Fleisch zu essen, nicht weil sie es gen oder wollen, sondern weil es Mode ist, weil sie sonst ausgelacht werden. Und so werden in diesem Lande die Fleischesser mehr, während in anderen Ländern der Vegetarismus zunimmt! Es gibt zwei Arten von Vegetariern. Die einen sind aus Gewohnheit und Tradition Vegetarier, wie in Indien. Selbst unsere Fleischesser wissen, daß man das Fleischessen aufgeben muß, wenn man ein wirklich vergeistigtes Individuum werden will, und daß es besser ist, als Vegetarier zu leben. Dies alles kommt durch die große Tradition der Barm­herzigkeit, die dem Volk zutiefst eingeflößt wurde. Die anderen sind über­zeugte Vegetarier. Wir müssen beides sein. Wenn wir Vegetarier aus Gewohn­heit oder Tradition sind, müssen wir nachforschen und uns selber davon über­zeugen, daß es richtig ist. Ich schlage einen Besuch im Schlachthof vor. Einmal besuchte ein Minister mit seinem chaprasi (Ordonnanz) einen Schlachthof und hinterher genoß er sein nicht-vegetarisches Mittagessen, aber der chaprasi wurde von diesem Tag an Vegetarier. Er war tiefer berührt worden als der Minister, weil er einfach war. Er hatte keine Argumente. Er fühlte nur und das war für ihn genügend.

Für mich ist es zu einer schrecklichen Tatsache geworden, daß wir auf Ko­sten von Millionen und Abermillionen leben, und zwar nicht nur auf Kosten ihrer Leben allein, sondern ihrer Qualen. Selbst wenn ich Milch trinke, frage ich mich, welches Kalb nun verhungern mußte, damit ich die Milch haben kann. Natürlich können wir nicht umhin, Tiere auszubeuten, aber sicherlich können wir darüber nachdenken und etwas tun. Ich bin sicher, daß wir uns selber helfen, wenn wir jenen Geschöpfen aus einem tiefen Gefühl heraus hel­fen; denn es macht uns mehr zu wirklichen Menschen, es macht uns zu Men­schen mit Gefühl. Andererseits glaube ich, daß es für die Menschheit nicht möglich sein wird, ohne Kriege zu leben, solange diese Grausamkeiten Tag für Tag und Jahr für Jahr begangen werden.

Von Buddha wird gesagt, daß er nie ein hartes oder unfreundliches Wort in seinem ganzen Leben sagte, und seine Lehre war eine Religion, die einem einzigen Gedanken entsprungen war — Mitleid. Mitleid war die Ursache die­ser Religion. Aus Mitleid heraus suchte Buddha. Durch diese Suche gewann er Wissen. Wenn Wissen nicht als Folge eines Gefühls eintritt, als eine Folge von Mitleid, Barmherzigkeit, wozu nützt dann dieses Wissen? Wozu, für wen ist es gut? Die Menschen sagen, warum sollen wir uns mit den Tieren belasten. sie haben doch keine Seele! Mit anderen Worten, Mitleid hängt also von der Ent­deckung der Seele ab. Eins der bedeutsamsten Dinge, die ich im Islam

entdeckt habe, der ohne Barmherzigkeit sein soll, ist, daß Güte zu Tieren ein Haupt-punkt im Denken Mohammeds war, und daß er versuchte, soviel davon zu geben, wie es unter den damaligen Zuständen mäglich war. Aber anstatt dem geistigen Inhalt zu folgen, gehen die Menschen nach dem Buchstaben. Aus diesem Grund sage ich, es ist der Geist einer Religion, das Leben in einer Religion, worauf es ankommt, und für mich ist keine Religion höher als Barmherzigkeit. Aus Barmherzigkeit allein kommen alle Ausdrucksformen — Religion, Philosophie, Kunst oder irgend etwas anderes.

Ich nehme an der Organisierung eines Vegetarischen Kongresses für Ende nächsten Jahres teil und hoffe, daß jeder, der wirklich an die Einheit des Le­bens, an die Achtung vor allem Leben glaubt, erkennen wird, daß dies nicht bloß eine Tätigkeit ist, sondern etwas Fundamentales, etwas, das der Anfang einer wirklichen Religion ist, die Mitleid bedeutet, eine Ahimsa, die positiv und dynamisch ist, eine Ahimsa, die mit dem Herzen praktisch gelebt wird. Wir brauchen es für Indien. Wir brauchen es für die Welt. Denn für Menschen ist nur eins notwendig: menschlich zu sein, wirkliche Menschen. Deshalb glaube ich, daß wir unsere Ideale von der universellen Liebe, vom universel­len Sein und von der Einheit in die Tat umsetzen sollten. Damit würden wir auf konstruktive Art bei weitem mehr zum Frieden beitragen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es unter Menschen Frieden geben soll, die fortfahren, hilflose und vernunftlose Kreaturen auszubeuten. Jene, die nichts tun, sind nicht harmlos, sondern schuldig daran, daß sie nichts unternehmen, um dem Leiden ein Ende zu bereiten.

Wenn unser Mitleid im Kleinen schöpferisch sein soll, wie es Buddhas im Großen war, dann sollten wir wahre Anhänger jenes großen und barmher­zigen Lehrers werden, der auf die Erde kam, nicht nur um zu lehren oder zu leben, sondern um die Menschen für immer zu inspirieren, auf die edelste und schönste Art zu leben. Das ist für mich Religion. Das ist für mich Theoso­phie. Laßt uns damit beginnen, uns dieser wunderbaren und großen Sache hinzugeben, nicht weil ich das sage, sondern weil wir gemeinsam mit jenen fühlen, die stumm sind. Laßt uns zusammen zu einer Stimme für das Tierreich werden. Das glaube ich, wäre ein großer Ausdruck dafür, daß wir Buddhas Lehre verstanden haben.


                                                 


















                  Der Geist der
Mutterschaft                       

                      von R u k m i n i Devi
 


Ich spreche heute von dem Geist der Mutterschaft, nicht nur von dem Geist der Mutter, die Kinder hat, sondern von dem Geist der Mutterschaft, der überall vorhanden ist und von allen vertreten wird, besonders von den Frauen. Wir finden überall die zweifachen Kräfte in der Natur. Die Leute denken manchmal, Geschlecht sei nur ein Ausdruck auf der irdischen Ebene. Geschlecht ist mehr als das. Es ist der geistige Unterschied zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen. Es ist der geistige Unterschied zwischen dem Schöpfer und dem Übermittler. So gibt es in der Natur das Nega­tive und das Positive. Niemand kann in die Welt gehen und Glück und Gedeihen bringen, ohne die zweifachen Kräfte der Natur zu benutzen; und das Glück, das es in. der Welt gibt, ist das Ergebnis dieser zweifachen Kräfte. Wenn man das Geschlecht von diesem Standpunkt aus betrachtet, sieht man das normale irdische Leben des Menschen lediglich als einen Ausdruck der göttlichen Kraft an, wo der Mann der Schöpfer und. die Frau die Übermittelnde ist.Die Schönheit des Muttergeistes gibt es in jedem Naturreich.Wenn wir das Tierreich betrachten, sehen wir den Geist der Mut­terschaft unverhüllt.

Das wildeste Tier ist sanft im Umgang mitseinen Jungen, während das sanfteste Tier stark im Beschützen sei­ner Jungen ist. Wir finden also, daß die wilden Tiere als Mütter sanft und die sanften stark sind. Im Tierreich drückt sich die Gött­lichkeit der Natur im Instinkt aus, aber ohne das Vulgäre, das Men­schen in den Ausdruck des Instinktes hineinbringen. Es gibt die Wildheit der Natur, aber ohne das Laster, das wir heute durch den Intellekt, durch die Intelligenz, an den Tag legen. Wir können diese Kräfte nehmen und mit hohem Streben unser Wissen hinzufügen und so schön wie ein Tier werden und so groß wie die Natur. Dann werden wir Göttlichkeit im alltäglichen menschlichen Wesen aus­drücken wie es heute in der Welt lebt.

In den Sanskrit-Büchern ist eine wunderbare Philosophie enthal­ten und große Schönheit in der Behandlung des Geistes der Mutter­schaft. Mutterschaft ist in der Sanskrit-Philosophie in ihrer irdi­schen Erscheinungsweise ein Bild der göttlichen Kraft, so daß also eine Mutter, wenn sie Kinder hat und sie großzieht, einen Bruchteil der Gottheit zur Inkarnation bringt. Das In-die-Welt-setzen von Kindern ist für die Mutter dasselbe wie die Komposition großer Musik durch einen Komponisten. Kinder aufziehen und erziehen ist das gleiche wie die Hervorbringung eines Kunstwerks. Es ist gött­lich, und das wurde im alten Indien erkannt. Wo eine Frau Mutter auf der irdischen Ebene ist, vertritt sie den göttlichen Geist der Mutterschaft. Die Tatsache, daß sie Frau ist, läßt den Geist der Mut­terschaft zutage treten, und sie sollte diesen großen Geist der Mut­terschaft auf allen Lebensgebieten verkörpern, ob sie nun auf der irdischen Ebene Mutter ist oder nicht.

Der Herr Vaivasvata Manu hat in seinem Buch der Gesetze wun­derbares über die Größe der Mutterschaft geschrieben. Wo die Frauen geehrt werden, sagt der Manu, dort werden Glück und Har­monie herrschen. Wie die Zeiten heute sind, werden die Frauen weder so geehrt wie sie sollten, noch benehmen sie sich so, daß sie sich der Ehre würdig erweisen. Wir erkennen nicht, was Frauen­tum in Wahrheit ist; wir haben nicht gelernt, wie wir Mutterschaft verehren sollen. Die Völker wissen nicht, was Mutterschaft in Wahr­heit ist. Wenn die Völker erkennen würden, was Mutterschaft im wirklichen Sinne des Wortes ist, dann würden sie dafür sorgen, daß jede Mutter geschützt würde, daß jedes Kind als zum Staat gehörig betrachtet würde, daß der Staat die Verantwortung für das Kind trägt und es versorgt, weil das Kind für die Zukunft des Staates sorgt, und der Staat für das internationale Glück der Welt sorgen
muß. Aber ehe die Völker dies erkennen, muß die größere Erkennt­nis vom einzelnen kommen.

Wir finden Mutterschaft in den großen Persönlichkeiten der Welt. Nehmen Sie das Leben großer Lehrer, das Leben des Buddha, der den Geist der Mutterschaft vorlebte, der den wahren Geist des Mit­gefühls in die Welt brachte. Jede Frau kann lernen, wie sie in ihrem täglichen Leben großes Mitgefühl ausdrücken kann, große Schön­heit, großes Verstehen. Die Frauen sollten diese drei Eigenschaften in ihrem Leben verbinden, und jede Frau, die diese Eigenschaften des Buddha aufweist, wird eine echte Frau sein. Dann werden die Frauen der Achtung in der Kultur wert sein, die ihr heute nicht gewährt wird.

Es sollte einen Beitrag des Mannes und einen andern Beitrag der Frau zur Kultur geben. Aber in der heutigen Zeit verstehen das viele Leute nicht. Sie glauben, die Frau müßte genau wie der Mann sein. Glücklicherweise kann der Mensch niemals soweit Gott sein, daß er Frauen zu Männern macht, und selbst wenn eine Frau Hosen trägt und genau dieselbe Arbeit tut wie ein Mann, kann die Wissenschaft sie doch nicht in dem Maße ändern. Ich bin froh, daß diese göttliche Macht dem Menschen nicht in die Hand gegeben ist. Manche Frauen verfolgen die Idee, sich zu einer genauen Kopie des Mannes zu machen und ihm gleich zu sein. Was solche Gleichheit eigentlich ist, wissen sie nicht recht. Für die Frau ist es weit größer, nach den Eigenschaften einer nach ihrer eigenen Vorstellung großen Frau zu streben, diese Eigenschaften zu idealisieren und sie in ihrem Leben zu zeigen. Wenn die Freiheit, die sie sich wünscht, dazu dienen soll, große Macht in der Welt, göttliches Mitgefühl und den Geist der Mutterschaft im täglichen Leben auszudrücken, dann wäre die Freiheit es wert, dafür zu kämpfen. Viele Frauen wünschen sich aber die Freiheit, dem Manne in seinen Lastern und seiner Zügellosigkeit gleich zu sein, und das führt zu der Freiheit, die die Männer besitzen, die Welt in einen Krieg zu stürzen. Was nützt solche Freiheit? Was wir nötig haben sind Leute, und besonders Frauen, die ihren einzigartigen Beitrag leisten zu dem, was die Welt braucht. Gerade wie jedes Volk seinen Beitrag zu leisten hat, so hat jede Frau ihren eigenen Beitrag zu leisten, und jede Frau muß versuchen, ihn in den kleinen Dingen des Alltags zum Ausdruck zu bringen. Wenn sie Kinder zu versorgen hat, und auch wenn sie das nicht hat, ist sie noch die Mutter der Völker und der Mensch­heit. Und ihre Mutterschaft reicht über das Irdische hinaus auf andere Gebiete des Lebens. In jeder Kleinigkeit ihres Lebens muß sie ein großer Künstler sein, und dadurch wird sie die Mutterschaft in ihren höchsten Eigenschaften zum Ausdruck bringen.

In den Hindu-Büchern finden wir etwas von den Idealen, von denen ich gesprochen habe. Ich wünschte tatsächlich, meine Zuhörer wären Sanskrit-Kenner und würden selbst lesen, als daß sie mir zuhören müssen. Das, was ich nur unzulänglich darstellen kann, ist der Geist jener Bücher, die wunderbare Weisheit des alten Indiens. Wir lesen darin von bedeutenden Frauen, die auf allen Gebieten des indischen Lebens tätig waren und nichts von den wesentlichen Eigenschaften des Frauentums verloren hatten. Glücklicherweise hat Indien als Ganzes immer noch etwas von dem Geist dieses Frauen­tums, und es bedarf für die indischen Frauen nur der normalen politischen Freiheit, um sich selbst und ihr Frauentum voll zum Ausdruck zu bringen.

Besonders wenn wir Theosophen sind, wenn wir glauben, daß es eine Einzigartigkeit im Menschen gibt, wenn wir glauben, daß es eine Einzigartigkeit in den Völkern gibt, dann müssen wir auch glauben, daß es eine Einzigartigkeit in der Frau gibt. Wir müssen die Kraft des Frauentums erkennen und den Beitrag, den es zu leisten hat. Jeder Mann und jede Frau muß diesen Beitrag für sich selbst herausfinden. Jeder muß in den Geist seines Volkes hinein-tauchen und herausfinden, was sein Beitrag sein sollte. Kindern sollten die höchsten Ideale des Lebens eingeprägt werden — für die Schönheit zu leben, mit Mitgefühl zu leben und besonders im Alltag wie Buddha zu leben. Eine Frau sollte ihr Frauentum in ihrer Rede ausdrücken, in ihrer Arbeit und in allem, was sie im Leben tut. Sie sollte verstehen lernen, wie sie dies in ganz gewöhnlichen weltlichen Dingen zum Beispiel in ihrer Kleidung, ausdrücken kann. Die Psy­chologen sagen, unsere Kleidung drücke unseren Charakter aus. Wenn wir an den wahren Geist der Mutterschaft glauben, sollten wir diesen Geist der Schönheit auf alle Gebiete des Lebens über­tragen. Wir brauchen nicht unseren Beruf zu wechseln, aber wir können unseren Charakter und unsere Lebenseinstellung ändern. Auch wenn eine Frau keine Kinder hat, kann sie eine Mutter sein, sie kann den göttlichen Geist der Mutterschaft ausdrücken und ihn verstehen und verwirklichen. Sie kann einen gewichtigen Beitrag zum Leben ihres Volkes leisten, ohne Sentimentalität, aber durch die Verbindung hoher Ideale mit intellektuellen Gaben. Wir sollten so durchs Leben gehen, daß wir alle, mit denen wir in Berührung kommen, mit dem Geist der Schönheit erfüllen. So müßte das Leben jedes Einzelnen sein, und ich glaube, es ist der schöpferische Beitrag der Frauen, zu zeigen, was Mutterschaft in ihrer eigenen persön­lichen Linie und in ihrem Leben ist. Dann werden wir der Welt großes Glück bringen. Dann wird die natürliche Liebe des Kindes zu seiner Mutter ihren höchsten Ausdruck finden. Es ist unser Vor­recht, der belebende Einfluß des Kindes von morgen zu sein und vorwärts zu schreiten in eine Welt großen Glücks und großer Schön­heit.   (Aus: The Theosophist, Adyar)


                 
Meenakshisundara Pillai, Rukmini Devi und ihre
Mutter Seshammal













                 Kunst und die moderne Welt                       

                        von Rukmini Devi
 
 




Viele Jahre lang habe ich in vielen Gegenden Indiens über das Thema Kunst gesprochen, und doch besteht noch immer eine wachsende Notwendig­keit, über dieses Thema zu sprechen, weil auch der Ausdruck durch die Kunst wächst. Ich erinnere mich noch an eine Zeit in meinem jetzigen Leben, als die Leute sagten: „Warum ist es nötig, der Kunst soviel Aufmerksamkeit zuzuwenden, wenn es doch soviel andere, interessantere und nützlichere Dinge gibt? Und weshalb verschwenden Sie Ihre Zeit auf das Tanzen?" Die Leute sagten das, weil es ihrer Vorstellung vom Leben entsprach. Ich er­innere mich auch, daß die Leute ungeheure Vorurteile dagegen hatten, haupt­sächlich aus dem Gedanken heraus, daß Tanz eine ganz ordinäre Ausdrucks­weise und falsch wäre, und daß Musik ganz unnötig wäre, besonders für Frauen, denn eine Frau würde nur singen, um damit aufzufallen, und der Platz der Frau wäre sozusagen im Haus. Wenn auch das Heim schön war, so hatte doch die Schönheit keinen Raum im Bewußtsein des Volkes.

Selbst in den westlichen Ländern habe ich einige ältere Leute sagen hören, daß es in ihrer Jugend für junge Mädchen ganz unschicklich war, sich etwa an Laienspielen zu beteiligen, und Schauspieler und Schauspielerinnen wur­den als unmoralische Leute angesehen. Allmählich hat sich die Einstellung im Westen geändert, und sie ändert sich jetzt entschieden auch in Indien. Es ist sehr interessant, zu sehen, wie sich der Ausdruck in der Kunst auto­matisch mit dem Ausdruck auf anderen Gebieten ändert. Die Kunst ist wie ein Thermometer, von dem man die Beschaffenheit des Volkes ablesen und beurteilen kann, die Beschaffenheit des Landes und die Beschaffenheit der Welt. Da Künstler sensitiv sind, spüren sie, was vorhanden ist oder was sein sollte oder was nötig ist. Wenn sie große Künstler sind, wenn sie das sind, was ich „Sendboten" nenne, stellen sie alles so hoch und groß dar wie die geistigen Lehrer, und zeigen sie uns, daß es noch einen anderen Weg gibt, einen so herrlichen, begeisternden, durch den wir andere begeistern können.

Dabei gibt es Millionen von Künstlern in der Welt, deren Leben mehr oder weniger ein Kampf um die Existenz ist, denn die große Mehrzahl der Menschen, die sich der Kunst widmen, tun es nur, weil sie sich dazu ge­zwungen fühlen, weil sie die Kunst als ihre Art des Ausdrucks empfinden und nichts anderes sie befriedigt. Sie würden dafür auch hungern, und tat­sächlich haben ja auch die Künstler ein viel härteres Leben in der Welt als andere, weil die Kunst ihre Berufung ist. In London habe ich ganz traurige Bilder gesehen: Leute, die versuchen, ihren Lebensunterhalt durch Geigen­spiel oder Gesang auf der Straße zu verdienen. Manche davon waren einmal Orchestermusiker gewesen, aber nun war dies der einzige Weg, etwas zu verdienen — weil die Kunst eine eigene Berufung ist und einen Menschen fast alles für diese besondere Ausdrucksweise opfern läßt. Allerdings be­deutet das natürlich nicht, daß jeder Künstler Opfer bringt und daß er sich nicht vielleicht aus anderen Gründen der Kunst zugewandt hat. Es gibt auch Künstler, die sich um des Geldes oder Ruhmes willen der Kunst widmen. Da ist jedoch ein Unterschied: Niemand kann eine Kunst wirklich erlernen um des Ruhmes oder Geldes willen. Die Kunst kommt nicht zu einem, weil man es gerade gern möchte. Entweder hat man sie in sich, oder man hat sie nicht. Es ist nicht nur eine Sache der jetzigen Inkarnation, sondern auch früherer Inkarnationen.


Genauso wie „manche Leute groß geboren werden und manchen die Größe nur aufgedrängt wird", werden manche als Künstler geboren, und manchen wird die Kunst aufgedrängt. Ich glaube, das ist genau das, was mit uns in Indien geschieht. Die Kunst wird dem Volk aufgedrängt. Indien erwacht zu dem starken Bedürfnis seines künstlerischen Ausdrucks und Talentes und empfindet das als eine große Leistung, weil wir herrliche Kunst haben, und es empfindet, daß Indien etwas Wunderbares besitzt, das es der Welt zeigen kann. Die Ausübung der Kunst ist etwas anderes als die Kunst selbst, weil Kunst nichts mit bloßer Zurschaustellung zu tun hat. Die Kunst hat mit einer geistigen Erneuerung zu tun, die man durch seinen eigenen schöpferi­schen Ausdruck erreicht. Sie müssen sich selbst ausdrücken, und durch die­sen schöpferischen Ausdruck sind Sie Sie selbst und wirklich und wahr, und diese „Berufung" sozusagen ist manchen Menschen ganz natürlich. Aber die Würdigung der Kunst ist etwas anderes, weil sie       a l l e n Menschen natürlich sein kann. Durch Erziehung und Kenntnis und durch unsere eigene Betäti­gung ist es möglich, die Menschen zum Verständnis, zur Wertschätzung und zur Empfänglichkeit für alles Schöne zu bringen. Auf diese Weise ist es möglich, daß jeder in der Welt ein Künstler sein kann, weil jeder tief innen in Wirklichkeit ein Künstler ist, und sogar der sogenannte Wilde hat diese künstlerische Wertschätzung.

Tatsächlich haben oft gerade die, die nicht die Vorteile (oder soll ich sagen Nachteile) der modernen Erziehung und Bildung genossen haben, einen viel natürlicheren Instinkt für das Schöne. Kürzlich sprachen wir in Patna über die noch primitiv lebenden indischen Stämme, und ich habe dabei die er­staunlichsten Dinge entdeckt. Erstens, daß die Leute, die diese Menschen für „Wilde" halten und hingehen, um sie zu bilden, feststellen müssen, daß um­gekehrt die sogenannten Wilden finden, daß die, die sie bilden wollen, „Wilde" sind! Ich glaube, es ist etwas Wahres daran, weil wir auf unsere Weise eine Art Primitivität beibehalten, weil ein Teil der modernen Zivili­sation in Wirklichkeit nur eine polierte „Wildheit" ist. In der modernen Welt, durch unsere Erziehung und unsere Entwicklung verlieren wir selt­samerweise unsere Sensitivität, wir verlieren unsere Einheit mit der Natur, wir verlieren etwas von der Natürlichkeit, etwas von der unbewußten geisti­gen Schönheit der sogenannten „Ungebildeten". Die Gebildeten mögen wohl Kenntnisse haben, aber sie haben nicht jene unbewußte Geistigkeit, jene Eigenschaft der einfachen Einstellung zum Leben. Und wenn wir nicht in unserer Art und unserem Temperament unkompliziert werden, ist es, glaube ich, nicht möglich, an die Kunst heranzukommen.

Heute morgen wurde in einer Ansprache erwähnt, daß eine Synthese von Mystizismus und Hingabe, von Vernunft als Ausdruck der Philosophie, von Okkultismus als Wissen von der Natur und dem Menschen — daß eine Syn­these von alledem schließlich „Theosophie" genannt wird. Aber wie erlangt man diese Theosophie? Sie erlangen Sie durch die Kunst, denn die Kunst ist der einzige Weg, auf dem Sie Ihre Intuition entwickeln können, und durch die Intuition wächst Ihr Verständnis und befähigt Sie, alle diese verschie­denen Wege zu verstehen.

In allen Ländern haben große Künstler nicht nur durch ihre Kunst ge­glänzt, sondern sie haben auch zum Ausdruck gebracht, was eigentlich Kunst ist, welches ihr richtiger Platz und welches ihr Zweck ist. Nicht jeder Künst­ler kennt den Zweck, aber er versteht den Zweck, wenn er die Kunst ver­steht. In Indien ist diese Art Verständnis einzigartig, weil hier die Kunst nicht nur eine Ausdrucksweise, sondern auch eine Philosophie ist, eine Art zu leben, und durch die Kunst wird einem eine weite Schau der kosmischen Ideale zuteil. Sie werden das in unserer Kunst feststellen, in unserer Litera­tur, in dem künstlerischen Ausdruck unserer Großen. Aber wir folgen die­sem Ausdruck nicht, weil die Großen das gesagt haben; kein Künstler wird sich nach etwas richten, weil jemand anders es gesagt hat. Ein Künstler ist originell und unabhängig. Er entdeckt das Richtige allein. Dasselbe möchte ich von der Theosophie sagen. Sie folgen nicht irgend etwas, Sie erleben und verstehen vielmehr, was jemand sagt, als daß Sie dem folgen, was jemand sagt. Und automatisch folgen Sie nicht irgend jemand, sondern der Wahr­heit — das ist alles. Genauso sind Sie auch in der Kunst imstande, die Wahr­heit zu begreifen, weil Sie die Schönheit begriffen haben. Und Sie haben die Schönheit begriffen, weil Sie für Schönheit empfänglich sind.

Die Kunst ist eine ungeheure Sprache für sich. In der modernen Welt können Sie es nur durch die Wissenschaft, nur durch den Verstand zu etwas bringen, glaube ich. Der Verstand kann Sie zu anderen Planeten bringen, aber wozu bringt er Sie dorthin? Die Wissenschaft allein kann Sie nirgends hinbringen, außer zu Ihrem eigenen Verderben, denn ich glaube, daß die Wissenschaft allein schließlich sogar die Wissenschaftler ausmerzen wird, wenn nicht die echte Harmonie zwischen Verstand und Gefühl zustande kommt.

Alle Menschen haben ja nun einmal auch Gefühle. Aber wir haben den Verstand mehr entwickelt, und wir sind aus dem Gleichgewicht geraten. Und es stimmt, daß die Wissenschaft der moderne Gott geworden ist. Die moder­nen Menschen glauben nicht mehr an Religionen — sie glauben an die Wissenschaft. Da sie die Wissenschaft anbeten, glauben sie an einen anderen Gott, und dieser Gott heißt „Wissenschaft", und ihn betet alle Welt an. Die Menschen sind bereit, nicht nur sich selbst, sondern auch jeden anderen und jeden Grundsatz ihrem Gott zu opfern. Ich habe mit vielen Wissenschaftlern gesprochen, ich habe die Tierschutzarbeit mit ihnen besprochen; sie wissen wohl, daß Grausamkeit Unrecht ist, es ist Unrecht, den Affen Schreckliches anzutun, das geben sie zu, aber für die Wissenschaft, darauf bestehen sie, können sie alles tun. Wenn „sie alles tun dürfen", sei es auch für bedeu­tendes Wissen, dann ist, sage ich, offenbar etwas völlig verkehrt, weil der ganze moralische Charakter der Welt offenbar verkehrt geworden ist. Und ich habe das Gefühl, daß es nur einen Weg gibt, auf dem man diesen mora­lischen Charakter ändern kann, und dieser Weg ist, unsere Sensitivität, unsere Feinfühligkeit, zu entwickeln. Die Sensitivität wird automatisch nicht nur das Gefühl für alles Schöne bedeuten, das Sie sehen, hören oder berüh­ren, sondern auch für alles Schöne im Leben, im menschlichen Charakter, in der menschlichen Natur. Auf diese Weise können Sie Menschlichkeit ent­wickeln, und darauf kommt es an.

Künstler haben, wie ich schon sagte, ein Empfindungsvermögen für die Zukunft, und Sie können in der ganzen Welt einen allmählichen Wandel im Kunstausdruck sehen. Sie können vielleicht in Epstein das größte Genie sehen, das etwas geschaffen haben könnte, was Sie vielleicht außerordentlich häßlich nennen, das Sie packt und fesselt. Durch sein Genie konnte er eine Christusstatue schaffen, die einen eher abstößt, als Liebe und Hingabe an Christus zu erwecken. Sein Genie schuf nicht nur etwas Häßliches, sondern er zeigte uns, was wir wirklich sind und was wir sein werden. Und Sie können auf jedem Gebiet der Kunst sehen, daß es immer zuerst einer war, der einen neuen Weg zeigte. So hat allmählich die Verrücktheit der moder­nen Zeit ein Ausmaß angenommen, daß das, was die ganze heutige Welt „moderne Kunst" nennt, hauptsächlich auf dieser Art von Kunst beruht, wenn man auch hier und da gelegentlich Schönes sieht.

Und dies hat sich auch bis nach Indien ausgebreitet, weil wir Inder gerade jetzt in einer Wiederbelebung begriffen sind. Wir kennen die wirkliche Kunst Indiens nicht. Wir versuchen schöpferisch zu sein, und die einzige Art, schöpferisch zu sein, ist heute, irgend jemand aus dem Westen nachzuahmen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich zwar sehr froh über die starke Wie­derbelebung der Kunst in Indien bin, aber doch gleichzeitig etwas Sorge habe wegen der Geschwindigkeit, in der sie vor sich geht. Sie geht so schnell und wird so allgemein mitgemacht, daß wir nicht genügend Zeit für uns selbst haben, um zu verstehen, was erstens Kunst überhaupt und zweitens indische Kunst ist. Und Sie können indische Kunst nicht verstehen, wenn Sie Indien nicht verstehen. Das ist das Wichtigste, und ich wünschte, daß wir alle, wenn es uns damit ernst ist, darüber tief meditieren und nachdenken könnten, weil es sich um etwas sehr Ernstes handelt, das bestimmt den Charakter des Volkes beeinflußt.

Wir wollen für den Weltfrieden arbeiten, wir wollen für Bruderschaft arbeiten, wir wollen die Völker und die Religionen zusammenbringen. Wir brauchen eine geistige Erhebung in uns selbst, damit wir die Art der Arbeit, die wir tun wollen, begreifen. Wenn wir die Völker und Religionen zusam­menbringen wollen, gibt es bestimmt keinen anderen Weg als die Kunst. Man kann sie natürlich sowohl durch die Kunst wie durch die sogenannte „Kunst" zusammenbringen. Und gerade das letztere tun wir; wir schicken sozusagen Boten oder bringen Boten und versuchen, unsere gegenseitigen Kulturen zu verstehen, ohne zu wissen, was Kultur eigentlich ist.


Wenn Sie nun indische Kunst verstehen wollen oder für Kunst und Kultur arbeiten, müssen Sie den Hintergrund kennenlernen und die Mentalität und die Essenz oder die Seele des betreffenden Landes, um die ganze Geartung des Volkes zu kennen, dem Sie eine Kunst bringen. Ohne das kann man nicht lehren. Heutzutage ist es so, daß wir weit abgetrieben sind von der Kultur, vom Volke, von der Welt, wenn wir auch von Kultur reden; wir verstehen nicht, was Weltkultur ist, und doch behaupten wir, wir versuch­ten Weltkultur zu lehren. Sie müssen aber den Einfluß der Kunst kennen, ehe Sie verstehen, was Kunst vollbringen kann, und zu diesem Zweck müssen Sie, wie gesagt, tief darüber meditieren, was Kunst ist.

Die Leute meinen, über Kunst könnte jeder urteilen. Das ist ein Gebiet, auf dem jeder Sachverständiger ist! Niemand würde wagen, als Verteidiger in einer Gerichtsverhandlung aufzutreten, ohne juristische Kenntnisse, oder Ingenieur zu sein ohne technische Kenntnisse, oder Arzt zu sein ohne medi­zinische Kenntnisse. Aber die Leute wagen es, Künstler und Kunstkritiker zu sein, ohne irgend etwas von Kunst zu wissen. So sieht es heute aus. In Indien müssen wir ganz allgemein die Kunst aus dieser Art chaotischer Atmosphäre befreien und ein vertieftes geistiges Studium beginnen.

Wenn wir das Übel bekämpfen wollen, genügt es nicht, es nur auf poli­tischem Gebiet zu bekämpfen. Der Kommunismus wird als falsch angesehen, und wir kämpfen gegen seine gewalttätigen Methoden. Wenn er aber sehr raffiniert in einem Bilde oder in Form eines Tanzes auftritt, sagen wir viel­leicht: „Das ist Kunst, wissen Sie, und man hat mir gesagt, Kunst wäre sehr wichtig." Also nehmen wir diese Kunst an. Aber ich möchte sagen, daß einer der größten heutigen Mißstände durch das Medium der sogenannten „Kunst" entstehen kann. Und die, die für die Welt zu arbeiten versuchen, haben das vergessen. Sie bekämpfen schlechte Einflüsse auf politischem und anderem Gebiet, aber, es tut mir leid, das sagen zu müssen, die guten Leute be­kämpfen nicht die schlechten Einflüsse in der Kunst, weil sie diese schlechten Einflüsse nicht erkennen.

Ich habe nichts gegen gebildete Leute, aber ich habe etwas gegen falsche Bildung, weil echte Bildung jenseits von dem ist, was wir „Bildung" nennen. Wahre Bildung führt uns zur Wahrnehmung der Wirklichkeit, die nicht in den üblichen Formen, sondern durch verfeinerte Formen kommt. Die Kunst ist offenbar, aber ihr Einfluß ist subtil, und wenn wir nicht feinfühlig sind, können wir etwas so Subtiles gar nicht wahrnehmen. Und wenn wir diese moderne Welt glücklicher machen wollen, so ist der Weg dazu die Kunst. Wir können wirklich Frieden bringen, wir können Religion bringen, wir können echte Hingabe bringen, wir können in den Herzen der Menschen höchstes Streben erwecken, wir können alles Erhabene und Schöne herunter­bringen durch alles, was Freude macht, denn Kunst macht Freude. Durch Freude allein lernen wir, und dann können wir etwas aufbauen und etwas tun, das in der heutigen Welt der Mühe wert ist.

Wenn wir nun daran denken, in der Welt für diese oder jene Sache zu arbeiten, sollten wir erkennen, wie ungeheuer wichtig die Kunst heute ist, gerade weil wir in dieser Welt zweifellos in falscher Weise überentwickelt sind. Nur der Verstand hat sich entwickelt und entwickelt sich immer weiter, unser Tun wird immer äußerlicher, immer spannender und erobert die ganze Welt, nur nicht uns selbst. Das ist etwas ganz anderes, als was unsere großen Weisen gesagt haben; sie sagten „zuerst beherrsche dich selbst, ver­stehe dich selbst, dann wirst du alles andere verstehen". Neben dieser Ent­wicklung des Verstandes ist nun aber kein echtes Gefühl; das Ideal des Mit­leids wird nicht in die Welt getragen. Wir haben intellektuelle Riesen in der modernen Welt, davon erscheinen immer mehr, aber wir haben keine Riesen auf diesem anderen Gebiet. Es gibt natürlich große Künstler, aber es gibt nicht das, was ich einen außergewöhnlichen Ausdruck echter Kunst nennen würde, der von einem einzelnen als eine neue Note ausginge, die die Welt fasziniert. Unsere Phantasie ist von den Verstandesleistungen fasziniert, aber weder unsere Phantasie noch unsere Herzen sind bisher von Leistungen auf dem Gebiet der Schönheit und Kunst gefesselt worden. Wie ich schon sagte: große Künstler gibt es wohl. Wir müssen nach ihnen Ausschau halten. Wir müssen nach Kunst suchen. Wir müssen nach der Kunst forschen, denn die Kunst macht nicht so große Fortschritte, wie die Wissenschaft es getan hat. Es ist bedauerlich, daß es so ist, und offenbar ist es ein Teil des Kali Yuga, denn wie könnten wir auf unsere eigene Vernichtung zusteuern, wie könn­ten wir uns selbst zerstören, wenn wir uns im Gleichgewicht befänden? Wir könnten es überhaupt nicht. Nur durch diesen unausgewogenen Zustand können wir uns selbst zerstören. Vielleicht ist es so gemeint, daß wir uns selbst zerstören. Aber bestimmt wird nicht die ganze Welt zerstört werden. Bestimmt werden einige übrigbleiben, die sehen, daß ein Wandel eintreten muß, und es kann keinen geistigen Wendepunkt geben ohne einen Wende­punkt auf dem Gebiet der Schönheit und auf dem Gebiet der Kunst.

Diese Richtung der modernen Welt beeinflußt auch Indien sehr stark. Im heutigen Indien haben wir den Geist der antiken Kunst nicht verstanden, wenn wir vielleicht auch über antike Kunst reden, und weil wir diesen Geist nicht verstanden haben, sind unsere Ruinen noch sehr viel größer als unser Aufbau. Niemand kann heute bauen, wie in der Vergangenheit gebaut wor­den ist. Wir versuchen nachzuahmen, und wir ahmen Unechtes nach, weil im wesentlichen nur Unechtes nachgeahmt werden kann. Echte Kunst kann keine Nachahmung sein; sie muß erstmalig sein; das liegt in ihrer Natur, sie kann nichts anderes sein. Wir sagen vielleicht: „Sehen Sie sich diese Skulpturen an, sie sind alle gleich." Ja, das mag wohl sein. Wir können alle dasselbe singen, und doch hat jeder seine Einzigartigkeit. Kein Musiker kann es sich erlauben, einen anderen nachzuahmen, weil dann sofort das Schöpfe­rische verschwindet. Und in dem Augenblick, wo der schöpferische Geist verschwindet, verschwindet auch die Kunst, denn die Kunst ist ihrem Wesen nach schöpferisch. Wenn sie nicht schöpferisch ist, ist es keine Kunst. Warum ist Kunst schöpferisch? Weil sie immer neu ist. Warum ist sie immer neu? Weil sie auf Eingebung beruht. Ohne Inspiration können Sie nichts machen, und wenn Sie inspiriert sind, sind Sie gezwungen, etwas Neues zu machen, Sie sind gezwungen, etwas zu schaffen, das Ihnen selbst gegenüber echt und wahr ist, und darum erreichen Sie ganz von selbst die Wahrheit. Zwischen Wahrheit und Schönheit besteht kein Unterschied. Gerade deshalb kann es dabei keine Nachahmung geben. Und solange es, heute oder zu irgendeiner Zeit, Nachahmung gibt, so lange handelt es sich offenbar nicht um Kunst. Offensichtlich haben wir es noch nicht zu einem Stadium gebracht, in dem wir wirklich etwas Ureigenes, Neues schaffen können, etwas, das im tiefsten Grunde unser eigener Ausdruck ist.

Die Stellung eines echten Künstlers ist vielleicht eine der edelsten und. höchsten Stellungen, die ein Mensch in der Welt einnehmen kann, weil er ein einzelner ist, der die Sprache der Wirklichkeit spricht, die Sprache der Wahrheit, die Sprache der Schönheit. Der echte Künstler muß tief in sich selbst meditieren, und wie Nataraja muß er sozusagen ein Yogi sein in tiefer Meditation, aber auch im Ausdruck, in der Musik, im Tanz und in allen andern großen Künsten.

Ein Künstler ist also in Wirklichkeit jemand, der nicht nur zwischen den Ländern dieser Welt Brücken schlagen kann, sondern auch von der Erde zu den höheren Welten. Und er muß den Geist der höheren Welten auf die Erde herunterbringen, denn nur wenn dieser Geist heruntergebracht wird, wird er tief in den Boden der Erde eindringen, die Herzen der Menschen von innen heraus ändern, eine große Wandlung des Charakters bewirken und damit eine Wandlung in der Welt in all ihren verschiedenen Aspekten.

Ich wünschte, ich könnte Sie fühlen lassen, wie ungeheuer bedeutsam, lebenswichtig und notwendig heute die Arbeit für die Schönheit ist. Halten Sie diese Arbeit nicht für zweitrangig. Glauben Sie nicht, Religion, Philo­sophie, Theosophie und alles andere stünde an erster Stelle und die Schön­heit erst an zweiter. Sie kann nicht an zweiter Stelle stehen, weil die Kunst eine große Kraft ist, eine ungeheure Waffe, die nicht verletzt, die kein Leiden bringt, sondern nur Schönheit und Glück. Und wir benutzen diese ungeheuer starke, mächtige und feinnervige Kraft nicht, die den mensch­lichen Verstand täglich beeinflußt. Jedesmal wenn Sie in eine Kunstaus­stellung gehen, jedesmal wenn Sie in ein Kino gehen, jedesmal wenn Sie in ein Schauspiel gehen, in einen Tanzabend oder in ein Konzert, wandeln Sie sich. Sie können sich diesem Einfluß nicht entziehen. Sie werden beeinflußt, ob Sie wollen oder nicht, und unsere Jugend wird beeinflußt. Die Welt wird beeinflußt, und doch betrachten wir diesen ungeheuren Einfluß als sekundär, und das ist so bedauerlich. Ich habe so viele Eltern sagen hören: „Diese Kinos sind ein vergiftencler Einfluß", und doch gehen sie weiter in diese Kinos und nehmen ihre Kinder mit. Wir nehmen es also hin, daß wir selbst und unsere Kinder vergiftet werden, weil wir nicht die Kraft aufbringen, etwas dagegen zu tun. Es könnte so viel getan werden, und es ist lebens­wichtig, daß es getan wird.

Ich kann Ihnen aufrichtig sagen, daß ich die Arbeit für die Kunst für genauso groß und dringend halte wie die internationale Politik oder die Arbeit all der großen Wissenschaftler, die versuchen, nach dem Mars oder dem Mond zu reisen, oder wie die Arbeit eines großen Lehrers, weil die Kunst all diese geistige Botschaft, all diese geistige Wahrheit in einer Form bringen kann, die jeder lieben und willkommen heißen wird, weil niemand der Anziehungskraft der Schönheit widerstehen kann. Darum wollen wir diese Kraft benutzen und den Menschen einen richtigen Begriff von allem beibringen, was im Leben der Mühe wert und schön ist, indem wir ver­suchen, es zu unterstützen und zu entwickeln. Das ist, glaube ich, die große Arbeit, die wir alle tun müssen, und wenn wir nur gewillt sind, sie zu tun, wird es weniger Leiden, weniger Grausamkeit geben — denn unsere ganze Einstelllung wird sich ändern. Wenn ich einen Menschen sehe, weiß ich, daß hinter ihm ein schreckliches Bild des Elends steht. Hinter jedem von uns und um uns steht diese Unzufriedenheit. Versuchen Sie, das zu fühlen, und wenn Sie es wirklich fühlen, dann arbeiten Sie dagegen. Und einer der Wege, wie Sie sich selbst und uns alle zusammen ändern können, ist die Arbeit für diese große, wunderbare Kraft, die Arbeit für die Kunst, nicht für die Schaustellung, nicht um zu glänzen, sondern dafür, sie zu einer Lebensnotwendigkeit zu machen wie Essen und Trinken. Was die Ernährung für unseren Körper ist, das ist die Schönheit für unsere Seele, und ohne sie können wir nicht leben. Deshalb ist diese ungeheure Arbeit, die getan werden muß, so unausweichlich nötig, wenn wir die Welt ändern wollen, wenn wir uns selbst ändern wollen.


                                                                       


Kalakshetra Foundation













        


                   Die gegenseitige Ergänzung von Kunst und Theosophie

                                              von Rukmini Devi




Als ich dieses Thema sah, dachte ich zuerst: "Wozu überhaupt dieses Thema? Was ist der Unterschied zwischen Kunst und Theosophie? Da ist garnichts zu ergänzen, wenn wir Theosophie und wenn wir Kunst verstehen."                                                      Für viele Menschen in den westlichen Ländern bedeutet Kenntnis der Theosophie hauptsächlich eine Wandlung ihres Glaubens, während für jemand, der einen indischen Hintergrund hat, Theosophie nicht eine Wandlung des Glaubens, sondern der Einstellung ist. Das ist ein grundlegender Unterschied. Und ich glaube, der ganze Unterschied besteht darin, wie wir an das Thema her­angehen.

Wenn wir an Kunst denken und Theosophie begreifen und Theosophie wirklich leben wollen, ist die Kunst zweifellos eine Kraft, die uns helfen kann, Theosophie zu leben. Denn die höchste Kunst ist nicht die vom Künstler geschaffene, sondern die Kunst, die von allen gelebt wird. Es gibt zwei Arten von Künstlern: die das Kunstwerk schaffen und jene, die es im Alltag leben. Nicht alle können schöpferisch sein. Aber der Schöpferische mahnt den Andern, der sie lebt, an die Schönheit, die er in seinem Leben ausdrücken sollte. Jeder wird daran gemahnt, wenn er die erschaffene Schönheit in Form, Farbe und Ton erlebt. Darum ist die Sendung des Künstlers so bedeutend, weil er immer die Welt an das mahnt, was schön ist. Kein Leben iat wahr, das nicht Schönheit in sich trägt.

Es wurde sehr zutreffend gesagt, daß die wesentliche Eigenschaft der Kunst Seligkeit ist. Das erinnerte mich an die herrlichen Lehren von einigen der großen Weisen in Indien, die zeigten, was Kunst ist und welche Stellung sie einnimmt. Es ist die wundervolle Vorstellung von den Doves, Rishis und Großen Lehrern. Wenn sie gemeinsam der Welt zeigen wollen, was Glück­seligkeit ist, versuchen sie durch Schönheit die drei Eigenschaften des Men­schen zu verbinden — Wille, Weisheit und Schönheit — und die Kraft, jene Eigenschaft des Menschen, die sowohl Mann wie Frau ist: ER, in DEM das Weibliche und Männliche zum vollkommenen Ganzen, der Menschheit, ver­bunden sind. Es ist die Schönheit, durch die der Mann mit der Frau eins wird; es ist die Schönheit, durch die die Frau mit dem Mann eins wird; es ist die Schönheit, durch die die drei großen Eigenschaften miteinander verbunden und der Welt als vollkommenes Glück gegeben werden, als Freude, denn Glück ist die Harmonie der Eigenschaften.

Darum, wenn Sie alle die Eigenschaften betrachten, über die wir als Theo­sophen nachdenken, vergessen Sie nicht die grundlegende Eigenschaft von allem, den Untergrund von allem, durch den Sie ein besseres Verständnis der Weisheit, des Willens oder des Handelns erlangen können, die Schönheit, Ich gebrauche lieber das Wort „Schonbelt" als „Kunst", weil sich in der mo­dernen Welt so vieles unberechtigt als Kunst ausgibt. Alles, was geschaffen wird, nennt man Kunst, während in Wirklichkeit nur das Kunst ist, was schön ist -- schön in jeder Form, und woraus sich deshalb letzten Endes das ergibt, was man Charakter nennt. Schließlich ist Leben Theosophie, Leben ist Schön­heit, Leben ist Weisheit, und ist genauso das innere Wesen aller Kunst.

So kann man an große Künstler wie Christus und Buddha denken, weil sie in sich alle Formen der Schönheit vereinten. Sie offenbarten sie in IHREM persönlichen Leben. Darum ist Schönheit eine so unermeßlich wichtige Kraft, um die Welt zum Verstehen von Buddha oder Christus zu führen. Ich wünschte, alle Theosophen würden das erkennen. Und sie ist eine Kraft, die nicht nur der Welt helfen wird, sondern auch u n s, weil wir ein Teil der Welt sind.

Woran wir heute kranken ist die Tatsache, daß die meisten von uns in Wirklichkeit hart sind; wir verstehen nichts von Güte, Wohlwollen und Liebe, die aus dem Herzen kommen. Unsere Herzen sind, wenn ich das sagen darf, nicht warm genug.

Einer meiner Vorredner hat gesagt, daß Sie den Verstand vergessen müssen, wenn Sie schöpferisch sein wollen. Natürlich, das ist das große Wunder des Künstlers. Deshalb dürfen Sie aber nicht glauben, daß Künstler unintelligente Leute sind oder kein Gehirn benötigen. Sie gebrauchen ihr Gehirn, ihren Intellekt; das Gehirn wird der Diener der Seele, und darum wird es zu dem großen Instrument.

Was fordern wir nun in unserer Theosophie? Wir benutzen die Intelligenz. Wir suchen Wissen. Aber wir vergegenwärtigen uns nicht, daß Wissen und Intelligenz den tieferen Einflüssen und der größeren Botschaft des Herzens untertan sein muß. Deshalb fehlt es uns an Weichheit und Wärme, dieser wesentlichsten Eigenschaft des Herzens, die die Geistigkeit von Christus und Buddha kennzeichnet. Wenn wir sie stärken und zu der einzigen Kraft machen wollen, die der Kunst, der Theosophie, der Theosophischen Gesellschaft und der Welt helfen kann, dann ist dafür die Kraft der Schönheit bestimmt. Nicht die Schönheit, die sie veranlaßt zu analysieren, was sie eigentlich ist, sondern die Schönheit, durch eigene Anschauung empfunden, durch eigene Phantasie, durch eigene Herzenstiefe.

Es ist von vielen großen Menschen darauf hingewiesen worden, daß wir uns den Älteren Brüdern nicht nähern können, wenn wir keinen Sinn für Schönheit haben. Daran besteht kein Zweifel, denn es ist die Schönheit, die den verfeinernden Einfluß ausübt, der uns die Annäherung an die Großen ermöglicht. Es ist die Schönheit, die uns die Phantasie verleihen kann, um über diese Welt hinauszugehen, die so voller Worte, Tatsachen und Zahlen ist - lediglich Begrenzungen, durch die wir versuchen, den Geist auszu­drücken. Wir können über die Beschränkung der Worte hinausgehen und in den Geist eindringen. Phantasie ist die einzigartige Begabung, das große Geschenk des KünstlersDeshalb kann jeder, dessen Phantasie ihm hilft, über das Physische hinauszugehen, in den Geist des Nicht-Physischen eindringen, von dem die Großen Lehrer sagten: "Kommt aus eurer Welt in die unsere."

Wie können wir unsere Welt verlassen und in die IHRE hineinkommen? Nur durch den Geist. Die großen Kräfte der Kunst helfen der Menschheit, den Geist zu erkennen, der hinter aller Form steht. Dadurch kommt sie mit der Größe in Berührung, die jenseits der Form ist, ja jenseits des Künstlers selbst, obgleich es erst seine Phantasie ermöglicht, in sie einzudringen. Durch das, was er schafft, zeigt Ihnen ein Künstler den Geist der andern Welt, und dadurch können Sie in die andere Welt gelangen und diese Welt vergessen. Dort ist die Größe, und sie ist die Theosophie, die wir verstehen müssen.

Für mich besteht darum kein Unterschied zwischen Kunst und Theosophie. Ich habe mich deshalb so intensiv mit der Kunst beschäftigt, weil ich fühle, daß wir sie so nötig haben. Mir erzählte ein alter Theosoph, er hätte irgend­wo eine Notiz von H. P. B. gefunden, daß das Zweite Ziel der T. G. außer Philosophie, Wissenschaft und Religion auch die Kunst enthalten sollte. Einerseits wünschte ich, das Wort „Kunst" stände darin, andererseits habe ich das Gefühl, daß es überhaupt nicht darauf ankommt, denn wir sollten wissen, daß Religion Kunst ist, Philosophie Kunst ist und Wissenschaft Kunst ist.

Es ist alles Kunst; Schönheit ist das milde, alles durchdringende Licht, das alles vergeistigt. Schönheit ist die erlösende Gnade der Religion, weil sie alle Schranken und alle Enge beseitigen kann. Sie ist die erlösende Gnade der Philosophie und Wissenschaft, weil sie der Welt den Geist des Verstandes bringen kann; sie kann zu der Welt von dem sprechen, was hinter dem Ver­stand steht. Sie kann das innerste Wesen des Herzens erschließen und so zu Philosophen, Wissenschaftlern und religiösen Führern sprechen. Was Sie auch lehren oder sein mögen, denken Sie daran, daß es nur eine einzige Botschaft gibt: die Botschaft des Herzens. Es ist ihr Herz, das von Wärme und Verständnis überfließt, von so viel Verständnis, daß es alle Grenzen und Meinungs-verschiedenheiten überwindet. Geist und Seele verstehen echte Kunst, und darum reicht sie über jede Begrenzung hinaus und kann der Welt das innerste Wesen des Erbarmens bringen, das Schönheit ist.

Nur das Herz kann der Welt die Schönheit der Großen Lehrer bringen, die höher steht als jede Philosophie, jede Wissenschaft, jede Form, durch die sie ausgedrückt wird. Sie ist das Wesen die Botschaft des Herzens, die schließlich alles Elend auf Erden überwinden wird. Aus diesem Grunde Ist der Geist der Schönheit das Einzige, was dieser verhärteten Weit die innere Wärme geben kann. Nur durch den Geist der Schönheit können wir mit allen Geschöpfen fühlen und auf sie unsere Liebe ausgießen, können wir in dieser Welt wirk­ lich das aufbauen, wofür wir arbeiten: allumfassende Bruderschaft. In dieser Bruderschaft können Sie Lind ich in Liebe und Freundschaft zusammen­arbeiten, so daß jedes auf der Erde sagen kann: „Die Menschheit ist mein Freund." Das ist Kunst, für mich wenigstens; das ist das innerste Wesen der Kunst. Und das Wesen der Kunst kann nur durch Darstellung des Schönen zum Aus­druck kommen. Wir brauchen den äußeren Ausdruck jener Göttlichen Schön­heit die in uns allen lebt. Darum ist der Künstler bedeutend, ein machtvoller Bote des Göttlichen. So sollte jeder Theosoph erkennen, daß Kunst Theosophie ist, und er sollte sich mit ganzem Herzen dem Geist Ewiger Schönheit und Liebe hingeben.










    
                   KALAKSHETRA   

               Von Rukmini Devi                          
 



Ich bin gebeten worden, etwas über Kalakshetra zu schreiben, das Kunst­zentrum, das ich in Adyar, Madras, im Jahre 1936 errichtet habe. Der Name dieses Institutes selbst kennzeichnet vielleicht am besten, als was ich es betrachte. „Kshetra" bedeutet einen heiligen Ort, einen Ort, zu dem man pilgert, und Kalakshetra bedeutet daher ein heiliges Heim der Künste. Ich gründete dieses Institut, weil ich mir darüber klar geworden war, daß Hand in Hand mit der Erweckung Indiens zur Freiheit auch die Seele Indiens wieder neuen Ausdruck finden müsse, und dies kann nur durch Pflege der Kultur geschehen. Durch Jahrhunderte hindurch war Indien ein Land der Kultur — der Kultur im Sinne des Wesens wahrer Religion, Philosophie und Schönheit des Aus­druckes in jeder Form der Kunst: Musik, Tanz, Architektur, Malerei und Dicht­kunst. Kennzeichnend für Indien aber war, daß aller solcher Ausdruck von spirituellen Idealen gelenkt und auf spirituelle Ziele gerichtet war.

Diese Botschaft des Ostens ist lebenswichtig für die ganze Welt, denn nur durch Kultur kann der Welt wahre internationale Gesinnung und Frieden ge­bracht werden. Kultur allein ist die Brücke, weiche alle Nationen und Reli­gionen verbindet. Darum: wenn die Welt, so wie heute, von wechselseitigem Mißverstehen zerrissen ist, wenn die Politiker bei der Lösung der Weltprobleme versagen, kann nur der Künstler,. der sich seiner Aufgabe ganz hingibt, der von reinen Motiven beseelt ist und eine spirituelle Botschaft zu bringen hat, der Welt das Geheimnis schenken, das sie verstehen lehrt. Die Welt braucht heute von den Künstlern harte Pionierarbeit beim Aufbau der Nationen. Was für ein besseres Material aber kann es für diese Aufbauarbeit geben als die Jugend, als die Kinder? Die heutige Eitern-Generation ist größtenteils das Er­gebnis falscher Erziehung — einer Erziehung, welche Indien vom Westen über­nahm, bevor der Westen zu der Erkenntnis gelangte, daß das Kind nicht bloß ein leeres Gefäß ist, in welches man Wissen hineinpumpen muß, sondern viel­mehr ein Wesen, das nur durch rechte Umwelt, rechte Gelegenheiten und rechte Inspiration zum Wissen heranwachsen kann.Die alten Rishis in Indien kannten die rechte Methode der Erziehung. Ein Schüler kam zu seinem Lehrer, lebte mit ihm und lernte durch dieses Zusam­menleben. Nur die Bedeutendsten konnten Lehrer sein. Später, durch die un­glückselige Erstarrung des religiösen Denkens und das Eindringen westlicher Ideen, erlag Indien dem täuschenden Glanz des Neuen, und die starren Er­ziehungsprinzipien der viktorianischen Ära Englands lösten die alten Formen ab, das inspirationslose Klassenzimmer trat an die Stelle des Unterrichts in Heim und Wald. Es kam der Rohrstock, der durch Einwirkung von Furcht auto­matische Maschinen produzierte, von denen Literatur, Geschichte, Geographie und andere Gegenstände heruntergeleiert werden konnten. Das hielt man dann für Wissen und es wurde der Ersatz für das lebendige Beispiel eines Lehrers, dessen strahlende Liebe denkende Geister erzog, die erfüllt waren von schöp­ferischer Kraft. Erst viel später gab es dann Pädagogen, wie Frau Montessori, die bewiesen, daß Kinder von selber lernen. Sie brauchen lediglich das Material die Gelegenheit, und (im Hintergrund) in ihrem Lehrer einen liebenden Führer, der ihnen bei ihrem Wachstum hilft.

Die heutigen Führer der Welt sind Produkte des harten phantasielosen Erziehungssystems der Vergangenheit, und es ist kein Wunder, daß sie laut nach mehr Kultur und höheren moralischen Werten rufen. Solche können nicht aus Klassenzimmern kommen, vielmehr nur aus Natur und Schönheit, aus der Wahrnehmung dessen, was schön und anmutig ist. Kann ein Mensch kultiviert sein, wenn er keinen Sinn für Schönheit und die vielen Verfeinerungen des Lebens hat? Man kann den Grad der Verfeinerung unserer Zivilisationen leicht an dem erkennen, was um uns ist. Wenn wir es zulassen, von so viel Häßlichem umgeben zu sein, zeigt dies, daß wir auch noch ebenso zu Verbrechen aller Art, Diebstahl, Betrug und Grausamkeit bereit sind — wie dies ja auch tat­sächlich sich allenthalben erweist.

Wenige sind sich darüber klar, wie tief die verschiedenen Seiten des Lebens miteinander verwoben sind. Es gibt keine Charakterbildung ohne Kultur; es gibt keine Kultur ohne Verfeinerung; es gibt keine Verfeinerung ohne Schön­heit; und Schönheit ist der Göttliche Geist — die göttliche Natur nicht nur GOTTES, sondern auch des Gottes in jedem einzelnen von uns. Es ist zwingend notwendig, dies zu verstehen, denn ohne dieses Wissen kann die Zukunft nicht aufgebaut werden. Dies ist der Grund, weshalb ich das Institut Kalakshetra gegründet habe, dessen Zweck es ist,

1.    die grundlegende Wesenseinheit aller wahren Kunst zu verkünden, und

2.    für die Anerkennung der Tatsache zu wirken, daß die Künste für den individuellen, nationalen, religiösen und internationalen Fortschritt lebens­wichtig sind.

Im Leben der Kinder liegt die Zukunft der Völker. Daher die Notwendig­keit rechter Art von Erziehung. Das Schul-Leben darf nicht ein bloßes In-der­Schule-sein darstellen, es muß vor allem LEBEN sein; und vom Leben zu lernen darf nicht nur intellektuelle Impulse vermitteln, wie dies heute meist der Fall ist, es muß vor allem auch zu einem harmonischen Ausdruck rechter Gefühle führen. Die beiden zusammen erst vermitteln die Gabe des schöpferischen Geistes, der das Leben durchdringt, und von dem darum auch alle Studien­gegenstände durchdrungen sein sollten. Das Leben muß in reicher Weise gelebt werden, vermöge wahrer Menschlichkeit und einer geistigen Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung.

Mit diesem Ideal vor Augen habe ich versucht, ein Zentrum der Erziehung und Kultur (die ihrem Wesen nach eins sind) aufzubauen, und aus diesem Grunde unterhalte ich die beiden Schwesterinstitute — die Theosophische Besant-Schule und Kalakshetra. Mein Ziel ist immer gewesen: eine Erziehung, die von jeglicher Furcht befreit ist, und eine Kunst, die von allem Niedrigen befreit ist, sollten zusammen zu einem rechten, einfachen, schönen und spiri­tuellen Leben führen.

Im Kalakshetra unterrichten wir die Schulkinder in der Kunst. Wir haben aber auch Berufskurse in den verschiedenen Arten der Künste: Musik, Tanz, Malerei und Schauspielkunst. Meine Auffassung ist dabei allerdings, daß es sich beim Lehren nicht darum handelt, den Schüler bloß so weit zu bringen, daß ihm ein Diplom verliehen werden kann. Kein Diplom kann die Ausbildung eines Künstlers abschließen. Jeder Student, der sein Diplom erhält, wird dabei daran erinnert, daß er sein Studium im Institut nur abgeschlossen hat, um zu erfahren, wie wenig er in Wirklichkeit weiß. Die Kunst ist ein weiter Ozean, und der schöpferische Künstler ist ein Mensch, dessen Ausdruckskraft, gleich jener Gottes selbst, sich niemals erschöpft.

Es gibt wenig Eltern, die den lebenslänglichen Wert kultureller Erziehung, die ja die Seele pflegt, verstehen. Es ist sehr bedauerlich, daß die Allgemeinheit immer noch glaubt, Abschluß-Diplome von höheren Schulen seien wertvoller als die großen Gaben der Künste — Musik, Tanz, Dramatik und Malerei. Unsere Arbeit in Kalakshetra bezweckt, diese Haltung zu wandeln und besonders die Elternschaft davon zu überzeugen, daß die größte Gnade, die ihnen widerfahren kann, darin besteht, daß ihren Kindern das Vorrecht zuteil wird, Boten der Schönheit für die Zivilisation von morgen zu werden.

Es wird mein größtes Glück sein, wenn ich weiß, daß das Kalakshetra‑Institut auf seine bescheidene Weise dazu beiträgt, das Leben aller schöner und kunsterfüllter zu machen, und in der Erziehung der Jugend der Ehrfurcht vor dem Geist der Schönheit, der keinen Unterschied von Rasse, Nation oder Glauben kennt, einen maßgebenderen Platz einzuräumen; daß das Häßliche anfängt, aus dem täglichen Leben zu verschwinden, sei es im Heim oder an der Arbeitsstätte; daß die Menschen in ihrer Freizeitgestaltung immer weniger Befriedigung an Rohem und Niedrigem finden; und daß die ganze Welt sich allmählich abwendet von der Barbarei des Krieges, der Gier und der Grausam­keit, die ihr heute noch das Recht absprechen, sich zivilisiert zu nennen.

Den jungen Menschen, die nach Kalakshetra kommen, rufe ich zu: „Kommt und lernt, nicht so sehr, um ein Diplom zu erhalten, kommt, um den Geist des Göttlichen durch die Kunst erkennen zu lernen, kommt, um euch auf dem Altar eures Mutterlandes zu weihen, um Indien seine alte, nein, seine ewige Kultur und Weisheit wiederzubringen! Tanzt und singt! Erfüllt Indien mit der Schönheit seiner Dramen und der Anmut seiner Gedichte! Aber mehr noch: laßt jeden, der kommt und geht, sagen: Ich kann noch mehr tun; ich kann mein Leben mit spiritueller Harmonie erfüllen. Wo immer ich hingehe, kann ich wahre Lebenskunst lehren, kann zeigen, wie ich mein Heim zu einem Zentrum der Schönheit mache!"

Wenn dies geschieht, wird jeder Schüler, der Kalakshetra verläßt, einer Fackel gleichen, welche das Dunkel der Häßlichkeit zerstreut.

Übersetzt aus:
Besant Cultural Centre, News Letter.

Wir alle sind Künstler. Es gibt keine reservierten Plätze in der Kunst für eine bestimmte Art von Menschen. Kunst ist nicht für einen exklusiven Kreis weniger da. Sie ist das persönliche Erbe jedes lebendigen Wesens.

Kunst ist überall dort zu linden, wo die Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes, der Natur, des Lebens dem Menschen durch Klang, Farbe oder Form erkenntlich und offenbar gemacht werden. Je größer der Künstler ist, desto mehr nimmt er diese Herrlichkeit und Heiligkeit, welche die Grundlage alles Lebens und alles Lebendigen sind, wahr, und versucht, sie durch das besondere Mittel seiner Huldigung durchscheinen und strahlen zu lassen.G. S. Arundale


                    
Kinder bei der Einübung der Mudras










     
  Unsere Freunde,
       die Tiere
      

         von

    Rukmini Devi






      
Vortrag im Indischen Rundfunk
        
 



Tiere sind auch Bürger unseres Landes und auch sie haben ein Recht auf Glück, ebenso darauf, mit uns die Freuden des Lebens zu teilen. Wir Menschen sind von ihnen abhängig bei so vielen Bequemlichkei­ten und Vergnügungen des Lebens. Wir sprechen von der Ausbeutung der Armen durch die Reichen, von den Schwachen durch die Mäch­tigen, aber gibt es eine Ausbeutung, die der Ausbeutung vergleichbar ist, die die Menschen beim Tierreich ausüben? Selbst wenn es über­haupt nicht angebracht ist, benimmt sich der Mensch, als seien die Tiere nur zu seinem Vergnügen und Nutzen erschaffen. So ist der Mensch gefühllos und teilnahmslos gegenüber den Gefühlen der Tiere. Ganz sicher wird eine derartig rohe Ausbeutung die Menschheit einen weiteren Schritt zu Elend und Unglück entgegenbringen, und das alles wird schließlich zum Krieg führen.

Das unabhängige Indien kann und sollte durch umfassendere Ge­setze den Weg zeigen, durch den Leiden und Grausamkeiten auf allen Gebieten des Lebens verringert werden, so in den Schlachthöf en, wo Millionen hilfloser Geschöpfe auf ganz unmenschliche Weise getötet werden, nur wegen der Eßlust der Menschen.

Wie kann eine Organisation ohne Unterstützung der Öffentlichkeit wirken, und wie kann diese Unterstützung durch die Öffentlichkeit zustande kommen, wenn sich nicht jeder von uns diesen Lebewesen gegenüber verantwortlich fühlt, Lebewesen, die nicht für sich selbst sprechen können? Diese Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit hat zu einem ständig steigenden, jedoch stummen Leiden von Millionen Ge­schöpfen geführt.

Die Erkenntnis dieser Tatsache hatte mich 1954 dazu veranlaßt, einen Gesetzantrag im indischen Parlament einzubringen. Der Pre­mier-Minister, der bei der Einbringung des Gesetzesantrages an­wesend war, ging auf ihn ein, indem er einen Ausschuß einsetzte. Die­ser sollte die ganze Frage über die Verhinderung von Grausamkeiten an Tieren untersuchen und ein Gesetz ausarbeiten. Der Premier-Minister sagte:

„Natürlich ist es nur gut und absolut richtig für uns, die Frage der Verhinderung von Grausamkeiten an Tieren zu diskutieren, nicht nur, um der Tiere willen, sondern noch vielmehr — wie das Ehrenwerte Mitglied, der Einbringer des Gesetzesvorschlages, es ausdrückte —, weil Menschen daran beteiligt sind. Es ist erniedrigend für einen Men­schen, diese Grausamkeiten zu begehen. Möglicherweise ist die Aus­wirkung auf ihn selbst verhängnisvoller als auf die Tiere, die die Grausamkeit erleiden müssen. Blicken wir in der Geschichte der Zi­vilisation zurück, so war sie beständiger Kampf, aber auch ein Wach­sen des Gedankens des Mitleids. Ich stimme völlig mit dem Ehren­werten Antragsteller überein, daß ein Beweis für Zivilisation — und zwar ein sehr wesentlicher Beweis — das Wachsen dieses Gefühls und des Verwirklichens von Mitleid ist."Der Ausschuß wurde gebildet und das Gesetz trat 1960 als Ergeb­nis seiner Arbeit in Wirkung. Das Gesetz ist eine große Verbesserung gegenüber dem vorangegangenen. Aber ein ganz außerordentliches Merkmal dieser gesetzlichen Regelung ist die Bildung des „Tier­Wohlfahrts-Ausschusses", einer gesetzlichen Körperschaft. Sie wurde errichtet, um eine freundlichere Einstellung gegenüber den Tieren zu fördern und Grausamkeiten zu vermindern, wo immer es möglich ist. Das Gesetz behandelt die Grausamkeiten im Alltag, bei den Experi­menten mit Tieren, bei der Jagd und Dressur sowie in Schlachthöfen. Obwohl es nicht so weitreichend ist wie es notwendig wäre, ist es den­noch ein großer Fortschritt gegenüber dem Gesetz von 1890.

Der Tier-Wohlfahrts-Ausschuß ist der Kern des Gesetzes. Die Schaf­fung dieses Ausschusses bedeutet ein großes Ereignis in der Ge­schichte Indiens, da kein anderes Land der Welt eine solche Organi­sation, als Bestandteil der Regierung und finanziert von der Regie­rung, besitzt. In Wirklichkeit haben es die Förderer der Menschlich­keit in der ganzen Welt zu stande gebracht, und die Schaffung einer solchen Behörde hat das Ansehen Indiens in der Welt gehoben.

Der Ausschuß schließt Wohltäter, Vertretungen von Gemeinden, Ärzte, Regierungsstellen, Länderregierungen und Erziehungsinstitute ein, die zusammenarbeiten, um bessere Bedingungen für die Tiere zu erreichen.

Der Tier-Wohlfahrts-Ausschuß will mit der Erziehung aller Men­schen beginnen, mit der Ausbildung von Mitarbeitern, mit der Her­stellung von Büchern, Flugschriften, Filmen und anderem unterrich­tendem Material. Wir wollen auch eine wunderbare Zeitschrift unter dem Titel „Das Tier als Mitbürger" herausbringen.

In unserem Land ist die Geburt eines neuen Bewußtseins nötig. Wir müssen uns darüber klar sein, daß die Förderung von Freundlichkeit den Tieren gegenüber nicht nur den Tieren, sondern auch den Men­schen hilft, denn dadurch veredeln wir unseren Charakter und wer­den gesittete Menschen.

Die Wahrheit allein wird siegen. „Es gibt keine höhere Wahrheit als die Erkenntnis, daß alles Leben eins ist, und daß dort, wo es kein Mitgefühl gibt, es auch keine Wahrheit gibt."

All die großen Fähigkeiten des menschlichen Verstandes und alle Fortschritte der Wissenschaft werden der Welt nie das Glück bringen, das Güte des Herzens und des Geistes schenken.

(Aus: Kalakshetra News, Indien; Ausschnitt)



               












                     Deutschland und Indien

                               Von Rukmini Devi







Vortrag zur Sommerschule in Rendsburg am 1. August 1961
 
 


Freunde, ich möchte Ihnen sagen, wie sehr ich mich freue Sie alle zu sehen. Ich fühle mich sehr schuldig, weil ich fürchte, Ihr Programm durcheinander ge­bracht zu haben. Voriges Jahr wollte ich versuchen hierher zu kommen und dachte, es würde möglich sein. Es war aber soviel Arbeit zu tun, daß ich Indien nicht verlassen konnte. Aber auch in Huizen wartete dringende Arbeit auf mich, so daß ich mich nicht freimachen konnte. Da mußte ich eine Entscheidung treffen. Ich entschloß mich, für kurze Zeit nach Huizen zu gehen, glaubte aber nicht, daß ich hierher reisen könnte. Ich wollte gern aus vielen Gründen kom­men. Vor allem, weil ich Sie sehr gern sehen wollte und besonders, weil Ihr Generalsekretär, Herr Nagel, mich darum gebeten hatte. Ein anderer Grund war: ich fühle, daß Deutschland eine schwere Zeit gehabt hat und noch hin­durchgeht. Und so möchte ich Ihnen gern mein persönliches Interesse und meine Freundschaft zeigen. Aber der Hauptgrund ist: ich fühle, daß die Welt ebenfalls eine schwere Zeit erlebt, und je mehr wir Theosophen der Welt durch Zusammenarbeit helfen können, um so besser ist es. Ich habe mich immer dar­auf gefreut, Ihnen mit meinem Besuch eine große Überraschung zu bereiten, und ich danke Ihnen sehr für Ihr so warmes Willkommen.Die Krise in der Welt ist nicht nur eine Krise für Nicht-Theosophen, sondern auch für Theosophen. Wir müssen bedenken, daß diese Weltkrise nicht nur eine politische ist. Es kann keine politische Krise geben, wenn sie nicht auch eine charakterliche ist. Es ist eine Krise, die in jedem von uns vorhanden ist: es ist eine menschliche Krise. Ich fürchte, daß die Menschheit ihre Lektion noch nicht gelernt hat. Die Menschen glauben, daß irgendeine Schwierigkeit daran schuld war, z. B. ein Krieg — und wenn er vorbei ist, dann ist alles erledigt. Die Menschen sind sich nicht darüber klar, daß ein Krieg nie richtig überstan­den ist. Ein Krieg kann nie überwunden werden, wenn wir nicht verstehen was Bruderschaft ist. Die Theorie der Bruderschaft wird von jedem von uns verstanden. Sogar die Kommunisten sprechen von Bruderschaft, jeder spricht von Bruderschaft. Die Weiße Bruderschaft verwirklicht Bruderschaft. Und ich glaube, daß auch die Dunkle Bruderschaft an Bruderschaft glaubt. Die Schwie­rigkeit besteht darin, daß einige Menschen verstehen, Theosophie zu leben, und einige nicht. Was ich sage, betrifft nicht nur Theosophen, sondern die ganze Welt. Aber es ist besonders anwendbar auf Theosophen, denn wir reden mehr als andere von Bruderschaft. Unsere Verantwortlichkeit ist größer als die anderer Menschen, wenn wir darüber sprechen. In Krisenzeiten ist es besser, wenn wir nicht darüber reden. Wir werden dann dafür weniger zu verant­worten haben. Ich nehme an, daß in Deutschland alle Theosophen der voll­endete Ausdruck von Bruderschaft sind. (Alle lachen) Wir müssen uns darüber klar sein, eine wie große Verantwortlichkeit auf uns Theosophen liegt. Ich bin nicht etwa der Meinung, daß wir wundervolle große Wesen sind und über andere erhaben. Selbst, wenn wir wundervoll wären, wäre es gut, nicht dar­über nachzudenken. Ich glaube, daß die Theosophie wunderbar ist, nicht aber notwendigerweise die Theosophen. Ich meine, wir brauchen etwas mehr De­mut. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, aber es gibt Orte, wo Theosophen glauben, sie besäßen etwas besonderes und wären selbst etwas besonderes. Sie sprechen immer über die äußere Welt. Ich weiß nicht, was die äußere Welt ist. Heißt es, daß wir der inneren Welt angehören?

Ich bezweifle, daß wir schon weit entwickelt sind und Mitglieder der Großen Bruderschaft. Ich glaube, daß nur die Großen Lehrer und Meister der Inneren Welt angehören. Wir sind ein Teil dieser Welt, wir sind ein Teil der Mensch­heit. Vielleicht haben wir das Vorrecht, besondere Ideen zu kennen. All dieses Wissen müssen wir als eine Gelegenheit betrachten und nicht als einen nur uns gehörenden Besitz. Wir haben kein Recht, irgendetwas zu besitzen, nicht ein­mal die Theosophie. Denn wenn wir dieses Besitzgefühl haben, sind wir „aus­schließend", und das Wichtigste ist gerade, uns nicht als ausschließend zu be­trachten, denn dieses Gefühl des Ausschließens trennt. Sogar innerhalb der Theosophischen Gesellschaft mag es Gruppen und einzelne Mitglieder geben, die sich als etwas Besonderes fühlen.

Es gibt immer einige, die es nicht gern sehen, wenn andere etwas Besonderes sind. Nicht etwa deshalb weil sie keine Unterschiede wollen, sondern weil sie selbst etwas Besonderes sein wollen. Sie sagen wie die Kommunisten: „Wir wollen keine reichen Leute, wir wollen keine Kapitalisten!" Auch in Indien finden wir Leute, die über die sozialen Mißstände reden und die fordern: Wir wollen keine Maharadschas, wir wollen keine reichen Leute." Wahrscheinlich reden sie so, weil sie selber nicht reich sind. Ich war so kühn, sogar im Parla­ment darüber zu sprechen und zu fragen: „Seid Ihr deshalb gegen Paläste, weil Ihr sie nicht besitzt?"

Wir müssen uns immer vor Augen halten, daß wir alle Menschen sind, und von der Welt viel lernen können. So können Dinge in der politischen Welt in geistige Wirklichkeiten umgewandelt werden. Viele Leute wollen reich sein, weil Geld Macht ist. Es gibt aber auch geistig gerichtete Leute, die Macht be­sitzen wollen und da sie keine Gelegenheit haben Macht durch Geld auszuüben, geistigen Atmosphäre erkennt, die er verbreitet, durch die Gegenwart, die er bringt. Das ist nur möglich, wenn wir Theosophie leben, nicht, wenn wir dar­über reden. Denn reden ist das Leichteste in der Welt, wenn man zu reden ver­steht. Es ist nicht ein Ausdruck von dem, was Sie sind. Wenn Sie nicht aus­drücken können was Sie sind, dann reden Sie besser nicht.

Die Theosophie hat nicht nur allein der Welt etwas zu geben. Die theo­sophische geistige Atmosphäre schenkt jedem Land etwas Besonderes, jeder Kultur, jeder Religion, jedem Einzelnen. Ich denke hier besonders an Deutsch­land. Wir alle wissen, daß jedes Land eine besondere Aufgabe zu erfüllen hat. Aber wir müssen nicht nur diese Aufgabe kennen, sondern auch wissen, wie wir von uns aus jedem Land besonders helfen können. Dies ist natürlich meine persönliche Ansicht und ich möchte nicht, daß Sie diese als maßgeblich ansehen. Ich habe sehr sorgfältig darüber nachgedacht, wie man Deutschland zu Glück und wahrer Geistigkeit verhelfen könnte. Manchmal sind die Eigenschaften, die wir in den Menschen entdecken, ein Kennzeichen dafür, wie sie wirklich sind. Deutschland kann seinen Teil zur Theosophie beitragen. Ich glaube, daß die deutsche Geistesrichtung ein sehr klares Verständnis für Theosophie haben kann, weil in Deutschland große Philosophen gelebt haben. Infolge dieser Erb­anlage sind viele Deutsche, wenn sie nach Indien kommen, viel empfänglicher für indische Philosophie. Ich bin mit vielen Deutschen, die nach Indien kamen, in Berührung gekommen. Ich kenne den Deutschen Botschafter in Indien und die deutsche Kulturgruppe dort sehr gut. Viele von ihnen haben Kalakshetra besucht. Was mir auffiel, war das rasche Verstehen des wirklichen indischen Standpunktes. Ich war immer in Versuchung zu sagen: „Ach wie schön, daß Sie alles so schnell verstehen! Ich bin sehr erfreut darüber."

Als Theosoph bin ich dazu erzogen worden, nachzuforschen, warum das so ist. Ich glaube, es liegt in der deutschen philosophischen Einstellung zum Leben. Und dann gibt es noch ein anderes Charakteristikum in Deutschland. Ich spreche jetzt ausschließlich vom Standpunkt des höheren Verstandes aus, der sich mit Philosophie beschäftigt: es ist der andere, niedere Verstand, die wis­senschaftliche Veranlagung, die wissenschaftliche Einstellung. Ich möchte so sagen: Deutschland ist ein sehr intellektuelles Land. Ich fürchte, es ist sehr ge­wagt von mir, zu Deutschen über Deutschland zu sprechen. Aber es sind nur Gedanken von mir, das ist alles.

Es sind diese beiden Veranlagungen, die philosophische und die wissenschaft­liche, die mit der Theosophie Berührungspunkte haben. Welche Bedeutung hat nun die Theosophie hierbei? Mir ist das ganz klar. Diese Veranlagungen haben sie dazu befähigt, östliches Denken zu verstehen. Was tat Frau Bla­vatsky? Sie brachte östliches Denken nach dem Westen. Nun können Sie aus dieser deutschen Veranlagung und der Theosophie Vorteile ziehen; Sie können das höhere Wissen in die Welt hinaustragen, Sie können das rein Intellektuelle zu der Philosophie des höheren Verstandes emporheben. Sie können dadurch zur Verbindung von östlicher und westlicher Philosophie beitragen. Dies würde eine wunderbare Gelegentheit bieten, all diese Dinge zu erforschen. Wenn ich ein Deutscher wäre, würde ich die ganze Philosophie und alle Lehren des Ostens studieren. Ich würde versuchen herauszufinden, was Frau Blavatsky dem Westen zu bringen hatte und wie wir den niederen Verstand der Gegenwart auf eine höhere geistige Ebene erheben können. Wenn ich vom östlichen Den­ken rede, meine ich natürlich das der großen Weisen, und nicht das, was ge­wöhnliche Leute wie ich denken. Ich meine die Seele Indiens, nicht das äußere Indien. Ich finde, dies ist ein wunderbarer Gedanke, auf den wir uns alle kon­zentrieren sollten. Wir könnten damit etwas Außergewöhnliches erreichen und Deutschland helfen. Obgleich Deutschland sehr intellektuell ist, hat es doch die Fähigkeit, geistig zu sein. Aber wir müssen ihm die Möglichkeit dazu bieten. Wir müssen den niederen, harten Verstand auf die Ebene des höheren Ver­standes erheben. Das ist die große Gelegenheit, die uns geboten wird. Die Ge­fahr für die Welt ist der niedere Verstand. Es scheint wenig Länder zu geben, die beide Möglichkeiten besitzen: die des höheren wie des niederen Verstandes. Nach meiner Überzeugung könnte das die Zukunftsaufgabe der Deutschen Theosophen sein.

Sie wissen, viele Nicht-Theosophen sind schon auf dem Wege dazu. Sie kom­men nach Indien und sind versunken in eine geistige und philosophische Hal­tung, die der Gedankenwelt Indiens sehr ähnlich ist. Es hat mich sehr gefreut, als ich neulich Herrn Werfel, dem deutschen Kultur-Attaché in Delhi, begeg­nete und er zu mir sagte: „Ach, wie wunderbar ist das indische Denken, und wie schade ist es, daß die Inder davon abgehen." Bei einer internationalen Zu­sammenkunft in einem anderen Land sagte jemand: „Ich kann nicht verstehen, warum die Hindus die Kuh verehren." Herr Werfel dagegen meinte: „Ich ver­stehe das gut; sie können nicht anders. Wenn sie eine indische Kuh sehen, haben sie das Gefühl, daß man sie verehren muß." Ich erwähne dies nur, um Ihnen zu zeigen, wie Sie befähigt sind, in den indischen Geist einzudringen. Auf jeden Fall war diese Begebenheit für mich eine Offenbarung. Ich denke nicht in be­sonderen indischen Gedanken, wenn ich über philosophische Probleme nach­denke. Aber als ich das alles beobachtete, hatte ich das Gefühl, daß die Nicht­Theosophen drauf und dran sind, östliche Weisheit dem Westen zu bringen, und nicht die Theosophen. Was Frau Blavatsky unternahm, versuchen jetzt die Nicht-Theosophen. Und weil sie keinen theosophischen Hintergrund haben, wirken sie etwas verzerrt. Wenn Theosophen ebenso handelten und mit ihrem Wissen und dem höheren Verstande die östliche Denkungsart in die westliche Welt bringen würden, wie wunderbar wäre das. Sie könnten eine geistige Brücke von Ost nach West bauen. Sie könnten den niederen Verstand auf eine höhere Ebene emporheben und auf diese Weise eine Bruderschaft bilden. Wenn die Bruderschaft besteht, wird es keine Kriege mehr geben. Das sind meine Gedankengänge, die ich besonders hier unter Deutschen hatte.

Nun noch etwas anderes. Wenn wir das richtige Verständnis für vergeistigte Philosophie haben-- was ist ihr Wesen? Was haben die großen Weisen, deren Gedanken in den heiligen Büchern enthalten sind, über das Wesen dieser ver­geistigten Philosophie gedacht? Das Kernproblem des Menschen ist die Er­kenntnis der Einheit des Lebens, nicht nur der Bruderschaft der Menschen, sondern der Bruderschaft alles Lebendigen. Das ist ein grundlegender Unter­schied zwischen östlichem und westlichem Denken. Die meisten Leute reden heute von der einen Welt. Aber sie meinen damit die Menschen. Sie denken nicht die eine Welt aufbauen.

Deutschland könnte noch eine zweite Aufgabe erfüllen. Wir haben vom Ver­stande gesprochen, jetzt handelt es sich um die Erziehung des Herzens. Wenn Sie Glück bringen wollen, müssen Sie Ihr Gefühlsleben entwickeln. Wie die Philosophen auf eine Wahrheit hingewiesen haben, so haben Ihre großen Mu­siker auf eine andere Wahrheit hingewiesen. Das ist der Grund, warum in Ihrem Land so große Musik gepflegt wird. Wie viele bedeutende Musiker sind in Ihrem Lande geboren worden. Und heute noch ist Musik ein charakteristi­sches Merkmal Ihres Landes. Sie erhebt Ihre Gefühle und ist ein wundervoller Ausgleich zum Verstande.

Ich empfinde es so: die Musik ist da, Philosophie und Verstand sind da, aber es fehlt der Zusammenhang, und deshalb ist die Erziehung oft zu intellektuell, und auch nicht ausgeglichen. Ich weiß nicht, ob das in Deutschland auch der Fall ist. Wenn der Wissenschaftler wahrnehmen könnte, daß Musik und Kunst aus dem Herzen quellen, dann könnte etwas Neues geschaffen werden. Ich sagte, daß der Wesenskern jeder großen Philosophie Bruderschaft ist. Aber kann dies nicht ohne Herz und Gefühl ein wirkliches geistiges Wesen sein. Die Theo­sophen wurden darauf hingewiesen, daß viele Menschen, die zu dem sogenann­ten linken Pfad gehören, großes Wissen besitzen. Aber wer auf dem linken Pfad geht, weiß nicht, wie er dieses Wissen anwenden soll, um Bruderschaft zu schaffen. Der andere aber weiß, wie er es anwenden soll, denn in ihm herrscht der Geist der Bruderschaft.

Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und andere Zweige des Buddhismus bezeichnen alle eine Eigenschaft als die höchste, die entwickelt werden muß. Es ist merkwürdig, sie mögen zu Ihnen über höhere Welten und höheres Wissen sprechen, über Mantrams und hohe Wesen, und über okkultes Wissen, aber wenn sie über alle diese Dinge gesprochen haben, werden sie einen einfachen Satz sagen: „Du sollst nicht töten!" Denn das ist Bruderschaft. Und diese Bru­derschaft, die bis zum niedrigsten Geschöpf ausgeübt werden muß, ist jene eine Eigenschaft. Auf diese Weise entwickeln wir Herz und Gefühl.

Und dann muß noch eine dritte Eigenschaft entwickelt werden: die Eigen­schaft des Mitleidens. Und zwar praktisch ausgeübtes Mitleid! Die großen Leh­rer sagten nicht nur: „Sei mitleidig", sie war en es! Sie sagten auch: „Töte nicht!" Indem sie lehrten, was du fühlen solltest, lehrten sie zugleich, was du tun sollst. Und so waren sie die Verkörperung ihrer Lehre. Solange unsere Philosophie sich nicht in Taten ausdrückt, ist sie wertlos.

Noch etwas anderes drängte sich mir in Deutschland auf und veranlaßt mich, darüber nachzudenken — hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich heute einen Vortrag über Deutschland gehalten habe. Ich fragte mich, warum gibt es in Deutschland so viele Reformhäuser, viel mehr als in anderen europäischen Ländern? Tatsache ist, daß der Vegetarismus hier gute Fortschritte gemacht hat. Das heißt natürlich nicht, daß alle Deutschen Vegetarier sind — ich wollte sie wären es. Aber wenn es auch nur einige wenige sind, ich möchte wissen, warum. Vielleicht ist der Beweggrund zum Vegetarismus nur darin zu suchen, daß die philosophische Überzeugung, nicht zu töten, irgend­wie einen Ausdruck finden muß. Ich frage mich, ob nicht die geistige Ver­anlagung sich nicht in diesen kleinen Dingen auszudrücken versucht. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen: Mögen Sie immer mehr Reformhäuser be­kommen!

Wenn ich hier in Deutschland Theosoph wäre, würde ich versuchen, allen drei Eigenschaften Ausdruck zu geben. Ich glaube, das ist viel wichtiger als jede andere Arbeit. Es ist die Pflicht der Deutschen, auf diese Weise Deutsch­land glücklich zu machen. Die Leute bewundern den Wiederaufbau Deutsch­lands. Ich spreche hier sozusagen in einer Familie: Was bedeutet dieser Auf­bau in Wirklichkeit? Für viele Leute bedeutet er Glück, andere halten ihn für gefährlich. Reichtum kann beides sein und auch das Gedeihen auf der physischen Seite. Aber worin besteht die Mission, das Dharma einer Gruppe von Menschen, die für Geistigkeit arbeiten? Sie besteht darin, die Leute nicht zu dieser Art Glück, sondern zur Geistigkeit zu führen. Und wenn Sie Deutsch­land zu einem wirklichen dauernden Glück führen wollen, dann muß der Weg über Musik, Philosophie, Mitgefühl und Nichtverietzen führen. Und hier­für zu arbeiten, müssen wir alle bereit sein.




                   



 
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